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Film

„La La Land” – Ein Plädoyer für uns träumende Narren

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Mittwoch, den 11. Januar 2017 um 11:08 Uhr
„La La Land” – Ein Plädoyer für uns träumende Narren 4.7 out of 5 based on 345 votes.
La La Land

„La La Land” ist hinreißend, unwiderstehlich. Das nostalgische Musical zwischen Moderne und Klassik, Romantik und Realität verzaubert Journalisten wie auch Publikum. Es geht um Kunst, Karriere, Kompromisse.
US-Regisseur Damien Chazelle hat mit der bittersüßen Liebesgeschichte eine Art bonbonfarbenes Wunderwerk kreiert, mittendrin Ryan Gosling und Emma Stone. Bei den Golden Globes gewann das melancholische Großstadtmärchen sieben Auszeichnungen, so viele wie kein Film je zuvor.

Ein Stau vor der Ausfahrt Richtung L. A., ungeduldig hupen die Pendler, sie kommen zu spät zur Arbeit. Die kalifornische Morgensonne brennt auf den Freeway. Langsam gleitet die Kamera an den Autokolonnen entlang. Jedes Vehikel ist wie eine einsame kleine Insel. Man spürt die Frustration, doch dann plötzlich öffnet sich eine Wagentür, eine junge Frau steigt aus, beginnt zu tanzen, singt, andere folgen. Aus dem Missklang kreischender Hupen und dem Geplärr der Radiostationen entwickelt sich eine unvergessliche Melodie. Asphalt und Wagendächer werden zur Tanzfläche, die eben noch düsteren Gedanken zur Liebeserklärung an diese Stadt, der ‚City of Stars’, Inbegriff so vieler Hoffnungen und Sehnsüchte. Eine Choreographie überschäumender Lebensfreude, die Utopie gemeinsamen Glücks. Ebenso unerwartet ist alles wieder verschwunden, als wäre es nie geschehen. Jeder sitzt allein hinter seinem Steuer, zurück der harte Alltag im gnadenlosen Entertainment-Business.

In dem Stau stecken auch unsere Protagonisten fest. Noch kennen die zwei sich nicht näher, abgesehen davon, dass er sie hupend überholt und sie ihm den Mittelfinger zeigt. Kein Indiz für Liebe auf den ersten Blick. Sebastian (Ryan Gosling) ist Jazzpianist und Mia (Emma Stone) will Schauspielerin werden. Um jeden Preis. Dafür hat sie daheim alles aufgegeben, nun arbeitet sie in einem Coffeeshop auf dem Studiogelände der Warner Bros, jedes Vorsprechen nahm bis jetzt ein klägliches Ende, sie wird beim Casting keines Blickes gewürdigt oder nach ein paar Worten unterbrochen, und vorher schüttet ihr jemand noch Kaffee über die weiße Bluse. Mia schwärmt für Kino-Klassiker wie „denn sie wissen nicht, was sie tun” (1955) und „Casablanca” (1942), über ihrem Bett hängt ein riesiges Filmplakat mit Ingrid Bergman. Das ist ihre Welt, in der sie sich verkriecht. Eine hoffnungslose Träumerin, die Freundinnen müssen sie zwingen, mal mit auf eine Party zu kommen.

Auch Sebastian hat sich eingesponnen in der Vergangenheit, Charlie Parker, Miles Davis und Theolonious Monk sind seine Helden, er träumt davon, einen eleganten Jazz-Club alten Stils zu eröffnen. Sein 1980er Buick Riveriera Cabrio hat keinen CD-Player sondern einen Kassettenrekorder. Die Wohnung ist vollgepfropft wie ein Museum mit Relikten seiner Leidenschaft. Entsetzt blafft er das Schwesterchen an, als die es wagt, sich auf den Klavierhocker zu setzen, der einst Hoagy Carmichael gehört haben soll. Die Pragmatikerin hält wenig von Kompromisslosigkeit und Romantik, die bezahlen keine Rechnungen. Und so spielt Sebastian jetzt als Pianist in einem Restaurant, Free Jazz ist strengstens untersagt, gewünscht nur harmonische Christmas Carols als Hintergrundmusik. Doch schon nach wenigen Akkorden erklingt eine seiner unverwechselbaren Improvisationen. Der Chef (J.K. Simmons) feuert ihn, da hilft selbst der Hinweis auf Weihnachten nicht mehr. Er stürmt hinaus, rennt Mia fast um, Sebastians Blue Notes haben sie in das Lokal gelockt. Er reagiert schroff, überheblich, später wird sie es ihm vorwerfen. Aber dass die beiden füreinander bestimmt sind, steht außer Frage.

Damien Chazelle hat sein Drehbuch zu „La La Land” fast wie eine Jazz-Komposition strukturiert, die Handlungsstränge überkreuzen sich, laufen dann wieder unerwartet parallel, Themen werden aufgegriffen, variiert, überkreuzen sich am Ende von Neuem. Kaum je zuvor hat ein Regisseur, Bilder und Sprache so virtuos mit der Musik verwoben, seinem Film einen solchen Rhythmus gegeben, Groove nennen es manche. Was als Sujet vielleicht auf den ersten Blick sentimental oder nach Realitätsflucht de luxe klingen mag, ist ein atemberaubendes facettenreiches Konstrukt. Es täuscht durch seine vermeintliche Leichtigkeit, wir sind ähnlich den Protagonisten in unserer Erwartungshaltung verfangen, glauben ein Anrecht auf Glück zu haben. Dass es kein Happyend gibt, schmerzt zwar auf seltsame Weise, nur irgendwann begreifen wir, wenn auch nur widerwillig, die Tragik und Tragweite des Kompromisses, Kunst und Liebe lassen sich oft nur schwer miteinander in Einklang bringen. Davon handelte auch Chazelles mit drei Oscars ausgezeichnetes Drummer-Drama „Whiplash”. Justin Hurwitz, den der Regisseur schon von Harvard her kennt, komponierte wieder den Soundtrack, die Texte zu den Songs schrieben Benj Pasek und Justin Paul.

Ryan Gosling als Sebastian gibt sich gern unnahbar, aber weniger cool, als wir ihn sonst kennen, er wirkt empfindsamer, verletzbarer. Der ehrgeizige Einzelgänger ist zutiefst unglücklich, aber das wird er nie zugeben. Ihn kränkt der Misserfolg vielleicht ob seines Alters noch mehr als Mia. Die ist intelligent, sie weiß sich zu wehren, ironisch, wortgewandt, wenn sich ihre Augen nicht grade mit Tränen füllen. Auf jener Pool-Party, zu der die Freundinnen sie überredeten, entdeckt sie den Pianisten wieder, wie er auf dem Keyboard Synthie-Pop aus den Achtzigern spielt. „I Ran” von den A Flock of Seagulls, was gibt es Demütigenderes für einen Puristen wie ihn, aber irgendwie muss das Geld verdient werden. Die beiden kabbeln noch ein wenig miteinander, doch bald schon tanzen sie wie einst Fred Astaire und Ginger Rogers im Licht der Straßenlaterne. Er weiht sie in die Geheimnisse des klassischen Jazz sein, das erste richtige Date ist ein Film mit James Dean. Von nun an träumen sie zusammen und über Nacht wird daraus Liebe. Für Sebastian ist es einfacher an Mia zu glauben, als an sich selbst. Er macht ihr Mut, sie soll ihre eigenen Rollen schreibe, das Schicksal selbst in die Hand nehmen.

„La La Land” ist eine Hommage an Hollywood-Musicals wie „Singin’ in the Rain” (1952) mit Gene Kelly oder „An American in Paris” (1951), aber inspirieren ließ sich Chazelle vor allem von den Filmen des französischen Regisseurs Jacques Demy. Der hatte in den Sechziger Jahren die Ernsthaftigkeit der Nouvelle Vague durchbrochen mit berauschenden, bonbonfarbenen Musicals wie „Die Regenschirme von Cherbourg”, das 1964 für Catherine Deneuve zum entscheidenden Durchbruch verhalf. „Es gibt niemandem, der diesen Film und alles, was ich bereits gemacht habe oder machen werde, stärker beeinflusst hat als Jacques Demy,” erklärt der 31jährige Regisseur. Chazelle war schon auf der Universität besessen von der Idee, seine Lieblingselemente der Musicals, die kontinuierliche Musik, die berauschenden Farben, den stimmungsvollen Schwung mit seiner Lieblingsstadt Los Angeles zu kombinieren. L.A ist auf der Kinoleinwand meist finsterer Thriller-Tatort, aufreizendes Bikini-Paradies oder ein gnadenloser Moloch. Der Regisseur präsentiert sie nun als Muse, wuselige Hintergrundkulisse mit endlosen Freeways und schicksalhaften Begegnungen. Eine Stadt, wo jeder seinen Träumen nachjagt, manchmal erfolgreich, manchmal vergeblich.

Die Rolle von Sebastians Freund Keith übernahm der berühmte R&B Musiker und Songwriter John Legend. Irgendwann hat Keith keine Geduld mehr mit dem dogmatischen Pianisten: „Wie willst Du ein Revolutionär sein, wenn Du Dich so an die Tradition hängst, Du klammerst Dich an die Vergangenheit. Aber im Jazz geht es um die Zukunft”. Er sieht in seiner Art von Musik keinen Verrat, nur weil sie ein großes Publikum hat und kommerziell erfolgreich ist. Sebastian akzeptiert, von nun geht er auf Tournee, spielt Keyboard im Rampenlicht großer Konzertsäle, umgeben von all dem glitzernden Schnickschnack, der ihm früher so verhasst war. Mia ist enttäuscht, in ihren Augen verrät er seinen Traum, sie bastelt derweil an ihrer One-Woman-Show. Es wird ein Flop, aber schlimmer noch, Sebastian schafft es nicht zur Premiere. Mia kann ihm nicht verzeihen, kehrt zurück in die Provinz, überzeugt, kein Talent zu haben. Grade in diesem Moment kommt das entscheidende Angebot. Aber sie will nicht mehr versagen, der Traum scheint endgültig zerbrochen. Seb fährt quer durchs Land, zwingt sie sprichwörtlich zu ihrem Glück. Es ist der Anfang einer großen Karriere und das Ende ihrer Freundschaft. „Hier in Hollywood, wo alles angebetet wird und doch nichts einen Wert hat,“ heißt es im Film.

Damien Chazelle lässt das Musical sich neu erfinden. Es ist ein furioser Mix aus Realismus und extremer Stilisierung. Wenn Sebastian und Mia tanzen ist das ganz bewusst fern jeder Perfektion, sie drücken damit ihre Gefühle aus. Choreographin Mandy Moore lässt ihren Schützlingen die Natürlichkeit, Spontaneität und Anmut, dressiert sie nicht. Auch wenn drei Monate geprobt wurde für jene lange hinreißende Tanzszene in einem Take. Bei 40 Grad auf einem Freeway über Autos zu tanzen, war hart für alle Beteiligten. „La La Land” gilt als Oscar-Favorit ähnlich wie 2012 „The Artist”, auch dort wurde das Genre zum Thema. Michel Hazanavicius entführt den Zuschauer in das Hollywood der 20er-Jahre. Die Illusion ist perfekt: In eleganten, hinreißenden Schwarz-Weißaufnahmen, ohne Dialoge, nur mit Zwischentiteln lässt der Regisseur den Glamour der Stummfilmzeit wieder auferstehen. Noch ist der unwiderstehlicher Charmeur George Valentin (Jean Dujardin) ein umjubelte Kinostar. Er verhilft dem pfiffigen quirligen Starlet Peppy Miller (Bérénice Bejo) zum ersten Erfolg. Doch ihre Wege trennen sich, der Siegeszug des Tonfilms ist das Ende von Georges Karriere und der Beginn von Peppys. Das Backstage-Melodram mit Happyend erinnert an „A Star is Born”, der Protagonist an Douglas Fairbanks. „The Artist” wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet.

„La La Land” ist keine klassische Hollywood-Vision von Liebe als spirituelle Perfektion, es ist um vieles komplexer und weit entfernt von der Akrobatik des Musical-Theaters. Es ist hemmungslos romantisch, voll jugendlichem Elan und herrlich altmodisch. Die magische Stunde, jene Abenddämmerung zwischen purple und orange, die alles sanfter und zugleich intensiver macht, Generationen von Cineasten huldigten ihr. Der schwedische Kameramann Linus Sandgren („American Hustle”) fängt sie in seinen melancholischen Kompositionen auf Ultra-Breitwand 2.55:1 ein. Selbst die Zyniker unter den Filmkritikern sind hingerissen von den Texten der Songs, wenn Emma Stone singt „Auf die Narren, die träumen”, es rührt viele mehr als „Les Misérables”. Vielleicht weil dies hier unser wunder Punkt ist, jene heimlichen Liebe, die großen Projekte, die hehren Ideale, wir haben sie geopfert für eine andere Beziehung und eine noch verführerischere Idee, haben uns arrangiert mit etwas weniger moralischem Anspruch, fast hätten wir es vergessen, wäre da nicht Chazelle. Der Epilog von „La La Land” ist eine wunderschöne Phantasie, der künstlerische Höhepunkt des Films, er zeigt, wie Sebastian und Mias Leben auch hätte verlaufen können, manche der Szenen und Dialoge erhalten in diesem Moment eine völlig andere Bedeutung. „La La Land”, das ist der Spitzname für L.A. und Slang-Begriff für Realitätsverlust.



Originaltitel: La La Land
Regie / Drehbuch: Damien Chazelle
Darsteller: Ryan Gosling, Emma Stone, John Legend
Produktionsland: USA, 2016
Länge: 128 Minuten
Verleih: StudioCanal Deutschland
Kinostart: 12. Januar 2017

Fotos & Trailer: Copyright StudioCanal Deutschland

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