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Film

Douglas-Sirk-Preis für Julian Schnabel

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(69 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Claus Friede und Walter Grasskamp (Laudatio)  -  Sonntag, den 03. Oktober 2010 um 13:22 Uhr
Douglas-Sirk-Preis für Julian Schnabel 4.6 out of 5 based on 69 votes.
Als Maler scheint Schnabel dafür ein besseres Gefühl gehabt zu haben als andere Regisseure, die ihre Figuren zu Karikaturen der Leidenschaft machten; ich nenne wiederum keine Namen.
In „Basquiat“ ging es auch um die Frage, ob ein Maler kommerziellen Erfolg haben und sich trotzdem treu bleiben kann.
Der darauf folgende Film, „Before Night Falls“, war eine Fortsetzung dieser Reflexion auf einem anderen Schauplatz: Das Beispiel des Schriftstellers Reinaldo Arenas zeigte, welchen politischen Preis es kosten kann, sich als Künstler und Außenseiter treu zu bleiben.
Es ist also eine ästhetische Reflexion in Bildern, die Julian Schnabel in seinen beiden ersten Filmen betrieben hat, und es macht den wahren Erfolg dieser Filme aus, dass sie Kritik wie Publikum gleichermaßen überzeugten, ohne dabei schielen zu müssen.
Genau dafür ist die Postmoderne erfunden worden.
Es ist sicher auch kein Zufall, dass Julian Schnabel seine ersten Filme im Genre der Biographie drehte, denn das war eine Fortsetzung der Portraitmalerei mit anderen Mitteln: Hatten die ersten beiden ‚biopics’ Künstlern gegolten, so war das dritte, Schmetterling und Taucherglocke, einem Journalisten gewidmet, Jean-Dominique Bauby, der weit über seine Profession hinauswächst – hinauswachsen muss, weil er eine Erfahrung zu berichten hat, die nichts mit seinem Beruf zu tun hat, sondern mit seinem Restleben.
Als Baubys Geschichte in den Zeitungen auftauchte, wusste ich, dass ich das Buch, das darüber angekündigt wurde, nie würde lesen wollen, und den Film, der ihm folgte, nie würde sehen wollen.
Vor wenigem, was einem zustoßen kann, hat man ja so viel Angst wie vor dem 'Locked-In-Syndrom'. Gegen diese hilflose Einsamkeit wirken doch selbst die Kerker von Piranesi, seine 'carceri', wie ein Themenpark für 'gothic punks’.

Ich habe jetzt also meinen Mut zusammen genommen, um das Buch von Bauby zu lesen und mir den Film anzusehen, und bewundere nicht nur das Können Julian Schnabels, aus diesem letztlich unmöglichen Stoff einen brillanten Film gemacht zu haben, sondern auch den Mut, sich dieser Obsession auszusetzen.
Denn für uns dauerte diese Heimsuchung nicht mal zwei Stunden, für die Filmemacher aber Monate.
Julian Schnabels vierter Film wirkte dagegen, trotz der düsteren Lieder von Lou Reeds Berlin, wie eine Erholung. Mit seinem Interesse an der Pop Musik und seinen Songs auf Every Silver Lining Has A Cloud war Julian Schnabel keine Ausnahme in seiner Generation, die sich zwischen Malerei und New Wave bewegte, zwischen Tafelbild und Schallplatte. Aber natürlich wurde er zur Ausnahme, als er eine Tournee von Lou Reed ausstatten und darüber einen Film drehen konnte. Denn wer von uns wäre den Helden seiner Jugend je so nahe gekommen – und dabei so produktiv?
Dem Werk von Schnabel ist schon immer ein ausgeprägtes Interesse am Heroischen nachgesagt worden. Möglicherweise war ja das ‚truism’ von Jenny Holzer „We don´t need another hero“ auch auf ihn gemünzt. Falls Jenny Holzer damit gemeint haben sollte „We need more heroines“, dann könnte sie mit dem neuen Film sehr zufrieden sein, der heute zu sehen ist. Denn in Miral ist das Heroische nicht das übliche Maskuline. Vielmehr sind drei markante Frauengestalten zu sehen, die sich auf ihre Weise mit den Verwerfungen und Ungerechtigkeiten einer historisch bedeutsamen und politischen explosiven Landschaft auseinander setzen müssen – und zwei von ihnen geben nicht auf.

Im Werk des Ausnahmekünstlers Julian Schnabel ist dieser Film also auch wieder eine Ausnahme.
So kann ich abschließend zusammenfassen: In manchen Hinsichten war Julian Schnabel in seiner Generation keine Ausnahme, in anderen, wichtigeren Hinsichten war – und ist – er allerdings eine Ausnahme. So lasst uns denn einen Ausnahmekünstler feiern!"


 

(Trailer ca. 2.02 Min.) MIRAL, Großbritannien, Frankreich, Israel  2009 - 112 min
R: Julian Schnabel, B: Rula Jebreal Mit: Hiam Abbass, Freida Pinto, Yasmine Al Massri, Ruba Blal, Alexander Siddig, Omar Metwally, Willem Dafoe, Vanessa Redgrave und Stella Schnabel.

 

Julian Schnabel erzählt in MIRAL die zu Herzen gehende Geschichte eines jungen Mädchens, das in Ost-Jerusalem aufwächst und die Folgen von Besetzung und Krieg in ihrem Alltag zu spüren bekommt. Wie bei seinen aus Scherben gemachten Gemälden setzt Schnabel Momentaufnahmen aus Mirals Welt zusammen, um ein raues, bewegendes, poetisches Porträt einer Frau zu schaffen, deren kleine, persönliche Geschichte untrennbar mit der größeren Geschichte verwoben ist, die sich um sie herum entwickelt. Ein faszinierender Mix aus Licht, Farben, Emotionen und Tönen und der bislang persönlichste Film des großen Künstlers Julian Schnabel.

Mirals Geschichte, die sich durch verschiedene Zeitschichten und Emotionen zieht, beginnt mit der Frau, die ihre Lehrerin werden soll: mit Hind Husseini (HIAM ABBAS), die 1948 das Haus ihres Vaters in das Dar-Al-Tifl-Institut umwandelt, ein Heim und eine Schule für palästinensische Kinder. Was würden Sie tun, wenn Sie fünfundfünfzig Waisenkinder mitten im Krieg auf der Straße herumirren sähen? Für Hind lautete die Antwort: sie beschützen, eine Mauer um sie ziehen und einen sicheren Hafen bauen, in dem ihnen nichts passieren kann und in dem sie in Sicherheit lernen und anfangen können, sich eine friedlichere Welt vorzustellen.

1978: Jahre, nachdem Hind ihre Schule gegründet hat, kommt ein siebenjähriges Mädchen nach dem Tod seiner Mutter in das Institut. Das ist Miral (FREIDA PINTO) und dies ist ihre Geschichte. Sie wird behütet in den schützenden Mauern von Dar Al-Tifl aufwachsen, aber als sie sechzehn Jahre alt ist und die Intifada ihren Höhepunkt erreicht, wird Miral damit beauftragt, in einem Flüchtlingslager zu unterrichten; dort werden ihr die Kämpfe und Probleme bewusst, die ihr Erbe zu sein scheinen. Als sie sich in Hani (OMAR METWALLY), einen leidenschaftlichen politischen Aktivisten, verliebt, gerät Miral in ein persönliches Dilemma: den Weg der Gewalt zu wählen oder Mama Hinds hart umkämpftem Glauben zu folgen, dass Bildung der einzige Weg ist, einen lang andauernden Frieden zu schaffen.


Die Grundlage des Films ist das Buch: "Die Straße der Blumen" von Rula Jebreal. In Deutschland ist es ab November 2010 im Handel erhältlich.
btb Taschenbuch, Broschur, ca. 350 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-74148-9

Fotos Header: Julian Schnabel und Rula Jebreal am Filmset von MIRAL, auf dem „grünen“ Teppich und im Kinosaal in Hamburg. Fotos: Copyright Filmfest Hamburg. Text Laudatio: Prof. Dr. Walter Grasskamp.
 

 

Fotos Galerie/Trailer: © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH
1. Im Hause von Berta Spafford (Vanessa Redgrave) feiert die junge Hind (Hiam Abass) zusammen mit dem GI Eddie (Willem Dafoe) ein ausgelassenes Weihnachtsfest.
2. Durch ihre Liebe zu Hani (Omar Metwally) gerät Miral (Freida Pinto) zwischen die Fronten.
3. Die schöne Miral (Freida Pinto) wächst als Schülerin des berühmten Dar- Al-Tifl-Instituts wohlbehütet und glücklich in Ostjerusalem auf.
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