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Film

„Mapplethorpe: Look at the Pictures” – Die Rehabilitierung des Obszönen

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Dienstag, den 01. November 2016 um 09:36 Uhr
„Mapplethorpe: Look at the Pictures” – Die Rehabilitierung des Obszönen 4.6 out of 5 based on 196 votes.
Mapplethorpe Look at the Pictures

Ein brillanter, packender Dokumentarfilm über den amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe: kompromisslos, mutig, einzigartig wie der Künstler selber.
Die Dualität von Schwarz und Weiß bestimmte nicht nur seine ästhetisch virtuos komponierten Arbeiten sondern sein gesamtes Leben. Der Titel bezieht sich auf jene unheilvolle Rede, die Senator Jesse Helms im Sommer 1989 vor dem Kongress hielt: „Schaut Euch die Bilder an”, die hasserfüllten Worte des Republikaners aus North Carolina sind Ausdruck tiefsten Abscheus für die ungewöhnlichen Aktaufnahmen und Homosexualität generell. Mapplethorpe war wenige Monate zuvor im Alter von 42 Jahren an Aids gestorben. Es begann damals eine landesweite politische Hetzkampagne gegen die Retrospektive des Whitney Museums of American Art „The Perfect Moment”. In Cincinnati wurde die Ausstellung geschlossen, der Direktor wegen Verbreitung pornographischen Materials angeklagt. In Washington verzichtete die Corcoran Gallery auf die Werkschau aus Furcht, dass ihr, wie angedroht, die staatlichen Mittel gestrichen würden. Heute erzielen die umstrittenen Fotografien auf Auktionen Höchstpreise wie „Man in Polyester Suit” bei Sotheby’s: 478.000 Dollar.

In ihrem Film „Mapplethorpe: Look at the Pictures” präsentieren Fenton Bailey und Randy Barbato („The Eyes of Tammy Faye”, „Becoming Chaz”)  den Künstler aus den verschiedensten Perspektiven, Interviews mit Familienmitgliedern, Kommilitonen, Journalisten, Freunden, Lovern, Sammlern, Nachbarn, Kuratoren. Die beeindruckendste Stimme aber ist die von Mapplethorpe: er spricht über sein Werk, seine Beziehungen, seine Ambitionen, will „den Teufel in uns allen entdecken”. Bei den Recherchen waren die beiden Regisseure auf unveröffentlichte Audio-Mitschnitte gestoßen. Die Atmosphäre zwischen den Dokumentarfilmern und ihren Interviewpartnern wirkt vom ersten Moment an entspannt, vertraut. Gespräche, Statements, Aufzeichnungen und Erinnerungen verschmelzen zu einem außergewöhnlichen wundervollen Leinwand-Epos. Es wechselt zwischen Distanz und Nähe, Vergangenheit und Gegenwart, eröffnet einen neuen, differenzierteren Zugang zu den schönheitstrunkenen Bildern von schwulem Sex, S&M-Praktiken, Blumenstillleben und High-Society-Porträts.

Mapplethorpe wurde 1946 in Hollis geboren, wuchs später in Queens, Floral Park auf. Damals war er einfach nur Bob, in der Schule riefen sie ihn „Maypo” (Marke von Frühstücksflocken), vielleicht auf Grund des Werbe-Comics über einen recht widerspenstigen kleinen Bengel. Die Familie gutbürgerlich und römisch-katholisch, ein idyllisches Haus mit Garten, er bleibt immer Mutters erklärter Liebling, sie unterstützt ihn bei seinen Plänen. „Das Verhältnis zum Vater war angespannt,” erzählt die ältere Schwester. Der begeisterte Amateurfotograf wird dem Sohn die skandalumwitterten Aktaufnahmen nie verzeihen, er kann dessen Sexualität nicht akzeptieren. Es ist, als wäre für ihn Robert nicht Teil der Familie. Aber die Schwester ermutigt den Jungen und vor allem auch ein Priester aus der Gemeinde, George Stack. Er hat noch immer die Bilder des Teenagers an der Wand. Hier in den farbenfrohen picassoesken Figuren zeigt sich schon das Interesse für geometrische Abstraktion und sakrale Symbolik. Die späteren Bondage- und S&M-Fotografien stehen nach Auffassung Stacks in der Tradition katholischer Märtyrer.

Den ungeheuren Charme Roberts und seinen grenzenlosen Ehrgeiz erinnern alle. Die großen, blassen Augen zogen Menschen unwiderstehlich an, doch er konnte auch ein „asshole” sein, so der Kommentar des jüngeren Bruders.  Am Pratt Institute in Brooklyn, N. Y. studierte Mapplethorpe Malerei und Skulptur, dort traf er Patti Smith, die erste von vielen Lovern, die seine Arbeit beeinflussen würde. Sie bezogen Quartier im Chelsea Hotel, in dem Zimmer soll einst Oscar Wilde gewohnt haben. Die beiden verband nicht nur Liebe und Talent sondern auch die Obsession zur Selbst-Inszenierung. Mit ihr zusammen entdeckte er die Polaroid-Kamera als neues Medium. Für Mapplethorpe war Sexualität etwas Magisches. Irgendwann, als er auf der 42. Straße Pornohefte durchblätterte, durchzuckte ihn plötzlich der Gedanke, dass diese Darstellungen ihn mit so viel unmittelbarer stärkerer Wucht trafen, als Kunst es je getan hatte. „Seine frühen Werke”, schreibt sein Mentor und Freund Sam Wagstaff, „sind aus solchen Magazinen ausgeschnittene Seiten, verschleiert und transformiert mit der durch Spritzpistole aufgetragene Schichten geometrischer und gemusterter Figuren. Man sieht immer noch einige der gleichen Muster, besonders im Hintergrund seiner Fotografien-Diagonalen, Rechtecke und Linien, die zum Bildrand parallel laufen, jetzt eher hinter dem Gegenstand als über ihm.”

Mapplethorpe wendet sich von Patti ab und Männern zu. Er erkundet die BDSM-Szene, das ‚Mineshaft’ wird sein Stammlokal, die nächtlichen Orgien seine Inspiration. Der Fotograf spricht immer wieder von der nie endenden Suche nach dem perfekten Moment. Kameramann Huy Truong und Mario Panagiotopoulos folgen dem Schaffensprozess von Collagen über Polaroid-Serien bis zur Hasselblatt, seinen Pilgerfahrten zu den verbotenen Orten der Sinnlichkeit, vom leicht vergammelten Glamour der New Yorker Siebziger Jahre bis in die geldorientierten glorreichen Achtziger, zwischen Underground und Oberschicht. Mapplethorpe gibt dem Wort Dekadenz eine neue Bedeutung, er befreit die Obszönität vom Staub der Vorurteile, rehabilitiert sie und macht sie zur zentralen konstruktiven Kraft seines Werks. Nie war er stilistisch an einem Schnappschuss oder einer zufälligen Situation interessiert, die er nicht unter Kontrolle hat. Er arbeitet im Studio, meist mit Stativ, war ein Bewunderer von Felix Nadar (1820-1910), dessen Porträts förmlich und doch intim sind. Jetzt lebte er in einem Loft auf dem obersten Stock des Hauses 24 Bond Street, eine von vielen generösen Gesten des wohlhabenden Sammlers und Mäzenen Sam Wagstaff.

„Schönheit und der Teufel sind dasselbe”, erklärt Mapplethorpe. Er entwickelt eine Obsession für polierte Oberfläche. Seine statuarischen oft sadomasochistischen Männerakte sind geprägt vom strengen Formwillen des Klassizismus. Selten hat nacktes Fleisch so wenig erotische Signale ausgesendet, es ist genau wie seine in Sinnlichkeit erstarrten Blumenstillleben auf die Spitze getriebener Ästhetizismus. Die perfekt komponierten Fotos erinnern an Skulpturen, Mapplethorpe hatte als Maler und Bildhauer begonnen und blieb es. Penis oder Lilie, er macht keinen Unterschied bei seinen Themen, die Inszenierung triumphiert über Chaos und Bigotterie. Der Liebling der New Yorker Schickeria arrangiert Aktaufnahmen wie byzantinische Altarbilder, weist aber darauf hin, dass seine Metaphorik keine religiöse ist sondern eine römisch katholische. Bis zuletzt ist er auf der Suche nach den idealen Proportionen: David Croland, Marcus Leatherdale, Robert Sherman, Jack Fritscher und Jack Walls, er fotografierte sie alle und liebte sie alle, erklären die beiden Regisseure.

Milton Moore („Man in Polyester Suit”) soll sein liebstes Modell gewesen sein. „Wovor sich die Menschen in der Welt am meisten fürchten, ist der Penis”, sagt Jack Fritscher, Autor und Herausgeber des Drummer, „und Robert zeigte nicht nur einen Penis, sondern einen schwarzen Penis. Ein Penis macht die Menschen verrückt, vor Lust oder Angst.” In diesen Aktaufnahmen wird nichts gemildert durch einen versöhnlichen Subtext, keine Gefühle von Schuld, Betroffenheit oder irgendeine Form der Barmherzigkeit. Mappplethorpe beschwört immer wieder den Teufel wie in seinem Selbstporträt von 1978 mit Peitsche im Anus. Susan Sontag über den Künstler: „Wonach er sucht, ist nicht der wahre Kern der Dinge, sondern deren jeweils kraftvollste Ausprägung.” Mapplethorpe wollte eine Legende sein, reich sein, um jeden Preis. Die Regisseure beeindruckte nicht nur der Umfang seines Werkes, um das sich nun eine Foundation kümmert, sondern die Intensität und Zielstrebigkeit, mit der er die eigene Karriere vorantrieb. So machte er beispielsweise Schriftstellern den Hof, keine Publikation war ihm zu klein, wichtig war nur, dass man über ihn schrieb. „Leben heißt Menschen benutzen und benutzt werden, darum dreht es sich in Beziehungen,” sagt er.

Sein Bruder Edward ist auch Künstler, der ausgebildete Fotograf arbeitete in Roberts Atelier und die exzellente handwerkliche Qualität von Mapplethorpes Schwarzweiß-Kompositionen ist besonders sein Verdienst. Nichtsdestotrotz zwang Robert den Jüngeren, seinen Nachnamen zu ändern, es sollte nur einen Künstler mit dem Namen Mapplethorpe geben, ihn. Edward blieb bei seinem Bruder, kümmerte sich um ihn, als er durch die Krankheit geschwächt und hilflos war. Vergeblich hoffte er bis zuletzt auf ein Wort der Anerkennung, dass Robert ihm ein einziges Mal sagen würde, er sei stolz auf ihn. Der Film zeigt die opulente Abschiedsparty kurz vor dem Tod des Künstlers. Er inszeniert sich selbst ein letztes Mal. Eine geniale Strategie, die Retrospektive „A Perfect Moment” ein gelungener Schachzug, die Regisseure sind überzeugt, der Künstler wusste, was er damit auslösen würde. Für ihn, so betonte er stets, hatte das Leben als kreativer Prozess eine größere Bedeutung als seine Bilder. Am 4. November wäre er 70 Jahre alt geworden. „The Perfect Medium” ist der Titel der gemeinsamen Robert Mapplethorpe Ausstellung vom J. Paul Getty Museum und dem Los Angeles County Museum of Art, die im Juli eröffnet wurde.



Originaltitel: Mapplethorpe: Look at the Pictures   
Regie: Fenton Bailey, Randy Barbato    
Mit Deborah Harry, Robert Mapplethorpe, Fran Lebowitz, Debbie Harry
Länge: 109 Minuten 
Produktionsland: USA, Deutschland, 2016   
Verleih: Kool Filmdistribution    
Kinostart: 3. November 2016

Fotos & Trailer: Copyright Kool Filmdistribution

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