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Expressionistische Begegnung: Ernst Ludwig Kirchner – Jan Wiegers

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Montag, den 14. Juli 2014 um 09:07 Uhr
Expressionistische Begegnung: Ernst Ludwig Kirchner – Jan Wiegers 4.5 out of 5 based on 159 votes.
Ernst Ludwig Kirchner – Jan Wiegers

Das Staatliche Museum Schwerin thematisiert in seiner aktuellen Sommerausstellung die Künstlerfreundschaft zwischen dem deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner und seinem niederländischen Kollegen Jan Wiegers.
Im Frühjahr 1920 lernen sich Kirchner und Wiegers im schweizerischen Davos kennen und schätzen. Eine lange Freundschaft beginnt, die mit dem Freitod Kirchners 1938 enden soll. Gemeinsam malen die beiden in den Graubündner Alpen. Landschaftsbilder von expressiver Farbigkeit entstehen. Nach einer Ausstellung im Oktober 1920 kritisiert die Davoser Presse den Einfluss Kirchners auf Wiegers Werk und tituliert ihn als „Schüler von Kirchner". Kirchner widerspricht und erklärt, dass Wiegers „nicht sein Schüler, wohl aber sein Freund sei."

Mit einer Gegenüberstellung der Werke von Ernst Ludwig Kirchner und Jan Wiegers dokumentiert die Schweriner Schau eine etwa zwanzig Jahre dauernde Künstlerfreundschaft. Rund 100 Exponate, darunter Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Holzschnitte, belegen nicht nur die künstlerische Verbundenheit, sondern zeigen auch gegensätzliche, eigenständige Sichtweisen. Allerdings ist der Einfluss Kirchners auf seinen jüngeren Kollegen nicht zu leugnen, sodass man ihn durchaus als Mentor ansehen kann. Inspiriert von Kirchner, übernimmt Wiegers dessen Wachsfarbentechnik, ein Gemisch aus Ölfarbe mit Waschbenzin und Bienenwachs, welches den Bildern eine intensive, stark reflektierende Leuchtkraft verleiht. Obendrein orientiert er sich an Kirchners Bildkomposition, dem Sujet und Pinselduktus, den expressiven Farben und Farbkontrasten.

Wie stark diese Orientierung ist, belegen zwei Hauptwerke, welche den Besucher beim Betreten des großen Ausstellungsraumes empfangen: Wiegers „Davos, Frauenkirch" von 1926 und „Wildboden im Schnee" von Kirchner aus dem Jahr 1924. Seit einem Jahr lebt Kirchner in dem Bauernhaus auf dem Wildboden bei Frauenkirch. Sein Gemälde zeigt das Haus in den verschneiten Schweizer Alpen: links im Vordergrund das Holzhaus. Schnee liegt auf dem Dach und vor dem Haus. Rechts schlängelt sich, vorbei an einem weiteren Haus, ein Weg durch hohe vom Schnee befreite Tannen. Im Bildhintergrund ragen schneebedeckte Berge auf. Die dunkelblaue Fassade des Holzhauses, hellblaue, rosa und grüne Farbakzente sowie das tiefe Violett der Bäume dominieren die Farbgestaltung. Wiegers adaptiert in seinem zwei Jahre später gemalten Bild nicht nur das Motiv sondern auch die expressiven Farben. Sein Haus, das „Lärchenhüsli" liegt umgeben von drei weiteren eingeschneiten Häusern in der Schneelandschaft bei Frauenkirch: Vom Dach des dunkelblauen Holzhauses hängen Eiszapfen, der Schnee ist blau, rosa und violett schattiert. Rosa und violette Farbflächen überziehen den Bildhorizont.

Ernst Ludwig Kirchner lebt seit 1917 in der Schweiz. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldet er sich im Frühjahr 1915 freiwillig zum Militärdienst. Bereits im September wird er wegen psychischer Probleme vom Dienst entlassen und für dienstuntauglich erklärt. An Depressionen, Lähmungen und Bewusstseinsstörungen leidend, morphinsüchtig, Alkohol und Tabletten abhängig sucht er vergeblich Heilung in deutschen Sanatorien. Schließlich geht der 37-Jährige nach Frauenkirch bei Davos, wo er sich von seinen gesundheitlichen Problemen erholt. Eine kreative Schaffensperiode beginnt. Ein „neuer" Kirchner entsteht. In der Schweiz entdeckt Kirchner die Gebirgslandschaft mit ihren wechselnden Lichteffekten, den Almhütten, Wiesen, Wäldern und Schluchten sowie das Leben der Bergbauern als neue Bildmotive. Gleichwohl behält er seine expressionistischen Farben und starken Farbkontraste bei – die er übrigens nach Goethes Farbenlehre anordnet.

Landschaften mit grünen, blauen und violetten Farbflächen kontrastieren mit roten und gelben Flächen, in blau, lila und rosa leuchten die Schneelandschaften. Spiegelt sich in seinen Großstadtbildern der Berliner Metropole noch eine vibrierende Nervosität wider, ist jetzt eine stilistische Entspannung zu spüren: der Pinselstrich ist ruhiger, ausgeglichener. Farben und Flächen sind harmonisch ausgewogen. Ein schönes Beispiel ist sein Selbstportrait „Der Maler (Selbstbildnis)" von 1920: Kirchner sitzt malend vor einer Leinwand. Auf dem Tisch stehen eine Blumenvase und eine Flasche. Der Ofen im Bildhintergrund suggeriert Behaglichkeit. Klar umrissene, großflächige gelbe und grüne Farbaufträge, ein sparsames Rot gliedern den Bildaufbau.

„Meine heutigen Arbeiten sind nicht die Früchte der früheren, sondern völlig neue Sachen. Auch der Stil ist neu", äußert sich Kirchner 1925 gegenüber dem Dresdner Kunstschriftsteller Will Grobmann. Er habe „das Gefühl, dass mein eigentliches Werk noch vor mir liegt." Die Bekanntschaft mit der Weberin Lise Gujer Anfang der Zwanziger, die Wirkereien nach Kirchners Entwürfen herstellt, inspirieren seinen Malstil: Er wird strukturierter, flächiger. Ein Stil, den der Kunsthistoriker Donald E. Gordon als „Teppichstil" bezeichnet.

Trotz seiner Genesung leidet der Berliner Bohemien unter der Abgeschiedenheit und der Erfolgslosigkeit in seiner Wahlheimat. Bereits die Winterthurer Ausstellung von 1924 stößt auf Unverständnis. Seine Kunst wird rigoros abgelehnt. Die Bilder seien zu wild, seine Kunst zu deutsch. „Aber der Kampf um die Anerkennung meiner Kunst", schreibt Kirchner an Will Grohmann, „tobt wüst hier, da man auf französische Kunst eingestellt ist und vor meinen Formen und Farben erschreckt." [...] „Wohl geht die Arbeit vorwärts, trotz allem, aber die Leute kämpfen gegen meine heutige Art wie vor 10 Jahren gegen die damalige, die sie heute anerkennen."

Bewunderung und Anerkennung findet er bei dem 13 Jahre jüngeren niederländischen Maler Jan Wiegers aus Groningen. Im Frühjahr 1920 zieht Wiegers, an einem Lungenleiden erkrankt, mit seiner Familie in ein Haus in der Nähe von Kirchners Unterkunft in Frauenkirch. Als Mitgründer der Groninger Künstlergruppe De Ploeg (Der Pflug) zählt er in seiner Heimat zur künstlerischen Avantgarde. Sein vor 1918 entwickelter expressiver Malstil ist von der Tradition des niederländischen Realismus beeinflusst. Im Vergleich mit der europäischen Kunstszene, Frankreich oder Deutschland, ist er allerdings nicht ganz en vogue. Von daher suchen er und seine Künstlerkollegen Anschluss an die zeitgenössische Moderne. Für Wiegers bedeutet die Begegnung mit dem deutschen Expressionisten einen stilistischen Neuanfang. Zurück in Groningen experimentiert er mit der Wachsfarbentechnik, intensiviert Farben und Formen. Er ist jedoch kein Kirchner-Kopist, sondern entwickelt einen eigenständigen Malstil. Die Schweriner Schau präsentiert hierzu etliche Beispiele, darunter "Groninger Landschaft mit Kanal" von 1923, "Music Hall", "Interieur Bohémien" von 1925, "Anton Constanse" ein Portrait von 1924 oder "Zwei Männer im Schnee, aus einem Café am Boterdiep-Kanal kommend", 1924. Mitte der 1920er-Jahre gelingt dem Groninger Expressionismus der Durchbruch. Wiegers selbst avanciert zum wichtigsten Vertreter der von Kirchner inspirierten Stilrichtung.

Weitere Besuche des Niederländers nach Davos sollen folgen. Die sogenannten Duellportraits entstehen 1925: Kirchner malt Wiegers, Wiegers malt Kirchner. Von Kirchner als Ganzkörperportrait im flächenhaften Teppichstil komponiert, sitzt Wiegers im Atelier mittig auf einem Stuhl vor der Staffelei. Die Hose ist blau, über dem grünen Hemd trägt er eine lilafarbene Weste. Das Lila wiederholt sich in dem Inkarnat, das durch grüne Schattierungen belebt wird. Ein gemusterter Teppich liegt auf dem Boden, Bilder hängen an den Wänden, durch das Fenster schimmert die verschneite Landschaft. Wiegers dagegen portraitiert den Freund mit einer expressiveren Farbpalette: Im Dreiviertelportait, die Pfeife im Mundwinkel hängend, sitzt Kirchner vor der Leinwand und malt beidhändig. Das Inkarnat strahlt in Gelb und Orange mit grünen Schattierungen, die Kleidung in blauvioletten Tönen. Der etwas unruhig gestaltete Bildhintergrund zeigt Fragmente von Kirchners Gemälden.

Neben den Gemälden bringen auch grafische Arbeiten - Zeichnungen, Radierungen und Holzschnitte – die enge künstlerische Verbundenheit von Kirchner und Wiegers zum Ausdruck. Sie belegen deren Vielseitigkeit sowie ihr Interesse an bildübergreifenden Gattungen. Diese schwarz-weißen Arbeiten – mit Ausnahme einiger aquarellierter Zeichnungen – bilden einen starken Kontrast zu den farbintensiven Malereien.

Das Staatliche Museum Schwerin, bekannt für seine Sammlung Altniederländischer-Meister, stellt mit der Ausstellung „Expressionistische Begegnung: Ernst Ludwig Kirchner – Jan Wiegers“ zwei Künstler des deutschen und niederländischen Expressionismus gegenüber. Für den Niederländer, der bis dato dem deutschen Publikum weitgehend unbekannt sein dürfte, ist es die erste Retrospektive in Deutschland. Die Schau ist eine Kooperation mit dem Groninger Museum und dem Saarlandmuseum, Saarbrücken.

Die sehenswerte Ausstellung ist bis zum 28. September 2014 im Staatlichen Museum Schwerin, Alter Garten 3, 19055 Schwerin zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 - 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
www.museum-schwerin.de


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Jan Wiegers, Porträt von Kirchner im Atelier, 1925, Öl auf Leinwand, 69x89 cm, Foto: John Stoel © Groninger Museum
Galerie:
01. Jan Wiegers, Davos Frauenkirch, 1926, Öl auf Leinwand, 78,5x100 cm, Foto: Marten de Leeuw © Groninger Museum, Loan Cultural Heritage Agency of the Netherlands (RCE).
02. Ernst Ludwig Kirchner, Berge bei Davos, o. J. (um 1920), Aquarell über Bleistift auf dünnem getönten Papier, 16,5x22 cm, Foto: Ebersold GmbH, Sulzbach © Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Saarlandmuseum Saarbrücken, aus der Sammlung Kohl-Weigand.
03. Jan Wiegers, Zwitsers landschap (Schweizer Landschaft), ca. 1925/26, Bleistift auf Papier, 21,5x17,5 cm, Foto: Marten de Leeuw © Groninger Museum.
04. Ernst Ludwig Kirchner, Damen im Café, um 1924/25, Feder in Tusche auf getöntem Papier, 16,6x16,4 cm, Foto: Ebersold GmbH, Sulzbach © Stiftung. Saarländischer Kulturbesitz, Saarlandmuseum Saarbrücken, aus der Sammlung Kohl-Weigand.
05. Jan Wiegers, Anton Constandse, ca. 1924, Öl auf Leinwand, 70,5x57 cm, Groninger Museum.
06. Jan Wiegers, Interieur Bohèmien, 1925, Wachs/Öl auf Leinwand, 70 x 80 cm, Groninger Museum
07. Jan Wiegers, Groninger landschap met kanaal (dt. Groninger Landschaft mit Kanal), 1923, Wachs/ Öl auf Leinwand, 69,3x55,5 cm, Foto: Marten de Leeuw © Groninger Museum.
08. Jan Wiegers, Music Hall, o. J., Wachs/ Öl auf Leinwand, 100x82,5 cm, Foto: Marten de Leeuw © Groninger Museum.
09. Jan Wiegers, Twee mannen in de sneeuw, komend uit een café aan het Boterdiep (Zwei Männer im Schnee, aus einem Café am Boterdiep kommend), 1924, Wachs, Öl auf Leinwand, 68,8x55 cm, Foto: Marten de Leeuw © Groninger Museum.
10. Ernst Ludwig Kirchner, Sitzender Akt vorm Spiegel, o. J. (um 1909/10), Rohrfeder in Tusche auf Papier, 45x35 cm, Foto: Ebersold GmbH, Sulzbach © Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Saarlandmuseum Saarbrücken, aus der Sammlung Kohl-Weigand.

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