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Film

„Am Sonntag bist du tot”. Oder die Einsamkeit des Erlösers im 21. Jahrhundert

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Dienstag, den 21. Oktober 2014 um 11:01 Uhr
„Am Sonntag bist du tot”. Oder die Einsamkeit des Erlösers im 21. Jahrhundert 4.7 out of 5 based on 262 votes.
„Am Sonntag bist du tot”. Oder die Einsamkeit des Erlösers im 21. Jahrhundert

Irland nach Wirtschaftskrise und Missbrauchsskandalen: John Michael McDonagh inszeniert seinen provokanten postmodernen Thriller als hintergründige Tragikomödie, die sich aber bald schon zum finster melancholischen Drama entwickelt.

Wie jeden Sonntag nimmt Father James (Brendan Gleeson) die Beichte ab. „Ich war sieben Jahre alt, als ich das erste Mal Sperma schmeckte”, der Mann, der da spricht, scheint kein reuiger Sünder, er will nicht Vergebung sondern Vergeltung. Fünf endlos lange Jahre hindurch wurde er von einem katholischen Geistlichen vergewaltigt. Wieder und wieder. Das Trauma hat er nie verwunden.

Der Moment herkömmlicher Rache ist verpasst, der sogenannte Gottesdiener längst verstorben. Es mache eh wenig Sinn einen schlechten Priester zu töten, erklärt der mysteriöse Besucher: „Ich werde Sie töten, weil Sie unschuldig sind”. Das schicksalhafte Treffen setzt er für den nächsten Sonntag fest. Statt der traditionellen Suche nach dem Mörder: ‚Whodunit’ die quälende Ungewissheit: ‚Who will do it’. Die folgende Woche wird zur verstörenden Passionsgeschichte. Father James erkennt den potenziellen Täter an der Stimme. Der Zuschauer dagegen hat bis zum Finale nicht die leiseste Ahnung, um wen es sich handeln könnte, obwohl, Verdächtige gibt es mehr als genug.

Tatort: das Fischerdorf Easkey im County Sligo (übersetzt Platz der Muscheln), eine dünn besiedelte Grafschaft an der Atlantikküste im Nordwesten Irlands von wilder, betörender Schönheit. Die kleine Gemeinde ist wahrlich keine Herde braver Schäfchen. Die Menschen hier gehen zwar noch zur Messe und heiligen Kommunion, aber sie führen alles Andere als ein gottesfürchtiges Leben. Die verbitterten Zyniker des globalen Zeitalters haben den raubeinigen und eigentlich herzensguten Gottesmann zur Zielscheibe ihres Spotts erklärt. Der nimmt es mit christlicher Gleichmut hin, versucht seinen Schützlingen zu helfen, wo er kann wie Provinz-Vamp Veronica (Orla O’Rourke). Sie betrügt ihren Ehemann den Schlachter, versucht nun erfolglos die Spuren häuslicher Gewalt mit einer auffälligen Sonnenbrille zu kaschieren. Jack, der gehörnte Gatte (Chris O’Dowd) behauptet, erleichtert zu sein, dass die nervige Veronica ihre Aufmerksamkeit dem Automechaniker von der Elfenbeinküste schenkt. Er mischt anzügliche Bemerkungen mit rassistischen und ist sicher, “der Farbige” sei für das blaue Auge verantwortlich. Gerard, der altersschwache einsiedlerische Schriftsteller aus den USA (M. Emmet Walsh), den der Geistliche mit Lebensmitteln versorgt, bittet um ein Gewehr, für den Fall, dass sich seine Gesundheit weiter verschlechtern sollte. Milo (Killian Scott) verlangt es nach Sex, nun überlegt er in die Armee einzutreten, um wenigstens töten zu dürfen. Der Seelsorger vermag ihn davon nicht abzubringen. “Versuch es mal mit Pornographie”, empfiehlt er. Im Knast erwartet ihn der jugendliche Mörder eines kleinen Mädchens (gespielt von Brendan Gleesons Sohn, Domhnall), er hat sein Opfer vergewaltigt und dann verspeist. Nun fordert jener Freddie die Absolution, schon allein weil auch er doch Teil von Gottes Schöpfung ist.

Verbündete im Kampf gegen die dunklen Mächte des Bösen hat der aufrechte Priester in seiner Gemeinde keine, auch nicht unter den Kollegen. Einziger und bester Freud ist sein bezaubernder Golden Retriever. In diesem Küstendorf scheint jede Seele eine verlorene, alle hadern mit ihrem Schicksal wie der steinreiche Investmentbanker Michael (Dylan Moran). Er hat sein Vermögen an der Börse erschwindelt, die Familie hat längst das Weite gesucht. Er hasst sich, ohne zu begreifen warum, demonstriert daheim im eleganten Landhaus Zerstörungswut und Lebensüberdruss. Nichts könnte den Geistlichen im Augenblick weniger interessieren, er selbst bangt um sein Leben. „Calvary” heißt der Film im Original, zu deutsch Golgatha. Die Via Crucis beginnt: der Priester ist ein einsamer Gläubiger in einer Welt, die ihren Glauben verloren hat. Immer wieder schlägt ihm in den Gesprächen mit den Dorfbewohnern auch abends im Pub blanke Wut oder Verachtung entgegen. Die Menschen lassen ihre Frustration über das eigene Versagen an ihm aus. Die Anfeindungen, das Misstrauen erträgt der Seelsorger mit der Überlegenheit eines Westernhelden von Sergio Leone. Niemand außer Brendan Gleeson könnte diese Rolle spielen, jene innere Verunsicherung und äußere Gelassenheit. Er trägt die Soutane wie ein Samurai seine Rüstung. Die Sünden seiner Schutzbefohlenen und die der Kirche, Father James nimmt sie auf sich. Die Autoritäten haben versagt, nicht nur in Irland: Politiker, Banker, Unternehmer und die katholische Kirche als Institution. Die Desillusionierung ist universell, die Spiritualität verloren gegangen und mit ihr jegliche Motivation zu humanem Handeln. Es fehlt an Orientierung, Vertrauen. Ein integrer Priester wirkt da wie eine Provokation.

Viele erwarteten von Regisseur und Autor John Michael McDonagh wieder eine sarkastische Humoreske wie „The Guard” (2011). Die rabenschwarze Komödie ist bis heute der erfolgreichste irische Independent-Film aller Zeiten. Doch hier, in „Am Sonntag bis du tot”, vergeht dem Zuschauer oft das Lachen, die Ironie wirkt spröder, bösartiger, aber die kunstvollen Wortgefechte sind nicht weniger brillant. Der schräge Thriller kommentiert sich selbst, macht sich lustig über die eigene Anmaßung als moralische Instanz. Die skurrile gesellschaftskritische Parabel ist poetisch eloquent und erschütternd zugleich. Im Gegensatz zu dem mürrisch versoffenen, gottlosen Sergeant Gerry Boyle spielt Gleeson nun einen tiefgläubigen Geistlichen. Doch zu viel getrunken hat dieser früher auch einmal: Er ist Witwer, hat eine Tochter, die schwermütige Fiona (Kelly Reilly). Sie besucht ihn in seinem abgelegenen Fischerdorf, hat grade einen Selbstmordversuch hinter sich. Sie klagt, weil ihr nichts gelingt, noch nicht einmal sich umzubringen. Der frühe Tod der Mutter, die Entscheidung des Vaters Priester zu werden, haben sie aus der Bahn geworfen. Sie fühlt sich vernachlässigt, verraten. Eigentlich sträubt sich Fiona nur zu akzeptieren, dass sie schon lange erwachsen ist, Verantwortung übernehmen muss. Doch sie will und kann nicht verzeihen. Ein Thema, was sich in Variationen immer wiederholt. Der wortgewandte, schlagfertige Geistliche vertritt die Auffassung, dass zu viel über Sünden geredet werde und nicht über Tugenden: “Ich finde Vergebung wird schwer unterschätzt.” Er selbst quält sich derweil durch die verschiedenen Phasen der Trauer, weiß nicht wie mit dem bevorstehenden Tod umgehen. Erst verdrängt er die grauenvolle Ankündigung, dann wehrt er sich dagegen, will fliehen, aber er kehrt zurück, stellt sich der tödlichen Herausforderung.

Wie unbeschwert der Priester einmal in seiner Jugend war, ahnt der Zuschauer, wenn der Vater seine Tochter im Pub beim Tanzen ausgelassen herumwirbelt. Er vergisst alles um sich herum, die Dämonen seiner Vergangenheit, für einen Augenblick gibt es nur die Musik, die Freude am Leben. In dieser Szene kann Kameramann Larry Smith („The Guard”, „Eyes Wide Shut”) seiner Lust an extremen Bild- und Farbkompositionen frönen, ähnlich wie in „Only God Forgives” taucht er den Raum in rotes Neonlicht. Smith’ dynamische Landschaftsaufnahmen sind von überwältigender rauer, unnahbarer Schönheit, sie erinnern an klassische Western und die Gefahr, die irgendwo immer lauert. Die zerklüftete majestätische Felsenküste steht im krassen Gegensatz zu den innerlich zerstörten Menschen, von denen nichts als Kälte ausgeht, sie wirken fast wie theatralische Karikaturen ihrer selbst. Ausnahmen: Der kleine, freche Messdiener oder Theresa (Marie-Josée Croze), jene Frau, die grade ihren Mann verloren hat, aber nicht ihren Glauben. Father James spürt, welche Ruhe von ihr ausgeht, vielleicht existiert trotz allem so etwas wie Hoffnung, göttliche Gnade? Doch dann wird die Kirche abgefackelt, der Priester zusammen geschlagen und sein geliebter Hund getötet. Der Sonntag rückt unbarmherzig immer näher. Die Idee zu dem christlichen Westernhelden hatte John Michael McDonagh während der Dreharbeiten von „The Guard”. Inspiriert hatte ihn Robert Bressons „Tagebuch eines Landpfarrers”. Bei Ende der Postproduktion war das Drehbuch fertig.

Manchmal verliert der Protagonist die Geduld, er zieht den Revolver, schießt aber nur in die Spiegel der Kneipe. Hier stiehlt sich keiner aus der Verantwortung, der Geistliche wirft den Revolver von den Klippen ins Meer: „Es heißt nicht ohne Grund, Du sollst nicht töten.” Und Notwehr? Darum geht es nicht. Mit detektivischem Spürsinn folgt der Thriller den verschiedenen ethisch-religiösen Denkansätzen. Am Sonntag ein letztes kurzes Gespräch mit seiner Tochter von einem Münztelefon mit Blick auf Meer und Felsen. Fiona am Handy irgendwo im Verkehrsgewühl von Dublin sagt, dass sie ihm vergibt. Der Priester macht sich auf den Weg. Ist es nicht fast wie Selbstmord hinunter zum Strand zu gehen und darauf zu warten, ermordet zu werden? Das ist die Ansicht des Regisseurs. Oder ist es jener Mut großer Revolutionäre, die bereit sind für ihre Ideale zu sterben? Davon ist Brendan Gleeson überzeugt. Father James bleibt seinem Gott und Glauben treu. Und sich selbst.


Originaltitel: Calvary
Regie/Drehbuch: John Michael McDonagh
Darsteller: Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen, Dylan Moran, M. Emmet Wash, Marie-Josée Croze
Produktionsland: Irland, Großbritannien, 2014 Länge: 100 Min.
Verleih: Ascot Elite Filmverleih GmbH
Kinostart: 23. Oktober 2014

Fotos & Trailer: Copyright Ascot Elite Filmverleih GmbH

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avatar Phil
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Die Kombination John Michael McDonagh & Brendan Gleeson ist ein Garant für beste Unterhaltung!
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avatar Alice
+3
 
 
Wer hat seinen Hund erledigt und WARUM?
Ein Freund von mir meint der kleine Ministrant, aber dass kann ich nicht glauben.....
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avatar Tobsel
+2
 
 
Ich glaube schon dass das auch der Metzger war...
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