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"A Ghost Story". Der wehmütige Minimalismus des David Lowery

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Montag, den 04. Dezember 2017 um 09:28 Uhr
"A Ghost Story". Der wehmütige Minimalismus des David Lowery 4.9 out of 5 based on 102 votes.
A Ghost Story

"A Ghost Story" ist ein wundervoll fragiles Wesen, es nistet sich ein in unserer Erinnerung zwischen eigenen Sehnsüchten und Ängsten, vergangener Liebe und schmerzhaftem Verlust. Wir sind hingerissen, aber auch unendlich traurig. Thema: das universelle Bedürfnis nach Verbundenheit über den Tod hinaus. Im Zeitalter protziger Mystery-Produktionen wird diese melancholische behutsam absurde Leinwand-Miniatur zur Offenbarung, ästhetisch wie poetisch.
Die Idee zu der surrealen Sinnsuche an der Seite eines Gespenstes hatte US-Regisseur David Lowery 2015 nach einem Streit mit seiner Frau. Es ging um die Frage, ob sie nach Los Angeles ziehen sollten, perfekter Standort für kommerzielle Projekte wie das Fantasy-Epos "Elliot, der Drache". Der Künstler aber wollte sich nicht trennen von ihrem alten Haus, die Weite und Beständigkeit Texas' war seine Inspiration, prägte die frühen Filme wie "St. Nick".

Die Namen der beiden Protagonisten bleiben ein Geheimnis, ihre Vergangenheit lässt sich nur erahnen und doch glauben wir die beiden zu kennen, die lediglich mit Initialen im Abspann erscheinen. Es entsteht vom ersten Moment an ein Gefühl der Nähe, der Intimität. C (Casey Affleck) und M (Rooney Mara) sind ein glückliches junges Paar, es ist jene selbstverständliche tief empfundene Zärtlichkeit ohne Sentimentalität, die mit den Jahren sich entwickelt, Geborgenheit wird spürbar in jeder Umarmung, das ist so viel mehr noch als Sinnlichkeit, tiefes unerschütterliches Vertrauen auf einander und in die gemeinsame Zukunft. Alles grandios unterkühlt gespielt, aber mit der gleichen Intensität wie in dem romantischen Crime-Drama "Ain't Them Bodies Saints" (2013). C komponiert, er hat ein Faible für jenes klapprige Klavier, das schon in dem alten, kleinen texanischen Landhaus stand, bevor sie einzogen. M's Universum ist die Literatur.

Lowery beweist wieder sein Talent als begnadeter Erzähler, Alltägliches entlarvt sich im Nachhinein als Kostbarkeit, ein Blick, ein Handgriff, selbst das Abwaschen des Geschirrs erhält plötzlich eine neue, andere Bedeutung. Es wird nicht viel gesprochen in "A Ghost Story", Daniel Harts Kompositionen sind mehr als ein Subtext. Unerklärliche Geräusche oder ein seltsamer Lichteinfall beunruhigen manchmal die junge Frau. Was es damit auf sich hat, wir erfahren es erst ganz am Ende des Films. Als M klein war und die Familie ständig umzog, hat sie Nachrichten hinterlassen, versteckt zwischen den Ritzen der Türfüllung oder dem Mauerwerk. "Was stand drin?" fragt C. "Sachen und Dinge, an die ich mich erinnern wollte, damit ich, wenn ich mal zurückkomme, was auf mich warten würde." M möchte lieber in der Stadt wohnen und nicht hier draußen auf dem Land, so abgeschieden. Wenn es vielleicht auch nicht "die größte Meinungsverschiedenheit" in ihrer Beziehung ist wie bei den Lowrys, einig wird sich das junge Paar nicht. "Was genau magst Du an dem Haus so gern?" fragt sie. "Seine Geschichte", antwortet er.

Von einem Moment zum Anderen ist das Glück zerstört, C stirbt bei einem Autounfall nahe dem Grundstück. Den Augenblick des traumatischen Erlebnisses selbst zeigt Lowery nie, nur das, was durch ihn verursacht wird. Die aufbrechende Landstraße schaut aus wie nach einem Erdbeben, metaphorisches Trümmerfeld der Emotionen. M muss den Leichnam in der Morgue identifizieren. Der Körper des Geliebten liegt verstörend ruhig unter einem weißen Tuch. Der Schmerz überwältigt die junge Frau und doch wird sie immer bemüht sein, ihn vor anderen zu verbergen. Kurz nachdem sie den Raum verlassen hat, erhebt sich C, wirft sich das weiße Laken über den Kopf ähnlich der kindlichen Vision eines klassischen Geistes und macht sich auf den Weg nach Hause. Selten hat ein Wesen auf der Leinwand solche Einsamkeit ausgestrahlt wie er. Da schreitet C nun unsichtbar für alle Lebenden (außer uns) über die Wiesen, nicht ahnend, dass er all seiner Ausdruckmöglichkeiten beraubt ist. Vieles wird nur angedeutet, der Zuschauer wird unbewusst zum Co-Autor, die eigene Phantasie und Vita Teil des Films.

Bewegungslos verharrt das Gespenst Stunde für Stunde, Tag für Tag im Wohnraum, starrt aus tragisch anmutenden schwarzen Augenlöchern auf M, wir spüren seinen Schmerz, die Verwirrung, sie nicht mehr berühren zu dürfen, die Erinnerung an all die Stunden zusammen verbracht, diese stoische stille Entschlossenheit, nicht loszulassen. Bedeutet der Tod das Ende einstiger Nähe? Jenseits und Diesseits teilen sich eine Realität. Irgendwann ist die Hand der Geliebten nur einen Zentimeter vom Saum des Lakens entfernt und doch scheint die räumliche Distanz unüberbrückbar. Die junge Frau kämpft gegen die Trauer an, versucht den Tod zu verdrängen, manchmal vergeblich. Die Freundin hat einen großen Apfelkuchen auf dem Küchentisch dagelassen mit ein paar wohlmeinenden Worten. Aus einem Impuls heraus ähnlich einem Weinkrampf stopft sich M Stück für Stück in den Mund, verschlingt den Pie, bis ihr schlecht wird, die Szene dauert fast vier Minuten. Und doch gehört unser Mitgefühl mehr den Toten als den Lebenden. Der Protagonist ist unfähig, seine Situation zu akzeptieren, es vergehen Monate, Jahre bis C verzweifelt erkennt, dass er für immer an dieses Dasein gefesselt sein wird. Während sich die Welt um ihn herum drastisch verändert, verblassen Stück für Stück die Konturen seiner eigenen Existenz. Wie bei Regisseur Apichatpong Weerasethakul ("Cemetary of Splendor") erzeugen die langen statischen Aufnahmen manchmal einen fast tranceartigen Zustand.

Eigentlich ist Lowery ein Fan von Breitwand-Produktionen, aber er wusste von vornherein, dass er "A Ghost Story" im fast quadratischen Format drehen wollte. "Gus Van Sants ‚Elephant' war der erste moderne Film, den ich im Verhältnis 1:33 gesehen habe. Die Bilder ragen auf und dehnen sich nicht so aus wie beim Widescreen. Sie dominieren mehr. Sie grenzen die Figuren ein und schließlich auch den Zuschauer." Der Regisseur entschied sich dafür, mit sogenannten Vignetten und Abrundungen zu arbeiten, so verschwimmen die Abgrenzungen leicht, die Beschränkungen der Hauptfigur im Raum erscheinen weniger krass. Der Affleck-Geist muss mit ansehen, wie M sich einem anderen Mann zuwendet. Irgendwann beginnt die junge Frau mit dem Umzug, es ist der Moment, indem C seine Fassung verliert, sich gebärdet wie ein Gespenst aus einem Horrorfilm, die Lampe geht zu Bruch, Bücherstapel stürzen um. Er begreift, dass ihm nichts bleibt außer diesem Haus, welch grauenvolle Ironie, er hatte sich einst gewünscht, hier zu wohnen für immer. M hinterlässt eine Nachricht der Ritze eines Türrahmens. Ungelenk kratzt der einsame C stundenlang an der Stelle, unfähig den Zettel herausziehen zu können.

Wohlgemerkt "A Ghost Story" polarisiert: Lowery inszeniert die universelle Liebesgeschichte als kunstvolle metaphysische Expedition, emotional mitreißend und erschreckend suggestiv, aber nicht ohne einen zärtlichen Touch von Komik. Für diese Mini Budget Produktion verwandelt sich der kommerziell erfolgreiche US Regisseur zum eigenwilligen Visionär, bricht am Ende radikal mit den traditionellen Erzählstrukturen und offeriert eine alternative Sicht des Übernatürlichen. Anders als bei Terrence Malick kennzeichnen seine verstörenden geheimnisvollen Bilder (Kamera: Andrew Droz Palermo) eine unglaubliche Bescheidenheit, Simplizität, fast Demut. Am berührendsten vielleicht die Szene, wenn C im Fenster des Nachbarhauses ein anderes Gespenst entdeckt, das steckt in einem Blümchenbettlaken und berichtet, dass es auf jemanden wartet, nur hat es schon lange vergessen auf wen. Die beiden kommunizieren über Untertitel. Die Zeit löst sich auch für C auf, sie hat eine andere Logik als die uns bekannte, gleitet vor und dann wieder zurück. Eine spanisch sprechende laute fröhliche Familie zieht ein. C beobachtet sie beim Essen, wie sie Piano spielen, Weihnachten feiern. Er ängstigt die Kinder mit seiner Präsenz. Als das Geschirr durch die Küche fliegt, ergreifen die neuen Bewohner die Flucht.

Lowerys bravouröse Schnittfolgen überbrücken Jahrzehnte im Nu, dann wieder erstarrt ein Moment, das Verstreichen der Zeit wird fast körperlich spürbar. Vor den Augen von C entsteht eine kalte futuristische Stadtsilhouette, er wird Zeuge, wie eine Familie mit dem Planwagen eintrifft, voller Hoffnung auf ein neues besseres Leben, es endet blutig mit dem Überfall der Gegner, auch hier ein kleines Mädchen, das sorgsam eine Nachricht versteckt. Zurück in der Gegenwart, eine ausgelassene Party im Landhaus, Will Oldham doziert: "[...] Ein Autor schreibt Romane, ein Songwriter schreibt Songs, wir tun, was wir können, um im Gedächtnis zu bleiben... Wir bauen unser Vermächtnis auf Stück für Stück. Vielleicht wird sich die ganze Welt an Dich erinnern, vielleicht auch nur ein paar Menschen, man tut, was man kann, um sicher zu gehen, dass man noch hier ist, wenn man fort ist." Das hintergründige poetische Finale ist die Antwort des eigentlich unlösbaren Rätsels von "A Ghost Story". "Es gibt einen Punkt, an dem wir loslassen müssen°, sagt Lowry, "denn wir habe gar keine andere Wahl. Ich erschrecke immer, wie schnell die Jahre vergehen. Die Uhr dreht sich weiter, ob ich es nun mag oder nicht. Und irgendwann wird alles, an dem ich gearbeitet habe oder was ich erreicht habe, ohne Bedeutung sein."

Und doch ist da diese trotzige Hoffnung, den Sinn des Lebens (und des Todes) zu finden. Man hinterlässt eine Spur, ob durch kleine private Gesten, so wie M mit ihren Nachrichten in der Wand des Hauses oder durch etwas Bedeutenderes, wie ein Kunstwerk oder ein Kind. Die Vorstellung etwas zu kreieren, das einen überlebt, ist eine machtvolle Energie, so Lowery. Den Tod überlisten, unbewusst spekulieren wir alle auf Unsterblichkeit. Noch während Daniel Hart an der Musik zu "Elliot, der Drache" feilte, spielte er Lowery den Song "I Get Overwhelmed" vor, den er für seine Band Dark Rooms komponiert hatte. Der Regisseur hörte sich das Stück immer wieder an, während er das Drehbuch zu "A Ghost Story" schrieb. Am Ende arbeitete er es dann in die Erzählung mit ein: "Es war genau der richtige Song für diesen Film: Der Gedanke überwältigt zu sein und gleichzeitig das Gefühl zu haben, keine Kontrolle mehr über das Leben zu besitzen." Aus der Melodie entwickelte Hart den Soundtrack.

Spektakulär mit welch subtiler Eindringlichkeit Casey Affleck unter dem verdreckten Leichentuch uns die Gefühle von C vermittelt, jene sprachlose Trauer, wenn er, der Geist, inmitten der Trümmer seines Hauses steht, das grade eingerissen wird.


Originaltitel: A Ghost Story
Regie / Drehbuch / Schnitt: David Lowery
Darsteller: Casey Affleck, Rooney Mara, Will Oldham
Produktionsland: USA, 2017
Länge: 92 Minuten
Kinostart: 7. Dezember 2017
Verleih: Universal Pictures Germany

Fotos, Pressematerial & Trailer: Universal Pictures Germany
 

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