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Film

„Mahana – Eine Maori-Saga”. Zwischen Tradition und Tyrannei

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Mittwoch, den 31. August 2016 um 10:23 Uhr
„Mahana – Eine Maori-Saga”. Zwischen Tradition und Tyrannei 4.7 out of 5 based on 234 votes.
Mahana Eine Maori-Saga Film Trailer

Zum ersten Mal nach mehr als 20 Jahren drehte Lee Tamahori wieder in Neuseeland. „Die letzte Kriegerin” hatte ihn 1994 berühmt gemacht. Seit dem arbeitete der Regisseur nur noch im Ausland, avancierte mit Filmen wie „James Bond 007. Die Another Day” zum Thriller-Experten.
„Mahana” aber ist eine Hommage an die Heimat: Das vielschichtige packende Melodram erzählt von dem 14jährigen Simeon, der gegen den allmächtigen Großvater rebelliert. Tamahori überrascht durch einen ungewöhnlichen, verführerischen leicht nostalgischen Mix von Stilen und Einflüssen. Es fühlt sich an wie ein klassischer Western, hat etwas wundervoll Altmodisches und erinnert an die legendären Leinwand-Epen der fünfziger Jahre wie Elia Kazans „Jenseits von Eden”. Doch wenn die Kulturen aufeinanderprallen, entsteht eine ganz eigene unverwechselbare, hochemotionale Bildsprache.

Die Schafscherer an der Ostküste Neuseelands sind Anfang der sechziger Jahre noch tief in den Maori-Traditionen verwurzelt. Mit eisernem Willen hat sich Tamihana Mahana (Temuera Morrison) aus dem Nichts hochgearbeitet und es zu einigem Wohlstand gebracht. Er verlangt bedingungslosen Gehorsam von der Familie, drei Generationen leben hier auf seiner Farm. Der strenge Patriarch entscheidet über alles, ob Kinobesuch oder Heirat, lässt Frau und Kinder die Abhängigkeit in jedem Moment spüren. Wenn er am Abendbrottisch Gott um dessen Segen bittet, mahnt er die Anwesenden, nicht zu vergessen, wer ihre Freunde und vor allem, wer ihre Feinde seien. Die Fehde mit dem Clan der Poatas, die hasserfüllte Rivalität, wie sie entstanden ist, Simeon kann es sich nicht erklären. Doch dann entdeckt er zufällig im Schreibtisch ein altes Foto.

„Mahana” beginnt mit einer grandiosen halsbrecherischen Wettfahrt zwischen den verfeindeten Familien. Die alten klapprigen Automobile quälen sich mühsam über die schmalen schlammigen kurvenreichen Landstraßen. Ziel: die Beerdigung eines Schafzüchters. Es gilt dort als erste einzutreffen, um noch vor der Kirche mit dem Erben den neuen Scher-Vertrag auszuhandeln. Der Konkurrenzkampf ist unerbittlich. Im Schulbus sieht Simeon jeden Tag Poppy Poata (Yvonne Porter), die Enkelin des Clan-Chefs der Poatas. Ein selbstbewusstes, schönes Mädchen, das der Junge heimlich verehrt. Sie gehen in dieselbe Klasse. „Familie ist eine Tyrannei, geführt von ihrem schwächsten Mitglied”. Wieder einmal ist es Simeon, der als Einziger die Frage des Lehrers zu beantworten weiß, das Zitat ist von George Bernhard Shaw. „Streber” neckt ihn Poppy. Der Großvater hält nichts von Bücherwissen, er ist überzeugt, dass sein Sohn Josua (Regan Tylor) den 14jährigen nicht hart genug anpackt.

“Mahana” basiert auf dem Roman „Bulibasha: King of the Gypsies” von Witi Ihimaera, dem Autor von „Whale Rider”. Das Drehbuch schrieb John Colee („Master & Commander”, 2003). Der neuseeländische Regisseur lässt manchmal auch Erlebnisse aus seinem eigenen Leben einfließen wie in der Szene, wo ein Jugendlicher auf dem Pferd ins Kino reitet. Auf der Leinwand läuft der Lieblingswestern Tamahoris: „Zähle bis drei und bete” („3:10 to Yuma”, 1957). Im Film ist es einer der Poata-Söhne, der das heillose Chaos im ausverkauften Saal auslöst. Begeistert und fassungslos zugleich schaut Simeon zu. Die wirkliche Überraschung aber ist Poppy, die das Durcheinander im Dunkel nutzt um ihn zu küssen. Bald darauf nimmt Simeons Schulklasse an einer Gerichtsversammlung teil, der junge Mahana soll am Ende der Verhandlung eine Dankesrede für den Richter halten. Die Verhandlung der angeklagten Maori dauert keine Minute, der weiße Pflichtverteidiger plädiert auch bei Bagatell-Delikten auf schuldig, die Betreffenden selbst kommen nicht zu Wort. Der Poata-Sohn wird für den Aufruhr, den er im Kino verursacht hat, zur Maximalstrafe von zwei Jahren verurteilt. Simeon verwirft seine Rede und stellt dem Richter stattdessen die Frage: „Wenn niemand hier Moari sprechen darf, wie sollen wir Maori uns dann verteidigen?” Clan-Chef Rupeni Poata (Jim Moriarty) dankt dem Jungen für seinen Mut.

Was dort im örtlichen Gerichtsaal geschieht, hat Autor Witi Ihimaera in seiner Jugend genauso erlebt. Es veränderte sein Dasein von Grund auf: „Ich erkannte zum ersten Mal, dass vor dem Gesetz nicht alle Menschen gleich sind. Seit dem Moment war mein Auftrag als Maori-Autor entschieden”. Es sind die unzähligen autobiographischen Details, die „Mahana” unwiderstehlich machen. Nur eine Minute und 35 Sekunden braucht der 14jährige Simeon, um ein Schaf zu scheren. Ein Rekord, aber wie jeden anderen Erfolg des Enkels wird der Großvater ihn ignorieren. Er quält ihn mit unnötigen Aufgaben, stundenlanges Holz hacken frühmorgens vor der Schule, nur als Strafe, nicht weil es gebraucht wird. Der Junge will arbeiten, sich beweisen, doch gerade diese Genugtuung gönnt ihm der Patriarch nicht. Simeon darf die Familie nicht begleiten zum Scheren der Schafe, dem Höhepunkt des Jahres. Er muss daheim bei den Alten bleiben. Die Pflichten und Befehle werden immer härter, sinnentleerter und infamer. Tamihana Mahana versteht sich darauf, seine Angehörigen zu erniedrigen. Er will Simeons Widerstand im Keim ersticken, ihm die eigene Ohnmacht vor Augen führen und erreicht doch damit genau das Gegenteil .
 
Das Foto, das Simeon heimlich eingesteckt hat, zeigt seine Großmutter als junges Mädchen zusammen mit Rupeni Poata. Der Junge insistiert, will wissen, was es damit auf sich hat. Die offizielle Version lautet, dass Tamihana seine Frau im letzten Augenblick vor einer ungewollten Ehe gerettet hätte. Das dunkle Geheimnis der Familie wird am Ende des Films entlarvt, und die Wahrheit ist um vieles grausamer und weniger romantisch. Von seiner Großmutter erhält der Junge nur zur Antwort, dass Männer für das kämpfen, was sie haben wollen. „Das haben sie schon immer gemacht und das werden sie auch immer weiter tun.” Die archaische Familien-Saga ist bestürzend realistisch inszeniert, hat eine ganz eigenwillige unterschwellige Dramatik. Es gibt hier kaum emotionalen Explosionen, die Protagonisten strahlen eine besondere Würde aus. Sie sind seit Jahrhunderten unterdrückt worden von den weißen Siedlern. Und sonst? Der Stammesälteste befiehlt, sie schweigen. Simeons Eltern durften nie eigenes Land erwerben. Dann eines Abends kommt es zum Eklat. Der Großvater verbietet den Jugendlichen jeden weiteren Kinobesuch. Der 14jährige ist nicht mehr bereit sich unterzuordnen. Sein Vater Joshua verteidigt ihn gegen die ungerechten Attacken des alten Mannes. Tamihana verbannt nicht nur den Enkel, sondern auch dessen Familie von seiner Farm und enterbt sie. Doch er hat nicht mit der Entschlossenheit Ramonas gerechnet. Sie lehnt sich gegen ihn auf und schenkt Simeon und den Angehörigen ihr altes Haus und Land.

Das Haus entpuppt sich zwar als verfallene Bruchbude mit undichtem Dach, ohne fließendes Wasser, aber Eltern und Geschwister stehen hinter dem Jungen, nehmen die Herausforderung an. Gefragt ist Pioniergeist wie im Wilden Westen. Befreit von der Dominanz des Großvaters, beginnt eine überraschend glückliche Zeit, bis Joshua bei einem Unwetter verunglückt. Temuera Morrison als Tamihana Mahana gehört nicht unsere Sympathie, aber er ist die beeindruckendste Gestalt in diesem ländlichen Kosmos: stolz, stoisch, streng und tief religiös. Gefürchtet in der Familie, geachtet in der Gemeinde. Wer so hart ums Überleben gekämpft hat wie er, weiß, dass man nach außen hin Geschlossenheit zeigen muss. In „Die letzte Kriegerin” spielte Morrison den Vater Jake Heke, einen gewalttätigen gewissenslosen Alkoholiker. Das ist Mahana nicht, im Gegenteil, seine ganze Fürsorge gilt der Familie. Er hat das Majestätisch-Düstere eines Shakespeare Helden, ihn zerfrisst die Gier nach Macht und sein dunkles Geheimnis. Er duldet kein Wort der Kritik, ist unnachgiebig selbst in der Stunde seines Todes: „Ich wurde ohne Deine Hilfe geboren, ich werde ohne Deine Hilfe sterben” erklärt er dem Enkel, der geduldig an seinem Krankenbett ausharrt. Es braucht Stärke um vergeben zu können, die fehlt dem alten Mann. Und doch ähneln sich Enkel und Großvater, das hat Ramona richtig erkannt. Mahana ist ein Patriarch alter Schule wie Vito Corleone in Francis Ford Coppolas „Der Pate” (1972) oder Big Daddy in Richard Brooks’ „Die Katze auf dem heißen Blechdach” (1958).

Regisseur wie Protagonisten versuchen Tradition und Gegenwart miteinander in Einklang zu bringen. Hier geht es nicht wie in anderen Filmen über die Maori um Gewalt oder Drogen, auch nicht um das Mythisch-Spirituelle. Witi Ihimaera wollte das Leben der Maoris auf dem Land zeigen, bevor sie in die Städte zogen. „Mahana” ist für ihn der Vorläufer zu „Die letzte Kriegerin”. Aber eigentlich dreht sich alles um die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Liebe, die zurückgewiesene, die unerschütterliche, die enttäuschte, grade entflammte. Liebe steht für Glück, Zärtlichkeit, Nähe, Verständnis genau wie für Brutalität, Gier, Zerstörung oder Einsamkeit. Liebe lässt sich nicht erzwingen, davon handelt die Familien-Saga und nie zuvor hat sich der Zuschauer vorstellen können, dass ein Scher-Wettbewerb so existenziell spannend sein könnte. Die Schafzucht war mit den Kolonialherren nach Neuseeland gekommen, ähnlich wie in Australien nahm sie bald schon industrielle Ausmaße an. Die benötigten Arbeitskräfte wurden häufig unter den Maori gesucht, die es darin zu wahrer Meisterschaft brachten. Die harte körperliche Arbeit garantierte zumindest ein geregeltes Einkommen. Die offizielle Politik Neuseelands verfolgte über viele Jahrzehnte konsequent die Assimilierung der Maori. In den fünfziger und sechziger Jahren war die maorische Sprache an Schulen, in Behörden und anderen öffentlichen Institutionen verboten.



Originaltitel: Mahana    
Regie: Lee Tamahori  
Darsteller: Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning  
Produktionsland: Neuseeland, 2016  
Länge: 104 Minuten  
Verleih: Prokino Filmverleih   
Kinostart: 1. September 2016

Fotos & Trailer: Copyright Prokino Filmverleih

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avatar Knerz
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Danke für den Hinweis. Den Film werde ich ganz sicher ansehen. „Die letzte Kriegerin” hat mich damals berührt wie kaum ein anderes Kinowerk zuvor oder hernach.
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avatar adarompf@gmx.de
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In allen Facetten genaue Beschreibung des Films, mit dem nicht unwichtigen sozialen Hintergrund.
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