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Film

„Spotlight” - Die Mauer des Schweigens durchbrechen

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(387 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Anna Grillet  -  Montag, den 22. Februar 2016 um 11:24 Uhr
„Spotlight” - Die Mauer des Schweigens durchbrechen 4.6 out of 5 based on 387 votes.
Spotlight Film Trailer

Vielleicht der spannendste Film, der je über investigativen Journalismus gedreht wurde.
Tom McCarthys ungewöhnliches Newsroom-Drama „Spotlight” rekonstruiert Schritt für Schritt minutiös, wie ein kleines Reporter-Team des ‚Boston Globe’ die systematische Vertuschung von Kindermissbrauch innerhalb der katholischen Kirche aufdeckt. Acht Monate dauerten die Recherchen. Das Ausmaß des Skandals erschütterte die Weltöffentlichkeit. Viele Opfer pädophiler Priester fanden nun erst den Mut gegen ihre Peiniger vorzugehen. Die Artikelserie erhielt 2003 den Pulitzerpreis.

Es ist ein spektakulärer Fall, aber alles Spektakuläre vermeidet der amerikanische Regisseur ganz bewusst. Es geht ihm in seinem realistischen Thriller um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Etwas, das in Vergessenheit gerät, während uns täglich neue Wellen von emotionalem Gesinnungsjournalismus überschwemmen. Ein gefährlicher Jahrmarkt der Eitelkeiten: jeder attackiert jeden. Fakten und Zusammenhänge, sie werden sträflich vernachlässigt. Gelegentliche Sensationen müssen genügen, die Leser bei Laune zu halten. Das Drehbuch von „Spotlight” schrieb McCarthy (Win Win, 2011) zusammen mit Josh Singer (The Fifth Estate, 2013). Die beiden erzählen die Geschichte allein aus der Perspektive der Journalisten, einzige Ausnahme der Prolog: In einer Winternacht 1976 wird Father John Geoghan auf einer Polizeistation festgehalten, aber nur kurz, die Erzdiözese schaltet sich ein. 25 Jahre später, im Juli 2001, wird bekannt, dass genau jener Priester während seiner Amtszeit mehr als 80 Jungen sexuell missbrauchte.

Es ist der erste Tag von Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) beim Boston Globe, eine der renommiertesten Tageszeitungen der USA. Die Atmosphäre ist angespannt, man befürchtet Kürzungen und Jobverlust, hatte auf einen Boss aus den eigenen Reihen gehofft. Der Neue ist distanziert, er spricht leise und ruhig. Die geheimnisvolle Zurückhaltung wird sich nie ändern, er ist überzeugter Einzelgänger und Außenseiter. „Ein unverheirateter Mann jüdischen Glaubens, der Baseball hasst,” lautet das vernichtende Urteil seiner Gegner. Grade jene distanzierte Haltung gibt ihm die Freiheit, skrupellos unangenehme Fragen zu stellen. Bei der ersten Konferenz spricht er die Kollegen auf den Artikel über sexuellen Missbrauch an. Ihm scheint unverständlich, dass dem Thema in der Vergangenheit so wenig Bedeutung beigemessen wurde. Seiner Meinung nach ist es die perfekte Story für ‘Spotlight’, das auf langfristige schwierige Recherchen spezialisierte Ressort, meist über Korruption. Drei Reporter, ein Redakteur. Sie hausen in einem tristen Kellerbüro zwischen staubigen Aktenbergen, schmuddeligen Kaffeebechern und Unmengen von Archivmaterial. Was sie suchen, findet man nicht im Internet. Das ist geheim. Die Institution der Kirche anzugreifen, ein Affront, den der Globe bisher nie gewagt hatte. 53 Prozent der Zeitungs-Abonnenten sind römisch-katholisch.

„Die großen Institutionen sollen zusammenarbeiten”, erklärt der Erzbischof beim Treffen mit dem Chefredakteur. Höflich widerspricht Marty Baron, Zeitungen dürfen nie ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setzen. Hinter wohlgemeinten Ratschlägen, gütigem Altmännerlächeln, der Kumpelhaftigkeit an der Bar oder auf dem Golfplatz, spürt der Zuschauer immer eine verhaltene Drohung. Die Reporter stoßen fast überall in der Stadt auf erbitterten Widerstand. Aber schlimmer noch wenn sie feststellen müssen, dass einer von ihnen es versäumt hat, dem Fall nachzugehen. Schon vor fünf Jahren landete ein Karton mit brisanten Unterlagen über zahlreiche Missbrauchsfälle auf dem Schreibtisch der Redaktion. Ressortleiter Walter ‚Robby’ Robinson (Michael Keaton) war zu sehr mit dem Establishment der Stadt verbandelt, fürchtete vielleicht auch die Allmacht des Klerus. Er und seine Leute müssen nun erkennen, dass es sich nicht um einige wenige Täter handelt. Die Verflechtung von Politik, Kirche, Justiz und Polizei verhinderten geschickt, dass die Straftaten der Geistlichen an die Öffentlichkeit gelangten. Für Top-Anwälte wie Eric MacLeish (Billy Crudely) sind pädophile Priester ein höchst einträgliches Klientel. MacLeish sorgt dafür, dass die Klagen gegen sie ad acta gelegt werden und verpflichtet die Opfer zum Stillschweigen. Die Entschädigungen sind beschämend niedrig, und das in den USA, der Hochburg von Schadensersatzansprüchen.

Die engagierten Journalisten von ‚Spotlight’ sind keine modernen Kreuzritter oder großherzige Idealisten. McCarthy stilisiert sie nie zu Helden, er kreiert eine Welt, die bis ins letzte Detail realistisch ist. Und auch die Schauspieler verzichten auf alles Glamouröse, wollen nichts weiter sein als jene Reporter mit all ihren Schwächen, Stärken und Macken. Zurückhaltung wird zum Programm: Darin unterscheidet sich das vielschichtige Newsroom-Drama von Alan J. Pakulas Verschwörungsthriller „Die Unbestechlichen” (1976) oder dem opernhaften Grandeur von Orson Welles’ „Citizen Kane” (1941). Hier zählt allein die Story. Recherchieren ist eigentlich eine wenig leinwandwirksame Tätigkeit. Wie der 49jährige Regisseur es schafft, jeder Szene, ob am Fotokopierer oder daheim am Geschirrspüler, eine solch suggestive Kraft und Spannung zu geben, grenzt bisweilen an Zauberei. Der Zuschauer fühlt sich unwillkürlich als Teil des Teams, fiebert mit, fürchtet, dass die Ermittlungen vielleicht doch noch scheitern. Mit jedem neuen Missbrauchsfall, den zögernden erschütternden Geständnissen der Opfer, wächst der Druck auf die Journalisten, aber auch ihre Entschlossenheit. Kameramann Masanobu Takayanagi wird hier zum Meister eines rational ästhetischen Purismus. Vorbild waren die Filme von Sidney Lumet und Robert Altman. Takayanagi verzichtet auf die heute oft üblichen Close-Ups, die Nähe suggerieren sollen, geht stattdessen auf Distanz, zeigt das Miteinander der Akteure. Man ist aufeinander angewiesen, ergänzt sich. Die Kamera folgt den Reportern in langen Tracking Shots durch Gänge, Flure, Straßen, Bibliotheken und Behörden. Die Stadt scheint nur aus unüberwindlichen Mauern zu bestehen.

Mit unglaublicher Beharrlichkeit kämpft Reporter Michael Rezendes (Mark Ruffalo) um das Vertrauen von Mitchell Garabedian (Stanley Tucci), dem Anwalt der Opfer und Hinterbliebenen. Ein unwirscher, misstrauischer Mann, der bewunderungswürdige Arbeit leistet, ein Privatleben kennt er nicht. „Ich habe nie geheiratet, ich war zu beschäftigt”, erklärt er, während er auf einer Parkbank den in der Plastikdose mitgebrachten Lunch verspeist. Seine Kooperation, sein Know-How sind entscheidend für den Erfolg der Recherchen. „Spotlight” ist auch ein Film über Außenseiter, Rezendes ist einer von ihnen, Portugiese und aus East Boston. Er haust in einem düsteren kleinen Apartment, ist der emotionalste im Team, ehrgeizig, ein wenig verbissen, sehr engagiert, intelligent, aufbrausend und auch ungeduldig. Er will mit der Veröffentlichung der Story nicht mehr warten. Marty Baron macht seinen Leuten klar, dass es ihm nicht um Sensationen oder einen Scoop geht. Das System soll entlarvt werden, die Verflechtungen der Institutionen, das braucht seine Zeit. Der Chefredakteur will beweisen, dass die Entscheidungen von ganz oben kamen. Unverzichtbar für eine Crew wie ‘Spotlight’ ist Matt Carroll (Brian d'Arcy James), der Woche für Woche unzählige Aktenstapel und Archivmaterial durchforstet, um irgendwo einen Hinweis zu entdecken, der zu einer neuen Spur führt. Recherchieren ist eine große Kunst, es verlangt Instinkt, Disziplin, Durchsetzungsvermögen, Sensibilität, Diplomatie, viel Geduld und vor allem Mut. Mut nicht als ostentative heroische Geste, sondern den Mut zu enervierender Kleinarbeit, den Mut sich, wenn notwendig, unbeliebt zu machen und immer wieder Misserfolge hinzunehmen.

Recherchieren verlangt auch die Fähigkeit zuhören zu können und das kann Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), Durch den Kontakt mit dem Gründer von SNAP, einer Hilfsorganisation, trifft die Journalistin Betroffene. In ihrer Jugend wurden sie von einem Geistlichen missbraucht. Über die Vergangenheit zu sprechen ist für die Männer ungeheuer belastend. Die Scham erdrückt sie. Meist sind es Kinder aus problematischen Familien. „Wenn ein Priester einem Jungen aus einer armen Familie Beachtung schenkt, ist das eine große Sache. Wie kann man Gott etwas abschlagen.” Der Zuschauer begreift, wie viel Einfühlungsvermögen es braucht, ein Opfer von sexuellem Missbrauch zu interviewen. Wie viel Schmerz darf man einem Menschen zumuten? Wie viel Schmerz kann man selber verkraften? Die Recherche verändert das Leben aller Beteiligten. Sacha Pfeiffer ging noch bis vor kurzem mit ihrer Großmutter sonntags in die Kirche, das schafft sie nicht mehr. Diese Artikel werden der alten Frau – an der sie so hängt – unendlich weh tun. 70 Geistliche sind involviert, 1000 Opfer. Wie Rezendes voller Wut herausbrüllt: Es passiert im ganzen Land, auf der ganzen Welt. Sie wussten es und sie haben es zugelassen, es hättest Du sein können, oder ich oder jeder von uns.“ Der Film geht behutsam mit den Opfern um, aber er zeigt in den wenigen Gesprächen das Ausmaß der seelischen Qualen. Die Zukunft dieser Kinder wurde zerstört, ihr Glaube an Gott und die Menschen. Heute sind sie unsichere, zutiefst unglückliche Menschen.

Nicht nur Regisseur und Drehbuchautor haben lange vor Ort für den Film recherchiert, auch die Schauspieler. Die Reporterin Sacha Pfeiffer war verblüfft: „Rachel frage mich unzählige Dinge. Wie lang waren deine Fingernägel im Jahr 2001. Hast du zu Mittag gegessen in der Cafeteria des Globe oder hast du dir Essen von zu Hause mitgebracht? Wie sahen deine Schuhe aus? Hast Du die Garderobe gewechselt, wenn du spazieren gegangen bist? Wie viel hast du deiner Familie erzählt? Was hat Dein Ehemann gedacht? Hat Dich die Arbeit jemals frustriert... Jede Einzelheit war ihr wichtig, selbst welche Armbanduhr sie getragen hätte.” Und Rachel McAdams erinnert noch genau, wie Sacha ihr die Begegnungen mit den Opfern schilderte: “Viele Jahre hatten sie ihre Traumata verdrängt, hatten nie darüber gesprochen, was vorgefallen war, konnten sich niemandem offenbaren. Und da komme ich und rufe aus heiterem Himmel ohne Vorwarnung an und bitte sie über ihre Missbrauchserlebnisse zu sprechen, stelle ihre mühsam aufrechterhaltene Welt auf den Kopf. Sacha erzählte mir, dass es ihr nicht richtig vorgekommen wäre, wenn sie einfach die Interviews gemacht und danach wieder ihrer Wege gegangen wäre, den Schmerz der Menschen ausgenutzt und sie dann wieder allein gelassen hätte. Bis heute hält sie Kontakt zu vielen der Opfer, lange nachdem ihre Berichte veröffentlicht wurden.”

„Spotlight” ist für sechs Oscar nominiert: Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch, Bester Nebendarsteller (Mark Ruffalo), Beste Nebendarstellerin (Rachel McAdams) und Bester Schnitt


Originaltitel: Spotlight
Regie /Drehbuch: Tom McCarthy
Darsteller: Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams
Produktionsland: USA, 2015
Länge: 128 Minuten
Verleih: Paramount Pictures Germany
Kinostart: 25. Februar 2016

Fotos & Trailer: Copyright Paramount Pictures Germany

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avatar Robert W. Moeller
+1
 
 
Ich liebe „Die Unbestechlichen”, schaue ihn noch immer mind. ein Mal im Jahr. Sollte "Spotlight" vielleicht tatsächlich an dieses Meisterwerk herankommen? Ich bin gespannt und werde am Wochenende mit freudiger Erwartung ins Kino laufen.
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