Zum Anfang

Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 1089 Gäste online

Neue Kommentare

Herby Neubacher zu Jordi Savall und die Routen der Sklaverei: Musik, die unter die Haut geht: Auf der DVD die Savall als Livekonzert veroeffent...
Gerd Freeland Zürich zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Hallo eine Super Ausstellung.
Weiter so, w...

Miko zu Zebra Katz: Ein queerer New Yorker Hip-Hop rappt die Elphie!: War auch im Konzert. C.Schiller beschreibt in ihr...
Cuckie zu Zebra Katz: Ein queerer New Yorker Hip-Hop rappt die Elphie!: Spannender Artikel, der für mich das Konzerterle...
Herby Neubacher zu Nigel Kennedy „Bach meets my World“ in der Hamburger Laeiszhalle: Das ist nur grausam wenn man so jemand wie diese ...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Film

„Suburra” – Das schwarze Herz von Rom

Drucken
(226 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 27. Januar 2017 um 12:15 Uhr
„Suburra” – Das schwarze Herz von Rom 4.5 out of 5 based on 226 votes.
suburra

Ein kompromissloser Mafia-Thriller: rasant, laut, brutal, grell, obszön, abstoßend und dann wieder von unglaublicher majestätischer Schönheit.
Stefano Sollima inszeniert „Suburra” als biblische Chronik moderner Korruption. Es ist das Jahr 2011, sieben Tage noch bis zur Apokalypse. Es regnet in Strömen, der Tiber steigt unaufhörlich. Papst Benedikt XVI will abdanken. An der Strandpromenade von Ostia sollen wie in Las Vegas Betonburgen mit Kasinos entstehen. Der Regisseur von „Gomorrha” schildert die Verflechtungen der italienischen Gesellschaft im Schatten von organisiertem Verbrechen, marodem Staat und rücksichtslosen Politikern.

Suburra ist in der Antike das römische Stadtviertel mit dem übelsten Ruf. Hier lebten die Ärmsten der Armen, vor allem Prostituierte. Bordelle und Tavernen waren vom Palatin-Hügel aus leicht erreichbar. In den engen und berüchtigten Straßen trafen Reiche und Kriminelle aufeinander, zwei Welten nur auf den ersten Blick unvereinbar. Hier wurden Intrigen geschmiedet, Komplotte geplant und in die Tat umgesetzt. Ein Moloch, der als Mythos seine Spuren in der Geschichte Roms hinterließ. Suburra hat sich längst verselbstständigt, ist heute allgegenwärtig in der Ewigen Stadt.

Die bildgewaltige Politparabel basiert auf dem gleichnamigen Roman von Giancarolo De Cataldo und Carlo Bonini. Nur im Film gibt es keinen Ermittler oder Kommissar mehr, man ist ganz unter sich, das Recht gehört allein dem Stärkeren. Der von korrupten Karrieristen unterwanderte Staatsapparat unter Führung des konservativen Abgeordneten Filippo Magradi (Pierfrancesco Favino) arbeitet eng mit kirchlichen Würdenträgern wie Kardinal Berchet (Jean-Hugues Anglade) zusammen, die wiederum enge Verbindungen zur Vatikan-Bank unterhalten. Die Interessen der Mafia-Familien vertritt ein ehemaliger Neo-Faschist, man kennt ihn nur unter dem Namen Samurai (Claudio Amendola). Das Ende der Ära Berlusconi nähert sich.

Hinter den Kulissen hat Malgradi dafür gesorgt, dass in der Sitzung des Parlaments das umstrittene Kasinoprojekt die notwendige Mehrheit erhält. Seinen Triumph feiert der attraktive Familienvater an diesem Abend wie so oft mit einer intimen kleinen Orgie im Hotel. Mit dabei: seine Lieblingshure Sabrina (Giulia Elettra Goretti), jede Menge Drogen und als extra Kick eine junge noch minderjährige Prostituierte. Nicht Sprache oder Herkunft charakterisieren die Akteure, es ist der Sex, nackt, gierig, selbstgefällig, roh, mit dem sich die Machos präsentieren. Sie fordern ein, was ihnen zusteht. Jeder auf seine ganz individuelle kaputte Art. Eros und Sinnlichkeit scheinen unwiderruflich verloren gegangen, vorbei die Zeiten von Federico Fellinis “Dolce Vita”, verzaubern können uns nur noch die golden angestrahlten Brücken über dem unheilvoll dunklen Tiber. Ein Mann stürzt sich von oben hinab in die Tiefe. Lieber hier und jetzt krepieren, als noch länger gejagt werden von den Geldeintreibern. 

Das junge Mädchen stirbt an einer Überdosis, der Politiker macht sich sofort aus dem Staub. Die Beseitigung der Leiche überlässt er Sabrina, die daraufhin ihren Freund Spadino (Giacomo Ferrara) um Hilfe bittet. Er ist Mitglied des von den italienischen Mafiafamilien wenig angesehenen Sinti-Clans der Anacleti und wittert hier seine große Chance. Die Tote endet im Tiber. Bewundernswert mit welcher Selbstverständlichkeit Spadino sie aus dem Hotel schafft, nichts wird versteckt, höchstens lächelnd entschuldigt: Eine Freundin, die sich sinnlos betrunken hat. Vor den Augen der Concierge schleifen er und Sabrina den leblosen Körper durchs luxuriöse Hotelfoyer. Den nächsten Tag schon taucht der ambitionierte Möchtegern-Gangster bei Malgradi auf, will ihn dazu zwingen, in Zukunft Drogen oder Prostituierte nur noch durch ihn zu beziehen. Aus Angst, die Öffentlichkeit könnte von dem Vorfall erfahren, wendet der Parlamentarier sich über einen Kontaktmann an Numero 8, den Mafiosi Aureliano Adami (Alessandro Borhi). Er soll sich des Erpressers annehmen und ihn einschüchtern. Die wohlmeinende Unterhaltung eskaliert, Spadino ist tot und Manfredi Anacleti (Adamo Dionisi), seines Zeichens Familienoberhaupt des Sinti-Clans, will die Tat nicht ungesühnt lassen.

Giancarlo De Cataldo ist hauptberuflich Richter und Carlo Bonini investigativer Journalist. Sie verstehen sich auf das Abgründige der italienischen Gesellschaft, mischen wie James Ellroy Fakten und Fiktion. Die Figuren haben alle ihre Vorbilder in der Realität, jeder Römer erkennt sie sofort und das verlockende Ostia-Projekt existierte wirklich. „Suburra” ist  als Sittengemälde barbarischer Dekadenz das Gegenstück zu Paolo Sorrentinos „La Grandezza Bellezza”, es zeigt die dunkle abstoßende Seite der Tiber-Metropole, ein modernes opulentes Inferno aus Gier, Enttäuschung, Trostlosigkeit und Verzweiflung. Doch Gefühle können sich die Akteure nicht leisten, es gilt zu überleben, den Gegner auszuschalten, Gewalt gehört zum Geschäft. Bei Stefano Sollima wird nichts glorifiziert wie in anderen Mafia-Thrillern, der 50jährige Regisseur („ACAB - All Cops Are Bastards”) inszeniert die Welt seiner Anti-Helden mit der radikalen und ernsthaften Präzision eines Cormac McCarthy („Verlorene”). Das protzig-kitschige Anwesen Anacletis mit seinem ohrenbetäubenden Schreien und Kreischen unzähliger tobender Kinder reizt in dieser Minute den Clan-Chef zur Weißglut, er brüllt Ruhe und völlig verschreckt greifen die Mütter nach ihren ungezogenen Blagen. 

Es gibt sie noch, die Kirche. Wir sehen nur den Rücken des Papstes, er betet. Seine Haltung signalisiert Erschöpfung, Niedergeschlagenheit. Die Mahlzeit ist grade beendet, der Tisch wird abgeräumt. Ablenkung statt spiritueller Erleuchtung bieten die Diskotheken in Ostia, moderne Kathedralen in grell schillerndem Neonlicht. Las Vegas kündigt sich an: das Centro Vecchio, die Monumente der Antike, Palazzi und Kopfsteinpflaster, auch sie glitzern schon verdächtig bonbonfarben als wären sie infiziert vom korrupten Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Der elektronisch tranceartige Sound des französischen Duos M83 legt sich wie ein Schleier über Rom und sein Verderben. Kameramann ist wieder Paolo Carnera, der zusammen mit Sollima schon mehrere Folgen von „Romanzo Criminale” und „Gomorrha” gedreht hatte. Seine nächtlichen seltsam betörenden Stadtlandschaften erinnern daran, das Jüngste Gericht steht kurz bevor. Tagsüber ist das Novemberlicht unerbittlich, entlarvt die Gewalt in all ihrer Unerträglichkeit. Ein blutrünstiger Kampfhund springt knurrend immer wieder am Gitter seines Zwingers hoch, am Ende wird er seinen eigenen Herrn zerfleischen, der ihn aufs Töten abgerichtet hat.

Samurai, der Boss der Bosse muss seine Macht schon lange nicht mehr unter Beweis stellen, denn alle fürchten ihn und viele brauchen ihn. Er zeigt nie eine Regung, selbst wenn er seinen alten Freund überfahren lässt, für ihn zählen nur die milliardenschweren Investitionen, deswegen will er ein Bandenkrieg um jeden Preis verhindern. Sabrina ist gezwungen unterzutauchen, der junge Sebastiano (Elio Germano) nimmt sie bei sich auf. Er ist zuständig für die ausschweifenden Parties der High Society und muss nach dem Selbstmord seines Vaters für dessen Schulden aufkommen. Er spekuliert darauf, sich durch den Verrat Sabrinas freikaufen zu können. Manfredi hetzt einige Auftragkiller auf Aureliano und dessen drogenabhängige Geliebte Viola (Greta Scaranto). Es kommt zu einer furiosen Schießerei in einem Einkaufszentrum Roms. Der Clan-Chef prügelt den Namen Malgradis aus Sabrina heraus, mittlerweile fordert auch er eine Beteiligung am dem gigantischen Bauprojekt der Waterfront. Ohne Zustimmung des Samurai bricht er in die Wohnung des Parlamentariers ein und entführt den kleinen Sohn. Die Leiche der jungen Prostituierten wird von der Polizei aus dem Tiber geborgen. Als der Premierminister seinen Rücktritt erklärt, packt den Abgeordneten die Panik. Was, wenn er seine Immunität verliert? Und auch das Bauvorhaben ist gefährdet, wenn er nicht wiedergewählt wird.

Zuletzt beweist nur Viola Mut, grade ihr hätte es keiner zugetraut. Der Regisseur hat den Film seinem Vater Sergio Sollima gewidmet.


Originaltitel: Suburra  
Regie: Stefano Sollima  
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola
Produktionsland: Italien, Frankreich, 2015 
Länge: 135 Minuten
Verleih: Koch Films GmbH 
Kinostart: 26. Januar 2017

Fotos & Trailer: Copyright Koch Films GmbH

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Film > „Suburra” – Das schwarze Herz von Rom ...

Mehr auf KulturPort.De

Unsere 17. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Unsere 17. Lange Nacht der Museen in Hamburg



Dagmar Seifert (DS) und Claus Friede (CF) sind wie bereits in den vergangenen gefühlten 20 Jahren für KulturPort.De in die Lange Nacht der Musseen in Hamburg a [ ... ]



So geht Oper fürs junge Publikum: „Erzittre, feiger Bösewicht!“
 So geht Oper fürs junge Publikum: „Erzittre, feiger Bösewicht!“



Die Staatsoper Hamburg nimmt junges Musiktheater ernst: Mit GMD Kent Nagano am Pult und Intendant Georges Delnon als Regisseur präsentieren sie eine Zauberflöt [ ... ]



Shot in the Dark – Bilder von blinden Fotografen
 Shot in the Dark – Bilder von blinden Fotografen



Zunächst herrscht Verwunderung, ja Irritation, vor allem bei Menschen, die sich nicht professionell mit Bildern befassen: Blinde FotografInnen – ist das n [ ... ]



Hinreißend elegant: Niklas Schmidt spielt die Cello-Suiten von Bach
 Hinreißend elegant: Niklas Schmidt spielt die Cello-Suiten von Bach



Niklas Schmidt, Hamburger Cello-Professor und Motor des International Mendelssohn Festivals Mitte September, hat ein Opus magnum vollendet: Seit kurzem ist die z [ ... ]



China Moses: Nightintales
 China Moses: Nightintales



Der britische Pianist John Taylor behauptete einmal: „Was die Leute dafürhalten, ist meistens gar kein Jazz.“ Er hatte ja so recht! Und das gilt [ ... ]



Traumspiel mit Traumstimmen in der Staatsoper: Die Frau ohne Schatten
 Traumspiel mit Traumstimmen in der Staatsoper: Die Frau ohne Schatten



Symbolbefrachtet, rätselhaft – Regisseur Andreas Kriegenburg sortiert in der Staatsoper Hamburg „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strau [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.