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Bildende Kunst

Ein Ausflug in den Nordatlantik

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Geschrieben von Claus Friede  -  Mittwoch, den 16. Juli 2014 um 09:58 Uhr
Ein Ausflug in den Nordatlantik 4.6 out of 5 based on 177 votes.
Blick über den Tellerrand: Ausflug in den Nordatlantik

Sommerzeit ist Reisezeit und so auch bei KulturPort.De.
Manchmal geht die Reise räumlich dann doch nicht ganz so weit, wie eigentlich betitelt, aber geistig – allemal. Der Ausflug in den Nordatlantik endet nämlich bereits in Kopenhagen, aber gedanklich und optisch umfasst er alles, was angefangen auf den Färöer Inseln über Island bis nach Grönland geschaffen wird.
Das Nordatlantikhaus (Nordatlantens Brygge) in Dänemarks Hauptstadt ist in einem alten, großen, steinernen Speicher am Christianshavn untergebracht, vis-a-vis dem Schauspielhaus und in Steinwurfentfernung zur neuen Oper. Es beherbergt ein Museum für die Kunst des Nordatlantiks mit wechselnden Künstler- und Themenausstellungen.

Das historische Speichergebäude stammt aus dem Jahr 1767. Es diente der Lagerung von Rohwaren, aber insbesondere war es der Abfahrts- und Ankunftsort vieler Menschen, die im Nordatlantik zu Hause waren, dort Handel betrieben oder dort hin von der dänischen Krone versetzt oder als Strafgefangene verurteilt und verbannt wurden. Ein ständiges Kommen und Gehen. Zweihundert Jahre diente das Gebäude diesem Zweck, danach verlor es an Bedeutung. Im Sinn dieser gemeinsamen Geschichte renovierten der isländische Staat und die autonomen Länder die „Brygge“ und eröffneten im Jahr 2003 ein Zentrum für die Kultur des Nordens: Ausstellungen, Seminare, Vorträge, Schulprojekte sowie Forschung sind dort im Angebot. Außerdem beherbergt es heute die Botschaft Islands sowie die repräsentativen Vertretungen Grönlands und der Färöern.
Für diese Länder und Territorien ist das Nordatlantikhaus ein nicht zu unterschätzendes Fenster gen Mitteleuropa und andersherum erhält die vermeintliche Mitte einen Einblick in das kulturelle Schaffen des hohen Nordens.

Zwei große Räume auf zwei Etagen zeigen in diesem Sommer jeweils eine Ausstellung: „Home : hem : Hjem : koti : heim : heima : angerlarsimaffik“ ist die Schau im unteren Stockwerk betitelt. Anhand der vielen verschiedenen Sprachen erkennt der Besucher, dass es um Diversität geht. Die Künstlergruppe CON-TEX ist auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Über den Begriff „Heim“ reflektieren die 33 Künstler aus Dänemark, Finnland, Färöern, Grönland, Norwegen und Schweden mit 93 Werken. Dabei gibt es die Beschränkung, nämlich dass es sich dabei um Künstler-Bücher handelt und alle Werke also einfach zu transportieren sind. So wirkt die Ausstellung zwar kleinteilig, aber vielseitig und variantenreich. Durch das gewohnte Format eines Buches proportioniert, ist die Ausstellung zudem in einer menschlichen, heimeligen Dimension. Das Heim ist für viele Künstler ein Rückzugsort ins Private, Intime, die Möglichkeit wieder aufzutanken vom „Draußen“, dort wo Familie ist oder einfach ein Platz des Komforts. Es ist an einen konkreten Ort gebunden, an ein Land oder eine Region. Andere Künstler erleben das Heim als Herausforderung oder als Begrenzung von Freiheit, als Exil oder definieren einen geistigen Zustand.

Für Ingríður Óðinsdóttir ist Heim die sich ins dreidimensionale verjüngende Umrisslinie ihrer Heimat Island. Ihr Buch ist eine Papierskulptur, der das Land entnommen wurde. Die aus Norwegen stammende Malerin Erika Tysse baut ein Kartenhaus aus Buchseiten wie ein Nest. Dabei verwendet sie bedrucktes Material aus dem Immobilienbereich. Anna Snædís Sigmarsdóttir hingegen bindet einzelne von ihr bemalte Bildseiten zu einem viertel-geöffneten Buch. Und die dänische Künstlerin Giuli/Gulla R. Larsen verkehrt die Welt. Von ihrem kleinen Badehaus mit Rettungsring am Strand muss man über eine Leiter hinunter in die Landschaft steigen. Das Heim als Hochsitz.

Im oberen Stockwerk ist die Ausstellung „Picturewords – Wordpictures“ zu sehen. Die Kuratorin Kinna Poulsen präsentiert in dieser Gruppenausstellung Werke des Druckatelier „Steinprent“ aus Färöer. Neun prominente Künstler aus Dänemark und den Färöern zeigen ihre hybriden Textbilder. Angesiedelt zwischen Visueller- und Konkreter Poesie, Buchkunst und Grafik mit Text, dienen Buchstaben, Worte, Begriffe und Text hier mal als Material, mal als inhaltlicher Bezugspunkt. Narrative Geschichten sind ebenso zu finden wie rein künstlerisch-ästhetische Werke. Mal dient Schrift als Beschreibung, Behauptung oder Beschimpfung und mal als abstraktes kalligrafisches und auch einmal dekoratives, aber vor allem heterogenes Zeichen ohne ersichtlich sinnhaften Zusammenhang. Diese Horizonterweiterung garantiert den besonderen Reiz der Ausstellung.
Die Schau ist wie eine Sammlung, die keinen Wert auf Vollständigkeit von Auffassungen legt, sondern eher einem Zusammentreffen gleicht. Das verbindende Element ist der Ort der Kreation, das Druckatelier und die Verwendung von Text.

Im kleinen Café, das gleichzeitig Museums-Shop ist, gibt es nicht nur Getränke und Gebäck, sondern auch noch nordisches Handwerk und Design zu sehen und kaufen. Nach einem Becher Kaffee ist der Ausflug in den hohen Norden zu Ende.


Die Ausstellung „Home“ ist zu sehen bis 24. August 2014
Die Grafikausstellung „Picturewords – Wordpicture“ bis 10. August 2014
in Nordatlantens Brygge, Strandgade 91 - Christianshavn, in Kopenhagen.
www.bryggen.dk


Abbildungsnachweis:
Header: Blick auf die Nordatlantik Brücke mit dem Museum. Foto: NB
Galerie:
01. Blick in den Ausstellungsraum. „Home“. Foto: Claus Friede
02. Ingríður Óðinsdóttir (IS) „Home Homeward, Papier 2012. Foto: Claus Friede
03. Anna Snædís Sigmarsdóttir (IS) „Homeless“, Papier, Pappe, Bienenwachs auf Drucken. Foto: NB
04. Erika Tysse „Safe“, Papier, 2013. Foto: NB
05. Gulli Larsen „Home“, Mischtechnik, 2013. Foto: Claus Friede
06. Blick in den Ausstellungsraum „Pictureworde – Wordpictures“. Foto: NB
07. Blick in den Ausstellungsraum „Pictureworde – Wordpictures“. Foto: Claus Friede
08. Tórrodur Poulsen, Føryar 18 oyggjar 2008. Foto: NB
09. Nordaltlantens Brygge. Foto: NB

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