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Film

“Das Märchen der Märchen”. - Von Begierden & Obsessionen

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Donnerstag, den 20. August 2015 um 10:11 Uhr
“Das Märchen der Märchen”. - Von Begierden & Obsessionen 5.0 out of 5 based on 340 votes.
Das Märchen der Märchen Film Trailer

Die Schicksale dreier Königsfamilien verwebt der Italiener Matteo Garrone in seinem bildgewaltigen verstörenden Epos „Das Märchen der Märchen” kunstvoll zu einem grotesken barocken Universum. Exzentrische Schönheit, wahnwitziges Grauen, anarchische Erotik, nichts erinnert hier an die sentimentalen Fantasy Produktionen der Hollywood-Industrie.
Der Film basiert auf der Märchensammlung des neapolitanischen Schriftstellers Giambattista Basile (1575-1632), bekannt als „Das Pentameron” (Fünftagewerk). Es erschien erst nach dem Tode des Autors zwischen 1634 und 1636. Durch eine Rahmenhandlung ähnlich dem „Decamerone” von Giovanni Boccaccio (1313-1375) oder „Tausendundeine Nacht” hatte Basile seine Erzählungen miteinander verknüpft. Die 50 wilden düsteren Fabeln waren einst als Unterhaltung für Kinder gedacht, Garrones ironisch bizarres Sittengemälde taugt dazu wohl kaum.


Hohe Gebirge schützen Burgen und Schlösser vor feindlichen Eindringlingen. Die benachbarten drei Königreiche sind einander freundschaftlich verbunden. Der Adel trifft sich zuweilen bei gesellschaftlichen Anlässen, aber das wirkliche Interesse gilt allein dem eigenen Seelenfrieden, und um den ist es schlecht bestellt. Der König von Longtrellis (John C. Reilly, „Der Gott des Gemetzels”) wäre zu jedem Opfer bereit, wenn er nur der verzweifelten Gattin (Salma Hayek, „Savages”) ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen könnte: schwanger zu werden. Ein Wahrsager weiß Rat: Das Herz des gefährlichen Seemonsters, zubereitet von einer Jungfrau, soll Erlösung bringen. Der Eremit warnt das königliche Paar: „Jedes neue Leben verlangt nach einem verlorenen Leben”. Bei dem Kampf mit dem furchterregenden Ungeheuer stirbt auch der König. Trauer zeigt die Königin keine, gierig verschlingt sie das riesige rote Herz des toten Monsters. Ein zutiefst beunruhigender Anblick. Tatsächlich wird die Monarchin schwanger und gebärt schon wenig später einen Sohn. Doch auch die jungfräuliche Magd kommt nieder mit einem Sohn, vielleicht verursacht durch die Dämpfe des unheilvollen Zaubers. Die Königin vergöttert ihren Elias (Christian Lees), der sich stets auf besondere Weise zu Jonah (Jonah Lees), dem Kind der Dienerin hingezogen fühlt. Beide haben schlohweißes Haar und gleichen sich wie eineiige Zwillinge. Die Regentin verfolgt die innige, heimliche Freundschaft zwischen den zwei Jungen mit wachsender Eifersucht. Sie vertreibt Jonah und dessen Mutter vom Hof. Der Königssohn ist untröstlich. Als er ein Signal erhält, dem Freund sei etwas zugestoßen sein, bricht er auf, ihn zu retten.

“Das Märchen der Märchen” bezieht seine Dynamik aus den Gegensätzen jener mittelalterlichen Gesellschaft. Die Widersprüche prallen gnadenlos auf einander: Edles und Obszönes, Wahrhaftiges und Künstliches, Brutalität und Zärtlichkeit, Mythologie und volkstümliche Weisheit, Makabres und Komische, Armut und Reichtum. Alles was geschieht, ist verblüffend wie unerwartet, es überrumpelt Protagonisten und Zuschauer gleichermaßen. Matteo Garrone hat drei Erzählungen ausgewählt, deren Thematik moderner nicht sein könnten: Sexsucht, Jugendwahn, häusliche Gewalt, der Wunsch nach Kindern um jeden Preis. Der Film pendelt zwischen den linearen Handlungssträngen, suggeriert Gleichzeitigkeit. Den 46jährigen Regisseur fasziniert bei Giambattista Basile die Verbindung von Realem und Fantastischem, übernimmt sie als Konzept für den Film. So drehten er und sein Team bewusst an Orten, die auf der Leinwand so artifiziell scheinen, als wären sie im Studio gebaut worden. Es sind Burgen, Panoramen, Höhlen, die eigentlich nur der Fantasie entstammen können, aber tatsächlich existieren wie die sizilianischen Schluchten aus Lavagestein, Gole de Arcantara oder der moosüberwucherte Wald von Sasseto. Garrones opulente, ästhetisch virtuose Märchen erzählen von menschlichen Gefühlen, die zum Äußersten getrieben werden. Es sind Geschichten über Frauen, die sich jede in einer anderen Phase des Lebens befinden. Ob Geschlechterkampf oder Generationskonflikt, er wird von beiden Seiten geschildert. Überall lauert im Verborgenen der Horror eines unbarmherzigen Schicksals und immer wieder werden die törichten Akteure zum Opfer ihrer heimlichen Sehnsüchte. Visuell ließ sich der Regisseur inspirieren von „Los Caprichos” (Die Launen), den berühmten Gravuren des spanischen Malers und Grafikers Francisco Goya (1746- 1828). Während der italienische Filmemacher in seinem Mafia-Drama „Gomorrha” (2008) bei realen Begebenheiten ansetzte, die langsam unwirkliche, albtraumhafte Dimensionen erlangen, geht er nun den umgekehrten Weg.

Der König von Strongcliff (Vincent Cassel, „Black Swan”) ist besessen von Sex. Keine Frau im Reich bleibt vor seiner unstillbaren Lust verschont. Eines Abends hört der aristokratische Weiberheld in seinem Turmzimmer den Gesang einer lieblichen Mädchenstimme. Wie gebannt beobachtet er aus großer Entfernung eine Gestalt, die er noch nie zuvor gesehen hat. Er verfolgt die Unbekannte zu einer ärmlichen Hütte, in der sie verschwindet, noch bevor er einen Blick auf ihr Gesicht erhaschen kann. Wie von Sinnen beginnt der König, der Angebeteten Anträge zu machen, doch stets erhält er einen Korb. Was der Monarch nicht ahnt: Dora (Hayley Carmichael, „Anazapta”) ist eine hässliche Greisin, die sich mit ihrer Schwester Imma (Shirley Henderson, „Drecksau”) das armselige Quartier teilt. Die Beiden fürchten, was passiert könnte, wenn der Regent erfährt, dass sich hinter der entzückenden Stimme nicht die erhoffte junge Schönheit, sondern ein altes Weib mit faltigem Gesicht verbirgt. Immer wieder wehrt Dora die verlockenden, schmeichelnden Angebote ab, irgendwann ist der Widerstand aber gebrochen. Sie willigt ein, den König aufzusuchen unter der Bedingung, dass in den Gemächern absolute Dunkelheit herrscht und er sie nicht anblicken darf. Notdürftig bereitet Imma ihre Schwester auf das amouröse Treffen vor, kaschiert die schlaffe und hängende Haut, so gut es geht. Zunächst läuft alles nach Plan, aber dann versäumt es Dora, das Bett des Monarchen rechtzeitig bei Nacht wieder zu verlassen und schläft ein. Am Morgen wirft der König einen Blick auf die vermeintlich schüchterne Schöne und ist entsetzt. Von seinen Wachen lässt er Dora aus dem obersten Turmfenster werfen. Tief stürzt sie in den verwunschenen Wald. Aber sie zerschellt nicht am Boden und stirbt, sondern erwacht als wunderschöne junge Frau (Stacey Martin). Von ihrem Anblick ist der Regent hingerissen, nur wie lange wird der Zauber anhalten?

„Das Pentameron” war die erste Sammlung, in der sämtliche Erzählungen Märchen sind und Basile der erste Schriftsteller, dem es gelang, die gesprochene Sprache wiederzugeben. Die Brüder Grimm entdeckten in „Il Racconto dei Racconti” (so der ursprüngliche Titel) viele Ähnlichkeiten zu den, von ihnen gesammelten, mündlich überlieferten Stoffen und Motiven. Bei Basile finden sich jedoch die ersten vollständigen Fassungen berühmter Fabeln wie „Rapunzel”, „Aschenputtel”, „Der gestiefelte Kater”, „Schneewittchen”, “Die Schöne und das Biest”. Wegen seiner Vorliebe für Fantasy, gemischt mit komischen und romantischen Elementen, sowie einem Hauch von Horror, war Basile anderen Autoren wie J.R.R. Tolkien oder Joanne K. Rowling um Jahrhunderte voraus. Doch da er seine Märchen im neapolitanischen Dialekt verfasst hatte, blieben sie einer breiteren Öffentlichkeit lange unbekannt. Matteo Garrone drehte den Film nicht auf italienisch sondern englisch. „Die Fantasie dieser Märchen kennt keine Grenzen”, erklärt der Regisseur. „Man kann Basile einen Autor für die ganze Welt nennen”. Für ihn liegt der Reiz der fremden Sprache darin, dass die Landschaften, die als Kulisse dienen, sich nicht sofort identifizieren lassen und die Herkunft der Figuren verschleiert. Es betont den universellen Charakter der Märchen, die ihren Ursprung in orientalischen Überlieferungen und in der griechischen Mythologie hatten. Charakteristisch für Basile die Verbindung volkstümlicher Elemente mit einer spielerischen barocken Erzählweise, Allegorien, Witz und Wortspielen. Garrone greift vieles davon an Ideen auf, nimmt sich aber auch alle Freiheiten, die er braucht: „Man wird ein Märchen niemals originalgetreu erzählen”, sagt er: „Es liegt im Wesen des Märchens begründet, dass es ständig neu übersetzt und interpretiert wird”.

Seit dem Tode seiner Frau zieht der König von Highhill (Toby Jones, „Snow White and the Huntsman”) die Tochter Violet (Bebe Cave, „Große Erwartungen”) alleine groß. Er liebt sie, nur fehlt es ihm an wirklichem Interesse für ihre Wünsche. Der einsame Herrscher empfindet das Dasein auf Erden als trist, bis er eines Tages auf seinem Arm einen Floh entdeckt. Er widersteht dem ersten Impuls, das Tier zu zerquetschen, sondern nimmt es mit in seine Kammer. Der König, begeistert von den putzigen Kunststücken des springlebendigen Insekts, beschließt es zu behalten. Er füttert seinen treuen Gefährten von nun an mit den köstlichsten Leckerbissen, so dass es zur Größe eines schwergewichtigen Schweins heranwächst. Als der gigantische Floh krank wird, lässt der Monarch die besten Mediziner und Gelehrten kommen. Niemand kann helfen: Das Tier verendet. Zum Entsetzen seiner Tochter lässt der König die Haut, die er dem toten Floh hat abziehen lassen, ausstellen und verspricht demjenigen die Hand von Violet, der errät, um was für ein Wesen es sich handelt. Der Regent ist überzeugt, dass es niemandem gelingen wird. Und tatsächlich beißen sich auch Experten die Zähne an dem Rätsel aus, bis ein riesiger, ungeschlachter Oger ins Schloss stapft, einen Blick auf die Tierhaut wirft und sagt: "Floh!" Der König ist erschüttert, aber er fühlt sich verpflichtet der Ehre wegen zu seinem Wort zu stehen. Da hilft kein Zetern und kein Schreien, Violet muss dem schaurigen Koloss folgen durch steile Schluchten mitten hinein ins gewaltige Bergmassiv, dort wo das Ungetüm in schwindelnder Höhe haust. Alle Fluchtversuche scheitern, bis eines Tages auf der anderen Seite der Schlucht eine Gruppe kurios kostümierter Kreaturen auftaucht.

In dem grotesken barocken Universum von Matteo Garrone scheint alles möglich. Die vier Drehbuchautoren Matteo Garrone, Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Massimo Gaudioso schildern Menschen, denen es an Menschlichkeit fehlt. Sie verwandeln sich ständig, ohne je sich selbst zu finden. Unwillkürlich fühlt man sich an Franz Kafka erinnert, dessen Protagonist Gregor Samsa als hilfloses Insekt endet. Peter Suschitzkys („Maps to the Stars”) schwelgerische Bilder im Stil alter Meister verbinden das Animalische mit dem Eleganten, schmutziges Elend und atemberaubende Pracht, Poesie und Naturalismus. Auf zu glatte technische Perfektion nach Hollywoodmanier oder Computeranimation verzichtet der Regisseur meist bewusst, will lieber provozieren als einlullen. Er versetzt den Zuschauer zurück in die Zeit des Kino-Pioniers Georges Méliès, der sich ganz auf die Macht und Magie seiner Bilder verließ. Frei sind in dieser Welt allein die Gaukler und Akrobaten, die ohne Angst gefährlichste Abgründe überqueren. Die schwarze tragische Komödie als surreales Sittengemälde steht in der Tradition von Pier Pasolinis „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht” (1974), sie entlarvt jede Ordnung als Illusion. Die Ärmsten der Armen wie Doras Schwester revoltieren kläglich gegen die unumstößlichen Klassenschranken, manches mag sich vielleicht ändern, aber die Herrscher geben ihre Macht nicht her. Giambattista Basile war für Charles Perrault, Christian Andersen, Clemens Brentano, Ludwig Tieck und viele andere eine Inspiration, er hat nichts an Aktualität oder Faszination verloren.


Originaltitel: Il Racconto dei Racconti
Regie: Matteo Garrone
Darsteller: Salma Hayek, Vincent Cassel, Toby Jones, John C. Reilly
Produktionsland: Italien, Frankreich, Großbritannien, 2014
Länge: 133 Minuten
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH
Kinostart: 27. August 2015


Fotos & Trailer: Copyright Concorde Filmverleih GmbH

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