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Film

„Life”. Der Fotograf und sein Rebell

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Donnerstag, den 24. September 2015 um 10:32 Uhr
„Life”. Der Fotograf und sein Rebell 4.9 out of 5 based on 313 votes.
Life Film Trailer

Wer kennt es nicht jenes weltberühmte Schwarzweißfoto vom regennassen Times Square: James Dean, den Mantelkragen hochgeschlagen, die Zigarette lässig im Mundwinkel, die Hände tief in den Taschen vergraben. Regisseur Anton Corbijn erzählt, wie dieses Bild entstand. Sein neuer Film „Life” ist das Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft. Ästhetisch virtuos inszeniert, klug, melancholisch, ein wenig ironisch, von frappierender, fragiler Schönheit.

Los Angeles 1955, der 26jährige Fotograf Dennis Stock (Robert Pattinson) hasst es, Stars auf dem Roten Teppich abzulichten oder bei gesellschaftlichen Events. Die Routine ödet ihn an. Er weiß, er hat das Zeug zum Künstler und will Karriere machen mit anspruchsvollen Stories im Life-Magazin. Dieser Abend wird sein Leben verändern und ihn seinem Traum ein Stück näher bringen. Auf der Party von Regisseur Nicholas Ray begegnet er einem jungen Schauspieler, James Dean (Dane DeHaan). Noch ist der ein Unbekannter für viele in Hollywood, grade hat er Elia Kazans „Jenseits von Eden” abgedreht und spekuliert nun auf die Hauptrolle in „...den sie wissen nicht was sie tun”. Auch Jimmy, wie er genannt wird, nervt das oberflächliche Spektakel des Filmbusiness, und er ist angenehm überrascht, einen Gleichgesinnten zu treffen. Er lädt Dennis für den nächsten Tag zu einer Preview ein.

Der Fotograf wittert sofort seine große Chance. Dieser Junge ist etwas ganz Besonderes, das spürt er. Cool trotzig, entschlossen, doch gleichzeitig auch sensibel und schüchtern. Er hat eine unverwechselbare Art, sich zu bewegen, spricht betont schleppend, leise, etwas nuschelig provokant. Jimmy mit seinen 24 Jahren strahlt ungeheures Selbstbewusstsein aus im Gegensatz zu jemandem wie Dennis. Der ist hingerissen von Kazans Film und will unbedingt für Life einen Foto-Essay über James Dean machen. Bei der renommierten Magnum Agentur ist man von der Aussicht auf eine Story über einen Schauspieler, den noch keiner kennt wenig begeistert und empfiehlt dem ehrgeizigen Freelancer, weiter an seinem Portfolio zu arbeiten. Ein neuer wenig attraktiver Auftrag erwartet ihn schon, Dennis lässt sich nicht von seiner Idee abbringen.

Anton Corbijn wurde in dem Jahr geboren, als Dennis Stock jenes Foto auf dem Times Square schoss. Über ihn selbst wusste der Regisseur nicht viel, bevor er das Script las. Natürlich kannte er die Aufnahme, sie war allgegenwärtig, wurde zur Projektionsfläche der Nachkriegsgenerationen. Mit Jazz und Rock 'n’ Roll, begann eine neue Ära. Kein Foto wurde so oft reproduziert. Ikonische Bedeutung erlangte es erst nach einiger Zeit, der magische Moment ist nicht der, in dem der Fotograf abdrückt. Obwohl, ein Künstler ahnt so etwas, wenn sich in der Dunkelkammer beim Entwickeln langsam die Gestalt abzeichnet. Das Bild avancierte zum Mythos genau wie der Schauspieler selbst. Für den niederländischen Regisseur steht im Film nicht die Ikone James Dean im Vordergrund sondern der Fotograf Dennis Stock. Corbijn ist längst selber eine Legende, berühmt wurde er als Fotograf von Künstlern wie den Rolling Stones, Nick Cave, Bon Jovi, Bryan Adams, Joy Division aber auch Luciano Pavarotti. Er kreierte legendäre Plattencover, drehte zahlreiche Musikvideos, das erste 1983 in Hamburg für die Rockgruppe Palais Schaumburg. Die Bands Depeche Mode und U2 begleitet er seit Jahren als Artdirector. Sein bejubeltes Filmdebüt hatte er 2007 mit „Control”, „A Most Wanted Man” folgte 2013. Vom ersten Moment an schafft es Corbijn mit seiner expressiven eleganten Bildsprache, den Zuschauer in die Handlung hineinzuziehen wie in ein unsichtbares Netz, aus dem man sich nur schwer befreien kann. Seine Helden sind Einzelkämpfer, allein gegen den Rest der Welt.

Eine seltsame Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden Männern, der Begriff Freundschaft trifft es in dieser Phase wohl kaum, im Gegenteil. Der eine steht vor, der andere hinter der Kamera: die zwei haben völlig konträre Einstellungen nicht nur, wie ein Foto entstehen soll sondern auch gegenüber dem Leben. Dennis' Ehe ist in die Brüche gegangen, der siebenjährige Sohn lebt bei der Mutter in New York, die klagt über die kärglichen Einkünfte und dass er seine Pflichten als Vater grob vernachlässigt. Der Fotograf ist nur auf James Dean fixiert, er umwirbt ihn auf etwas ungelenke Art, will dem Schauspieler eine verbindliche Zusage entlocken, folgt ihm bis nach New York. Doch der Rebell lässt sich nicht an die Kandare legen, er weiß um sein Charisma, aber ist sich nicht sicher, ob Hollywood ihm wirklich zusagt und macht sich deshalb rar. Auch bei dem Studioboss von Warner entwickelt er eine beeindruckende Fähigkeit, seine Gegenüber zu provozieren. Auf die PR Maschinerie hat er keine Lust, und das zeigt er unmissverständlich. Mit Dennis spielt er, mal darf der mitkommen zum Friseur, zur Lee Strasberg Bühne, einem Jazz Club oder zur Pressekonferenz, dann wieder ist Funkstille. Verzweifelt versucht der junge Fotograf ein paar vernünftige Fotos zusammenzustellen. Der Star in spe versteckt sich in seinem Zimmer, tut so, als sei er nicht daheim. Dennis lauert vor dem Haus, nicht wie der Paparazzi aus dem 21. Jahrhunderts, sondern eher wie ein verbitterter Junge, der alles auf eine Karte gesetzt hat und dabei ist, zu verlieren. Dennis wirkt verkrampft, gehemmt, so als wäre er noch nie wirklich glücklich gewesen. Es ist eindeutig die spannendste Rolle in diesem Film. Robert Pattinson, das ehemalige Teenie-Idol aus „Twilight” verkörpert mit Bravour die unerträgliche Klette. Jimmy straft so viel Selbsterniedrigung und Tragik mit Verachtung. Er selbst weiß ziemlich genau, wie viel Nonkonformismus er sich gegenüber dem Studio-Boss von Warner leisten kann.

Der eigentlich schlanke Dane DeHaan („A Place Beyond the Pines“, „The Amazing Spider Man 2“) trainierte sich für die Rolle 25 Kilo dazu. James Dean war kräftiger, breiter gebaut als er. Der Schauspieler übernimmt die unverkennbare entspannte Körpersprache des trotzigen Rebellen. Das leicht verschlafene, nuschelnde English überzieht er bewusst, leider geht es in der Synchronisation völlig verloren. DeHaan bewundert James Dean sehr, deswegen wollte er die Rolle zunächst gar nicht annehmen. “Life” beruht auf einer wahren Geschichte und alles was der Zuschauer erlebt, geschieht immer unter der Prämisse, dass Jimmy bald sterben wird. Der Titel des Films bezieht sich nicht nur auf das Reportage-Magazin. Es geht immer wieder um Leben und Tod. Bevor die Dreharbeiten beginnen, will Jimmy noch einmal heim zu seinen Leuten auf den Bauernhof. Er nimmt Dennis mit, denn der Agenturchef von Magnum, John Morris (Joel Egerton) hält nichts von den ersten Fotos, die der Fotograf ihm zeigt. „Sie haben keine Seele”, behauptet er: „Ein Junge, der betrunken vor einem Bierglas sitzt, ist das Dein Idol?” Doch wann hat ein Foto eine Seele, und wer entscheidet es, Corbijn weiß, wie schwierig es ist, Distanz zu halten, um zu erkennen, welche Gefühle ein Bild vermittelt. Im Speisewagen des Zuges Richtung Indiana erzählt Jimmy von jener Fahrt mit dem Leichnam der Mutter im Gepäckwagen, wie er bei jeder Station den Bahnsteig entlang lief, um ihr noch einmal für einen Augenblick nahe zu sein. Er war neun Jahre alt damals. Der Zuschauer spürt, dieser Regisseur identifiziert sich mit seinen Protagonisten.

Luke Davies (Candy-Reise der Engel) schrieb das Drehbuch. Hier auf dem verschneiten Bauernhof, wo Jimmy aufgewachsen ist, kommt es zur entscheidenden Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern. Dennis hört heimlich ein Gespräch mit an, wie sich Jimmy darüber auslässt, dass der Fotograf ihm wie ein herrenloses Hündchen hinterher gelaufen ist. Er stehe sich selbst im Weg lautet das vernichtende Urteil. „Du glaubst noch immer, dass ich das Objekt dieses Ausflugs bin”, wirft er Dennis vor. Seiner Ansicht nach dreht es sich im Leben eines Künstlers um die Suche nach sich selbst. Das ist das Thema des Films, es gilt auch für Regisseur und die beiden Protagonisten. James Dean blieb dazu wenig Zeit. Er starb mit 25 Jahren. Die Szenen sind wie kurze Momentaufnahmen. Als Fotograf lernt man in einem einzigen Bild eine ganze Geschichte zu erzählen. Dennis hat seinen Sohn abgeholt für einen Spaziergang im verschneiten Park. Er sitzt neben dem Siebenjährigen auf einer Parkbank. Der Kleine starrt mürrisch auf das riesige Sandwich in seiner Hand, das ihm die Mama eingepackt hat für jenen kurzen Spaziergang mit dem Vater. Die beiden sind Fremde für einander. Kälte und Trostlosigkeit überträgt sich auf den Zuschauer. Gegen Ende des Films sitzt junge Fotograf mit seinem Sohn auf einer Feuerleiter. Er erklärt ihm, wie die Kamera funktioniert, fragt, ob er es nun selber mal probieren will. Und plötzlich ist da jenes Gefühl von Zusammengehörigkeit, dass bis jetzt gefehlt hat. Ein Kind ernst nehmen wie einen Erwachsenen, selber aber auch Kind bleiben, das hat Dennis auf jener Farm gelernt bei Jimmys Familie. In dem alten Bauernhaus, zwischen Traktor und Kühen entstehen die ersten wirklich überzeugenden Fotos. Jedes hat seine eigene Geschichte.


Originaltitel: Life
Regie: Anton Corbijn
Darsteller: Robert Pattinson, Dane DeHaan, Ben Kingsley, Joel Egerton
Produktionsland: USA , Großbritannien, Kanada, Deutschland, Australien, 2015
Länge: 112 Minuten
Verleih: Universum Film / SquareOne Entertainment

Fotos & Trailer: Copyright SquareOne Entertainment

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