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Film

„The Homesman”. Die unerträgliche Einsamkeit der Mary Bee Cuddy

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Mittwoch, den 17. Dezember 2014 um 11:31 Uhr
„The Homesman”. Die unerträgliche Einsamkeit der Mary Bee Cuddy 4.9 out of 5 based on 249 votes.
The Homesman

Ein hinreißender feministischer Western von und mit Tommy Lee Jones: Erschütternd, komisch, beängstigend, tragisch wie absurd. Überragend Hillary Swank.

Das exzentrische Roadmovie basiert auf Glendon Swarthouts gleichnamigen Roman. Es erzählt vom harten Überlebenskampf der Siedler in Nebraska um 1850: Missernten, Armut, Hunger, Diphtherie. Der Himmel dominiert die karge Landschaft und die Leinwand. Von majestätischer Schönheit sind hier nur die Wolken. Die 31jährige energische Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) bewirtschaftet ihre Farm allein und mit großem Erfolg.
Sie pflügt, reitet, schießt wie ein Mann. Die ehemalige Lehrerin von der Ostküste weiß sich zu behaupten, doch sie vermisst ihr Piano wie auch menschliche Nähe. Im Innersten ist sie unendlich verzweifelt. Sie wünscht sich sehnlichst Kinder und einen Ehemann. Aber genau der ist ihr nicht vergönnt. „Herrisch und reizlos” lautet das abfällige Urteil der Männer über die gottesfürchtige Siedlerin. Selbst der wenig attraktive Nachbar lehnt ihren Heiratsantrag ab, auch wenn die Verbindung sich für ihn wirtschaftlich ausgezahlt hätte.

Wonach Mary sich sehnt, wird für Andere ihrer Geschlechtsgenossinnen oft zum Alptraum. Die Gefühllosigkeit der Ehemänner ist erschreckend. Grausame Schicksalsschläge und die schier endlosen tristen eiskalten Winternächte bringen manche der Frauen um den Verstand. Nachdem das gesamte Vieh eingegangen ist, hat Theoline (Miranda Otto) ihr Neugeborenes im Abort versenkt. Arabella (Grace Gummer) klammert sich verzweifelt an eine Stoffpuppe seit ihre drei Kinder an Diphtherie starben und Gro (Sonja Richter) glaubt sich vom Geist ihrer Mutter verfolgt. Der Pastor der methodistischen Gemeinde hat entschieden, die verwirrten Seelen der Obhut von Altha Carter (Meryl Streep), der Frau eines Geistlichen in Iowa anzuvertrauen. Nur wer soll die höchst aggressiven Kranken dorthin begleiten, Mary Bee erklärt sich als Einzige bereit dazu. Den Männern fehlt es wie so oft an Mut, sie fürchten den strapaziösen gefährlichen Treck und die Unberechenbarkeit der scheinbar Wahnsinnigen. In den USA wird „The Homesman” als der beste Western seit Clint Eastwoods „Erbarmungslos”(1992) gerühmt. Der Film ist trotz seines amüsant abgründigen Humors um vieles verstörender und beunruhigender als Kelly Reichards „Meeks’s Cutoff”(2010) oder Tommy Lee Jones’ erste Regie-Arbeit fürs Kino „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Meliquiades Estrada”(2005).

Gleich zu Anfang der Reise trifft die Protagonistin auf den kauzigen George Briggs (Tommy Lee Jones), den sie vor Lynchjustiz und Galgenstrick errettet. Die Dankbarkeit des kaltschnäuzigen Haudegens hält sich in Grenzen. Mit der Schlinge um den Hals schwor er viel, hielt die couragierte Farmerin gar für einen Engel, nun muss Mary Bee den widerspenstigen Outlaw mit Whisky und einem 300 Dollar-Bonus ködern, damit er sie auf ihrer entbehrungsreichen Mission begleitet. Eigentlich könnten zwei Menschen kaum gegensätzlicher sein, aber auf eine skurrile Art ergänzen sie einander. Er ist zynisch, sie direkt. Beide sind Außenseiter. Zu Konversation ist Briggs während der eintönigen Fahrt mit dem Planwagen anfangs nicht aufgelegt. Auch Tommy Lee Jones der Regisseur präsentiert sich der Presse gern als wortkarger Griesgram. Das PR Geschäft mit seinen erzwungenen Interviews und scheinheiligen Schmeicheleien bringt ihm ganz offensichtlich wenig Spaß. George Briggs behält derweil seine Geheimnisse tunlichst für sich. Der schwer Durchschaubare steckt voller Überraschungen. Seinen wahren Namen erfahren wir nie. Der professionelle Rumtreiber hatte sich unrechtmäßig Land angeeignet und damit den Zorn der Anwohner herausgefordert. Selbst hier oben auf dem Kutschbock pflegt er bewusst sein Image als störrischer Bösewicht, um die eigene Empfindsamkeit zu tarnen. Eine Liebesgeschichte in der Tradition von John Houstons „African Queen”(1951) und Jane Campions „Das Piano” (1993).

Die Bilder sind nicht sonnendurchflutet wie bei Terrence Malick sondern schwer, undurchlässig. Der endlos braun geätzte Horizont der Prärie verschlingt alles: Farben, Licht und Träume. Eine Landschaft von seltsam erschreckender Weite wie Leere, entweder von Staub oder Schnee bedeckt. Die wenigen Gebäude wirken fremd, verloren, völlig deplatziert. Die Dialoge sind der Ästhetik des Films angepasst. Meist geht ihnen ein unbehagliches Schweigen voraus. Viele der Schauspieler treten nur für ein, zwei Szenen auf. Die Leinwand gehört Tommy Lee Jones, Hilary Swank und der Natur. In den rauen, körnigen 35mm Cinemascope-Aufnahmen des mexikanischen Kameramanns Rodrigo Prieto („The Wolf of Wall Street”, „Brokeback Mountain”) werden die Gesichter zu zerfurchten Seelenlandschaften, in denen sich Kummer, Schmerz, Niederlagen und unerfüllte Hoffnungen spiegeln. Nur der Himmel in seiner Unendlichkeit scheint zu triumphieren, jedes menschliche Bestreben wirkt dagegen hilflos fast unbedeutend. „The Homesman” erzählt von der Enttäuschung über das Scheitern des amerikanischen Traums, gestern wie heute. Es ist ein Kommentar nicht nur zur Diskriminierung der Frauen sondern auch zu den wachsenden wirtschaftlichen Gegensätzen zwischen Arm und Reich. Eine Kritik, an der „Frontier“ genau wie an der Zivilisation, in der es viele Verlierer und nur wenige Gewinner gibt. Zumindest die drei verstörten Frauen finden eine Art von Frieden. Je weiter sie sich der Ehehölle entfernen, desto ruhiger werden sie. Es gleicht wie eine Offenbarung, wenn der Planwagen sich seinem Ziel nähert: Blumen, Gras, Kleider, eine Kleinstadtidylle, die leuchtenden Farben sind überwältigend.

Das Drehbuch schrieb Tommy Lee Jones zusammen mit Kieran Fitzgerald und Wesley Oliver. Der Regisseur des wenig heroischen Westerndramas spielt nicht mit den Versatzstücken des Genres, er überdenkt es, überholt es, räumt auf mit alten Mythen. Die klassische Pionier-Story bleibt in ihrer Grundstruktur erhalten, aber die Richtung ändert sich: Die Protagonisten kehren aus der Prärie zurück in die Zivilisation. Vorbei ist die Zeit der Eroberung, es geht nur noch ums Überleben. Beständigkeit oder Zuverlässigkeit waren bisher nie Briggs Stärken, er ist aus der Armee desertiert, jetzt beweist er Entschlossenheit, Mut, „the true grit”, genau das, woran es den Männern in Nebraska mangelte: Loyalität und Verantwortung. Ob Stürme, gefährliche Wegelagerer oder feindlich gesinnte Ureinwohner, der grimmige Nonkonformist bewährt sich. Was Gerechtigkeit ist, entscheidet immer noch er. Gesetze sind für ihn dazu da, zumindest manchmal gebrochen zu werden. Im Umgang mit den psychisch kranken Frauen zeigt er erstaunliche Sensibilität, mit den eigenen Gefühlen tut er sich schwerer. Auch wenn Briggs am Anfang nur Respekt vor Mary Bees Geld und Gewehr hatte, etwas verändert sich. Die beiden lernen von einander, er begreift ihr Pflichtgefühl, sie seinen irdischen Pragmatismus. Er gibt sich humorvoller, sie versöhnlicher. Die Beziehung nimmt ein tragisches Ende, aber Tommy Lee Jones lehrt uns zumindest in einer spektakulären letzten Szene die Kunst des Trauerns.

Der Western war lange immer eine Männerdomäne, mit Hilary Swank entsteht ein Gegenentwurf zu legendären Machos wie John-Wayne. Mary Bee Cuddy kämpft unerschrocken für ihre Schützlinge, für Recht und Ordnung, vor allem aber auch um ihre Träume. Phantastisch, wie die zweifache Oscar-Preisträgerin Schwächen und Stärken der Protagonistin zu ihren eigenen macht: seit „Million Dollar Baby” (2004) die beeindruckendste Leistung der Schauspielerin. Wenn Mary Bee am imaginären Piano sitzt und spielt, begreift der Zuschauer, dass diese scheinbar so wirklichkeitsnahe tatkräftige Siedlerin eigentlich in einer imaginären Welt lebt. Hinter der sanften Geduld, mit der sie sich um die traumatisierten Ehefrauen kümmert, verbirgt sich jene unerträgliche Sehnsucht nach Liebe. Der Glaube gibt ihr Kraft, doch am Ende zerstört er sie. Mary Bee kann hochmütig sein, aber ihr Mitleid kommt von Herzen, ihr Altruismus ist keine Attitüde. Sie verirrt sich nicht nur in der Wüste sondern auch im Chaos der Gefühle. Noch einmal wagt sie einen letzten verzweifelten Versuch, macht George Briggs einen Heiratsantrag. Der lehnt ab. Ein anderes Angebot lehnt er nicht ab, und das wird er sich nie verzeihen. Ein packender bewegender Film in einer Zeit, in der Religionen und ihr Moralverständnis jeden Tag neue verheerende Konsequenzen zur Folge haben.



Originaltitel: The Homesman
Regie: Tommy Lee Jones
Darsteller: Tommy Lee Jones, Hilary Swank, Miranda Otto, Sonja Richter, Grace Gummer, John Lithgow, Meryl Streep
Produktionsland, USA, Frankreich, 2014
Länge: 123 Minuten
Verleih: Universum Film GmbH
Kinostart: 18. Dezember 2014

Fotos & Trailer: Copyright Universum Film GmbH

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