Film

„Drei Zinnen". Oder die Abgründe einer Kinderseele

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Donnerstag, den 07. Dezember 2017 um 09:10 Uhr
„Drei Zinnen". Oder die Abgründe einer Kinderseele 4.5 out of 5 based on 85 votes.
Drei Zinnen

Jan Zabeil inszeniert sein subtiles, visuell virtuoses Familiendrama als verstörendes Survival-Epos.
Mag er eigentlich diesen kräftigen, sportlich durchtrainierten Mann an der Seite seiner Mutter? Der achtjährige Tristan (Arian Montgomery) ist innerlich zerrissen, Aaron (Alexander Fehling) bringt ihm Schwimmen bei, trägt ihn Huckepack den steilen Hang hoch, sie klimpern Abends in der abgelegenen Berghütte auf dem Harmonium, haben viel Spaß zusammen, da entsteht Nähe, Vertrautheit. Fast schaut es aus wie ein Traumurlaub, das Idyll einer Patchwork-Familie, aber dann klingelt wieder Tristans Handy, der Vater ruft von daheim an, bringt in Erinnerung, dass da ein Fremder seinen Platz eingenommen hat. Die Zuneigung schlägt um in Ablehnung.

Die steilen majestätischen Felswände der Drei Zinnen, dem Wahrzeichen der Dolomiten, signalisieren bald schon Bedrohung. Natur fungiert in den Filmen von Jan Zabeil weniger als Kulisse sondern mehr als Protagonist, unberechenbare schicksalhafte Variable. Der Effekt dieser hochemotionalen alpinen Landschaft ist ästhetisch frappierend, überwältigend, lässt den Atem stocken. „Papa", flüstert der Junge leise Aaron ins Ohr, er weiß, wie sehr der Andere sich wünscht, Vaterrolle übernehmen zu dürfen. Im Geheimen und beängstigend skrupellos beginnt der Achtjährige zu intrigieren, zu manipulieren, seine Fallen auszulegen. Er täuscht selbst den Zuschauer, das archaische Kräftemessen wird zum gespenstischen Showdown im Schnee und einer schauspielerischen Meisterleistung.

Lea, die Mutter (Bérénice Bejo), hält sich scheinbar im Hintergrund, aber sie ist es, die bestimmt, was sein darf und was nicht. Sie bezieht immer Position für den Sohn, hat ihn zwischen überschwänglichen Umarmungen einen fatalen Anspruch auf Alleinherrschaft gelehrt. Naiv dann zu glauben, Tristan würde sich über ein Geschwisterchen freuen, der lässt die zwei Erwachsenen nicht mehr unbeobachtet, kriecht ins Bett, klammert sich an die beiden, Intimität wird unmöglich. Aaron bekennt, dass er den Jungen innig liebt und manchmal wünscht, es gäbe ihn nicht. Wohlgemerkt, dies ist kein Horror Movie: das hintergründige, stark symbolische Melodram erzählt von der Unfähigkeit zur Kommunikation: Eine französische Frau, ein englischsprachiges Kind, ein deutscher Mann, sie beherrschen Sprachen, ohne einander zu verstehen.

Jan Zabeil sagt über sich, er wäre thematisch nicht ganz unbelastet, er ist in einer ähnlichen Konstellation aufgewachsen, auch wenn der Film mit der eigenen Historie wenig gemeinsam hat, aber der Regisseur kennt die Dynamik solcher Konflikte, „die emotionalen Untiefen, besonders aus der Perspektive des Kindes." Nähe und Distanz, Bewunderung und Abwehr, wie damit umgehen? "Was ist, wenn Gefühle entstehen, die man sich nicht zugestehen mag?" Lea hat vor zwei Jahren Tristans Vater verlassen wegen des Architekten Aaron. Jetzt spielt sie mit dem Gedanken zu dritt nach Paris überzusiedeln. Misstrauen packt den Achtjährigen, er wittert üble Tricks. Es kann nicht wahr sein, das jemand einfach alles kann. Wieso besitzt der Freund der Mutter mehr Muskeln als sein Vater, will er wissen. Die Antwort des Älteren überzeugt ihn nicht, auch der Vater habe früher Kickboxen gemacht, verteidigt er den, in seinen Augen um alles Betrogenen.

Aaron hofft, noch einmal den Moment der Vertrautheit zwischen ihm und den Jungen beschwören zu können dort oben beim Sonnenaufgang zwischen den zerklüfteten Felsen der Drei Zinnen. Wohlgemerkt ohne Lea. Zu spät begreift er, dass er sich damit seinem Gegner hilflos ausliefert. Tristan läuft weg, versteckt sich hinter einem Fels, verschwindet ins Nirgendwo, Nebel zieht auf. Jan Zabeil hat Kamera studiert, er malt mit Öl im Studio. Sein Ausgangspunkt sind Visualität, Atmosphäre, Spannung: „Ich weiß sehr früh, wie diese Elemente in meinem Film aussehen sollen und kenne auch ihren ungefähren (...) Verlauf, bevor ich anfange zu schreiben." Und so entschied er, wann der Nebel aufzieht, aber er wusste lange nicht genau, was passiert, bis es soweit ist. Seiner Überzeugung nach soll die Story so wenig Kontrolle über den Film erhalten wie möglich, um die Freiheit bei der Gestaltung nicht einzuschränken. Der Zuschauer spürt, hier ist etwas anders, die Gefahr scheint näher, greifbarer, intensiver als sonst in einem Psychothriller, in diesem führt am Ende eigentlich der Achtjähriger Regie.

Priorität war für den Regisseur, viele Deutungsperspektiven zu ermöglichen: Jeder kann in den Protagonisten etwas Anderes sehen. Die Verantwortung für die Ereignisse und das Scheitern dieser Familie wird nicht einer einzelnen Figur aufgebürdet. Jan Zabeil ist sich bewusst, dass er seinem Publikum Einiges abverlangt. Es muss ihm glauben, dass der Sommer binnen weniger Tag in Winter umschlägt, dass die Figuren relativ unempfindlich für Kälte sind. „..diese Archaik in den Motiven, das Schicksalhafte der Handlung, ist nur dann glaubwürdig, wenn man ihm eine entsprechende Erdung im zwischenmenschlichen Realen bzw zumindest im Realitätsempfinden des Zuschauers gibt. Denn auf der anderen Seite arbeite ich mit Symbolen, zum Beispiel (...) der Erschaffung Adams von Michelangelo, diese würden sich ansonsten zu sehr in den Vordergrund drängen. Aaron will da oben auf dem Berg zum Vater werden, aber er wird eigentlich fast zur Mutter, wenn er Tristan in den Armen hält und trägt, wie die Heilige Maria ihr Kind." Das ungewöhnliche Survival-Epos gewann in Locarno den begehrten Piazza Grande Preis

Jan Zabeil und Schauspieler Alexander Fehling kommen aus derselben Stadt, sind fast gleich alt und kennen sich auch privat. Der Regisseur bezeichnet ihn als seinen „Gegenüber," seinen „Sparring-Partner". Schon in „Der Fluss war einst ein Mensch" spielte er die Hauptrolle. Damals waren die beiden zusammen mit Kameramann und Tontechniker drei Monate im südlichen Afrika unterwegs. Zabeil: „Alexander war zugleich Co-Autor, Kameraassistent, Bootsführer und ich Expeditionsleiter, der einen Film ohne Drehbuch machen wollte, ausgestattet mit einem sechsseitigen Treatment. Wenn man einmal ein solches Wagnis und Abhängigkeitsverhältnis gemeinsam erlebt und daran gewachsen ist, weiß man auch, was man aneinander hat. Er ist jemand, der sich voll und ganz einlässt, sei das Vorhaben auch noch so aberwitzig oder unmöglich, aus tiefem Interesse für die Themen und Handlungsoptionen seiner Figur. Er liebt es, verschiedene Varianten dieser Figur zu durchleben, ob in Gedanken (...) oder beim Dreh. Ich sortiere diese Facetten zum Teil gemeinsam mit ihm, sammle sie und entscheide oft erst beim Schnitt, welche ich davon verwende und welche nicht, das gibt uns ein ungeheures Gefühl von Freiheit, währen die Kamera läuft." Die Rolle des Aaron schrieb er für ihn.

„Die Natur ist meine vierte Hauptfigur", erklärt der Autorenfilmer. Für die Dramatik sind die Bilder der Berge von entscheidender Bedeutung. Nur über sie lassen sich die existenziellen Konflikte der Geschichte erzählen, Realität und Fiktion verschmelzen dabei. Es mag anstrengend sein, an Originalschauplätzen in 2.100 bis 2.500 Meter Höhe zu drehen, aber es ist die archaische Landschaft des Alto Adige, die die Schauspieler verändert, herausfordert, ihnen die Kraft vermittelt für ihre Rolle. „Die Orte (...) gewährleisten eine Echtheit, eine Wahrhaftigkeit." Wer den Film kennt, kann es kaum glauben, selbst die beängstigenden Sequenzen in einem zufrierenden Eissee wurden am Originalschauplatz gedreht. Szenograph Michael Randel und sein Team bohrten ein riesiges Loch in das 70 Zentimeter dicke Eis und brachten von unten dann an die Eisdecke ein Bassin an, das sie mit 18 Grad warmen Wasser füllten und Eisbrocken hineinwarfen, um die perfekte Illusion zu erzielen. Bei Jan Zabeil wird das Machtverhältnis zwischen Kind und Erwachsenen auf den Kopf gestellt. Hier entscheidet der Achtjährige über Leben und Tod, für ihn sind die Drei Zinnen nicht eine Gebirgsformation, sondern drei Berge: „Papa, Mama, Kind", ein Ideal es um jeden Preis zu verteidigen gilt.


Drei Zinnen
Regie / Drehbuch: Jan Zabeil
Darsteller: Alexander Fehling, Bérénice Bejo, Arian Montgomery
Produktionsland: Italien, Deutschland, 2017
Länge: 94 Minuten
Kinostart: 14. Dezember 2017
Verleih: NFP

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright NFP
 

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