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Film

„Das Talent des Genesis Potini”. Von Dämonen, Gewalt, Einsamkeit und dem unverhofften Sieg der Türme

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Dienstag, den 14. Juni 2016 um 10:06 Uhr
„Das Talent des Genesis Potini”. Von Dämonen, Gewalt, Einsamkeit und dem unverhofften Sieg der Türme 4.7 out of 5 based on 318 votes.
Das Talent des Genesis Potini Film Trailer

Er, der Ausgestoßene, ein psychisch kranker Obdachloser, will Kids aus verarmten Māori-Familien neues Selbstvertrauen geben, ein Ziel. Regisseur James Napier Robertson inszeniert die Odyssee des einstigen neuseeländischen Schach-Stars mit kraftvoll rauer ästhetischer Virtuosität: Realistisch, düster krass, gnadenlos unsentimental und doch ungeheuer ergreifend.

In eine riesige bunte Flickendecke gehüllt, schlurft Genesis Potini (Cliff Curtis) im strömenden Regen durch die Straßen Gisbornes, ein aufgedunsener verwirrter Gigant in rosa Crocs und ausgeleierter Jogginghose. Sein leerer Blick ist irgendwo in der Ferne gerichtet, das Gesicht des Protagonisten wird unsere Bühne, dort spielen sich die Kämpfe ab zwischen ihm und seinen Dämonen. Manisch depressiv lautet die offizielle Diagnose. Da wankt er nun einer Zivilisation entgegen, die ihn, das Genie, den Einfältigen, lieber hinter Gittern sähe. Seine Entschlossenheit, sie erinnert an Leonardo DiCaprio in „The Revenant”. Aber der Māori will keine Rache, im Gegenteil, Konstruktives schaffen, das Sinn macht in dieser Welt des Wahnsinns. Er hat etwas von einem seltsamen mythologischen Wesen oder vergessenen Erlöser, mutig, unerschrocken.

‚Dark Horse’ nannten ihn früher seine Bewunderer, jetzt heißt er überall nur noch Gen. Er stammelt oft Unzusammenhängendes, feuert sich selber an: Fokussieren, Stabilität, die Überreste tausendfach erteilter Ratschläge wiederholt er immer wieder. Das Ausnahmetalent hat viele Jahre in der Psychiatrie verbracht. Gang wie auch Sprache sind manchmal schleppend, unbeholfen. Die Medikamente haben ihre Spuren hinterlassen. Gen wirkt einschüchternd, fast bedrohlich mit seinem rasierten Schädel und dem fehlenden Zahn, und ist doch so fragil. Ein kindlich sanfter Mann, der aus der Zeit gefallen scheint und sich selbst am meisten vor seinen Stimmungsschwankungen fürchtet. In einem Antiquitätengeschäft entdeckt er ein Schachspiel, aufgeregt redet er mit sich selbst, beginnt eine Ein-Mann-Partie zu spielen. Die Polizei kommt, nimmt ihn fest wegen ungebührlichen Verhaltens.

Die Ärzte sind überzeugt, dass ihr Patient allein nicht in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Auch wenn er es höchst ungern tut, bittet Gen den älteren Bruder (Wayne Hapi), ihn bei sich aufzunehmen. Widerstrebend willigt Ariki ein. Er ist Mitglied einer kriminellen brutalen Biker Gang, die für ihn eine Art Ersatzfamilie und Teil des Māori-Erbes darstellt. Gewalt, Drogen, Alkohol sind hier Synonym für Schutz, Identität, Überlegenheit. Der leicht aufbrausende aggressive Macho ist das Gegenteil von Gen, ein muskulöser tätowierter Hüne, jede Form von Schwäche verachtet er. Ariki ist schwer krank, weiß, er wird bald sterben. Mana (James Rolleston), sein Sohn, ein schlaksiger, mürrischer scheuer Teenager soll deshalb seinen Platz in der Gang einnehmen. Mana hat panische Angst vor den Initiationsriten, davor, wieder erniedrigt zu werden. Die perfiden Rituale haben ihn nicht stärker oder härter gemacht, sondern innerlich gebrochen. Schach wird sein Akt der Rebellion gegen die väterliche Autorität. Auch wenn Gen es um jeden Preis vermeiden will, beginnt zwischen den Brüdern ein Machtkampf um die Seele des Jungen.

Auf dem schwarzen Brett eines Supermarkts entdeckt Gen die Werbung für einen unbedeutenden Schachklub, wo Jugendliche sich nach der Schule treffen: ‚The Eastern Knights’. Es ist für ihn wie eine Offenbarung. Eigentlich hat er die Geduld seiner Mitmenschen schon hinreichend strapaziert, aber wenn er eine Idee hat, platzt er vor Energie und Begeisterung, klingelt nachts seinen Freund aus dem Schlaf, um ihm die Neuigkeit zu verkünden. Verstehen tut ihn keiner. Er, der Schach-Champion der Māori, gilt als Legende, ist ein Meister des Speed Chess, und nun will er Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen das Spiel der Könige lehren. Er verspricht den Kids, die nur über rudimentäre Kenntnisse verfügen, sie alle fit zu machen für die nationalen Juniorenmeisterschaften in Auckland. Und das in nur sechs Wochen. Die Betreuer sind wenig begeistert, Kinder aus Problemfamilien brauchen ihrer Ansicht nach eine verlässliche Bezugsperson, realistische Perspektiven, nicht einen exzentrischen Chaoten und Träumer wie Gen. Der aber ist überglücklich: „Ich will ihnen nur die Chance geben, irgendetwas zu sehen von der Welt”. „Die Welt will sie nicht sehen,” entgegnet sein Bruder eiskalt. Mit dem Geld, das ihm Ariki gegeben hat für eine eigene Unterkunft, kauft Gen Schachbretter und Arbeitsmaterialen für seine Schüler. Das bedeutet, dass er nun obdachlos ist, nachts draußen schlafen wird.

In dem Augenblick, als Gen beginnt, jene Jugendlichen, für die Erfolg bisher immer nur ein Privileg der Oberschicht war, in die Geheimnisse des Schachs einzuführen, verändert er sich völlig. Und auch seine lauten, zappeligen, ewig plappernden, sonst oft unaufmerksamen Schüler. Genesis Potini mobilisiert die eigenen Kräfte wie die der anderen, suggestiv, hypnotisch. Schach wird hier zur Überlebensstrategie. Konzentration heißt das Zauberwort. Jedes Mädchen und jeder Junge wählt stolz eine Figur von Gens altem wundervoll geschnitzten Schachbrett. Von nun an sind sie eine verschworene Gemeinschaft fern von Banden, Drogen, Verbrechen und Gewalt. Er fragt seine Kids nach den zehn entscheidenden Regeln: „Die Mitte kontrollieren”, „Türme zusammen”, „Zwei Türme zusammen sind stärker als einer. Niemand darf eine Figur zurücklassen. Alle zusammen, so bauen wir unser Netz auf.” Mehr wie ein Prediger als ein Coach beschwört Gen die Geister der Vergangenheit. Unter seiner Führung entwickelt das Brettspiel eine ganz eigene Dynamik, die Mythen der Māori, ihre Sagen und Traditionen vermischen sich mit der Wirklichkeit zu einem faszinierenden Kosmos. Abends kehrt der einstige Champion wieder zurück in die Einsamkeit, hüllt sich in seine Decke und blickt hinab auf die fernen Lichter der Stadt. Der Film hat Momente bestürzender Schönheit.

Kameramann Denson Baker („Winter on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom”) arbeitet mit starken Licht- und Schattenkontrasten besonders in den Gesichtern. Manchmal explodieren die Farben in der sonst eher düster unheilverkündenden Kulisse von Gisborne. Baker gibt dem Protagonisten seine tragische Aura. Mit dem kunterbunten Quilt über den Schultern verkörpert Genesis Potini die Verzweiflung eines Königs, den man aus seinem Reich vertrieben hat. Ein Happyend im Hollywoodstil wird es nie geben. Die Dämonen lauern immer im Verborgenen, können jederzeit wieder hervorbrechen. Gen stopft sich die Tabletten in den Mund, „Stabilität” murmelt er flehentlich, als wäre es eine magische Formel. Der Kampf gegen die Krankheit wird weitergehen, Jahr für Jahr, Stunde für Stunde. Regisseur und Drehbuchautor James Napier Robertson („I’m not Harry Jenson”, 2009) macht diesen Schmerz greifbar, spürbar. Gen ist brillant, charismatisch, doch auch unberechenbar, ein Grenzgänger zwischen den Welten, der sich noch immer schwer tut mit Realität und Anpassung. Er ist eigentlich sanft, dann aber wieder kaum zu bändigen. Bei den Juniorenmeisterschaften wirken seine Kids neben den artig adretten Kandidaten wie ärmliche chancenlose Außenseiter, doch sie schlagen sich, wie zu erwarten, tapfer und mit Bravour. Nur Gen hat sich nicht im Griff. Dort wo Schweigen und Ruhe oberstes Gesetz sind, brüllt er seine Gefühle heraus. Irgendwann muss er wegen unerlaubter Zwischenrufe den Saal verlassen. Er schämt sich unendlich, seine Verzweiflung für den eigenen Mangel an Selbstkontrolle zerreißt einem das Herz.

Einzigartig die schauspielerische Leistung von Cliff Curtis („Die Letzte Kriegerin”, „Whale Rider”). Aktuell tritt er in der TV-Serie „Fear the Walking Dead” als Trawis Manawa den Kampf gegen Zombis an. Für den Part des Gen nahm er 30 Kilo zu ähnlich wie Robert de Niro für seine Rolle des Jake LaMotta in Martin Scorseses „Raging Bull” (1980). Der Film beruht zum großen Teil auf wahren Begebenheiten aus dem Leben des ungewöhnlichen Schach-Champions Genesis Potini (1963-2011). Potinis engster Mitarbeiter, Noble Keelan, erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem bulligen, allein schon von seiner Statur her beeindruckenden Mann: „Wir lebten im selben Viertel, hatten aber kaum etwas miteinander zu tun. Ich wusste nur, dass viele vor ihm Angst hatten. Als ich 16 war, lernten wir uns kennen. Doch kaum hatten wir uns miteinander bekannt gemacht, entschuldigte er sich höflich, überquerte die Straße und schlug jemanden zusammen. Ich verschwand schnell in die andere Richtung und wusste, dass ich mit diesem Menschen nie wieder etwas zu tun haben wollte.”

15 Jahre später kreuzten sich ihre Wege erneut. Damals hatte Genesis Potini grade wieder ein Jahr in der Psychiatrie verbracht. Der Hüne, der am liebsten in rosa Crocs herumlief („Es waren die einzigen Schuhe in seiner Größe und er fand, er sei Mann genug, um Rosa tragen zu können”, so seine Frau Natalie) war zutiefst niedergeschlagen. Eigentlich wollte er nur mit Keelan, der mit einem Bekannten von ihm befreundet war, eine Partie Schach spielen Doch er blieb im wahrsten Sinne des Wortes für immer und kümmerte sich von nun an um die jungen Mitglieder des Schachclubs ‚The Eastern Knights’. Anfang unterrichtete der Club ausschließlich Māori-Kinder. Doch als der Schach-Veteran erkannte, welchen Erfolg sie mit Jugendlichen hatten, bestand er darauf, auch Kinder mit ADHS oder anderen Problemen aufzunehmen, vor allem solche aus sozial benachteiligten Familien. Genesis Potini starb mit 47 Jahren an einem Herzinfarkt.


Originaltitel: The Dark Horse
Regie / Drehbuch: James Napier Robertson
Darsteller: Cliff Curtis, James Rolleston, Kirk Torrance, Wane Hapi, Xavier Horran
Produktionsland: Neuseeland, 2014
Länge: 124 Minuten
Verleih: Koch Media
Kinostart: 16. Juni 2016

Fotos & Trailer: Copyright Koch Media

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