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Film

„The Revenant – Der Rückkehrer” – Wo Himmel und Erde eins werden 



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Geschrieben von Anna Grillet  -  Dienstag, den 05. Januar 2016 um 11:00 Uhr
„The Revenant – Der Rückkehrer” – Wo Himmel und Erde eins werden 

 5.0 out of 5 based on 479 votes.
The Revenant  Der Rückkehrer Film Trailer

Philosophisches Survival-Epos mit Bildern von überwältigender archaischer Schönheit und ebensolcher Grausamkeit. Spektakulär: Leonardo DiCaprio.
Oscar-Preisträger Alejandro González Iñárritu inszeniert seinen majestätischen Schnee-Western „The Revenant – Der Rückkehrer” als mystischen Rachethriller. Das Drehbuch schrieb der mexikanische Regisseur zusammen mit Mark L. Smith.

Ausgangspunkt war Michael Punkes Roman „Der Totgeglaubte” (2002), ein spannender Mix aus Fakten und Fiktion. 1823 ist die raue Wildnis am Oberlauf des Missouri noch das Territorium des Stammes der Arikara. Der erfahrene Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) begleitet als Scout die Pelzhändler-Expedition der „Rocky Mountain Fur Company“ auf der Suche nach neuen Jagdgründen. Seine indianische Frau war eine Pawnee und hatte den Abenteurer die Gesetze des Überlebens gelehrt, nicht nach oben auf die hohen Äste zu schauen, die herabstürzen können, sondern auf den Stamm, der Vertrauen in Festigkeit verspricht. Der gemeinsame Sohn, Hawk (Forrest Goodluck), fast noch ein Kind, ist nur geduldeter Außenseiter, ein Grenzgänger zwischen den Kulturen. Der Vater schärft ihm ein, den Blick zu senken, nicht aufzufallen, sich unsichtbar zu machen. Im entscheidenden Moment kann ihn Glass nicht beschützen, das wird er sich nie vergeben.

Die Natur ist allgegenwärtig, hier draußen wird es nie still, die Bäume ächzen, krachen, splittern, jeder Schritt, ob im Schnee oder Morast, hat seinen eigenen unverwechselbaren Klang. Die Laute der Vögel, auch das Klick-Klack ihrer Schnäbel klingt bedrohlich. Das Pfeifen des Windes in den Baumwipfeln, das Rauschen der reißenden Wasserfälle wird zur unheilvollen Geräuschkulisse. Alles scheint in seinen Grundfesten erschüttert durch das Eindringen der Fremden, die glauben, sich die Wildnis untertan machen zu können. Aber das Land wehrt sich, schlägt zurück. Als der Film beginnt, waten die Pelzjäger durch den überfluteten Wald, versuchen sich vor dem Überraschungsangriff der Indianer zu schützen. Vergeblich, die Pfeile verfehlen selten ihr Ziel. Jeder Moment der Idylle ist trügerisch, zwei junge tapsige Bären spielen zwischen den hohen Tannen. Das Unterholz knackt, Sekunden zu spät bemerkt Glass den riesigen Grizzlybären, der sich auf ihn stürzt und zu Boden reißt, ihm die Kehle zerfetzt. Immer wieder graben sich die Krallen ein in Rücken und Brustkorb. Der Mann wehrt sich erbittert. Ein Schuss trifft das Tier. Es greift erneut an, schlägt die Zähne tief in den Oberschenkel seines Opfers. Der Trapper rammt mit letzter Kraft der Bärin ein Messer in die Eingeweide. Der kolossale leblose Körper des Grizzlys fällt auf Glass. Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) und seine Leute versuchen die entsetzlichen Wunden notdürftig zu flicken. Der Verletzte kann kein Wort mehr hervorbringen, er röchelt nur noch. Hawk ist verzweifelt.

„The Revenant – Der Rückkehrer” ist mehr als ein Arthausfilm oder Blockbuster: ein unvergleichliches Erlebnis, auf befremdende Art real, es packt den Zuschauer mit unerbittlicher Wucht und erfüllt ihn zugleich mit seltsamer Andacht. Die Zeit drängt, der Trupp muss weiterziehen. Auf einer Bahre aus Ästen schleppen die Pelzjäger mühsam den Kameraden mit sich über das unwegsame Gebirge. Der Captain bietet demjenigen 70 Dollar, der hier bei dem Schwerverletzten sein Lager aufschlägt und sich um ihn kümmert, bis er stirbt. Lange kann es nicht mehr dauern. John Fitzgerald (Tom Hardy) erklärt sich bereit, aber verlangt mehr Geld. Auch der unbedarfte junge Jim Bridger (Will Poulter) will bei dem verwundeten Trapper und dessen Sohn bleiben, er verzichtet zugunsten des Anderen auf seinen Anteil der Prämie. Fitzgerald tötet Hawk, versteckt dessen Leichnam, dann hebt er ein Grab für Glass aus, stößt ihn hinein und bedeckt den Körper mit Bärenfell und Erde. Dem Jungen lügt er vor, eine Attacke der Indianer stände kurz bevor und überredet ihn zur Flucht. Fitzgerald schnappt sich das Gewehr des Trappers, dessen Ausrüstung und Werkzeug und überlässt den Mann schutzlos seinem Schicksal. Bridger fehlt der Mut, sich gegen den skrupellosen Söldner aufzulehnen, er weiß nicht, dass Hawk tot ist. Selbst die fürchterlichsten Schmerzen sind für Glass nichts verglichen mit der Qual, hilflos mit ansehen zu müssen, wie sein Sohn umgebracht wurde. Langsam kriecht er aus dem Grab heraus. Nur das Verlangen nach Rache hält ihm am Leben und gibt ihm die Kraft, sich Hunderte von Kilometern in der gefährlichen winterlichen Einöde bis zum nächsten Fort durchzukämpfen.

Glass kriecht durch den Schnee. Sein keuchender rasselnder Atem wird zum Herzschlag des Films. Auch später bleibt lange noch jeder Schritt eine Qual. Es ist eine grausame Odyssee durch das unendliche Weiß, ein Land scheinbar ohne Grenzen. Der Horizont verschwindet im Schnee, Himmel und Erde werden eins. Alles ist hier monumental und mächtig, die Bäume scheinen in den Himmel zu wachsen, die Einsamkeit unermesslich. Das gleißende, beklemmende niederdrückende Weiß, es hat nichts Heimeliges nur Feindliches, suggeriert mehr Todesnähe als Unschuld. Die Gefahren lauern überall. Ohne Waffen steht Glass den Wölfen gegenüber, aus dem Jäger wird ein Gejagter. Die Natur ist ein gnadenloser Gegner. Der Trapper wird fortgerissen von eiskalten Wasserfällen, stürzt steile Hänge hinab, nächtigt im Inneren eines Pferdekadavers. Alles ist von beängstigender Authentizität. Fünfmal war Leonardo DiCaprio bereits für den Oscar nominiert, sonst fasziniert er wie in „The Wolf of Wall Street” immer durch Eloquenz, nun in der Rolle des schwer verletzten Trappers drückt er seine Gedanken und Gefühle ganz ohne Worte aus. Das zerfurchte bärtige Gesicht wird zur Projektionsfläche von Verzweiflung, Panik und Entschlossenheit. Das schwere Bärenfell über den Schultern stapft er ungelenk durch den Schnee. Glass ähnelt dem Tier, das er erlegt hat. Er nagt die Fleischreste von halb verwesten Tierknochen. Seine Wunden eitern, unser Held brennt sie aus. Auch wenn die Schmerzen unerträglich sind, nichts bricht seinen Überlebenswillen. Er strahlt eine eigenartige Würde aus. Der rasselnde Atem geht über in Trommelwirbel. Für Iñárritu, der sich selbst einmal als verhinderter Musiker bezeichnet hat, spielt der Soundtrack eine entscheidende Rolle. Er gibt dem Film sein drängendes Tempo und den beängstigenden Drive. In den Kompositionen von Ryuichi Sakamoto, Bryce Dessner und Carsten Nicolai verschmelzen äußere Gefahren und innere Ängste.



Jede Geschichte von Alejandro González Iñárritu ist auch eine spirituelle. Hugh Glass kämpft mit den Dämonen der Vergangenheit. Die Sehnsucht nach seiner Frau verfolgt ihn, sie wurde in einem Massaker umgebracht und taucht nun immer wieder in seinen Visionen, Erinnerungen und Fieberträumen auf. Das Einzige, was ihn mit der Realität noch verband, war sein über alles geliebter Sohn. „Ich habe keine Angst mehr zu sterben, ich bin schon tot,” erklärt der Protagonist schon zu Anfang des Schuld- und Sühnedramas. Er ist den Geistern näher als den Menschen. Der mexikanische Regisseur kehrt zurück zu dem Thema eines Vaters, der mit den eigenen Unzulänglichkeiten kämpft wie Uxbal in „Biutiful”. Der an Krebs sterbende Hehler macht verzweifelte Anstrengungen, die Zukunft seiner Kinder zu sichern. Er scheitert kläglich genau wie der Schauspieler Riggan Thomson in „Birdman”, der nur noch stoisch tapfer die Vorwürfe der Tochter erträgt. Sie versagen jeder auf ihre Weise, riskieren viel, was aber nur der Zuschauer weiß. Symbolische Landschaften spiegeln das Unterbewusstsein des Protagonisten. Riesige Pyramiden aus Tierschädeln erzählen vom blutigen Beginn der unrühmlichen Eroberungen des weißen Mannes. Plötzlich im Wald die Ruine einer mit Fresken ausgemalten Kirche. Die Wildnis am Oberlauf des Missouri wird zum Testgelände für das, was sich später Zivilisation nennt. Vom romantischen Mythos des Wilden Westens keine Spur, dies ist der Beginn eines Kapitalismus, der unbarmherzig Menschen wie Ressourcen ausbeutet und zerstört. 



Lange suchten Iñárritu und sein Team, bis sie in den schneesicheren Gebieten Kanadas und Argentiniens die perfekte Location entdeckten. Die Natur sollte unberührt sein, so wie Anfang des 19. Jahrhunderts als die ersten Europäer am Missouri auftauchten. Der Regisseur drehte den Film chronologisch, ein wahnwitziges Unterfangen. Schritt für Schritt wiederholte er den Leidensweg des legendären Trappers. Kameramann war Emmanuel ‚Chivo’ Lubezki, der schon in „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)” und den Filmen von Terrence Malick sein einzigartiges Talent bewies. Iñárritu verzichtete auf jede Form künstlichen Lichts, um so die dramatisierenden Hell-Dunkel-Kontraste (Chiaroscuro) zu erreichen ähnlich den Gemälden von Caravaggio oder Rembrandt van Rijn: „So wie Birdman durch Musik inspiriert wurde, ist dieser Film durch bildende Kunst inspiriert worden”. Lubezki arbeitete mit der neuen Arri Alexa 65, die eine höhere Auflösung besitzt als je eine Digitalkamera zuvor. Vor allem ist sie kälteresistent. Der Kameramann benutzte Weitwinkelobjektiven mit Brennweiten zwischen 12 und 21mm nicht nur wegen ihrer besondere Tiefenschärfe, sondern auch weil sie quasi die Distanz zwischen Protagonist und Zuschauer aufheben. Man sieht den Atem, der die Linse beschlägt. Auf Grund der Jahreszeit und extremen Wetterverhältnisse hatte das Team oft nur 90 Minuten Drehzeit am Tag zur Verfügung. Die so entstandenen Tableaus sind voll dunkler Magie und düsterer schwermütiger Schönheit. In der scheinbar unendlichen weißen Landschaft schrumpft der Mensch zu einem winzigen unscheinbarem Punkt. Die Dialoge sind spärlich, die raubeinigen Pelzjäger wortkarg, sie erzählen ihren Kameraden in wenigen Worten von dem, was ihr Dasein geprägt hat. Die Verbindungen zur Außenwelt sind längst abgebrochen, dies ist eine kleine eingeschworene Gemeinschaft. 



Der Roman von Michael Punke, von Beruf Rechtsanwalt und US-Botschafter bei der Welthandelsorganisation (WHO), beeindruckt weit weniger als der Film. Hugh Glass ist hier ein Einzelgänger ohne familiäre Bande, und so wird auch kein Sohn ermordet. Fitzgerald, der bei Iñárritu vom Hass auf die Indianer zerfressen ist, weil sie ihn halb skalpiert haben, interessiert sich im Buch vor allem das kostbare Gewehr, welches er dem Rivalen schon immer geneidet hat. Seine Strafe nach Rückkehr des Totgeglaubten fällt erstaunlich milde aus: zwei Monate ohne Sold und das Gewehr muss er zurückgeben. Der echte Hugh Glass wurde 1828 von den sogenannten freien Trappern als ihr Interessenvertreter gewählt. Ziel war das Monopol der Rocky Mountain Fur Company zu brechen. Im Februar 1833 überquerte er mit zwei Gefährten den zugefrorenen Yellowstone River, um am anderen Ufer Fallen aufzustellen. Sie wurden von dreißig Arikara angegriffen und getötet. Über John Fitzgerald mangelt es an Informationen. Verbürgt ist lediglich, dass er einer der beiden Männer war, die Hugh Glass in Stich ließen. Unter Historikern besteht Uneinigkeit, ob Jim Bridger der zweite Mann war. Es soll aber zahlreiche Belege dafür geben, dass Glass ihn im Fort am Big Horn zur Rede stellte und ihm dann verzieh. Bridger arbeitete 20 Jahre lang als Scout für Siedler, Expeditionen und die US-Army. Er verstarb 1878 und wird wegen seiner Leistungen als Trapper „King of the Mountain Men” genannt. 





Originaltitel: The Revenant 

Regie: Alejandro González Iñárritu 

Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson 

Produktionsland: USA, 2015 

Länge: 157 Minuten 

Verleih: 20th Century Fox Deutschland
Kinostart: 6. Januar 2016

Fotos & Trailer: Copyright 20th Century Fox Deutschland

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