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Bildende Kunst

sommer.frische.kunst - Bad Gastein: kreativ, künstlerisch, erfrischend

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Geschrieben von Claus Friede  -  Montag, den 06. August 2012 um 10:33 Uhr
sommer.frische.kunst - Bad Gastein: kreativ, künstlerisch, erfrischend 4.6 out of 5 based on 186 votes.
SommerFrischeKunst - Bad Gastein

Die Stadt wirkt wie aus einer anderen Zeit entsprungen, sie klebt am Berg und an den Felsen und durch die Stadtmitte ergießt sich ein großer Wasserfall.
Die Architektur ist vielseitig: Gründerstil, Belle-Époque-Grand-Hotels, 50er-Jahre Bauten, bäuerliche Gebäude mit weit ausladenden Dächern, 70er-Jahre Architektur, moderne Flachbauten, die wie Schachteln aussehen, Luxus Chalets und alles was es an Baukunst dazwischen gibt. Wir sind im österreichischen Bad Gastein, einem weitbekannten Kur- und Tourismusort, der viel Tradition, Geschichten und Geschichte zu bieten hat.
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Ob Geschichte allerdings so gemeint sein muss? Viele der Gebäude im Zentrum stehen leer, sind verwaist und mit Bauzäunen umgeben, Putz bröckelt, Fotos und Bilder sind längst in den Schaukästen ausgeblichen und erzählen „so war es mal“.
Till Nowak ist gerade aus Hamburg angereist und zum ersten Mal in Bad Gastein. Der Medienkünstler kommt aus dem Staunen nicht mehr raus als wir durch den Stadtkern gehen und ist von der ambivalenten Atmosphäre begeistert. „Diese Mini-Metropole sieht hier aus wie meine Kugelstadt „Habitat“, einfach großartig. Ich mag es, wenn einerseits ein urbanes Flair, anderseits diese leichte Morbidität spürbar ist und es nach Umbruch riecht. Dies ist ein Ort für Künstler“, meint er. Damit hat er nicht ganz unrecht, denn seit ein paar Jahren hat Bad Gastein ein internationales Künstlerresidenzprogramm zu bieten. sommer.frische.kunst, initiiert von Kur- und Tourismusverband und kuratiert von der Sammlerin Andrea von Goetz, zieht Künstler, Sammler, Besucher und Touristen in das Alte Kraftwerk am Wasserfall. In den alten Verwaltungsräumen arbeiten die eingeladenen internationalen Künstler, Christin Kaiser (Hamburg), Markus Proschek (Wien), Michael Schmeichel (Hamburg), Victor Ash (Stockholm), Florian Neufeldt (Berlin), Corinne von Lebusa (Leipzig) und Janis Avotis (Riga) und stellen anschließend gemeinsam aus.

Auf dem Weg dorthin kommt man bereits an Kunstwerken im öffentlichen Raum vorbei: großen Wandmalereien, Lichtobjekten und einer Schauvitrine neben dem Grand Hotel l’Europe mit Bildern, Skulpturen und einem riesigen Monitor, auf dem Videos zu sehen sind. Die sind von Till Nowak – es läuft gerade „Kaltlicht“. Die Videoarbeit zeigt eine Lichtprojektion in einer winterlichen Landschaft. Nowak lässt ein Lichtspiel ablaufen, dass nur in einer ganz bestimmten Situation möglich ist: im Winter und bei ausreichender Menge Schnee. Letztgenannter ist Projektionsfläche. Diese Einmaligkeit und zeitliche Nichtplanbarkeit der Umstände geben den Hintergrund für ein Licht- und Klangspiel, dass seine kontemplative Vollendung in diesem kurzen Video erfährt.

Wie in eine Nebelwand eingehüllt aus Dampf und Tröpfchen steht am unteren Ende des Wasserfalls das Alte Kraftwerk. Früher wurde hier einmal Energie gewonnen, die Turbinenanlagen stehen längst still. Man hört jedoch noch einen permanent brummenden Summton großer Wasserpumpen, die das über 40 Grad heiße Thermalwasser, was hier entspringt, in die Hotels transportieren.
Der mächtige Turbinenraum mit seinen Maschinen und der Wand mit verschiedenen Messgeräten, mit der Feuchtigkeit und dem Brummen und Rauschen scheint künstlerisch unbespielbar.

Till Nowak ist jedoch ein Phänomen an Ideenreichtum, Innovation, technischer Raffinesse und Präzision und wäre als Kind am liebsten verrückter Wissenschaftler geworden. Er hat sofort die ersten Ideen, will Teile seiner Ausstellung „A Lot of Civilisation”, die im Frühjahr 2012 im Kunstforum Markert in Hamburg gezeigt wurde in die Maschinenhalle integrieren.
Der Künstler wählt übrigens den Ausstellungstitel, weil es ihm inhaltlich um zivilisatorische Implikationen geht. „A lot of civilisation” ist eine Haltestelle vor „too much civilisation” – genau in diesem Spannungsverhältnis bewegt sich sein Werk.
„Erst in der Übertreibung sind die Dinge wieder spürbar”, sagt Nowak. Ihm ist jedoch wichtig zu betonen, dass er nicht als moralische Instanz gesehen werden will, sondern eher als Sampler und Karikaturist unserer Zivilisation. Darüber hinaus zielen viele seiner Werke auf eine Gefühlsambivalenz ab, die gleichzeitige Faszination und Beunruhigung hervorrufen können.

„A Lot of Civilisation” ist wie geschaffen für den Ort und die Location. Nowak initiiert für den Turbinenraum zwei unterschiedliche, tageszeitliche Werkkomplexe. Nachts, wenn es stockfinster in der Halle ist, ist eine vom Künstler speziell entwickelte Lichtinstallation zu sehen, die sich auf die Architektur und die ehemalige Funktion des Ortes bezieht. Über einen lichtstarken Videoprojektor werden einzelne Messgeräte, Uhren und Zeiger auf der großen Bedienwand des Kraftwerks zum Leben erweckt. Plötzlich scheinen sich die Zeiger im schmalen Lichtstrahl zu bewegen und Klang gibt dem Raum eine zusätzliche Atmosphäre. Nach einigen Minuten explodiert das Kunstwerk förmlich wie eine elektrische Entladung, zeichnet sich bewegende, züngelnde, dünne Lichtlinien und Punkte an die Träger, Pfeiler und das Dach, um dann wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Verschiedene Variationen zeichnen Linien, geometrische Formen oder auch ein Sammelsurium von tickenden und zuckenden Zeigern an die Decke.
„Kraftwirk“ – so der Titel der Licht- und Klanginstallation – bleibt am Ende als dokumentarisches Video zurück.

Tagsüber vermittelt das zentrale Werk im Alten Kraftwerk „The Experience of Fliehkraft” unterschiedliche Extremerlebnisse mit Fliehkräften. Die technische Anmutung des Werks integriert sich nahezu perfekt in die technische Umgebung.
Zwischen 2007 und 2011 sammelte Nowak Filmsequenzen von Fahrgeschäften auf Jahrmärkten verschiedener Städte und manipulierte diese digital. Die entstandene Arbeit besteht aus sieben einzelnen, kurzen Videoclips. Die physikalischen Unmöglichkeiten sind allerdings derart wirklichkeitsnah dargestellt, dass der Betrachter staunend davor steht und das Gesehene glaubt. Das erklärt auch die etwas wackeligen, fast laienhaften Aufnahmen, sie sind wegen des Realitätsbezugs gewollt so produziert. Das Material aus der Realität zeigt eine selbstverständliche Nutzung, die Überhöhungen und Übertreibungen werden so integriert, als ob sie ebenso selbstverständlich dazu gehören und sollen jedwede stilistische Abstraktion vermeiden.

Keinem heutigen Menschen ist medizinisch-physikalisch zu empfehlen sich den in den Videos suggerieren Fliehkräften auszusetzen. Das, was wir da sehen erscheint aber so denk- und machbar, dass es vergleichbar einer Reise zum Mond in den 1960er-Jahren ist. Wir werden – wenn auch nicht physisch – so doch emotional mitgerissen und unweigerlich zaubert der Künstler mit diesen Arbeiten ein Schmunzeln auf unsere Gesichter.

Sieben große Konstruktionspläne der einzelnen Fantasiegebilde ergänzen den Zyklus. Schon seit seiner Kindheit faszinieren den Künstler die Fahrgeschäfte, die sich nun in einem eigenen Kunstwerk katalysiert haben. Er denkt in die Zukunft, er verlässt die „Ist-Zeit” fast unauffällig und kommt in einer „Kann-Sein-Zeit” an. Das produziert Überraschung, weil alles an den Werken so möglich erscheint.
Seine Konstruktionszeichnungen basieren auf vermeintlichen, internationalen Ingenieurleistungen.

„Habitat“, eine weitere Arbeit, ist eine Art Stadtmodell, lasierend auf eine Holzplatte gedruckt, die der Künstler an Ketten in den Raum gehängt hat. Nowaks Kugelstadt scheint eine augenscheinliche innige Beziehung zu Bad Gastein zu haben: sie ist die Extremform einer zivilisatorischen Schichtung. Sowohl architektonisch-urbane als auch sozio-kulturelle Schichten unterschiedlicher Epochen sind in ihr zu finden. Von den Villen und Kuppeln in der Oberstadt über einen breiten „Äquator“ bis hin zu schattig-grauen Wohnungen, Rohr- und Antennengärten und der Kanalisation der Unterstadt.

„Was in einem sozialwissenschaftlichen Diagramm eine Pyramide wäre, ist in meinen Träumen eine Kugel“, sagt der Künstler. „Die Kugelform fasziniert mich seit Jahren und ich gehe experimentelle Wege mit ihr. Auch die Kugelstadt „Habitat“ kann als gesellschaftsironischer Kommentar des Baubooms und der Abrissmentalität der globalen Mega-Cities gesehen werden, während sie gleichzeitig Ausdruck utopischer Fantasie ist.“

Abgesehen davon, dass die Baustile auf Kunstgeschichte und Historie verweisen, ist die Kugelstadt auch mit Architekturen unterschiedlicher Orte und Stilrichtungen versehen. Man findet Renaissancegebäude neben Bauhausstil, morbide Seebadarchitektur konfrontiert mit dem Flair Hongkonger Einheitswohnungen. Und wer weiß, vielleicht ist auch ein Stück Architektur aus Bad Gastein dabei.



Die Ausstelllung der Kunstresidenzkünstler im Alten Kraftwerk in Bad Gastein ist noch bis zum 23. September 2012 zu sehen.
Weitere Informationen

Fotonachweis:
Header: Logo sommer.frische.kunst Bad Gastein
Galerie:
01. Stadtansicht Bad Gastein. Foto: Georg Roske
02. Blick auf das Grand-Hotel l'Europe (links). Foto: Georg Roske
03. Blick auf Straubingerplatz. Bauzäune zeigen den Leerstand an. Foto: Georg Roske
04. Platz mit dem alten, verwaisten Straubinger Hotel. Foto: Tina Heine
05. Alte Pracht: Treppenhaus der Villa Excelsior. Foto: Kur- und Tourismusverband Bad Gastein
06. Zimmer in der Villa Excelsior. Foto: Kur- und Tourismusverband Bad Gastein
07. Altes Kraftwerk am Wasserfall. Foto: Georg Roske
08. Kunstwerk von Florian Neufeldt im Alten Kraftwerk: "Die unsichtbare Hand". Foto: Giovanni Castell
09. Marcus Proschek bei der Arbeit im Alten Kraftwerk. Foto: Andrea von Goetz
10. "Perphten", von Christin Kaiser. Foto: Giovanni Castell
11. "Sprechender Stein" von Florian Neufeldt. Foto: Giovanni Castell
12. "Habitat" von Till Nowak. Foto: Till Nowak
13. und 14. "Kraftwirk", Licht und Klanginstalltion im Turbinenraum des Alten Kraftwerk. Fotos: Till Nowak

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