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Bildende Kunst

Die 16. NordArt 2014: Mit Kunst aus Russland, China und Dänemark

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Geschrieben von Claus Friede  -  Freitag, den 13. Juni 2014 um 10:20 Uhr
Die 16. NordArt 2014: Mit Kunst aus Russland, China und Dänemark 4.7 out of 5 based on 208 votes.
Die 16. NordArt 2014: Mit Kunst aus Russland, China und Dänemark

Es kann gar nicht oft genug wiederholt werden: Dem, was die Macher der NordArt auf dem Gelände der ehemaligen Eisengießerei der Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg auf die Beine gestellt haben, gebührt größter Respekt.
Aus einer kleinen Idee entstand vor 19 Jahren ein großes, großartiges und immer noch wachsendes Gesamtkunstwerk. Die NordArt ist eines von mehreren Projekten unter dem Dach des „Kunstwerk Carlshütte“. Sie zählt zu Europas größter zeitgenössischer Kunstausstellung. Zu verdanken ist dies dem Ehepaar Hans Julius und Johanna Ahlmann, die als Eigentümer den „Spielort“ zur Verfügung stellen und die Finanzierung der Ausstellungen übernehmen sowie dem Maler und Bildhauer Wolfgang Gramm, der als Chefkurator die Leitung inne hat. Auf 22.000 qm überdachter Fläche und weiteren 80.000 qm Skulpturenpark sind in diesem Jahr 250 Künstler aus 55 Ländern mit ihren Werken vertreten.

Die 16. NordArt 2014 eröffnet am 14. Juni um 17 Uhr die Pforten. Im Länderschwerpunkt hat sich das Projektteam für Russland entschieden – kein pflegeleichter Partner, wie Gramm meint, aber darum geht es ihm auch nicht. Er will, gemeinsam mit den fünf Kurator-Kollegen aus Moskau und St. Petersburg, die vierzig russischen Künstler vorstellen und deren Werke zur Diskussion stellen. Vielseitig mit unterschiedlichen künstlerischen und stilistischen Positionen ist die Choreographie einer solchen Ausstellung nicht einfach zu bewältigen. Was Wolfgang Gramm aber auszeichnet ist seine punktgenaue Fähigkeit Bilder, Skulpturen, Fotografien und Installationen mit einander in einen sinnhaften und formal funktionierenden Dialog zu bringen. Man kann und muss allerdings auch über die Qualität der vielen Kunstwerke diskutieren. Da sind neben historisch-traditionellen durchaus auch naive Positionen vertreten, die nicht immer das Gefühl von „auf der Höhe der Zeit“ zu sein, geben. Russland-Kurator Peter Baranov schreibt in seinem Einführungstext im Katalog daher auch von Volkskünstlern, von den Mitgliedern der Russischen Akademie der Künste und Professoren der Kunstinstitutionen und das klingt schnell verstaubt. Daher beschreibt er auch die figürlichen Traditionen Russlands. Auch wenn die international bekannten Namen der künstlerischen „Champions League“ fehlen, so stellen die verantwortlichen Kuratoren all das vor, was selbst Fachleuten größtenteils noch unbekannt sein dürfte und wahrlich zu entdecken ist.

Umso mehr stechen jene Werke in den ehemaligen Werkshallen heraus, die einen internationalen und zeitgenössischen Diskurs verfolgen und die Vielfältigkeit dieses riesigen Landes präsentieren sollen. Der Besucher, der sich viel Zeit nehmen sollte auf seiner Entdeckungstour über das Gelände, taucht ein in eine Welt, die er in einer solchen Bandbreite kaum woanders finden kann.

Sechs Meter lang ist die Bronzeskulptur „Winston“ von Alexander Taratynov. Der bullige riesenhafte Hund steht im Eingangsbereich des „Russischen Pavillons“, In der riesigen Halle wirkt das patinierte Tier wie für den Ort geschaffen. Eine zweite tonnenschwere Großskulptur von ihm ist im Außenraum zu finden: „Fluss Ob“. Welche Größen russische Ateliers haben müssen fragt man sich nicht nur bei ihm. Auch die riesige Bronzeskulptur „Tomcat“ von Olga Muravina ist ein Hingucker. Die über sieben Meter große Plastik ist im Park zu finden. Sechs Meter bemalte Leinwand misst das Bild „Istanbul“ von Yury Selivanov. Der eigentlich als Bildhauer bekannte Künstler beweist damit, dass er auch ein exzellenter Maler ist. Normalmaß haben hingegen die erwähnenswerten Acrylbilder von Aljona Shapovalova. Ihre düsteren Industrie- und Stadtlandschaften im Stil der Neuen Realität sind präzise und plakativ zugleich.
Die Künstlergruppe „AES+F“ setzt sich aus Architekten, Designern und Fotografen zusammen und spiegelt in ihrer Videoarbeit „Das Fest des Trimalchio“ – wie es im Katalog dazu heißt: „Untugenden und Konflikte zeitgenössischer Kultur“ wider. Sie erkunden in bildgewaltigen Erzählungen fragwürdige Wertesysteme – und das nicht lediglich auf Russland bezogen.

„Confronting Anitya" – Oriental Experience in Contemporary Art“ lautet der Titel des „China Gardens“ des Kurators Liang Kegang. „Anitya“ ist eine der buddhistischen Doktrin und Grundlage der Idee buddhistischer Existenz per se und kann mit „Unbeständigkeit“ übersetzt werden. Gramm und Kegang geht es in diesem Ausstellungsteil um die „Beständigkeit des Unbeständigen“. Sie stellen chinesische Künstler vor, die „tief in der östlichen Kulturtradition der Selbstkultivierung“ beheimatet sind, was buddhistisch so viel heißen soll, dass die Abwesenheit eines Körpers gleichzeitig die Anwesenheit definiert. Im Kuratoren-Statement heißt es dazu: diese Künstler ständen im Schatten des westlichen Kunstmarkts und die beiden Kuratoren können ihnen nun und erneut – wie auch schon auf der Biennale 2013 in Venedig – ein adäquates Forum bieten, um sichtbar zu werden.
Einige der Künstler kennt der Kunstliebhaber und NordArt-Fan bereits von früheren Schauen – Ren Rong beispielsweise. Der In Bonn lebende Künstler ist sowohl mit flachen Bildobjekten aus angerostetem Cortenstahl als auch mit Tiefdrucken in Form von Papierarbeiten zu sehen. Selbst die noch so filigranen Werke chinesischen Künstler wie von Shao Yinong, Wang Huangsheng oder Xiao Yu funktionieren in den teils renovierten, teils aber auch roh und morbid belassenen Hallen auf wunderbare Weise und nehmen einen Diskurs zur vorhandenen Industriearchitektur auf. Überhaupt bringen die unterschiedlichen Aggregatszustände der Räume und Orte einen starken Spannungsbogen in das gesamte Ausstellungsprojekt.

Der dritte Schwerpunkt ist der Skulptur dänischer Künstler gewidmet: „Sculpture Focus2014 Denmark“. Die länderübergreifende Initiative zwischen Sønderborgs Kunstzentrum Augustiana und der NordArt spiegelt hüben wie drüben, dass es keine künstlerischen Unterschiede gibt, sondern hauptsächlich individuelle Ausprägungen. Die Hervorbringungen sind ohne die zugeordneten dänischen Künstlernamen nicht von dem unterscheidbar, was nachbarschaftlich auch in Norddeutschland gemacht wird.
„Stürmische Liebe – Himmlische Freude“ gab es nicht immer über die Sprachgrenze hinweg, aber die Eichenholz- und Stahlskulptur von Vibeke Fonnesberg ist mit ihren sechs Metern so hoch, dass sie symbolhaft, dauerhaft und unerreichbar thronend wirkt. Hans Lembrecht Madsens „Sonnen-Stein“ wirkt wie ein magisch-mythisches und in sich ruhendes Objekt aus lang vergangener Zeit als die Menschen noch Runenbuchstaben in Stein kratzten und Søren Wests „Fossil“ aus Bornholmer Granit spielt mit Balance und natürlicher Fragilität wie sie vor allem in der Natur vorkommt. Material und Inhalt dieser Werke sind historisch-künstlerisch in der Region Sønderjylland und Schleswig verortet.

Schließlich ist im großen, supranationalen Ausstellungsteil einiges unerwartbares und spannendes zu entdecken. Erwähnenswert hier die Werke der montenegrinischen Künstlerin Milijana Istijanovic. Ihre großen, digital bearbeiteten Fotografien von morbiden Innenräumen sind perfekt in einem Nebenteil einer Halle so präsentiert als seien sie just für diesen Ort hergestellt worden. Sie geben dem Raum eine imaginäre Vergangenheit und suggerieren, dass sich hier Menschen über eine längere Zeitspanne eingerichtet hatten.

Wundervoll auch die Arbeit der litauischen Künstlerin Laura Guoke. Ihre Rauminstallation „Aura“ arbeitet mit Schwarzlicht und ist durch die eintretenden Besucher einem permanenten visuellen Wandel unterworfen. Besonders beeindruckend ist das Werk „Vaters Sohn“ des estnischen Künstlers Villu Jaanisoo. Seine 3D-Video-Projektion auf 1,50 Meter lange und gebrauchte Leuchtstoffröhren, die wie zwei große Stehlampenschirme vis-à-vis angebracht sind, zeigt eine Interaktion zwischen einem Schimpansen und einem Menschen. Worin die Interaktion besteht ist allerdings nur zu erahnen, denn der kurze Moment von Bewegung ist nicht weiter zu entschlüsseln.

Was es sonst noch alles auf der gigantischen NordArt 2014 zu entdecken gilt, dazu muss sich nun jeder selbst auf Erkundungstour begeben...


NordArt 2014 im Kunstwerk Carlshütte, Vorwerkallee, in 24782 Büdelsdorf.
Ein Katalog mit 303 Seiten stellt alle teilnehmenden Künstler vor.
Öffnungszeiten bis 12. Oktober 2014. Dienstag bis Sonntag (inkl. Feiertrage), 11-19 Uhr
Tel. allgemeine Information: (04331) 3546 95
Tel. Kasse Carlshütte: (0160) 9699 6120 (Nur zu den Öffnungszeiten der NordArt besetzt)
Eintritt: 9 Euro (Tageskarte für das gesamte Gelände)
Saisonkarte: 36 Euro
Ermäßigt: 6 Euro (Studenten, Freundeskreis Carlshütte, Gruppen ab 15 Personen, Menschen mit Behinderungen)
Schüler: 3 Euro
Wichtig: Schülergruppen bitte nur mit vorheriger Anmeldung an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. oder telefonisch unter (04331) 3546 95

Weitere Informationen: www.nordart.de und www.kunstwerk-carlshuette.de


Abbildungsnachweis:
Header: Blick in eine der Ausstellungshallen der Carlshütte in Büdelsdorf der 16. NordArt 2014
Galerie:
01. Katalogumschlag der NordArt 2014
02. Chefkurator Wolfgang Gramm. Foto: NordArt
03. Letzte Vorbereitung für die Eröffnung. „Winston“ von Alexander Taratynov, im Eingangsbereich des Russischen Pavillons.
04. Alexander Taratynov: „Fluss Ob“, Granit im Skulpturenpark.
05. Länderfokus Russland: Die Bronzeskulptur „Geheime Räume“ von Alexander Rukavishnikov im Russischen Pavillon.
06. Sonderausstellung „China Garden – Confronting Anitya“.
07. Skulpturenfokus Dänemark: „Stürmische Liebe – Himmlische Freude“ von Vibeke Fonnesberg.
08. Blick in die Ausstellungshalle.
09. Villu Jaanisoo: „Vaters Sohn“, Videoprojektion (Installation in der Kunsthalle Helsinki)
10. Paul Pudzs: „Hyäne“, Wagenremise.

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avatar Robert Hirse
+5
 
 
Endlich einmal eine NordArt-Vorschau, die auch in die Tiefe geht und nicht nur die bekannten Superlative wiederholt. Deutlich erkennbar ist, dass sich der Autor mit den verschiedenen Schwerpunkten dieser von mir geliebten Ausstellung näher beschäftigt hat. Das ist - leider - nicht selbstverständlich.
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