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Bildende Kunst

Quadrate und Rechtecke in Rot, Gelb und Blau: „Mondrian. Farbe“

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Montag, den 17. Februar 2014 um 13:13 Uhr
Quadrate und Rechtecke in Rot, Gelb und Blau: „Mondrian. Farbe“ 4.5 out of 5 based on 154 votes.

Quadrate und Rechtecke in Rot, Gelb und Blau: „Mondrian. Farbe“

Wer schwarzumrandete Felder in Primärfarben sieht, muss unweigerlich an Piet Mondrian (1872-1944) denken.
Millionenfach auf Kalenderblättern reproduziert, haben die abstrakten Kompositionen des Holländers einen kaum zu übertreffenden Wiedererkennungswert. In der Ausstellung „Mondrian. Farbe“ im Bucerius Kunstforum in Hamburg sind die sattsam bekannten Inkunabeln der Moderne jedoch nur durch eine Handvoll Beispiele vertreten. Der überwiegende Teil der 51 Exponate umfassenden Ausstellung – und gerade das macht sie so spannend – zeigt einen völlig unbekannten jungen Maler, der seinen Weg in der Auseinandersetzung mit immer neuen Vorbildern sucht. „Mondrian vor Mondrian“ wäre auch ein passender Titel gewesen.

 

Verblüffend, was den Ausstellungsarchitekten in den oktogonalen Räumlichkeiten am Rathausmarkt immer wieder einfällt. Nun ist es eine große, graue Wand, die den Eingang versperrt, zumindest die Sicht ins Innere. Der Besucher muss erst einmal eine Einführung, sowie die ausführliche Biografie des Künstlers lesen, ehe er einen Blick auf die Bilder werfen darf. Vielleicht wollte Kuratorin Ortrud Westheider auf diese Weise behutsam auf den chronologischen Rundgang vorbereiten, der sich anschließt und der für eingefleischte Farbfelder-Fans sicherlich ein kleiner Schock ist: Düstere grau-braune gegenständliche Landschaften mit Titeln wie „Frau und Bauernhaus in Achterhoek“ (1898/99), „Bauernhaus mit Wäsche auf der Leine“ (1898) oder „Apfelbäume und Hühner auf einem Bauernhof“ (1905) reihen sich hier dicht an dicht – kleinformatige Gemälde, die man Mondrian auf Anhieb nie hätte zuordnen können. Sie machen deutlich, dass der junge Maler kein „Revolutionär, sondern ein Evolutionär war“ (Westheider) und zu Beginn seiner Laufbahn noch tief in der jahrhundertealten Tradition niederländischer Malerei verhaftet.

Die Farbpalette erinnert stark an den frühen Vincent van Gogh, den frühen Max Liebermann, auch an die Schule von Barbizon – an all jene Landschaftsmaler, die sich Ende des 19. Jahrhunderts von den düsteren Erdtönen verabschiedeten, um das Licht und mit ihm die reine Farbe zu entdecken. Kurz nach der Jahrhundertwende war auch Mondrian so weit: Das „Scheunentore eines Gehöfts in Brabant“ von 1904 ist bereits auf Kuben und Flächen reduziert, bei der „Mühle von Oostzijdse“ (1907) und der „Flusslandschaft mit Baumreihe“ (1907) kommt eine klare Leuchtkraft in den Himmel, wie sie zuvor wohl nur van Gogh und Edvard Munch geschaffen hatten.

Piet Mondrian beschäftigt sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts intensiv mit Goethes Farbenlehre und setzt sich mit zahlreichen Vorbildern auseinander. Paul Cézanne, Cuno Amiet und Ferdinand Hodler sind nur drei von vielen. Das Mädchen mit roten Haaren (Devotie) von 1908 macht Einflüsse des Jugendstils sichtbar, der „Bauer aus Zeeland“ und das „Kleine Haus im Sonnenlicht“ (1909/1910), führen Mondrians Ausflüge in den Impressionismus und Pointilismus vor Augen.

Ein Jahr später, 1911, reist der Künstler erstmal nach Paris und lernt die Kubisten kennen. „Die rote Mühle“ von 1911 ist das Resultat dieser Begegnung: Keine prismatische Aufspaltung, sondern Konzentration auf die geometrische Form. Die Mühle erscheint als monumentaler Block, verfremdet durch die rote Farbe und starke Untersicht wird sie zum Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde – und zum Anfang vom Ende der Gegenständlichkeit.

Seine Neigung zur Theosophie, die Verinnerlichung von Goethes Farbenlehre und die Grundsätze des Kubismus bilden schließlich Mondrians Parameter für jene berühmten schwarzen Gitter auf weißem Grund, die mit Primärfarben gefüllt sind. Die radikale Abkehr vom Gegenstand erfolgt nicht aus Begeisterung für den Konstruktivismus, wie Ortrud Westheider betont, sondern „um das Materielle zu überwinden und in eine ideelle Dimension vorzudringen“.
Wassily Kandinsky hatte schon 1911 seine programmatische Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ verfasst. In Mondrians Gitterbildern nimmt das Geistige vollendet Gestalt an.


„Mondrian. Farbe“
Zu sehen bis zum 11. Mai 2014 im Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, in 20095 Hamburg.
Geöffnet täglich von 11 bis 19 Uhr und Do. bis 21 Uhr.
Katalog: Hrsg. von Ortrud Westheider und Michael Philipp
Mit Beiträgen von Marty Bax, Susanne Deicher, Franz W. Kaiser, Monika Wagner, Ortrud Westheider und Michael White
208 Seiten mit farbigen Abbildungen der gezeigten Werke
Hirmer Verlag, München, Preis in der Ausstellung € 29 Buchhandelsausgabe € 45.


Abbildungsnachweis:
Header: Ausstellungsansicht "Mondrian. Farbe", Foto: Ulrich Perrey
Galerie:
01. Piet Mondrian: Komposition mit großer roter Fläche, Gelb, Schwarz, Grau und Blau, 1921, Gemeentemuseum Den Haag © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
02. Piet Mondrian: Komposition mit Blau und Gelb, 1932, Denver Art Museum © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
03. Piet Mondrian: Zeeuws(ch)e Kerktoren (Kirchturm in Zeeland), 1911, Gemeentemuseum Den Haag © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
04. Ausstellungsansicht "Mondrian. Farbe", Foto: Ulrich Perrey
05. Piet Mondrian: Dünenskizze in leuchtenden Streifen, 1909, Gemeentemuseum Den Haag © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
06. Ausstellungsansicht "Mondrian. Farbe", Foto: Ulrich Perrey

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avatar wolf schroedax
+1
 
 
Mondrian.vergeistigt ?
Eine Epikrise

Die frühen stimmungsvollen Landschaften, impressionistisch in der Pinselführung, realistisch im Lokalkolorit wirken farblich verhalten. Die Durchblicke unter Bäumen, die Silhouetten der Stämme, in der gleichen Periode entstanden, lassen allerdings erkennen, dass auch am Grafischen gearbeitet wurde. Im Laufe des ersten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts jedoch wird die Farbe zunehmend zum Thema, und wir lernen, dass sich der Künstler zu dieser Zeit sowohl mit Goethes Farbenlehre als auch mit der Theosophie beschäftigt habe.

Während Goethe u.a. die emotionale Wirkung der Farbe, die Effekte von Nachbildern und des Simultankontrasts beschreibt, analysiert Mondrian die Wirkung der Farben in Abhängigkeit ihrer handwerklichen Behandlung auf der Leinwand, wie etwa übereinander gelegte Farblasuren in einem Abendhimmel. Unterschieden wird nun zwischen dem Leuchten und dem Strahlen einer Farbe, und es reift die Erkenntnis, dass Farben auf der Leinwand nicht von selbst strahlen sondern nur leuchten können, wenn man ihnen Licht gibt, das sie reflektieren können. In der Folge werden Farbkontraste untersucht, z.B. in einer Portrait-Serie von Menschen, Windmühlen und Kirchtürmen, schließlich wieder im „gleißenden“ Gegenlicht am Strand und in den Dünen. Unter dem Eindruck des Kubismus versucht Mondrian auf verschiedene Weise, das Geäst von Bäumen zu schematisieren. Struktur und Farbfläche, werden auch zwischenzeitlich wieder zusammen abgehandelt, bevor im Bild „Komposition B“ von 1920 mit der Nummer 45 in der Ausstellung beide Elemente ihre endgültige Funktion erhalten. Weiß, Rot, Gelb, Blau, Grau und Schwarz sind verteilt in einem Gitter (noch) grauer senkrechter und waagerechter Linien.

Wo aber bleibt die Theosophie ? - Wenn wir uns an das halten wollen, was wir auf den Bildern sehen, dann finden wir in der Abstraktion Mondrians allgemein gültige Eigenheiten unserer Wahrnehmung untersucht und nicht „die Transformation der Wirklichkeit ins Geistige“, wie es der Pressetext zur Ausstellung behauptet hat. Und in der Reduzierung eines Bildes auf Elemente allgemeiner, wahrnehmbarer Wirkung könnte die Beschreibung eines „universellen“ Prinzips gesehen werden, wie es sich die Theosophie zum Ziel setzt. Mondrian hat sich sicher als Maler verstanden, welcher in der sichtbaren Welt arbeitet, spätestens dann als er in der New Yorker Szene harten Diskussionen ausgesetzt war, in denen die Theosophie offenbar keine Rolle mehr spielte.

Über die Euphorie, in Goethes Farbenlehre und der Theosophie einen Schlüssel zu Mondrians Abstraktion gefunden zu haben und über die (unzweckmäßige) Konzentration auf die Farbe, vergisst die Kuratorin bedauerlicherweise, den Besuchern augenfällige Einzelheiten zu erklären. Wird zunächst zutreffend geschildert, dass die im schwarzen Gitter an den Rand gerückten Farbflächen das Bild als Ausschnitt aus einem größeren erscheinen lassen, bleibt es unkommentiert, dass z.B. in dem Bild, welches das Ausstellungsplakat zeigt, der Anschluss der Gitterlinien an den Bildrand nachträglich unterbrochen wurde. Stattdessen werden den Farbflächen „Gewichte“ bzw. Schwebetendenzen, also vertikale Mobilität in der Komposition zugemessen, was bei der Stabilität der Gitter abwegig erscheint, weil die Farbflächen unbestreitbar durch die schwarzen Gitterlinien eingefangen sind. Dass sich aber die auf den physiologischen Gegebenheiten unserer Augen beruhende Farbdynamik in der Tiefe des Bildes abspielt, wird nicht erwähnt: Weiß tritt hinter dem Gitter weiter zurück als Grau. Davor kommen der Reihe nach Gelb, Rot, Blau und Schwarz. In der „Komposition mit Rot, Blau Schwarz, Gelb und Grau“ von 1921 schiebt sich in der oberen linken Ecke sogar ein schmales Rot vor den schwarzen Winkel, welcher dieses Rot an zwei Seiten einfasst. Weil die Schenkel des Winkels den Bildrand beide nicht erreichen und das Rot sich in die entstandenen Lücken nicht hinein zwängt, entsteht der Effekt: Das Rot steht vor dem Gitter. Solche wahrnehmungsphysiologischen Einzelheiten sind es, welche Mondrians abstrakte Periode auszeichnet. Bezeichnenderweise hat er selbst diese als „Neoplastizismus“ bezeichnet, worunter er räumlichen Eindruck ohne durch Licht und Schatten illusioniertes Volumen verstand.

Es ist eine Besonderheit der Ausstellungen im Bucerius Kunstforum, dass jedem Bild eine (häufig überflüssig) ausführliche Bildbeschreibung beigegeben ist. Das würden die das Bild Betrachtenden dankbar begrüßen, wenn die Beschreibungen immer zuträfen, wenn jene also nachvollziehen könnten, was diese behaupten. Eben diese Diskrepanz hat auch Besucher bewogen, den Audioführer zurückzugeben, weil die Rede die Rezeption der Bilder eher zu stören als zu erleichtern schien.

Der Berichterstatter sieht es dialektisch: Der Widerspruch öffnet die Augen. Und da nicht alle Fehler und Übertreibungen auch Eingang in den Katalog gefunden haben, ist dieser sehr zu empfehlen. Schön, dass es diese Ausstellung gab !

Wolf Schroedax
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