Zum Anfang

Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 535 Gäste online

Neue Kommentare

Friedrich von der Lange zu „Snowden” – Patriot oder Verräter? : Von keinem anderen, als von Ollie Stone hätte ic...
Hein Daddel zu „Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue: Ein starker Film über eine starke Frau. Sehr gut...
Gerhard P. zu OKRA – Piano & Field Recordings: Wunderbar und spitzfindig geschrieben. Macht Spa...
Hans G. Gohlisch zu Chefredakteur von ZEIT ONLINE spricht über "Community Engagement und New Storytelling: Eigentlich habe ich einen Bericht über David Hoc...
adarompf@gmx.de zu „Mahana – Eine Maori-Saga”. Zwischen Tradition und Tyrannei : In allen Facetten genaue Beschreibung des Films, ...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2016

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Helmut Rieger: „Afrika in mir“

Drucken
(279 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Christel Busch  -  Mittwoch, den 23. Januar 2013 um 10:32 Uhr
Helmut Rieger: „Afrika in mir“ 4.5 out of 5 based on 279 votes.
Helmut Rieger - Afrika in mir - Lübeck

Kann ein Maler, der den afrikanischen Kontinent nur aus Büchern kennt und nie bereist hat, Bilder über Afrika malen? 
Die Kunsthalle St. Annen in Lübeck zeigt rund 30 Afrikabilder aus dem umfangreichen Œuvre des Malers und Zeichners Helmut Rieger. Seine figurativ-expressiven Malereien bilden einen intensiven Kontrast zu den ausgestellten Artefakten der Lübecker Völkerkundesammlung sowie aus der Sammlung von Lothar und Christel Fischer. Ein spannender Dialog zwischen europäischer Malerei und Skulpturen afrikanischer Naturvölker.

Der Grund für Riegers Interesse am „schwarzen Kontinent“ ist eine schwere Krankheit und ein langer Krankenhausaufenthalt zu Anfang der 1970er-Jahre gewesen. In dieser für ihn lebensbedrohenden Phase beschäftigt er sich erstmals mit afrikanischer Kunst und Kultur. Ein Interesse, das ihn nach seiner Genesung weiter fesseln sollte. In seiner Fantasiewelt entwickelt er irreale, fast mythisch-verklärte Fiktionen von Afrika, die er dann - ganz dem Expressionismus verpflichtet - in teils farbintensiven, teils schwarz-weiß-braun Tönen oder Erdfarben malt. Mit wildem, kräftigem, fast aggressivem Pinselduktus zaubert er stark abstrahierte schwarze Menschen oder Tiere auf die Leinwand. Ein Klischeebild von Afrika? Vielleicht. Der Künstler jedoch sieht sein inneres Afrika als Metapher für die existentiellen Kämpfe des Menschen gegen eine unberechenbare Natur. Riegers ausdrucksstarke Bilderwelt thematisiert daher archaische Urinstinkte von Liebe, Leben und Tod sowie der Sehnsucht nach dem Paradies. Daneben zeigen seine Jagdszenen den Existenzkampf in einer bedrohlichen Umwelt: den Mann als Jäger im Kampf mit wilden Tieren und - ist er Sieger - mit der von ihm erlegten Beute.

Riegers Afrikabild findet in den ethnologischen Sammlungen der Naturkundemuseen weitere Inspirationsquellen. Er ist fasziniert von schwarzafrikanischen Plastiken, insbesondere von deren figürlicher Grazie, die Eingang in seine - anatomisch nicht korrekten - Figurationen findet. Gleichwohl ist seine Malerei der subjektive Blick des Europäers auf eine fremde Kultur. Ein eher oberflächlicher Blick, der nicht die Jahrhunderte alten Traditionen des afrikanischen Kulturraumes hinterfragt.

Die Ausstellung präsentiert unter anderem zahlreiche Jagdszenen, schwarze Akte, darunter die „Niendorfer Venus“ sowie Arbeiten aus den Zyklen „L' âge d'or“ und „Die Angst der Erde um ihre Kinder“. Charakteristisch für Riegers dynamische Jagdszenen sind düstere Farbtöne, die er mit kräftigem Weiß, Blau, Gelb oder Rot kombiniert. „Ornament mit Beute“ zeigt die Trophäen eines mit weißer Maske bekleideten Jägers. Als Beute hängen kopfüber ein gelbgefleckter Leopard, ein schwarzweißes Zebra und eine nackte Frau. Eine überaus erfolgreiche Jagd! Voll intensiver, strahlender Farbigkeit ist dagegen „L' âge d'or“ - das goldene Zeitalter. Der Titel wirft Fragen auf, ob das an einem See sitzende Paar Adam und Eva im Paradies symbolisieren soll. Atmosphärisch düster sind hingegen die schwarzen Akte, welche in abgestuften Schwarztönen gemalt sind. Eine Ausnahme ist die „Niendorfer Venus“ - der Maler besitzt in Niendorf an der Ostsee ein Haus, daher der Bildtitel. Im schwarzen, sich kräuselnden Wasser baden zwei nackte Frauen, deren fleischfarbene Körper einen starken Kontrast zu dem feuchten Element bilden. Quasi als Eyecatcher wird der Blick des Betrachter auf einen roten Balken im oberen Bildrand gelenkt. Bedrückend ist der Zyklus „Die Angst der Erde um ihre Kinder“, der die existenziellen Fragen der Menschheit anspricht. Eine Frau, vielleicht eine Erdgöttin, artikuliert mit weit geöffnetem Mund, an den Kopf gelegten Händen und leeren Augen schreiend ihre Angst um die Erde. Ein Motiv, dass stark an Munchs „Der Schrei“ erinnert.

Den malerischen Werken sind originale Skulpturen aus der Völkerkunde - Schilde, Hocker, Ahnenfiguren, Tiermasken - als perfekte Ergänzung gegenüber gestellt. Diese, teilweise sehr filigran geschnitzten Plastiken zeigen ein faszinierendes Bild afrikanischer Kunst. Wobei Kunst eine falsche Definition ist, denn diese Objekte wurden nur bei rituellen Handlungen benutzt.

Der 82-jährige Rieger gehört heute zu den prominentesten Vertretern des figurativen Expressionismus in Deutschland. Nach einer Ausbildung als Buchdrucker, folgt ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Ende der 50er-Jahre ist er Mitbegründer der drei Münchner Künstlergruppen WIR, SPUR und Geflecht, deren Mitglied er bis zur Auflösung bleiben sollte. Unbeeinflusst von den aktuellen Kunstströmungen Mitte des 20. Jahrhunderts, verfolgt der Maler seinen individuellen, künstlerischen Weg. Seine Malerei ist beeinflusst von mythologischen und archaischen Themen, die er - wie in „Afrika in mir“ - in der ihm eigenen Bildsprache formuliert. Auch wenn er nie Schwarzafrika bereist hat, bildet seine Fantasie eine für den Betrachter überaus faszinierende Welt ab. Seit 1997 ist Rieger Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen machten ihn in und über Europa hinaus bekannt. Der Künstler lebt und arbeitet in München. 


Die Ausstellung Helmut Rieger „Afrika in mir“ in der Kunsthalle St. Annen ist eine Reminiszenz an einen national und international geschätzten Künstler. Sie erfolgt in Kooperation mit dem Museum Lothar Fischer in Neumarkt/Oberpfalz.
Die Ausstellung ist bis zum 14. April 2013 zu sehen in der Kunsthalle St. Annen, St. Annen-Straße 15, in 23552 Lübeck. Ein Katalog ist erschienen.
Öffnungszeiten: Januar bis März: Dienstag bis Sonntag 11 – 17 Uhr. Ab April: Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr
Weitere Informationen unter: kunsthalle-st-annen.de


Abbildungsnachweis:
Header: Helmut Rieger; Detail aus „L’âge d’or, Adam und Eva“, 2005, Acryl auf Karton. Courtesy: Galerie van de Loo, München
Galerie:
01. Porträt von Helmut Rieger. Foto: © Stefan Moses
02. Niendorfer Venus, 1991/1992, Tusche, Acryl, Papier auf Holz, Besitz des Künstlers
03. L’âge d'or, Insel, 2005, Grafitstift, Tusche, Acryl auf Papier
04. Jäger – Gejagter, 1988, Acryl auf Papier, Privatsammlung
05. Blaue Wolke, 1989, Tusche, Acryl, Folie auf Holz, Privatsammlung Frankfurt/M.
06. Blick auf eine der Skulpturen. Foto: Christel Busch
07. Kopffüßlerfigur der Edo Nigeria (Königreich Benin), 19. Jh. © Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck.
08. Blick in den oberen Ausstellungsraum. Foto: Christel Busch
 

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

avatar Luisa Mangelsen
+5
 
 
Wie stets analysiert Christel Busch nicht nur Gestaltung, Technik und künstlerische Ausdruckskraft in eleganter und anschaulicher Sprache, sie versteht darüber hinaus, sich in die emotionalen und sozialisationsbedingten Vorstellungen des Künstlers einzufühlen. Vorstellungen, die hier Rieger - vielleicht ohne es zu wollen - in seinem Werk transportiert. Mit Recht fragt Busch, wie jemand Afrikabilder malen kann, ohne selbst je dort gewesen zu sein. Aus Riegers Bildern lassen sich Klischees von Afrika herauslesen wie das vom "schönen Wilden" und dem sexuell dem Europäer überlegenen Mann u.ä. Die Furcht vor dem Fremden generiert solche Klischees. Sie zu überwinden muss man dem Fremden in persona begegnen. Die Beschäftigung mit ethonologischen Kunstobjekten reicht dazu nicht.
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
avatar Carmen del Pilar González Zaldívar
+2
 
 
Kann man eine fremde Welt in die Phantasie transportieren ohne das sie eine banale malerische Phantasie wird? oder an die Klischegrenze stößt?
Die interessante ,gelesene Rezention öffnet ein Fenster zueiner Wahrnehmung von Afrika. es ist ein persönlicher, fokusierter, malerischer Blick eines besonderen Künstlers.
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
avatar Nicola Schmid
+1
 
 
Es gibt eine Monographie über Rieger "Bilder sind wie Batterien" im Logos Verlag - als Ergänzung zu den schon genannten Katalogen.
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Mehr auf KulturPort.De

„Frantz” – Oder die tiefere Wahrheit der Lüge
 „Frantz” – Oder die tiefere Wahrheit der Lüge



In seinem elegischen Nachkriegs-Epos inszeniert Regisseur François Ozon die schmerzhafte Verstrickung von Trauer, Träumen, Schuld und Liebe als deuts [ ... ]



Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer
 Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer



In der CD-Reihe „Neue Meister“ präsentieren Arash Safaian, Sebastian Knauer und Pascal Schumacher die Musik nach Motiven von Bach so, wie der Meiste [ ... ]



Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst
 Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst



Die Autorin dieses Beitrags ist begeisterte Reeperbahn Festival-Besucherin, schaut sich aber neben dem umfassenden Konzertangebot besonders gerne im „Arts& [ ... ]



Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper
 Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper



Radikal entschlackt, mit großen Lichtvorhängen ins Computerzeitalter gebeamt, lässt Regisseurin Jette Steckel die Neuinszenierung von Mozarts Opernhit „ [ ... ]



„Snowden” – Patriot oder Verräter?
 „Snowden” – Patriot oder Verräter?



Das Schlachtfeld heißt Cyberspace, und für US-Regisseur Oliver Stone ist sein Protagonist ein Widerstandskämpfer mit Vorbildfunktion. Ziviler Ung [ ... ]



Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch
 Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch



„Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit [ ... ]



Weitere aktuelle Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.