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Film

„Mein Ein, mein Alles” – Liebe als Selbstzerstörung

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(302 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Anna Grillet  -  Donnerstag, den 24. März 2016 um 12:21 Uhr
„Mein Ein, mein Alles” – Liebe als Selbstzerstörung 5.0 out of 5 based on 302 votes.
Mein Ein, mein Alles Film Trailer

Ihre Chronik einer Amour Fou inszeniert die französische Regisseurin Maïwenn als mitreißenden rauschhaften Taumel der Gegensätze und Leidenschaften. „Mein Ein, mein Alles”, das sind große Gefühle in Nahaufnahme: spontan, verstörend, schonungslos, doch für Momente immer wieder voll irrwitzigem Zauber.
Die steile Skipiste im Blick zögert Tony (Emmanuelle Bercot) kurz, dann stürzt sie sich in die Tiefe. Das Resultat der waghalsigen Abfahrt: ein komplizierter Bänderriss am Knie und absoluter Stillstand. Nichts erinnert hier in der sterilen Reha-Klinik mit Meerblick an den bewegten Alltag einer erfolgreichen Anwältin aus der Großstadt. Unerträgliche Schmerzen quälen sie, der Rollstuhl, die Hilflosigkeit, plötzlich ist Tony nur eine Patientin von vielen, verzweifelt, einsam. Das Knie sei immer auch ein Spiegelbild der Seele, erklärt die Therapeutin. Selbst wenn sich Tony dagegen wehrt und sie wehrt sich in diesen Wochen gegen alles, tauchen Bilder aus der Vergangenheit auf, von der Beziehung zu Georgio (Vincent Cassel), ihrer großen Liebe, dem Vater ihres Sohnes.

Vor zehn Jahren war Georgio einer Naturgewalt gleich in ihr Leben eingedrungen. Er hat sie stürmisch umworben, zum Lachen gebracht, eine Sensibilität bewiesen, die auch wir nie von ihm erwartet hätten. Vielleicht ist er der Einzige, der sie die Demütigung ihres geschiedenen Ex vergessen lassen kann. Die Scham über eigene Unvollkommenheit zerstörte ihr Selbstbewusstsein. Nun ist sie zum ersten Mal wieder glücklich, aber die Unsicherheit bleibt. Am Morgen nach der ersten Liebesnacht fragt sie Georgio, ob er einer dieser ‘connards’, dieser Mistkerle sei. „Nein”, sagt er aus tiefster Überzeugung, und fügt dann hinzu, er sei der König der connards. Es klingt wie charmante Koketterie, halb scherzhaft, entspricht aber irgendwo durchaus der Wahrheit. „Mon Roi” heißt der Film im Original nach einem Chanson von Elli Medeiros aus dem Jahr 1986 „Toi, toi mon tout mon roi”. Die Protagonistin kürt den Geliebten zu ihrem König. Jede Umarmung ist von hemmungsloser Leidenschaft, auch wenn die beiden aneinander scheitern, sind sie doch auf seltsame Art für einander bestimmt.

Giorgio ist Restaurantbesitzer, Draufgänger, Dandy, er stilisiert sein Dasein zu einer wundervollen chaotischen Dauer-Party. Geselligkeit in der Endlosschleife, nur nicht zur Besinnung kommen, um jeden Preis im Mittelpunkt stehen. Er kann brillant, ungeheuer witzig sein, mondän, verspielt, grenzenlos egoistisch, der geborene Verführer und Manipulator, einfach unwiderstehlich. Und doch war es Tony, die den ersten Schritt machte in jener Nacht, als sie ihn in der Disco erblickt. Sie spritzt dem obskuren Objekt ihrer Begierde Wasser aus dem Sektkübel ins Gesicht, so wie er es früher tat, wenn er Mädchen aufreißen wollte in der Bar, wo sie einst als Studentin jobbte. Sie ist ihm nie aufgefallen, und eigentlich passt Tony auch gar nicht in sein Beuteschema, er umgibt sich sonst mit exotischen jungen Geschöpfen wie Agnès (Chrystèle Saint-Louis Augustin) Ex-Model, Ex-Freundin und Kellnerin in seinem Lokal. Nachts überrascht Tony ihn beim Bügeln, Giorgio sagt, dass er ein Kind von ihr möchte. Er ist ein Mann der großen Gesten, beim ersten Treffen wirft er ihr sein Handy zu und weg ist er. Telefonnummern austauschen ist was für Spießer und die Hochzeit Ausdruck von Ungebundenheit und Übermut. Keine Ringe und ein Picknick mit Freunden, das erinnert an die Filme und Abenteuer der Nouvelle Vague, wo ein Wettlauf durchs Louvre aufregender wird als ein Banküberfall.

Während Tony in der Klinik beim Versuch, wieder laufen zu lernen, schmerzhafte Rückschläge erleidet, werden die Erinnerungen immer düsterer. Maïwenn versteht sich auf Bilder, die unter die Haut gehen. Genauso schonungslos wie sie in ihrem Sozialdrama „Polizei” (2011), den Alltag einer Pariser Kinderschutzeinheit schilderte, beschreibt sie nun die Abgründe dieser verhängnisvollen selbstzerstörerischen Beziehung. „Mein Ein, mein Alles” hat keine Angst vor Hässlichkeit, fasziniert grade durch sein Streben nach Wahrhaftigkeit. Das Drehbuch schrieb die 39jährige Regisseurin zusammen mit Etienne Comar. Ob Momentaufnahmen des Glücks oder der Verzweiflung, das Unvorhersehbare ist hier Programm, die Szenen werden oft nur angeschnitten, vor dem dramatischen Höhepunkt schwenkt der Film ab. Die Schauspieler machen sich die Blickpunkte ihrer Charaktere zu eigen, improvisierende Dialoge und erreichen so jene ungeheure Authentizität. Tony hört nicht auf die Warnungen ihres Bruders Solal (Louis Garrel). Georgio entwickelt eine beängstigend Nonchalance, mit der er seine Ehefrau verletzt, als wäre Rücksichtslosigkeit ein Synonym für Selbstverwirklichung. Er sucht sich bald schon eine Zweitwohnung, der Gerichtsvollzieher aber erscheint bei Tony, pfändet alles. Agnès droht immer wieder mit Selbstmord, und der sonst so anarchistische Hasardeur fühlt sich in diesem Fall verpflichtet, zu jeder Tag- oder Nachtzeit zu helfen, demonstriert ostentativ Verständnis. Die schwangere Tony dreht durch und der Zuschauer versteht ihre Eifersucht nur zu gut.

Emmanuelle Bercot und Vincent Cassel sind beide grandios als Kontrahenten wie als Liebende. Maïwenn vermeidet bewusst jede Art Opfer-Täter-Konstellation, und doch möchte man Tony wegzerren von diesem Mann, seinen permanenten Demütigungen. Der Zuschauer sehnt den Moment herbei, dass jemand die Protagonistin stoppt, herausreißt aus dem Teufelskreis. Ihre hysterischen oder anklagenden Ausbrüche sind peinlich wie herzzerreißend. Was vielleicht unromantisch klingen mag, gehört jedoch ohne Zweifel zu den großen Liebesdramen des Kinos wie François Truffauts „Adèle H.” (1975) oder Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe” (2013). Nur dies ist eine Amour Fou von Vierzigjährigen, das Alter macht sie noch verletzlicher, ihr Anspruch auf Glück wird verzweifelt, drängend, als müsste jetzt gelingen, was nie zuvor gelang. Der Charme von Vincent Cassel („Black Swan”, „Public Enemy No 1”) hat etwas Toxisches, sein markantes Gesicht kann strahlen, Sekunden später bekommt es etwas bösartig Lauerndes, Gehässiges. Dann wieder verwandelt er sich in einen herrisch selbstgefälligen Clown, der um Aufmerksamkeit buhlt und mit seinen Capricci einen ganzen Speisesaal in Schrecken versetzt. Zeitgeist Selbstinszenierung. In der Öffentlichkeit mimt er zuweilen gern den Beschützer, aber Verantwortung ist ihm zuwider, auch wenn Tony permanent darauf pocht. Unter solchem Druck kollabiert jede Beziehung. „Mein Ein, mein Alles”, der Titel sagt es, grade er soll nun ihren Vorstellungen eines wirtschaftlich erfolgreichen und treu sorgenden Familienvaters entsprechen. Die Protagonistin hatte sich in einen herrlich verrückten und unberechenbaren Typ verliebt, später treibt sie genau das in den Wahnsinn. Der Absturz ist vorprogrammiert, trotzdem verliert der Film nie ganz seine Leichtigkeit und subtile Ironie.

In „Mein Ein, mein Alles” geht es weniger um die Macht der Gefühle als um ihre Ohnmacht. Die Schwächen und deren Geheimnisse verbanden die Liebenden einst. Das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit war die Basis ihrer Intimität und Erotik. Sie geht nie ganz verloren, und grade das machte es für Tony so schwer sich zu lösen. Antidepressiva, Aufputschmittel, Drogen, Alkohol, der Abhängigkeiten sind viele, die gefährlichste bleibt die Liebe. Georgio verspricht Besserung, aber braucht ständig neue Kicks. In der Reha zwischen toughen witzigen Jugendlichen aus den Vororten findet die Protagonistin langsam ihren Kampfgeist wieder. Das ist das moderne Frankreich. Die Söhne muslimischer Migranten besitzen jene Menschlichkeit, die sie während der letzten Jahre so vermisste. Die Jungen aus den französischen Problemvierteln sagen grade heraus, was sie denken, für Selbstmitleid ist dort kein Platz, sie bewundern Tony als starke Frau. So entwickelt sich ihre körperliche Genesung zu einer emotionalen Entziehungskur. Langsam verliert das unwiderstehliche Alphatier an Zauber und Bedrohung. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Emmanuelle Bercot als beste Schauspielerin ausgezeichnet.


 


Originaltitel: Mon Roi    
Regie / Drehbuch: Maïwenn   
Darsteller: Vincent Cassel, Emmanuelle Bercot, Louis Garrel    
Produktionsland: Frankreich, 2015   
Länge: 125 Minuten
Verleih: StudioCanal Deutschland  
Kinostart: 24. März 2016

Fotos & Video: Copyright StudioCanal Deutschland

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