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Bildende Kunst

Piero Manzoni. Als Körper Kunst wurden. Städel Museum, Frankfurt

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Donnerstag, den 22. August 2013 um 13:57 Uhr
Piero Manzoni. Als Körper Kunst wurden. Städel Museum, Frankfurt 4.6 out of 5 based on 189 votes.
Piero Manzoni. Als Körper Kunst wurden. Städel Museum, Frankfurt

Die Ideen des Konzeptkünstlers Piero Manzonis (1933-1963) führten über das hinaus, was die hergebrachte Kunst in den 1950er-Jahren zu bieten hatte.
Seine noch immer fesselnde Radikalität glänzt jetzt in einer Ausstellung mit gut 100 Arbeiten im Frankfurter Städel Museum.
Manzoni, Sohn eines italienischen Adeligen, verstand sich aufs Provozieren. Er führte als erster hart gekochte Eier in die Kunst ein, indem er sie mit seinem rechten Daumenabdruck versah und Galeriebesuchern zum „Kunstverzehr“ anbot. Seinen Atem blies er in Ballons, die er auf Sockeln platzierte. Von diesen „pneumatischen Skulpturen“ sind nur noch schrumpelige Reste geblieben, künden aber gleichwohl von Esprit und Schöpferodem. Im Mai 1961 füllte Manzoni jeweils 30 Gramm einer Substanz, die er als seine eigenen Fäkalien ausgab, in zylindrische Blechdosen und versiegelte sie geruchssicher. Diese von 1 bis 90 nummerierten Dosen mit der auf einer Banderole in vier Sprachen bezeichnete „Merda d'artista“ wurden von ihm signiert und für den Preis einer Feinunze Gold verkauft. Manzonis Kreislauf der Produktion von Kunst organisch-biologischer Art von dem Verzehr der Eier über die Atemluft in Luftballons bis zur Ausscheidung von Verdauungsprodukten hat sich geschlossen.

Schon 1958 hatte Manzoni mit dem Herstellen un-farbiger Werke begonnen, die er „Achromes“ nannte. Manzoni übergoss Leinwände mit weißer Porzellanerde und Gips. Zwar fehlt den Bildern so die individuelle Handschrift, der Betrachter aber wird durch ein reiches Formenrepertoire an Faltungen – entstanden durch die verschieden lange Trocknungszeiten - ausgiebig entschädigt. Besondere Effekte erzielte Manzoni, indem er phosphoreszierende Farben und Kobaltchlorid verwendete. Diese Bilder changieren bei wechselnder Luftfeuchtigkeit und Helligkeit von Blau bis Rosa und leuchten im Dunkeln geheimnisvoll nach. Auch ihnen ist die Schönheit des Kruden und Zufälligen Eigen. Manzoni experimentierte mit Kunstfasern, Wattekompressen und Styropor, packte sie in Bildkästen hinter Glas; sie wirken dort belebt. Die „Achromes“, angesiedelt zwischen Reduktion, Sinnlichkeit und Spielerischem sind dem Künstler wohl Vehikel gewesen, die Malerei nicht nur zu verwerfen, sondern zu überwinden.

1961 errichtete Manzoni in Dänemark einen „socle du monde“, der „Sockel der Welt“ aus Eisen und Bronze. Er steht auf dem Kopf. Und die Erdkugel, die wir uns vorstellen müssen, wird zum Kunstwerk. Vorher schon hatte der Künstler 73 Menschen zu Kunstwerken erklärt, dem Freund Marcel Broothaers, dem Schriftsteller Umberto Ecco die Haut signiert, ebenso den Rücken einer nackten Schönen. Sie wurden „sculpturen vivante“. Manzoni stellte Zertifikate für sie aus, die - je nach Farbe des Zettels auf Zeit oder lebenslang - lebendige Kunstwerke sind.

Den Plan einer erdumspannenden Linie vereitelte Manzonis früher Tod. Teilstücke diese Linie, die er in einer dänischen Druckerei auf Zeitungsrollenpapier zog - die längste misst 7.200 Meter – sind ordentlich in Metallbehältern verwahrt und wahrscheinlich für die Ewigkeit gedacht.

Manzoni brüskierte mit seinen Arbeiten das überkommene Kunstverständnis der 1950er- und der frühen 60er-Jahre. Mit dieser Ausstellung im Städel wird deutlich, dass er wohl seiner Zeit voraus wahr, das aber mit schalkhaftem Ernst.


Die Ausstellung ist bis zum 22. September 2013 zu sehen im Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main.
Der Katalog, erschienen im Kerber Verlag, kostet im Museum 34,90 Euro.


Fotonachweis: Piero Manzoni (1933-1963)
Header: Ausstellungsansicht "Piero Manzoni. Als Körper Kunst wurden" Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013. Foto: Alex Kraus © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Galerie:
01. Piero Manzoni unterschreibt auf einem Model während eines Kurzfilmdrehs für Filmgiornale SEDI. Mailand, 1961. © Courtesy Fondazione Piero Manzoni, Mailand
02. Achrome, 1958, Kaolin auf Leinwand, 50x69,5 cm. Fondazione Piero Manzoni, Mailand, in Zusammenarbeit mit Gagosian Gallery. © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013
03. Achrome, 1962, Steine und Kaolin auf Leinwand, 70x50 cm. Fondazione Piero Manzoni, Mailand, in Zusammenarbeit mit Gagosian Gallery. © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013
04. Alfabeto (Alphabet), 1959, Bedrucktes Papier und Bleistift auf Papier, 70x50 cm. Neues Museum Weimar. © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
05. Base magica - Scultura vivente, 1961, Holz, Metall, Filz, 79,5x79,5x60 cm. Fondazione Piero Manzoni, Mailand, in Zusammenarbeit mit Gagosian Gallery. © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013
06. Merda d’artista N.° 038 (Künstlerscheiße N. 038), 1961, Künstlerscheiße, bedrucktes Papier, Konservendose, 4.8xØ 6 cm. Privatsammlung. © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013
07. Fiato d'artista (Atem des Künstlers), 1960, Gummiballon, Schnur, Bleiplomben, Messing, Holz, 18x18 cm. Fondazione Piero Manzoni, Mailnad, in Kooperation mit Gagosian Gallery. © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013
08. Linea m 3,54 (Linie 3,54 m), 1959, Tinte auf Papier, Pappbehälter, 23x6 cm. Sammlung Consolandi. © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013
09.-10. Ausstellungsansicht "Piero Manzoni. Als Körper Kunst wurden". Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013. Foto: Alex Kraus. © Fondazione Piero Manzoni, Milano, by VG Bild-Kunst, Bonn 2013

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