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Film

„Leviathan”. Vom Untergang der Gerechtigkeit

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Mittwoch, den 11. März 2015 um 11:03 Uhr
„Leviathan”. Vom Untergang der Gerechtigkeit 4.8 out of 5 based on 323 votes.
Leviathan

Seinen Film „Leviathan” inszeniert der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev als erschütternde bildgewaltige Parabel über die Ohnmacht des kleinen Mannes.

An der abgeschiedenen felsigen Küste der arktischen Barentssee betreibt Kolia (Alexey Serebryakov) eine winzige Reparaturwerkstatt. Das Haus mit dem grandiosen Blick aufs Meer ist seit Generationen in Familienbesitz. Der Automechaniker lebt dort mit seiner jungen Frau Lilya (Elena Lyadova) und dem Sohn aus erster Ehe. Doch nun hat es der korrupte gierige Bürgermeister Vadim (Roman Madyanov) auf das lukrative Grundstück abgesehen. Er bietet eine lächerlich niedrige Kaufsumme. Als Kolia ablehnt, droht die Enteignung.

Dmitri (Vladimir Vdovitchenkov), sein alter Freund aus Armeezeiten, heute erfolgreicher Anwalt in Moskau, reist an, ihn vor Gericht zu vertreten, aber auch die Berufung scheitert. Der Prozess war eine Farce, “zum Wohle des Volkes” heißt es in der offiziellen Urteilbegründung. Am Ende wird Kolia nicht nur sein Heim verlieren, sondern auch seine Frau, seinen Sohn, den Freund, die Freiheit. “Gott sieht alles”, predigt der Priester. Die Kirche macht derweil gemeinsame Sache mit den kriminellen Politikern.

„Leviathan” ist mehr als nur ein zeitgemäßes Remake des Buches Hiob und eine subversive finstre Groteske über die moderne russische Gesellschaft. Das vielschichtige Drama sprengt die Grenzen zwischen den Genres ob als ironisch bittere Michael-Kohlhaas-Variante oder düsterer Thriller in archaischer Landschaft. Wie dieser letztendlich ausgeht, kann allein die Zukunft zeigen. Wirklich unschuldig bleibt hier keiner. Andrey Zvyagintsev („Die Rückkehr”, „Elena”) und Co-Autor Oleg Negin („Elena”) erzählen eine Leidensgeschichte von verstörender moralischer Ernsthaftigkeit. Bittere böse Komik vergiftet die biblischen Botschaften, den Protagonisten ist kein Heldentum vergönnt. Die bedrohliche Weite des Ozeans lässt die Enge des menschlichen Daseins noch unerträglicher erscheinen. Hier wird alles zum Gleichnis, das triste Fischerdorf in der Provinz Murmansk fungiert als universeller Schauplatz von Machtmissbrauch und Ausbeutung. So will es der Regisseur verstanden wissen, doch seine Gegner sehen darin nur eine Diffamierung der Heimat, ihnen fehlen in dem vom Kultur-Ministerium geförderten Film die positiven Identifikationsfiguren. Das Lob des Auslands verstärkte das Misstrauen noch: in Cannes ausgezeichnet für das beste Drehbuch, eine Oscar-Nominierung, der ‚Golden Globe Award’ als Bester nichtenglischsprachiger Film – als erster russischer Beitrag seit Sergej Bondartschuks „Krieg und Frieden” im Jahr 1969.

Der temperamentvolle Kolia begehrt auf, ein verzweifeltes sinnloses Unterfangen in einer Welt, wo nur Willkür und Despotie herrschen. Lilya steht tagsüber am Fließband in der Fischfabrik, sie flieht vor der Trostlosigkeit in eine Affäre mit dem attraktiven Dmitri. Roma (Sergey Pokhodaev), der widerspenstige Sohn des Automechanikers, betrinkt sich mit anderen Teenagern in den Ruinen einer Kirche. Wodka als Allheilmittel, das Einzige was die Mächtigen und die Unterdrückten verbindet, die Alten und die Jungen. Bei einem Ausflug ins Grüne schießt der Dorfpolizist auf die verblassten Fotographien einstiger Machthaber wie Stalin oder Gorbatschow. Kolia erfährt, dass seine Frau ihn betrügt, er dreht durch. Der smarte Anwalt aus der Metropole glaubt sich gerüstet für einen Showdown mit dem provinziellen Immobilienhai. Er will den fetten diebischen Bürgermeister mit belastendem Material aus dessen Vergangenheit mundtot machen. Um was es dabei geht, wir erfahren es nie. Dmitri wird zusammengeschlagen, eingeschüchtert durch Mafia-Schergen, von ihm ist keine Unterstützung mehr zu erwarten. Gewalt siegt über die Wahrheit, sie ist immer und überall präsent. Der russisch-orthodoxe Priester versichert dem ängstlichen Bürgermeister, irdische Befugnisse seien Gottgewollt, von seiner Schuld könne er sich freikaufen.

Jeder hat seine Geheimnisse. Als Kolia ausrastet, wir sehen es nicht. Vieles geschieht offstage, hinter den Kulissen, wieder eine Anspielung, dass nicht nur in der Politik die Wahrheit etwas Unerreichbares bleibt. Wann immer einer der Akteure sie kennt, werden Andere ihn zum Schweigen bringen. Ein zu Recht fatalistisches Weltbild. „Kannst Du Leviathan am Angelhaken heranziehen oder seine Zunge mit der Schnur niederdrücken?” fragt Gott Hiob. Das unbezwingbare Seeungeheuer, oft Verkörperung des Satans, hier steht es für den Moloch Staat-Kirche. Am Strand liegen die Gerippe alter Boote, das ausgeblichene Skelett eines Wals. Die Männer in Militärkluft beim Picknick erinnern an den blassen Putin, der nur zu gern mit nacktem Oberkörper seine Muskeln präsentiert. Rüde Manieren, derb, ungehobelt, Gesichter meist ohne Lächeln, nur die zerklüftete steinige Landschaft zeugt von strenger schöner Pracht. Die Protagonisten buhlen nicht um Sympathie oder Mitleid. Das tragische Lehrstück erinnert an jene voluminösen, detaillierten russischen Romane, will die Klassiker noch übertreffen, unerwartet tauchen neue Ebenen auf, verzweigte Abschweifungen, der Film entwickelt einen unverwechselbaren Rhythmus, beschleunigt, verkürzt, um dann wieder das Tempo zu drosseln. Philip Glass’ hypnotische Kompositionen aus seiner Oper „Akhnaten" (1983) über Aufstieg und Fall des altägyptischen Pharaos nehmen das Thema der Hegemonie von Staat und Kirche auf.

Die Frau von Kolia stürzt sich aus Verzweiflung ins Meer. Er selbst wird dafür des Mordes angeklagt und verurteilt. Auch bei der Revision hat der versoffene Lokaldespot wieder seine Beziehungen spielen lassen: „20 Jahre Straflager, das wird ihn Bescheidenheit lehren”, frohlockt der Bürgermeister. Abgründe treten zutage wie Relikte aus längst vergessenen Kulturen. Oft wird Zvyagintsev verglichen mit Andrei Tarkowski wegen seiner düsteren, lichtundurchlässigem Poesie des Metaphysischen, früher war in seinen Filmen der politische Subtext schwieriger zu entschlüsseln, in „Leviathan” kommt der Spott offen zum Ausdruck. Kameramann Mikhail Krichaman ist ein Meister der Grautöne und Dämmerung, eine schwermütige Magie lastet über der Szenerie. Trotz aller Hoffnungslosigkeit hat selbst die Verzweiflung hier etwas kraftvoll Lebendiges. Eine Revolution mag unvorstellbar sein, aber die Resignation kann die Spuren längst vergangener Rebellion nicht zerstören. Ein Widerspruch? Unter der Oberfläche schlummern verborgene Kräfte, der Geist der Zarenzeit und der Räterepublik. Doch um die Skrupellosigkeit des Kapitalismus zu legitimieren werden biblische Psalmen missbraucht wie einst die Dogmen des Sozialismus.

Russland ist überall, möchte man den Zuschauer ermahnen, Kolias Tragödie ist eine Allegorie doch wahrlich kein Einzelschicksal. Die Machtstrukturen sind natürlich im heutigen Kapitalismus oft subtiler, schwieriger zu entwirren als in dem satirischen Polti-Thriller des 51jährigen Regisseurs. „Levithan” ist auch der Titel einer staatstheoretischen Schrift des Engländers Thomas Hobbes aus dem Jahr 1651. Die biblische Monsterkreatur verkörpert bei ihm die Allmacht des Staates gegenüber der Hilflosigkeit des Bürgers. „Wenn ein Mensch den festen Griff der Angst verspürt im Angesicht von Not und Ungewissheit,” schreibt Andrey Zvyagintsev in seinen Anmerkungen zum Film, “Wenn ihm die Zukunft perspektivlos erscheint. Wenn ihn die Sorge um seine Angehörigen umtreibt. Wenn der Tod drohend auf der Pirsch lauert- was bleibt diesem Menschen noch anderes übrig als seine Freiheit und den freien Willen bereitwillig aufzugeben in der Hoffnung dafür eine trügerische Sicherheit, sozialen Schutz und gar die Illusion von Gemeinschaft zu bekommen.”

„Thomas Hobbes”, so der Regisseur „beschreibt den Staat aus philosophischer Sicht als Pakt des Menschen mit dem Teufel... Der verständliche Wunsch, Sicherheit im Tausch für die Freiheit zu erlangen, ist des Menschen einziger, wahrer Besitztum... Ich bin überzeugt davon, dass jeder von uns, ganz egal ob er in sehr entwickelten oder ganz archaischen Verhältnissen lebt, eines Tages vor der Alternative steht: Entweder Sklave sein oder als freier Mensch leben. Wer naiv glaubt, der Staat könne einem diese Entscheidung irgendwie abnehmen, begeht einen schweren Fehler”. Andrey Zvyagintsev ist überzeugter Nichtwähler, er hält dergleichen in seiner Heimat für eine sinnlose Geste, vergleicht das Leben in Russland mit „einem Minenfeld”. Die Idee zu dem Film hatte er durch einen Fall in Amerika.




Originaltitel: Leviafan
Regie: Andrey Zvyagintsev
Darsteller: Alexey Serebryakov, Elena Lyadova, Vladimir Vdovitchenkov, Sergey Pokhodaev
Produktionsland: Russland, 2014
Länge: 141 Minuten
Verleih: Wild Bunch Deutschland
Kinostart: 12. März 2015

Fotos & Trailer: Copyright Wild Bunch Deutschland

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