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Film

„The Hateful Eight” – Abraham Lincoln und der Kopfgeldjäger

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(322 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Anna Grillet  -  Donnerstag, den 28. Januar 2016 um 11:22 Uhr
„The Hateful Eight” – Abraham Lincoln und der Kopfgeldjäger 4.9 out of 5 based on 322 votes.
The Hateful Eight

Sein Vergnügen an schrägem perfiden Humor ist ungebrochen, aber Kult-Regisseur Quentin Tarantino präsentiert sich dieser Tage mit Vorliebe als radikaler Systemkritiker, nicht nur wenn er daheim in den USA gegen Polizeigewalt demonstriert sondern auch in dem monumentalen zynischen Leinwand-Epos „The Hateful Eight”: Der grandiose finstre Schnee-Western mutiert zum skurril bösartigen Kammerspiel um Justiz, Wahrheit, Willkür und Rassismus.

Wyoming, wenige Jahre nach Ende des Bürgerkriegs. Schauplatz ist ‚Minnies Miederwarenladen’, ländlich anheimelnde Kutschenstation in eisiger Einöde. Draußen heult der Wind, pfeift durch die Balken der Blockhütte. Sieben Männer und eine Frau haben hier Zuflucht gesucht vor dem drohenden Blizzard. Der schnauzbärtige Kopfgeldjäger John ‚The Hangman’ Ruth (Kurt Russell) stellt den Anwesenden Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) vor, eine gesuchte Mörderin, die er wohlweislich mit Handschellen an sich gekettet hat. Gern prahlt und protzt er mit der 10.000 Dollar Prämie, die er in Little Rocks für sie kassieren wird. Prozess, Verurteilung und Hinrichtung, John hat eine Schwäche für das Gesetz, zur Bekräftigung rammt er in regelmäßigen Abständen seinem Schützling den Ellbogen ins Gesicht. Die quittiert dergleichen mit provokanter Gleichmut oder einem hinterlistig koketten Lächeln. In den Vereinigten Staaten witterte man Frauenfeindlichkeit, aber diese Daisy ist eher Anführer als Opfer. Unterdrückte Minderheiten wissen sich hier bei Tarantino sehr wohl zu wehren. Als Begrüßung hebt die wilde Lady mit dem blauen Auge siegesgewiss die Faust wie ein Boxchampion. Blessuren jeder Art sind für sie eine Auszeichnung und wohlüberlegte Strategie.

Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) bevorzugt seine Gefangenen gleich zu erschießen. Leichen lassen sich bequemer transportieren, er hat drei davon im Gepäck. Das Töten hat der frühere Sklave und spätere Kavallerist im Sezessionskrieg gelernt. Mit von der Partie: Chris Mannix (Walton Goggins) ein zwielichtiger Südstaaten-Söldner, er behauptet, der neue Sheriff von Red Rocks zu sein. Von Minnie selbst übrigens keine Spur, ein Mexikaner namens Bob (Demian Bichir) vertritt sie. Recht schweigsam Cowboy Joe Cage (Michael Madsen), angeblich schreibt der irgendwelche Memoiren. Oswaldo Mobray (Tim Roth) seines Zeichens Henker, gibt sich distinguiert mit Bowler Hat und britischem Akzent. Die Reisenden kramen bereitwillig Papiere und Legitimationen hervor, kontrollieren gegenseitig die Rechtmäßigkeit ihrer Professionen. Schurken sind sie alle, ob Gangster oder Ex-General wie der mürrische Sandford Smithers (Bruce Dern). Seine Frau ist tot, der Sohn verschwunden, die Konföderierten haben den Kampf verloren. Reue zeigt der überzeugte Rassist keine. Jeder misstraut jedem, völlig zu Recht. Niemand ist, was er vorgibt zu sein. Bald schon verwandelt sich ‘Minnies Miederwarenladen’ in das Schlachtfeld von einst. Amerika im Miniaturformat. Verbündete werden gesucht, trügerische Allianzen geschmiedet und wieder aufgekündigt. Während im Kamin ein Feuer lodert und auf dem Herd der Eintopf köchelt, streiten die Gegner erbittert über die Aufteilung des Raums in Norden und Süden. Jahrhunderte alte Ressentiments und Vorurteile prallen auf einander. Ein Kompromiss ist nicht in Sicht, der Waffenstillstand reine Utopie.

Major Marquis Warren mahnt zur Besonnenheit und die Protagonisten folgen seinem Ratschlag, drosseln das Tempo, wenn sie genüsslich Moral und patriotische Ideale ins Gegenteil verkehren und als längst verlogen entlarven. Sie feilschen, tricksen, betrügen mit großer Cleverness, sind dreist, eloquent, spöttisch, unflätig. Jede Ablenkung ist ihnen recht, sie greifen sie zur Gitarre und spielen auch mal was Weihnachtliches auf dem Piano. Das Brechen von Tabus erstarrt im künstlerischen Bereich oft genug zum sinnentleerten Ritual, wobei Regisseur, Maler oder Schriftsteller selbstzufrieden in kritischer Haltung schwelgen, ohne einen Augenblick daran zu denken, dass diese Pose sich selbst vielleicht schon längst ad absurdum geführt hat. Anders Quentin Tarantino, er versteht seine Zuschauer zu provozieren, in Bewusstseinsschichten vorzudringen, die auch gefährlich werden können für die Einnahmen an der Kinokasse. Dieser Mann ist kompromisslos auf eine Art, der man Bewunderung zollen muss. Nicht weil Blut und Innereien sich in kunstvollen Fontänen ergießen (der Eintopf war vergiftet). Worte werden hier zur gefährlichsten Waffe. Die überbordenden Dialoge sind wahrlich meisterhaft, atemberaubender als jede Actionsequenz und entwickeln zugleich eine seltsame suggestive Musikalität. Die lustvoll brutalen Tiraden des zornigen Racheengels Warren erinnern an das Grauen der demütigenden Folter von Abu-Ghuraib. Gewalt erzeugt Gegengewalt, das Opfer wird zum Täter. Derweil beginnt die höchst amüsante und geistreiche Suche nach dem Mörder. Sergio Leone trifft auf Monsieur Poirot. Der Western war immer schon ein ideales Vehikel für Zeitgeist und politische Message, ob in der Eisenhower-Ära oder den Jahren nach Watergate, nach Bedarf regierungskonform oder systemkritisch.

Jeder Film von Tarantino ist für seine Fans auch eine Art opulenter Schnitzeljagd. Begierig halten sie Ausschau nach den unzähligen Anspielungen auf die Favoriten ihres Meisters wie jene italienischen Spaghetti-Western, die ihn zu „Django Unchained” inspiriertem. Manches in „The Hateful Eight” erinnert an den frühen John Ford, Sam Peckinpah oder John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt”. Aber kaum jemand hätte mittendrin ein köstlich makabres Who-Dunnit im Stil von Agathe Christie vermutet. John ‚The Hangman’ Ruth muss als erster aus dem Leben scheiden, mit ihm stirbt jede Illusion von Recht und Gerechtigkeit. Das Sagen hat von nun an sein Gegenspieler Major Marquis Warren, der geschickt das blutiges Gemetzel nach Splatter-Manier mit den britischen Ermittlungsmethoden der sogenannten „Murder Mysteries” verbindet. „Eine falsche Bewegung und ihr fangt Euch eine Kugel ein, keine Warnung, keine Frage. Eine Kugel”. Diese Empfehlung beherzigen, wie zu erwarten, nicht alle. Der Antiheld kombiniert seine krude, sprachgewaltige Zivilisationskritik mit der bodenständigen Gewitztheit einer Miss Marple: Da steckt eine Gelee-Bohne zwischen den Dielen und bald schon weiß der Zuschauer, was aus der gastfreundlichen Minnie und ihrem gutmütigen Gatten Sweet Joe geworden ist. Die Monologe bersten vor wahnwitziger Boshaftigkeit. Geniales Theater, großes Kino: Tarantino, der ehemalige Videothekar, ist ein wahrer Zauberer, was vielschichtige Verflechtungen und bizarre Verstrickungen angeht. Für das Drehbuch von „Pulp Fiction” und „Django Unchained” wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet, er hätte gerade dieses Mal eine Nominierung verdient schon allein für die Idee des Briefes von Abraham Lincoln.

Schon zu Anfang des Westerns, als die Kutsche sich noch mühsam ihren Weg durch die Schneemassen bahnt, dreht sich das Gespräch um jenen legendären Brief, den der Nordstaaten-Offizier Warren von Präsident Abraham Lincoln erhalten hat. Stolz präsentiert er das Schreiben seinen Mitreisenden gleich einer Reliquie. John ‚The Hangman’ Ruth zeigt sich tief beeindruckt, die furchtlose Daisy spuckt voller Abscheu darauf. Wie zu erwarten, eskaliert die Situation, die Fahrt muss kurz unterbrochen werden. Auch in den letzten Minuten des Films ist es dieser Brief, der für ein unvergessliches Finale sorgt. Abraham Lincoln, gemäßigter Gegner der Sklaverei, avanciert zu einer Art Schutzpatron des schwarzen Kopfgeldjägers. Nur deshalb zollen ihm die Anderen einen gewissen Respekt, doch den Rassenhass kann nichts verhindern. Das N-Wort wird viel strapaziert. Freiheit hieß damals wie heute noch lange nicht Gleichheit. Es gibt keine Helden in dieser Geschichte, aus Gejagten werden Jäger und umgekehrt. So trostlos das Abbild der amerikanischen Gesellschaft scheinen mag, irgendwo ist ein Funken Hoffnung, es lohnt sich zu kämpfen, zumindest wissen wir wogegen. Der Meister des schwarzen Humors arbeitet nicht mit den üblichen Hollywoodstars, er hat seinen eigenen festen Clan, zu dem Tim Roth, Michael Madsen und Samuel L. Jackson gehören. Auch bei der Wahl der Akteure setzt er ganz bewusst auf die Assoziationen früherer Filme, Kurt Russel trat schon als Kind in TV Western-Serien auf. Jennifer Jason Leigh, zum ersten Mal mit dabei, wurde bei den Academy Awards nominiert für die Beste Nebenrolle. Ihr abgründiges dämonisches Grinsen lässt das Blut in den Adern gefrieren. Den Ladys räumt der 52jährige Filmemacher generell keinerlei Privilegien ein, sie müssen viel einstecken, haben aber Rollen wie in “Kill Bill” oder “Jackie Brown, in denen sie ihre Stärke und Überlegenheit unter Beweis stellen können. Samuel L. Jackson als rigoroser eloquenter Rächer ist vielleicht die komplexeste Figur, die Tarantino je erschaffen hat.

„The Hateful Eight” polarisiert: „Sterbenslangweilig, bestialisch und ekelerregend” heißt es da, selbst beim dritten Mal bleibt dieser Film noch spannend. Bestialisch ist die Realität, wir können sie ignorieren, Tarantino tut es nicht. Plötzlich, wo er politischer, literarischer, vielschichtiger wird, nicht mehr nur stylish und cool, stören sich einige Kritiker an seinen blutrünstigen skurrilen Gewaltszenen, dem perfiden Humor. Auf der anderen Seite erkennen viele Rezensenten durchaus die historische und ästhetische Bedeutung dieses ungewöhnlichen Films. Der Regisseur setzt sich immer neue Herausforderungen, künstlerisch wie technisch: Dieses Mal war es das fast vergessene Ultra-Panavision 70mm, es kam zuletzt 1966 bei „Khartoum-Aufstand am Nil” zum Einsatz. Das Breitwandformat 1: 2,76 ist perfekt für endlose staubige Prärien genau wie für unheilvolle Schneewüsten. In Archiven fanden sich noch fünfzehn alte Objektive, von denen einige schon bei dem Wagenrennen in „Ben Hur” benutzt worden waren. Sie wurden überholt und so angepasst, dass man sie vor moderne Kameras schrauben konnte. Panavision stellte der Crew 600 Meter lange Filmrollen zur Verfügung, damit ließen sich Szenen von sechs bis sieben Minuten in einem Stück drehen. Die eisigen düsteren Gebirgszüge werden in Robert Richardsons langsamen dramatischen Kamerafahrten zu schroffen, unglaublich fein ziselierten Skulpturen. In Innenräumen erzeugt das Format eine beunruhigende klaustrophobische Intimität. Die abweisende Schönheit der Natur steht nur scheinbar im krassen Gegensatz zur grotesk grausamen Gewalttätigkeit der Akteure. Den Soundtrack schrieb der 87jährige Ennio Morricone. Nichts erinnert an seine melodischen Kompositionen wie in Sergio Leones „Es war einmal in America”, hier bei Tarantino regiert allein das Böse, die Willkür und der Hass.




Originaltitel: The Hateful Eight
Regie / Drehbuch: Quentin Tarantino
Darsteller: Kurt Russell, Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Tim Roth. Michael Madsen, Demian Bichir
Produktionsland: USA, 2015
Länge: 167 Minuten
Verleih: Universum Film
Kinostart: 28. Januar 2016

Fotos & Trailer Copyright Universum Film

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avatar Ada Rompf
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Anna Grillet, vielschichtig und umfassend wie immer. Eine Qualität die heute eher selten geworden ist.
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