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Bildende Kunst

Sauerstoff zuführen – oder das Brandloch der Alltäglichkeit

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Geschrieben von Claus Friede  -  Donnerstag, den 21. August 2014 um 10:52 Uhr
Sauerstoff zuführen – oder das Brandloch der Alltäglichkeit 4.7 out of 5 based on 197 votes.
Sauerstoff zuführen – oder das Brandloch der Alltäglichkeit

Jens Rausch malt Bilder. Nichts ungewöhnliches, das tun tausend andere auch.
Er malt Landschaften – vom Mars oder der Venus, mit und ohne UFOs – er malt Yetis und das Ungeheuer von Loch Ness (2009-2010), das tun andere auch. Jens Rausch malt Explosionen von Atombomben (2011), grell und gleißend, himmelwärts strebende Pilze. Jens Rausch malt Wälder (2012), im Herbst mit getrockneten braunen Blättern, bei Nacht im Schein einer Lichtquelle, oder einfach nur schwarz-weiß als Erinnerung an eine Fotografie und Gewesenes. Er malt verpacktes Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch (2013) sowie Kuchen und Imbissgerichte.

Seine Bildwerke sind kein Abbild von vermeintlicher Wirklichkeit, sie sind ein Abbild eines Abbilds. Keine Situation, sei sie noch so banal oder einzigartig entspringt einem eigenen Erlebnis, sie sind gefilterte Essenzen von existierenden Bildern, die wir im Alltag konsumieren. Die motivische Beliebigkeit hat System, denn Rausch geht es nicht darum, was der Betrachter sieht, es geht darum was er dahinter entdeckt. Das Abbild selbst ist schon zu jenem Zeitpunkt in Frage gestellt als es auf die Leinwand kam und insbesondere seine Filter werden inhaltlich fokussiert. Einer der deutlich sichtbaren Filter ist seit 2011 das Verbrennen von Farbe und Leinwandteilen. Einerseits integrieren sich die Brandspuren motivisch in das Bild beispielsweise der Waldlandschaft oder des bewölkten und Licht durchfluteten Himmels, andererseits sind sie so radikal gesetzt, dass sie die Leinwand und das Motiv anfangen zu zerstören, sich als Fremdkörper gebärden. In dem Moment des gewahr werden rückt die Idee vom Entstehen und Vergehen in den künstlerischen Mittelpunkt. Der produktive Akt des Malens, wird durch die Brandsetzungen nivelliert oder sogar negiert. Auf das dekodierbare Motiv allerdings so vollständig zu verzichten wie es Lucio Fontana mit seinen Schnitten in eine monochrome Leinwand tat, ist nicht die Sache von Jens Rausch. Er brauchte bislang einen Fingerzeig ins Abbild. Seit kurzem spiegelt sich eine andere, neuartige und auch konsequentere Vorgehensweise wider: In seiner „GeSchichte des Unbewussten“ (2014) spielt Rausch mit der Idee etwas in den Fokus zu rücken, was latent vorhanden, aber bislang nicht sichtbar wurde. Nach Freud kann der Mensch, trotz willentlicher Anstrengung, sein Unbewusstes und damit den seelischen Inhalt nicht bewusst machen; es bedarf hierzu des Handwerkszeugs bestimmter Methoden wie der psychoanalytischen Technik. Da die überwiegende Mehrheit der Betrachter der Kunstwerke von Jens Rausch weder über diese Techniken verfügen, noch über die Fähigkeit unter Hypnose das Unbewusste offenzulegen, muss also hier der Künstler ein anderes Ziel verfolgen.

Was wir sehen sind Kugelschreiberzeichnungen die von magischer, scheinbar autonomer Hand und quasi von sich selbst geführt wurden, amorphe Formen, sogenannte informelle Telefonskizzen auf japanischem Tuschepapier. Rausch lässt sich beim Akt des Zeichnens treiben und hört irgendwann auf. Hier verzichtet der Künstler endgültig auf das Dechiffrieren von abbildartiger Information. Das Telefonkritzeln ist im Kern eine unbeachtete alltägliche Nebenher-Erscheinung. Erst danach findet ein weiterer künstlerischer Prozess statt: die Auswahl und Einschätzung – der Gebrauchswert für eine Präsentation wird definiert. Die einzelnen Blätter erhalten Namen wie „Epizentrum“, „Der Vorfahre“, „Seelengedankenqualle“ und „Gott – ?“. Durch die assoziativ vom Künstler vorgenommene Benennung findet eine weitere Mystifizierung des Gezeigten statt.
Wie eine Haut spannt sich folgend eine Papierbahn als Schichtung über die Wand und einzelnen Zeichnungszentren. Rausch brennt Löcher in die „Haut“, öffnet sie damit, lässt kleine Durchblicke in das Dahinter zu, fokussiert die Telefonskizzen. Der Betrachter muss nah an das Kunstwerk heran, die Durchblicke und Schichten ergründen, Richtungen ändern und Verborgenes entdecken. Rausch benutzt Feuer wie ein Malmittel, die Brandspuren sind wichtiger Teil des gesamten Systems von Kreation, Installation, Überdeckung, Schichtung, Zerstörung und Sichtbarmachung. Für den Betrachter GeSchichtet.


Jens Rausch: „burger – Abend | Eine satte Gesellschaft“, vor Ort entsteht ein KunstBuffet – das Publikum kuratiert.
Die interaktive Kunstausstellung ist zu erleben vom 30. August bis zum 13 September 2014 in der „ZustandsZone“, Königstraße 16 in 22767 Hamburg
Schaufenster; Geöffnet: Donnerstag 19:00 bis 20:30 Uhr
Die Erlöse aus dieser Ausstellung gehen an Viva con Agua, St. Pauli e.V.


Abbildungsnachweis:
Header: „GeSchichte des Unbewussten“, Installation in der ZustandsZone, 2014
Galerie:
01. Einladungskarte „burger – Abend“ vor dem Gebäudes der ZustandsZone in der Königstraße in Hamburg-Altona
02. Joe - I, 2011, Öl und Asche auf Leinwand, 27x35 cm
03. Verwesung, 2012, Öl und Feuer auf Leinwand, 120x150 cm
04. Katabolismus, 2013, Öl und Feuer auf Leinwand, 145x200 cm
05. Wolkenbruch, 2013, Öl und Feuer auf Leinwand
06. „GeSchichte des Unbewussten“, Details, 2014
07. Epizentrum, 2014, Kugelschreiberzeichnung auf Japanpapier/Feuer auf Papier, 63x47 cm
08. Epizentrum (Detail), 2014, Kugelschreiberzeichnung auf Japanpapier/Feuer auf Papier, 63x47 cm
09. Der Vorfahre, 2014, Kugelschreiberzeichnung auf Japanpapier/Feuer auf Papier, 94x63 cm

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