Zum Anfang

Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 1068 Gäste online

Neue Kommentare

Olivgrüner, harter Mann zu „Frantz” – Oder die tiefere Wahrheit der Lüge: Lubitsch? Na klar, das Szenario kam mir doch glei...
Friedrich von der Lange zu „Snowden” – Patriot oder Verräter? : Von keinem anderen, als von Ollie Stone hätte ic...
Hein Daddel zu „Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue: Ein starker Film über eine starke Frau. Sehr gut...
Gerhard P. zu OKRA – Piano & Field Recordings: Wunderbar und spitzfindig geschrieben. Macht Spa...
Hans G. Gohlisch zu Chefredakteur von ZEIT ONLINE spricht über "Community Engagement und New Storytelling: Eigentlich habe ich einen Bericht über David Hoc...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2016

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Film

Klimawandel als Filmthema: There Once Was An Island

Drucken
(127 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Claus Friede  -  Samstag, den 18. Dezember 2010 um 16:00 Uhr
Klimawandel als Filmthema: There Once Was An Island 4.6 out of 5 based on 127 votes.
Klimawandel als Filmthema: There Once Was An Island

Drei Jahre lang hat die Dokumentarfilmerin Briar March aus Neuseeland an ihrem Filmprojekt über das entlegene Pazifikatoll Takuu (Carterets Islands) und dessen prekäre Zukunft gearbeitet.
Nun ist das Ergebnis nicht nur auf vielen Festivals gezeigt und mit dem 1. Preis der Stiftung Friedliche Revolution des Dokumentarfestivals in Leipzig ausgezeichnet worden, sondern auch als DVD erhältlich. Zwei Mal hat March das nur 2,5 km kurze Atoll Takuu, 250 km östlich von Bougainville in Papua Neu Guinea, besucht und gefilmt. Das kleine Eiland zählte bereits 2007 nur noch 400 Einwohner polynesischer Herkunft, die sich eine eigene Sprache sowie eine vom Rest der Welt fast unbeeinflusste Kultur erhalten haben.

Den Bewohnern von Takuu, dem Atoll im Südpazifik, steht das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Kommentarlos fängt die Kamera ein, wie sie sich notdürftig und fast hilflos mit Holzpfählen, Kalksteinen, Netzen und Bastmatten gegen die immer höher steigenden Flutmarken schützen. Warum das Meer verrückt spielt? Die Insulaner wissen es nicht. Zwei Wissenschaftler werden geschickt, um es ihnen zu erklären. Sie raten zum Umzug auf die große Verwaltungsinsel Bougainville. Doch die Gemeinschaft ist sich uneins. Viele fürchten, mit ihrer Heimat auch ihre kulturelle Identität zu verlieren. Derweil türmt sich draußen das Meer zu riesigen Wellen auf und überschwemmt einen großen Teil der Insel. Haben die Menschen von Takuu zu lange gezögert?

Das Problem ist seit langem bekannt und das Inselatoll sinkt nachweislich seit 1987 durch die Verschiebung der Erdplatten ins Meer. Hinzu kommt, wie man heute weiß, das Ansteigen des Meeresspiegels durch die globale Erwärmung - das macht im Ganzen eine Erhöhung um zwei Meter pro Jahr aus!
Bereits 2001 berichtete der US-amerikanische Nachrichtensender CNN in dem Artikel "Locals face starvation as their Island home sinks" über die drohende Katastrophe und den nahenden Exodus.

Die Probleme sind aber nicht nur globaler Natur. Wegen Reparaturarbeiten des einzigen Versorgungsschiffes „Sankamap“ in Australien, welches drei bis viermal im Jahr von Kieta, dem Haupthafen auf Bougainville, die lange Reise antritt, um die Menschen dort zu versorgen, fiel der Schiffsverkehr für ganze anderthalb Jahre komplett aus. Die Menschen hungerten und mussten mit ansehen, wie ihre Inseln von Monat zu Monat immer kleiner wurden. Von ursprünglich 2.000 Menschen zur Jahrtausendwende lebten zur Zeit der Dreharbeiten von Briar March ab Dezember 2006 nur noch knapp 400 Inselbewohner dort. Die Versalzung des Bodens sorgt für das Absterben der Pflanzenwelt und führt zur Versumpfung der Taroanpflanzungen: Tarowurzeln waren einst das Hauptnahrungsmittel der Bewohner. Briar March begleitete einen der letzten Taroanbauer auf die ehemals fruchtbare Nachbarinsel. Sie dreht gelbe Blätter, absterbende Gewächse, Sulfat haltiges Wasser – keine Grundlage mehr für jegliche Ernährung. Frustriert und von Mückenschwärmen geplagt filmt sie wenig später auf dem letzten bewohnbaren Flecken, wie Wohnhütten und die Schule des Atolls von einer hohen Flut unbrauchbar gemacht werden. Die eigens angereisten australischen Wissenschaftler plädieren für das Verlassen der Insel und geben jenen, die nicht fort wollen, den Rat, sich auf die drei Punkte, die noch etwas länger über dem Meeresspiegel liegen werden, anzusiedeln. Wie lange sie dort aber bleiben können...? Der Film von Briar March vermittelt Fakten nur mittels direkter Rede anderer. Er zeigt die menschliche, schmerzliche Sicht des Problems auf zurückhaltende, stille, fast poetische Art auf. Die Filmerin fokussiert drei bis vier Familien und deren Ungewissheit, Zerrissenheit, Unentschiedenheit und Zukunftsangst. Symbolisch für die prekäre Lebenslage der Insulaner steht der hochbetagte Vater zweier Schwestern, der zwischen den ersten und zweiten Dreharbeiten verstirbt. Sollte er der letzte Vertreter der Takuu-Dörfler gewesen sein, der auf dem Atoll geboren und gestorben ist? Auch die Schwestern sind sich uneins. Die eine will auf der Insel bleiben, die andere hat das Eiland längst verlassen und versucht, ihre Schwester umzustimmen.

Das Dilemma und die Ratlosigkeit der Menschen zeigen sich auch daran, dass weder die Regierung Papua Neuguineas noch die Regierung der autonomen Region Bougainville in der Lage sind zu helfen. Es fehlt an allem – auch an Organisation und Ressourcen. Die Umsiedlung nach Bougainville-Buka auf eine ehemalige und verlassene Plantage will gut vorbereitet werden. Zwar bilden Bougainville und Takuu politisch eine Einheit, aber weder geographisch (Bougainville gehört zum Archipel der Salomonen) noch ethnisch (Takuu ist polynesisch, Bougainville austronesisch und papua) sind sie in irgendeiner Weise verbunden. Das birgt die große Gefahr des Kulturverlusts. Sind die Takuu-Bewohner bisher ohne Geldverkehr ausgekommen und konnten sowohl ihre Sprache sprechen als auch ihre Religion ausüben, so wird die Umsiedlung nun dafür sorgen, dass sie sich in Bougainville vollkommen integrieren müssen, um zu überleben.

Takuu ist weder mythisches Atlantis noch reales Rungholt, die durch ein Erd- oder Seebeben, Landmassenverschiebung oder in einer einzigen Sturmflutnacht verschwanden. Der Untergang zieht sich schon über Jahrzehnte schleichend hin, ist aber dadurch nicht minder fatal. Wissenschaftler geben dem Atoll noch fünf Jahre und die Bewohner werden endgültig zu Migranten des Klimawandels.

 

(Trailer ca. 2.01 Min.) Briar March: „There Once was an Island: Te Henua e Nnoho. Climate Change in the Pacific“, PAL DVD, Neuseeland/USA, 2010, 80 min., OmeU, Produktion: Lyn Collie, On the Level Productions, Schnitt: Prisca Bouchet, Briar March, Kamera: Briar March. Sprache: englisch, takuu, tok pisin mit englischen Untertiteln.
Farbe, www.thereoncewasanisland.com.

Briar March ist eine Dokumentarfilmerin aus Bethells Beach, Te Henga, West Auckland/Neuseeland. Sie studierte zunächst an der ELAM, der University of Auckland’s School of Fine Arts, und arbeitet derzeit an ihrem Filmstudienabschluss Master of Fine Art an der Stanford University im kalifornischen Palo Alto/USA, wo sie u.a. bei Werner Herzog studiert hat.

Filmstills 1-6: Briar March, „There Once was an Island“
Foto 7: NASA (Quelle: Wikipedia)
Foto 8: Briar March während der Dreharbeiten auf Takuu
 

alt

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Mehr auf KulturPort.De

„Frantz” – Oder die tiefere Wahrheit der Lüge
 „Frantz” – Oder die tiefere Wahrheit der Lüge



In seinem elegischen Nachkriegs-Epos inszeniert Regisseur François Ozon die schmerzhafte Verstrickung von Trauer, Träumen, Schuld und Liebe als deuts [ ... ]



Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer
 Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer



In der CD-Reihe „Neue Meister“ präsentieren Arash Safaian, Sebastian Knauer und Pascal Schumacher die Musik nach Motiven von Bach so, wie der Meiste [ ... ]



Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst
 Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst



Die Autorin dieses Beitrags ist begeisterte Reeperbahn Festival-Besucherin, schaut sich aber neben dem umfassenden Konzertangebot besonders gerne im „Arts& [ ... ]



Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper
 Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper



Radikal entschlackt, mit großen Lichtvorhängen ins Computerzeitalter gebeamt, lässt Regisseurin Jette Steckel die Neuinszenierung von Mozarts Opernhit „ [ ... ]



„Snowden” – Patriot oder Verräter?
 „Snowden” – Patriot oder Verräter?



Das Schlachtfeld heißt Cyberspace, und für US-Regisseur Oliver Stone ist sein Protagonist ein Widerstandskämpfer mit Vorbildfunktion. Ziviler Ung [ ... ]



Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch
 Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch



„Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit [ ... ]



Weitere aktuelle Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.