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Zwischen Film und Kunst - Storyboards von Hitchcock bis Spielberg

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Dienstag, den 21. Juni 2011 um 11:10 Uhr
Zwischen Film und Kunst - Storyboards von Hitchcock bis Spielberg 4.8 out of 5 based on 231 votes.
Kultur - Kunst  Zwischen Film und Kunst - Storyboards von Hitchcock bis Spielberg

Die Kunsthalle in Emden nähert sich während der Laufzeit des 22. Filmfests Emden und darüber hinaus einem Thema, das einen nachvollziehbaren Bogen zwischen den beiden Genres Film und Kunst spannt:
Gezeichnete, getuschte und collagierte Storyboards werden Werken der bildenden Kunst gegenüber- oder anhand gestellt.

Um es gleich vorweg zu verraten, die Ausstellung ist überraschend und äußerst intelligent gemacht, zeigt verblüffende Verbindungen und kreiert durch die Kontextualisierung von optischen Drehbüchern mit Filmausschnitten und künstlerischen Bildwerken einen eigenen Raum. So ergibt sich ein Viereck, in dem der Betrachter selbst Teil der Kommunikation wird und auf unterschiedlichen Ebenen geistig partizipieren kann.

Gehören Storyboard und Filmausschnitt definitorisch zusammen, so sind die dazu gesellten Kunstwerke meist auf Assoziationen, formalen Ähnlichkeiten oder direkten, zitathaften Bezügen in den Ring geworfen.
Jedes einzelne Genre und jede einzelne Arbeit – ob Storyboard, Film oder Kunstwerk – steht für sich und braucht in seiner eigenen Welt kein Gegenüber. Doch durch die Verbindung der erwähnten Elemente, ergibt sich eine neue, andere, erweiterte Sinnhaftigkeit.

Das kann man an mehreren Beispielen gut veranschaulichen. Alexander Calders gelb-rotes Mobile, ohne Titel, aus dem Jahr 1958, ist den farbigen Storyboard-Zeichnungen von Ivor Beddoes und Hein Heckroth für den britischen Film „The Red Shoes“ (Die roten Schuhe) aus dem Jahr 1948 zugeordnet. Folgt man der Ausstellungs-Choreographie so trifft man nach dem Betrachten der Drehbuchzeichnungen auf das Mobile und lässt, wie automatisch, die roten Elemente luftig und tanzgleich im Raum gleiten. Die daraus resultierende assoziative Vorstellung, die roten Metallplättchen seien mehrere abstrahierte Schuhe, lassen das Werk Calders in einem vorher nicht gesehenen und gedachten Zusammenhang erscheinen. Auch Lucio Fontanas „Concetto Spaciale“ von 1968 – einer mit schwarz hinterlegten weißen Leinwand in der ein vertikaler Schnitt mittig das Material auseinander klaffen lässt, wirkt in gleicher Weise in der Gegenüberstellung zu den Türschlosszylinder-Zeichnungen von Arthur Max, die er für „Panic Room“ (2002) von David Fincher anfertigte. Wer den Film über die Szene hinaus mit dem Schlüssel, der sich im Zylinderschloss dreht, kennt, weiß den Schnitt Fontanas auch noch tiefgehender zu empfinden.

„Kommentiert die Kunst den Film oder anders herum?“, fragt sich der Besucher im Fall von Hitchcocks „The Birds“. Die Gegenüberstellung eines informellen Gemäldes des Belgiers Henri Michaux aus dem Jahr 1959, das schwarze, gestische und gekleckste Strukturen auf weißem Grund zeigt, gehört zu den intelligentesten Verbindungen der Ausstellung. Man assoziiert in Kombination mit den Storyboards von Harold Michelson und den kurzen Filmausschnitten die Bedrohung, die unheimliche Verdunklung durch einen nicht mehr zählbaren Vogelschwarm.

Die Lichtschwertkampfszenen bei „Star Wars“ (George Lucas, 1977) erscheinen aus Skizzenbüchern des großen japanischen Ukiyo-e-Meisters Katsushika Hokusai entnommen. Vom Erfinder des modernen Mangas ist in einer Vitrine ein Holzschnittbuch aus dem Jahr 1878 zu sehen.
Der amerikanische Künstler Paul McCarthy ist mit großen collagierten Tintenstrahldrucken vertreten. Sie zeigen jeweils einen aus unterschiedlichen Blickwinkeln abfotografierten, aber dann überarbeiteten Disney-Zwerg aus „Snow White And The Seven Dwarfs“. Zwar ist das Zitat verfremdet, doch nur insoweit, dass man die Ursprungsquelle immer klar dem Film von 1937 zuordnen kann.

Wenn man allerdings glaubt, die Schau sei nur etwas für Cineasten, so irrt man sich, denn sie funktioniert mit filmischen und filmhistorischen Wissen ebenso gut wie ohne. Der Grund dafür ist, dass sie eben überwiegend assoziative Fäden spinnt und diese sich auch mit ganz anderen Bildern, Gedanken, Phantasien und Vorstellungen verbinden können. Und schließlich vollzieht die Ausstellung noch etwas weiteres, was wir dem Internet zuschreiben und trägt ebenfalls zur Wissensunabhängigkeit bei: Die aufeinander bezogene Kombination aus Bildern, Texten und Bewegtbildern mit Ton. Das macht sie zusätzlich attraktiv.


Zusatzinformationen:
„Ein Storyboard ist das von Hand gezeichnete „optische Drehbuch“ eines Spielfilms. Diese Kunstform steht zwar der klassischen Handzeichnung mit ihrer jahrhundertealten Tradition nahe, blieb aber im musealen Zusammenhang nahezu unentdeckt. Die Ausstellung umfasst ca. 17 an international stilbildende Regisseure angelehnte Kapitel. Sie sind beispielsweise Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Martin Scorsese, Steven Spielberg oder Stanley Kubrick gewidmet. Den Zeichnungen stehen die Originalfilmsequenzen und sorgfältig ausgewählte Kunstwerke internationaler Künstler gegenüber – etwa von Max Ernst, Henri Michaux, Georg Baselitz, Alex Katz, Lucio Fontana oder Alexander Calder. Mit Ralf Ziervogel und Marcel van Eeden konnten zudem zwei Künstler gewonnen werden, eigens für diese Ausstellung neue Werke anzufertigen.“

Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 17. Juli 2011 in der Kunsthalle Emden, Hinter dem Rahmen 13, 26721 Emden
Öffnungszeiten: Dienstag – Freitag 10 – 17 Uhr. Jeder 1. Dienstag im Monat 10 – 21 Uhr. Sa, So & Feiertage 11 – 17 Uhr
Preise: Erwachsene € 8. Ermäßigt und Gruppen ab 10 P. € 6. Kinder und Jugendliche bis einschl. 15 Jahre frei
www.kunsthalle-emden.de

Anschließend wandert die Ausstellung vom 11. August bis 27. November 2011 in die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen ins Filmhaus am Potsdamer Platz 2, 10785 Berlin
www.deutsche-kinemathek.de

Fotonachweis: © Kunsthalle Emden, sonst gesondert zugeschrieben
Header: Detail aus Storyboardzeichnung von Dean Tavoularis zu „Apocalypse Now“
Galerie:
01. Kunst: Marcel van Eeden, Ohne Titel, 2010, Nerostift auf Bütten, Serie von 4 Zeichnungen, je 19 x 28 cm, Privatsammlung, Köln © Marcel van Eeden.
02. Panic Room, Regie: David Fincher, USA 2002, Storyboard: Arthur Max, The Academy of Motion Picture Arts and Sciences / Margaret Herrick Library, Academy Foundation, Beverly Hills.
03. Kunst: Lucio Fontana, Concetto Spaziale (Quelle: www.libero.it)
04. Spellbound (Ich kämpfe um dich), Regie: Alfred Hitchcock, USA 1945, Storyboard: William Cameron Menzies und James Basevi (zugeschrieben), nach Entwürfen von Salvador Dalí, David O. Selznick Collection, Harry Ransom Center / The University of Texas at Austin.
05. Kunst: Max Ernst, Une semaine de bonté ou Les sept éléments capitaux, 1934, Die weisse Woche. Ein Bilderbuch von Güte, Liebe und Menschlichkeit, Max Ernst Museum Brühl des LVG, Stiftung Max Ernst (c) VG Bild-Kunst Bonn 2011.
06. Kunst: Paul McCarthy: "Spinning Dwarf", 2009 (Quelle und Courtesy Hauser & Wirth, New York)
07. Gone With The Wind (Vom Winde verweht), Regie: Victor Flemming, USA 1939, Storyboard: William Cameron Menzies, Tusche, Guache auf Papier, 51 x 27 cm, David O. Selznick Collection, Harry Ransom Center / The University of Texas at Austin.
08. A. I. – Artificial Intelligence (A. I. – Künstliche Intelligenz), Regie: Steven Spielberg, USA 2001, Storyboard: Chris Baker (Fargon), Stanley Kubrick Archive, The University of Arts London.
09. Hammett, Regie: Wim Wenders, USA 1982, Storyboard: Alex Tavoularis zugeschrieben, Deutsche Kinemathek – Sammlung Wim Wenders, Berlin.
10. Apocalypse Now, Regie: Francis Ford Coppola, USA 1979, Storyboard: Dean Tavoularis, American Zoetrope Films, San Francisco.alt

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