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Bildende Kunst

Armin Mühsam: „Historical Inevitability“

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Geschrieben von Laura Ingianni  -  Montag, den 22. Oktober 2012 um 09:53 Uhr
Armin Mühsam: „Historical Inevitability“ 4.6 out of 5 based on 151 votes.
Armin Mühsam: „Historical Inevitability“

Die Galerie Lichtpunkt Ambacher Contemporary in München und danach das Kunstforum Markert in Hamburg zeigen Werke des Malers Armin Mühsam unter dem Titel „Historical Inevitability“ - "Historische Unvermeidbarkeit".
Der Künstler ist Wahlamerikaner, Deutscher, Siebenbürger. Mühsam malt am liebsten Interieurs, Landschaften und Architekturmodelle in Öl. Auf seinen meist leuchtend bunten Bildern fehlen die Menschen. Sie müssen aber da gewesen sein, denn sie haben Spuren hinterlassen.

Bei der Gattung Interieur geht nie nur um Objekte, Räume erzählen Geschichten über ihren Standort und ihre Nutzung und handeln deshalb eigentlich immer vom Menschen. In Armin Mühsams Interieurs fällt besonders die Leere auf. Ob die Bewohner tatsächlich abgebildet und Teil der Komposition sind, oder nur ihre Abwesenheit spürbar ist: der Mensch ist immer Thema des Interieurs. Mühsam zeigt dem Betrachter leere, kühle Raumauschnitte ohne persönliche Note. Seine Innenräume befinden sich häufig in einem Rohbau. Böden und Wände sind schmucklos. Kein Schnörkel und keine schiefe Linie stören die perfekte Geometrie. Die Wände sind so schmal, ebenmäßig und plan, dass es sich statt um ein wirkliches Gebäude, auch nur um ein Modell des solchen handeln könnte. Die Oberflächen sind fast strukturlos. Sein Hauptaugenmerk scheint auf der Perspektive zu liegen, welche er mit Hilfe verschiedener Objekte, die klaren Schatten werfen, durchexerziert. Der Blick des Betrachters wird aus dem Raum durch Türöffnungen ins Freie gelenkt. Die Landschaft ist ein meist aufgeteilt in Drittel bis die Hälfte grüne, regelmäßige Wiese und der Rest leuchtend blauer Himmel. Keine Unregelmäßigkeit stört die klar abgetrennten Farbflächen, keine Pinselspur verrät die Hand des Künstlers. Was erzählen seine Interieurdarstellungen wie etwa „The Anxiety of Modernity“ oder die Variation des Themas „The Anxiety of Modernity II“. Im kühlen und kargen, an einen Rohbau erinnernden Raum befinden sich vom Bildrand angeschnittene Tische und Sideboards auf denen undefinierbare Gegenstände stehen. Vielleicht Hilfsmittel für einen Architekten oder Bauzeichner? Ein großes schwarzes und eckiges Gebilde, das am linken Bildrand so stark beschnitten ist, dass es dem Betrachter unmöglich ist, zu erkennen um was es sich handelt, steht auf einem Holztisch. Auf einem weiteren, schlichten Tisch, der mit der Türöffnung als Zentrum der Komposition fungiert, befindet sich eine wohl viereckige Form, die bei „Anxiety of Modernity“ mit verschiedenfarbigen, durch ein dunkles Netz klar abgetrennte Quadrate aufgefüllt ist und bei der zweiten Abwandlung des Motivs nur mehr das Raster stehenbleibt.

Mühsam beherrscht die Geometrie meisterhaft, so klar und gerade sind seine Linien, so scharf verlaufen die Schattenkanten.
Seine Landschaften zeigen nicht die Natur. Kulissenhafte, menschenleere Stadtlandschaften oder unfertige Rohbauten stehen im Fokus seiner Darstellungen. Auf den Wiesen stören keine unordentlichen Grashalme, Baustämme sind wie senkrechte Rohre in die Erde hineingesteckt, Container sind gestapelt wie Bauklötze („Andachtsbild“). Mal führen Wege den Betrachter zu einem Gebäude hin (vgl. „After Klenze“), mal sind es Reifenspuren auf dem Rasen, deren Verlauf dem Betrachter verborgen bleiben (z.B. „Clear New World“, „Optimization Demands“ und „Collapse of Hope“).

Alle Oberflächen sind glatt und ebenmäßig. Trotzdem sind Armin Mühsams Ölgemälde nicht abstrakt, es sind keine aus der Natur entstandene Farbflächen wie etwa bei Mondrian. Mühsams Bilder sind streng Gegenständlich, sie spielen mit der Wirklichkeit. Wo befinden sich die abgebildeten Landschaften?

Sind es tatsächlich existente Orte? Oder handelt es sich um Landschafts- oder Architekturmodelle? Bei seinen Stadtarchitekturen kommt der Betrachter nicht umhin, sich an die hohen Gebäude und leeren Plätze de Chiricos erinnert zu fühlen. Doch es fehlen dessen Figurinen und Skulpturen. Armins Mühsams Himmel ist viel zu blau. Die Farben zu leuchtend.

Ein immer wiederkehrendes Lieblingsmotiv des Malers sind Arbeitsböcke auf denen Modelle stehen. Diese Architektur- oder Landschaftsmodelle werden entweder portraitiert oder sind Teil der Interieurkomposition. Auch die Böcke können verwaist in den Innenräumen auftauchen.

Die Namen, die Armin Mühsam seinen Bildern gibt sind bemerkenswert. Der Großteil der Bildtitel ist in englischer Sprache. Es sind aufwendige Titel oft philosophischer Natur, die dem Betrachter helfen das Gezeigte besser zu verstehen, oder ihn vielleicht erst recht verwirren, weil sie Hintergrundwissen voraussetzen. Es geht dem Künstler nämlich nicht nur darum zu beweisen, dass er als ausgebildeter Maler sein Handwerk versteht und Perspektive richtig darstellen kann. Mühsams Bild „The Fantasy of Modernity“ ist kein einfaches Spiel mit Licht und Schatten, sondern eine beunruhigende Sicht auf das modernen Zeitalter. Eine beängstigende Moderne, leer und karg, in der der Mensch nur indirekt durch seine Hinterlassenschaft zu sehen ist. Auf dem kleinen Ölbild „Andachtsbild“ stehen auf einer Wiese zwei Container übereinander. Bunkerartige, niedrige Betonbauten sind am Horizont zu sehen. auf dem grünen Rasen ist feinsäuberlich ein Rechteck ausgeschnitten. Vielleicht stand dort auch einmal etwas? Die Farbwahl der beiden gestapelten Container folgt der sakralen Symbolik: deren Farben sind nämlich die der Kleidung der Mutter Gottes. Das Kleid Marias wird häufig rot dargestellt, sowie der untere Behälter, der blaue Obere entspricht der Farbe ihres Umhanges.
Er zitiert in seinen Titeln aber auch Vorbilder aus der europäischen Kunst- und Architekturgeschichte, sowie auf „After Klenze“, in dessen Zentrum ein undefinierbares, wahrscheinlich unfertiges Betonbauwerk in der Landschaft steht. Grundriss und Zweck des Gebäudes bleiben rätselhaft, die Fassade ziert eine weitläufige Kolonnade die als Hommage an Leo von Klenzes dient, denn der klassizistische Architekt versah seine Bauten gerne mit Tempelfronten.

Im Mittelpunkt der Arbeit „Signorelli´s Tree II“ stehen wiederum in einer Art Rohbau zwei Arbeitsböcke, die eine Holzplatte tragen, auf der ein rotes, rechteckiges Holzobjekt mit zwei eckigen Öffnungen liegt. Der Baum, nachdem das Bild benannt ist befindet sich im Hintergrund und zitiert lediglich in der Art seiner Darstellung den Florentiner Renaissancemaler Luca Signorelli.

Armin Mühsam scheint sich in der Kunstgeschichte auszukennen und sucht sich seine Vorbilder aber auch in der neuen Heimat. Darunter vielleicht die Stadtfotografien Charles Sheelers oder Niles Spencers unbewohnte Industrielandschaften von perfekter geometrischer Ausarbeitung. Die Bilder handeln vom modernen Menschen und der von ihm gestalteten veränderten Landschaft. So wie die amerikanischen Realisten vereinfacht Mühsam die Formen, flacht sie ab. Er befasst sich mit reduzierten städtischen Themen und formuliert sie in seinem äußerst strengen und kontrollierten Stil.
Vielleicht sind Armin Mühsams Werke die persönliche Vision eines modernen amerikanischen Lebens, wie die eines zeitgenössischen Edward Hoppers?


Armin Mühsam: „Historical Inevitability“
Noch zu sehen bis zum 3. November 2012 in der Galerie Lichtpunkt Ambacher Contemporary, Lothstraße 78a, in 80797 München
Ein Katalog ist erhältlich
Öffnungszeiten: Di-Sa 15-19 Uhr.
www.lpgalerie.de

Danach geht die Ausstellung „Historische Unvermeidbarkeit“ nach Hamburg und ist vom 9. November 2012 bis 20. Januar 2013 zu sehen im Kunstforum Markert, Droopweg 31 in 20537 Hamburg.
Öffnungszeiten nach Vereinbarung.
www.kunstforum-markert.de

Bildnachweis: Alle Abbildungen Armin Mühsam
Header: Detail aus „Clear New World“, 2010, Öl auf Leinwand, 66x51 cm.
Galerie:
01. „The Anxiety of Modernity “, 2012, Öl auf Leinwand, 40x30 cm.
02. „The Anxiety of Modernity II“, 2012, Öl auf Leinwand, 96x71 cm.
03. „Optimization Demands“, 2008, Öl auf Leinwand, 96x71 cm.
04. „Collapse of Hope“, 2011, Öl auf Leinwand, 165x203 cm.
05. „Andachtsbild“, 2012, Öl auf Leinwand, 56x51 cm.
06. „After Klenze“, 2004, Öl auf Leinwand, 46x56 cm.
07. „Clear New World“, 2010, Öl auf Leinwand, 66x51 cm.
08. „Signorelli´s tree II“, Acryl auf Papier, 76x76 cm.
09. Armin Mühsam in seinem Atelier in Maryville, USA.

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avatar Daniel Buchta
+3
 
 
Ich habe Ihren Artikel gerne gelesen. Sie gehen entspannt an eine komplizierte Materie heran. Doch eines hat mich stutzen lassen:

Mühsams Ölgemälde sind nicht abstrakt? «Armins Mühsams Himmel ist viel zu blau. Die Farben zu leuchtend.» Ist das keine Abstraktion? Meines Erachtens ist jedes gemalte Bild abstrakt. Auch das Gegenständliche. Oder die auf dem Flohmarkt erstandene Zigeunerin oder der im Kaufhaus erworbene röhrende Hirsch. Abstrahieren heißt nichts anderes, als das Unwesentliche vom Wesentlichen (oder umgekehrt) trennen. Abstraktion bezieht sich folglich nicht, wie häufig gemeint oder geglaubt oder sonstwie, alleine auf Geometrie oder Konstruktion – aber durchaus ‹auch› auf Figuration.

Kunst, wir sollten das einleuchtende Klee-Diktum ja mittlerweile verinnerlicht haben, gebe nicht das Sichtbare wieder, sondern mache sichtbar. Das halte ich für das Hauptkriterium des Erkennens.
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