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Film

„Knight of Cups” – Erlöst oder Verloren?

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Donnerstag, den 10. September 2015 um 10:58 Uhr
„Knight of Cups” – Erlöst oder Verloren? 4.9 out of 5 based on 359 votes.
Knight of Cups Film  Trailer

Sinnsuche im 21. Jahrhundert: US-Regisseur Terrence Malick inszeniert „Knight of Cups” als kunstvolle metaphysische Expedition. Mitreißend und erschreckend suggestiv. Der kühne Visionär bricht radikal mit traditionellen Erzählstrukturen.

Schauplatz Los Angeles, gleitende, taumelnde Bilder, ständig wechselnde Eindrücke, sie formieren sich zu einem düsteren aber nach Außen hin glitzernden Weltbild, um sich dann wieder aufzulösen und wenig später mit neuer verblüffender Botschaft zurückzukehren.
Aus dem Off eine Stimme: „Es war einmal ein junger Prinz, den sein Vater, der König des Ostens, nach Ägypten schickte, um eine Perle zu finden. Doch als der Prinz ankam, reichten die Menschen ihm einen vollen Becher. Nachdem er daraus getrunken hatte, vergaß er, dass er der Sohn des Königs war, vergaß die Perle und fiel in einen tiefen Schlaf.“ Sein Vater las ihm dieses Märchen vor, als er ein kleiner Junge war. Heute ist Rick (Christian Bale) ein erfolgreicher Drehbuchautor.

Der melancholische Abenteurer spürt die Leere seines Lebens, sehnt sich nach etwas anderem, größerem. Aber er weiß weder, was es ist noch wo oder wie man es findet. Rick ist innerlich zerrissen, die Verfehlungen seiner Vergangenheit verfolgen ihn. Der frühe Tod des Bruders Billy zerstörte das Selbstverständnis der Familie, lastet wie ein Alb auf ihnen allen. Der Vater (Brian Dennehy) kann mit der Schuld nicht umgehen, zwischen Verleugnung und Mea Culpa wächst sein Zorn. Rick lässt sich treiben, erst ein Erdbeben rüttelt ihn auf. Der Titel des Films bezieht sich auf die Tarot-Karte „Ritter der Kelche”, er steht für Romantik wie auch Idealismus, der Suche nach dem heiligen Gral, dem Ursprung des Seins und der eigenen Seele. Die amerikanische Autorin Rachel Pollack charakterisiert ihn als einen Menschen, „der sich den Verlockungen seines Kelches, einem Symbol für Imagination, ergeben und noch nicht gelernt hat, aus der schöpferischen Kraft seiner Träume etwas zu machen. Chance und Herausforderung des Ritters ist, den echten Inspirationen zu folgen, dann kann er weit in sein Inneres vordringen.”

Terrence Malick polarisiert das Publikum und vor allem die Kritiker. Die einen verehren ihn seit „Badlands” (1973) und „Der schmale Grat” (1998) als letzten großen Poeten des amerikanischen Kinos, andere brandmarken sein neues bildgewaltiges Werk als „harten Eso-Schrott”. Hollywood, das ist nicht nur der ‚Walk of Fame’ sondern auch Stars, verwirrt von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins, jener Scheinwelt in all ihrem Glamour und ihrer Oberflächlichkeit. Sinnsuche ist angesagt. Auch wer auf Esoterik allergisch reagiert, sollte deren Einfluss nicht unterschätzen. Sie löst die traditionellen Religionen ab, prägt in zunehmendem Maße Überzeugungen, Politik, Kunst und Kultur. „Eso-Schrott” wird sicherlich irgendwo auf unserem Planeten produziert, aber nicht bei Terrence Malick. Der hatte in seiner Jugend nach dem Harvard-Abschluss ein Rhodes-Stipendium an der Universität Oxford erhalten, wo er seine Doktorarbeit über Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein begann. Doch es kam zu Meinungsverschiedenheiten mit seinem Dissertationsbetreuer, dem englischen Philosophen Gilbert Ryle. Malick kehrte in die Vereinigten Staaten zurück. Wenig später begann er sein Filmstudium. Mit „Knight of Cups” kreiert der 71jährige ein schillerndes Sittengemälde von Los Angeles inklusive Geisteshaltungen und Glaubensrichtungen.

Rick stürzt sich in das Dolce Vita Kaliforniens. Sein innerer Monolog aus dem Off überschneidet sich mit den Stimmen der Frauen, denen er begegnet. Jede von ihnen steht für einen anderen Lebensweg. Nancy, die Ärztin (Cate Blanchett), Helen, das Model (Frieda Pino), Karen die Stripperin (Teresa Palmer), Elizabeth, die Geliebte, die sein Kind abtrieb (Natalie Portman). Der verdrossene Dandy wird umgarnt, umworben, umschwärmt. Vergeblich. Malicks Vision von erotischer Liebe ist mehr Ritual als Sex. Das ständige sich Lösen und neu Verbinden gerät zum befremdenden Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ruhe- wie ziellos irrt der Protagonist durch Diskos, Stripclubs, Partys, grandios in Szene gesetzt als absurde, traumwandlerische Spektakel. Die Vergangenheit holt die Gegenwart wieder ein, alte Wunden brechen auf. Ob gescheiterte Ehe oder unglückliche Affären, Bales Gesicht lässt wenig Emotion durch. Der Agent berichtet stolz von Erfolgen, die Ex-Ehefrau beklagt die Kinderlosigkeit. Ricks Indifferenz wird als solche ignoriert, die Gefühle von jedem anders interpretiert. Nancys Kopf an seine Schulter gelehnt, der Blick des verlorenen Sohnes ist in die Ferne gerichtet. Die Frauen, sie glauben ihn besser zu kennen, als er sich selbst.

„Knight of Cups” ist stilistisch die radikale Zuspitzung von „The Tree of Life” (2011) und „To the Wonder” (2012). Alles zerfällt in Fragmente, schreit nach Erlösung. Ricks Dialoge bleiben reduziert minimalistisch: „Dein Name?” Seine Worte entbehren bewusst jeder Verführung. Gedanken, Gefühle, Reflexionen kommen aus dem Off: Der ‚stream of consciousness’, jene radikale Erzähltechnik, die Leo Tolstoi für seinen Roman „Anna Karenina” erfand, beherrscht Terrence Malick mit einer Bravour wie kaum ein Anderer. Die Kompositionen von Pärt, Chopin, Debussy, Grieg, Corelli, Ivanovic und Kilarski werden unverzichtbarer Teil der spirituellen Sinnsuche. Rick rast mit seinem Cabriolet über den Interstate 405. Den Ansturm der Eindrücke muss der Zuschauer nicht analysieren, kann ihn unbedenklich genießen, sich treiben lassen genau wie der Protagonist. In seiner Dokumentation „Visions of Light” sagte Regisseur Martin Scorsese über Malicks Drama „In der Glut des Südens” (1979), man könne jedes Einzelbild dieses Films vergrößern und als Gemälde in einem Museum ausstellen. Hier fegt die Kamera hinweg über platzenden Asphalt, erhabene Schönheit entsteht dort, wo am wenigstens vermutet: im Entsetzlichen. Die Erde vertrocknet, bricht auf. Ein Parkhaus bei Nacht erstrahlt in gleißend weißem Licht wie eine überirdische Offenbarung und entlarvt sich noch im selben Moment als Schrein des Konsums.

Wo Palmen sind, suggeriert die Stimme im Off, ist alles möglich. Obdachlose auf den Straßen: sie schleppen sich ab mit der Bürde ihrer Habe, die schwer wiegt und doch nur ihnen etwas bedeutet. Das Fragmentarische ist mehr Leitmotiv als Stilelement. Metapher für Schicksal, göttliche Strafe oder Vorbote der Apokalypse? Wenn Nancy im Krankenhaus den Armstumpf ihres afroamerikanischen Patienten berührt, entsteht endlich etwas, das an Zärtlichkeit und Würde erinnert. Ricks Bruder (Wes Bentley) verkörpert dagegen nur den Zorn der Zerstörung. Was immer Barry in die Hand nimmt, wird zur Waffe, Er wütet, tobt. Wogegen? Das eigene Versagen, den Selbstmord seines Bruders, den Erfolg von Rick und den übermächtigen grausamen Vater. Der wäscht seine Hände nicht in Unschuld sondern in Blut. Zynismus ist Malick fremd, er inszeniert Hollywoods Jahrmarkt der Eitelkeiten als Teil der Schöpfung mit der gleichen Ehrfurcht, die er für die Natur empfindet. Das Erhabene, er und sein Stammkameramann Emmanuel Lubezki entdecken es überall. Ganz zu Anfang des Films zitiert Ben Kinsley Passagen aus dem religiösen Entwicklungsroman „The Pilgram’s Progress” (1678) des englischen Baptistenpredigers und Schriftstellers John Bunyan. Er schrieb das Buch während seiner zwölfjährigen Haft im Bedfordshire County-Gefängnis. Das Predigen außerhalb der anglikanischen Staatskirche wurde zu jener Zeit hart geahndet.

Die Filmstudios Hollywoods sind seltsam ausgestorben, als wäre das Kino schon tot. Es geht Malick darum, die Wirklichkeit hinter der Illusion zu entdecken. Es ist eine dekadente Welt, wo die Menschen kaum noch etwas verbindet außer Profitgier oder Armut, ihre Menschlichkeit haben sie längst eingebüßt. Die Stadtlandschaften reflektieren das Innenleben ihrer Bewohner. Rick, mehr Pilger als romantischer Held flüchtet in die Wüste. Einsamkeit, Stille, die archaische Natur lassen ihn langsam den Wahnsinn seines Lebens erkennen, er begreift „Leiden als Geschenk”. Der Ritter, Prinz oder Erlöser, er wird dadurch wachsen, sich selber finden. Er trifft Isabel (Isabel Lucas), sie verkörpert die Wahrheit. Aber die Pilgerfahrt hat erst begonnen.


Originaltitel: Knight of Cups
Regie: Terrence Malick
Darsteller: Christian Bale, Cate Blanchett, Natalie Portman, Imogen Poots, Antonio Banderas
Produktionsland: USA, 2015
Länge: 118 Minuten
Verleih: StudioCanal Deutschland

Fotos & Trailer: Copyright StudioCanal

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