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Nur das Talent... Käthe Kollwitz und die Frauen der Berliner Secession

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Donnerstag, den 21. November 2013 um 09:10 Uhr
Nur das Talent... Käthe Kollwitz und die Frauen der Berliner Secession 4.5 out of 5 based on 212 votes.
Nur das Talent... Käthe Kollwitz und die Frauen der Berliner Secession

Den "Malweibern" der Berliner Secession (1898–1913) Käthe Kollwitz, Julie Wolfthorn, Dora Hitz, Sabine Lepsius, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth und Maria Slavona ist die Ausstellung der Herbert Gerisch-Stiftung in der Villa Wachholtz, Neumünster, gewidmet.
Die Schau präsentiert über 60 Exponate, darunter Portraits, Stillleben und Landschaftsbilder sowie Grafiken und Aquarelle. Die Arbeiten geben Einblick in das künstlerische Schaffen der Malerinnen im Berlin der Jahrhundertwende. Die Ausstellung weist aber auch auf die schwierige Lebenssituation der Künstlerinnen im Deutschen Kaiserreich von 1871 hin. Mit der Gründung der Berliner Secession ändert sich erstmals ihre Situation. Frauen sind als gleichberechtigte Mitglieder zugelassen. Beginnt nun der Siegeszug des weiblichen Geschlechts in der bildenden Kunst?

Nach dem Studium der einzelnen Biographien, muss die Frage mit "Nein" beantwortet werden. "Keine Frau erlangte eine nur annähernd gleichberechtigte Stellung - weder in der Organisation noch im Kunstfeuilleton noch auf dem Kunstmarkt", heißt es im Ausstellungskatalog. Nur Käthe Kollwitz ist es gelungen, sich in der Kunstgeschichte zu etablieren. Die anderen Künstlerinnen sind in Vergessenheit geraten, ihre Werke zum Teil verschollen. Warum?

Die Situation liegt in den politischen und gesellschaftlichen Strukturen des Wilhelminischen Kaiserreichs begründet. Die damalige Kulturszene wird von Männern dominiert, die staatlich verordnete Kunst von Männern diktiert. Frauen ist aufgrund ihres Geschlechtes ein Studium an der Königlichen Akademie der Künste verwehrt. Nur Damenmalschulen, Privatunterricht sowie Kunstvereine für Frauen stehen ihnen als Ausbildung zur Verfügung. Einige gehen nach Paris, dem Mekka der zeitgenössischen Avantgarde, hier gibt es bereits eine akademische Frauenmalklasse. Ausstellungen sind nur in privaten Salons möglich. Wen wundert es, dass moderne Künstlerinnen und Künstler, Kunstgruppierungen anfangen gegen die verkrustete Kulturpolitik zu opponieren, explizit gegen die akademische Kunstauffassung Kaiser Wilhelms II. und die von ihm favorisierte Historienmalerei. Deren schwülstige Historienschinken glorifizieren Ereignisse der preußischen und deutschen Geschichte sowie der germanischen Mythologie: eine propagandistische Kunst, gedacht zur Verherrlichung Preußens und des neuen Kaiserreiches. Die Künstler rebellieren außerdem gegen die etablierte Kunstszene und deren Ignoranz gegenüber der zeitgenössischen Moderne. Vor allen Dingen der von Paris ausgehende Impressionismus verstößt gegen den konservativen Kunstgeschmack des Kaisers, des Hofes und seiner Beamten. Vielleicht weil Frankreich zu den Erzfeinden Deutschlands gehört?

Während die Berliner Avantgarde die neue Stilrichtung begeistert adaptiert, formieren sich die Gegner. Allen voran Anton von Werner, Protegé seiner kaiserlichen Majestät. Seit 1875 Direktor der Königlich akademischen Hochschule für die bildenden Künste und seit 1887 Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler, reglementiert er als Spiritus rector die Staatskunst. Neben von Werner entscheiden die Akademie und der Verein über die Teilnahme von Künstlern an der Großen Berliner Kunstausstellung im Glaspalast am Lehrter Bahnhof sowie an internationalen Kunstausstellungen. De facto bedeutet das für die jungen Kreativen: Sie werden von offiziellen Ausstellungen ausjuriert. Nur Kunsthändler und private Galerien bieten ihnen eine Plattform. Zum Eklat kommt es, als der Avantgarde ein eigener Ausstellungsraum und eine eigene Jury für die Große Berliner Kunstausstellung von 1899 verweigert, Leistikows "Abendlandschaft am Grunewaldsee" zur Ausstellung abgelehnt wird. Als Reaktion auf diese restriktive Kunstpolitik gründen Walter Leistikow, Max Liebermann und 65 weitere bildende Künstler, darunter Julie Wolfthorn, Dora Hitz, Sabine Lepsius und Ernestine Schultze-Naumburg im Mai 1898 die Berliner Secession. Max Liebermann ist Präsident. In der Kantstraße 12, neben dem Theater des Westens, errichten die Secessionisten ihr Ausstellungshaus. Hier findet im Mai 1899 die erste Kunstausstellung statt, die interessierte, kaufkräftige Besucher anlockt. Rund 180 nationale Künstler zeigen Exponate der modernen Malerei und Plastik, Ölgemälde, Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen sowie Skulpturen. Neben Max Liebermann und Walter Leistikow sind prominente Künstler wie Lovis Corinth, Max Slevogt, Arnold Böcklin, Ferdinand Hodler und Adolf von Menzel vertreten. Dazu kommen die Frauen Frieda Fittbogen, Susanne Goldschmidt, Agathe Herrmann, Dora Hitz, Else Hey, Käthe Kollwitz sowie Sabine Lepsius und Julie Wolfthorn. Eine Sensation im wilhelminischen Berlin.

In seiner Eröffnungsrede formuliert Liebermann, dass bei der Auswahl der Werke nur das Talent ausschlaggebend gewesen sei. "Für uns gibt es keine allein selig machende Richtung in der Kunst, sondern als Kunstwerk erscheint uns jedes Werk - welcher Richtung es angehören mag - in dem sich eine aufrichtige Empfindung verkörpert."

Das neue Ausstellungskonzept ist erfolgreich. In den folgenden Jahren öffnet sich die Secession für ausländische Künstler. Claude Monet, Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Camille Pissarro und andere französische Impressionisten werden dem deutschen Publikum vorgestellt. Zu verdanken ist der Erfolg unter anderem dem Mäzenatentum eines liberalen, oftmals jüdischen Großbürgertums.
All das ändert nichts an der ablehnenden Haltung des Kaisers, der anlässlich der Eröffnung der Berliner Siegesallee im Dezember 1901 die moderne Kunst als "Rinnsteinkunst" bezeichnet. Trotz aller kaiserlichen Proteste, der Siegeszug der zeitgenössischen Moderne ist nicht mehr aufzuhalten.

Und die Frauen? Partizipieren sie an dem Erfolg? Die Ausstellung der Herbert Gerisch-Stiftung, die den Zeitraum von der Gründung der Secession bis 1913 umfasst, geht diesen Fragen nach und rückt die Bedeutung der Secessionistinnen für die deutsche Moderne in den Fokus.
Die Villa Wachholz, 1903 im Jugendstil errichtet, präsentiert Arbeiten von Julie Wolfthorn, Sabine Lepsius, Käthe Kollwitz sowie Dora Hitz, deren großformatiges, in der leuchtenden Farbigkeit des Impressionismus glühende Bild "Die Weinernte" die Besucher empfängt. Das Œuvre der 1856 in Nürnberg geborenen Künstlerin umfasst Landschaften, Blumenstillleben und Portraits, vorzugsweise von Mädchen und Frauen. Im Kaiserreich eine erfolgreiche Malerin, gerät sie nach dem Ersten Weltkrieg in Vergessenheit und stirbt völlig mittellos 1924 in Berlin. Nur 50 Gemälde sind noch nachweisbar, von denen sich einige in der Berliner Nationalgalerie sowie im Museum der bildenden Künste in Leipzig und der Kunstsammlung der Stadt Nürnberg befinden.

Julie Wolfthorn gehört zu den gefragtesten Portraitistinnen in Berlin. "Hexchen", "Das Mädchen auf dem Sofa", Landschaften oder üppige Blumensträuße "Gladiolen", verzaubern durch das Spiel von Licht und Farben. Sie arbeitet für die Zeitschrift "Jugend", entwirft Grafiken und Illustrationen. Als Jüdin erhält sie unter den Nazis Berufsverbot, wird aus allen Verbänden ausgeschlossen. Sie stirbt, 81-jährig im Dezember 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt. Bis auf wenige Bilder, gilt ihr umfangreiches Werk als verschollen.

Auch Sabine Lepsius favorisiert die Portraitmalerei. Nach einer Ausbildung in Paris, kehrt sie nach Berlin zurück, heiratet den Maler Reinhold Lepsius. Vier Kinder werden geboren. Statt sich dem traditionellen Schicksal einer Hausfrau und Mutter hinzugeben, verfolgt sie ehrgeizig ihre künstlerische Karriere. Sie malt, wie sie später zugibt, um den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen. "Ich war nur zum Geldverdienen auf der Welt. Schade um meine Gaben." Neben Kinderbildern, ist mit dem Ölgemälde "Johanna Springer" eines ihrer besten Portraits vertreten.

1898 nimmt die gebürtige Königsbergerin Käthe Kollwitz mit Radierungen aus dem Zyklus "Ein Weberaufstand" an der Großen Berliner Kunstausstellung teil. Ihre Arbeiten beeindrucken Max Liebermann, der ihr eine Teilnahme an der ersten Secessions-Ausstellung anbietet. Sie nimmt an. 1901 wird sie Mitglied der Künstlergemeinschaft und 1912 als erste Frau in den Vorstand gewählt. Bei der Secession stellt sie jedes Jahr neue Arbeiten vor, ab 1901 Grafiken in den Schwarz-Weiß-Ausstellungen des Vereins. In der Villa Wachholz sind Portraits, sozialkritische Radierungen aus dem Zyklus "Bauernkrieg", ein Selbstbildnis und das Bild "Weiblicher Rückenakt auf grünem Tuch" zu sehen.

In der Gerisch-Galerie werden Bilder von Maria Slavona, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth und weitere Arbeiten von Dora Hitz und Juli Wolfthorn vorgestellt.
Die Lübecker Apothekertochter Maria Slavona ist, zu mindestens in ihrer Heimatstadt, nicht in Vergessenheit geraten. Nach einer Ausbildung in Berlin und München, folgt sie 1890 dem dänischen Maler Vilhelm Petersen, später Willy Grétor, nach Paris. 1891 kommt ihre uneheliche Tochter Lilly zur Welt. Die Beziehung scheitert. Sieben Jahre später heiratet sie den Schweizer Kunstkenner und Sammler Otto Ackermann. Ihr Haus wird Mittelpunkt der Pariser Bohème. 1909 zieht die Familie nach Berlin. Zu Slavonas, im Stil des Impressionismus gemaltem Repertoire gehören Portraits, Landschaftsbilder, Stillleben und Interieurs. Ein großer Teil ihrer Werke fiel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

"Dem Vorstand der Berliner Secession theile ich höflichst mit, daß ich mich hiermit nicht mehr als Mitglied der Secession betrachte." Mit diesen knappen Worten kündigt die 50-jährige Clara Siewert im Dezember 1912 ihre Mitgliedschaft. Ein Bruch, der sich auf ihre weitere künstlerische Karriere negativ auswirken soll. Ihre düsteren Gemälde, Zeichnungen und Gouachen haben etwas bizarr-dämonisches. Motive aus Märchen und Sagen, Leichen auf dem Totenbett, gesteinigte Hexen, Krankheit und Tod thematisieren ihre Arbeiten. Kurz vor einem Bombenangriff 1944 werden rund 160 Arbeiten aus ihrem Berliner Atelier gerettet. Sie gehören heute zum Bestand des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg.

Sie ist nicht nur die Frau des berühmten Malers Lovis Corinth, sondern eine eigenständige Künstlerpersönlichkeit. 1901 nimmt die 19-jährige Charlotte Berend Malunterricht in Corinths "Malschule für Weiber". Zwei Jahre später heiratet sie den 20 Jahre älteren Maler, wählt für sich den Doppelnamen Berend-Corinth. Trotz der Geburt zweier Kinder, entscheidet sie sich für eine Karriere als Malerin. Sie ist 26 Jahre alt, als sie 1906 zum ersten Mal Bilder in der Berliner Secession ausstellt. Die Schau in Neumünster zeigt unter anderem ihre Anita Berber Mappe, acht erotische Kreidelithographien der Tänzerin und Schauspelerin, "Max Pallenberg in der Rolle des Figaro" sowie "Die schwere Stunde", die Studie einer in den Geburtswehen liegenden Frau. Das Originalbild, 1908 auf der Secessionsausstellung gezeigt, gilt heute als verschollen.

Was auf den ersten Blick wie eine Erfolgsstory für die Künstlerinnen aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als ernüchternd. Bis 1913 sind nur neun Frauen Mitglieder der Secession, 107 Künstlerinnen sind an den Secessions-Schauen beteiligt gewesen. Der Vorstand und die Jury besteht, bis zur Aufnahme von Käthe Kollwitz, aus Männern. Auch die wirtschaftliche Situation der Frauen ist prekär. Verlangt Max Liebermann für ein Selbstbildnis 12.000 Mark, erhalten Malerinnen für ein Bild maximal 800 bis 1000 Mark. Selbst das Jahreseinkommen einer Käthe Kollwitz liegt 1913 bei nur rund 3.400 Mark. "Der Kunstbetrieb des Kaiserreiches blieb wie auch die Lebenssphären geschlechtergetrennt", resümiert der Ausstellungskatalog.


Die informative und sehenswerte Ausstellung "Nur das Talent... Käthe Kollwitz und die Frauen der Berliner Secession (1898–1913)" ist bis zum 13. April 2014 in der Villa Wachholz, Herbert Gerisch-Stiftung, Brachenfelder Straße 69, 24536 Neumünster zu besichtigen. Die Öffnungszeiten sind von Mittwoch bis Freitag von 11 - 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 - 19 Uhr
Ein Katalog ist erschienen.
www.gerisch-stiftung.de
 

Bildnachweis:
Header: Detail aus Charlotte Berend-Corinth: Die schwere Stunde, 1908, Öl auf Pappe, Studie. Courtesy: LENTOS Kunstmuseum Linz
Galerie:
01. Maria Slavona: Lilly lesend, 1902/05, Öl auf Leinwand. Privatbesitz
02. Dora Hitz: Weinernte, um 1910, Öl auf Leinwand. Courtesy: Stiftung Stadtmuseum Berlin
03. Julie Wolfthorn: Hexchen, um 1899 (2. Fassung), Öl auf Leinwand. Privatbesitz
04. Maria Slavona: Selbstbildnis, 1910, Öl auf Leinwand. Privatbesitz. Foto: Marianne Obst
05. Charlotte Berend-Corinth: Max Pallenberg in der Rolle des Figaro, 1917, Öl auf Leinwand. Courtesy: Stiftung Stadtmuseum Berlin. Foto: Marianne Obst
06. Julie Wolfthorn: Das Mädchen auf dem Sofa, 1910, Öl auf Pappe. Privatbesitz. Foto: Marianne Obst
07. Käthe Kollwitz: Selbstbildnis mit der Hand an der Stirn, 1910, Strichätzung und Kaltnadel. Käthe Kollwitz Museum Köln. Foto: Marianne Obst.

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