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Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

MYRINX – ein Kunstwerk von Till Nowak für die Elbphilharmonie

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Mittwoch, den 01. März 2017 um 10:55 Uhr
MYRINX – ein Kunstwerk von Till Nowak für die Elbphilharmonie 4.6 out of 5 based on 139 votes.
MYRINX – ein Kunstwerk von Till Nowak für die Elbphilharmonie

Hamburg – „Was würde das Gebäude der Elbphilharmonie hören, wenn es ein Lebewesen wäre?“ fragte sich der in Los Angeles lebende Medienkünstler Till Nowak. Seine Antwort mündete zunächst in einer Geräusch- und Klangsammlung, die am, auf und im gesamten Gebäude zusammengetragen wurde und nun, in Bildsignale verwandelt, ab heute in Form eins Kunstwerks auf der achtzehn mal fünf Meter großen LED-Medienwand im Eingangsbereich zu sehen sein wird.

Über die legendäre Tonqualität der Konzertsäle in der Elbphilharmonie ist viel geschrieben und goutiert worden. Das Konzertpublikum wird mit einzigartigem Klang verwöhnt, die Akustik hat im extra eingehängten Konzertsaal zumindest sogleich eine Funktion erfüllt: sie wird viel und unterschiedlich diskutiert.

Was aber würde das Gebäude selbst hören, wenn es eigene Sinnesorgane hätte? Vibrations- und Schiffschraubengeräusche am Sockel der Elbphilharmonie, Wasserrauschen in Leitungen, die sich durch das Gebäude ziehen, die Kaffeemaschine in einer der Bars, Windpfeifen am spärlich geöffneten Fenster, Motorengeräusche im Kaispeicherparkhaus, Surren der großen Fahrtreppe, Arbeitsgeräusche, Trittschwingungen auf dem Bühnenboden und Applaus im großen Konzertsaal und vieles mehr. Genau dies sind die Geräusch- und Schwingungstypen, denen Nowak 2016, gemeinsam mit dem Tontechniker Martin Gerigk, in der Elbphilharmonie nachspürte.

Membrana tympani
Till Nowak (*1980) verbindet in seinem Werk unterschiedliche Interessen (Klang, Architektur, Fotografie, Kunst, Film und Physik) zu einem wirkungsvollen Ensemble aus sieben Video-Streams.
Er betitelt diese mit dem lateinischen Wort „MYRINX“, medizinisch auch „membrana tympani“ genannt – zu Deutsch Trommelfell.
Im zweiten Arbeitsprozess wird jedoch Auris zu Oculus. Der Künstler übersetzt damit seine originäre Sound- und Schwingungssammlung nach verschiedenen digitalen Arbeitsprozessen in visuelle, sich bewegende Linien-, Punkt- und Lichtwellen und schwarz-weiß fließende Bildreize. Das Ergebnis ist ein tonloses vielschichtiges Videowerk, das aus verschiedenen und in der Erscheinung variierenden Sequenzen zu sehen ist. Bei einigen der nahtlos hintereinander geschnitten Videoanimationen kippt der Künstler die Schauebene um 90 Grad und wieder zurück – so erscheinen diese noch dreidimensionaler, als sie sowieso schon sind und geben dem Werk weitere räumliche Tiefe.
Die einzelnen Teile sind zur Orientierung für die Besucher jeweils zweisprachig (deutsch-englisch) in der Projektion mit ihren Schwingungsquellen betitelt: „Schiffsgeräusche unter Wasser“, „Rolltreppenfahrt“ oder „Applaus im Großen Saal“ beispielsweise. Alle sieben Videoanimationen hintereinander zu sehen dauert etwa eine viertel Stunde.

Die Schwingungen bei „MYRINX“ gebärden sich in einem kausalen Verhältnis zwischen Werk und menschlicher Nutzung des Gebäudes. Die durch Bewegung veranlassten Impulse, Vibrationen, Rhythmen, Geräusche und Klänge, die das Gebäude durchdringen, bilden den Nukleus. Diese werden vom Menschen selbst erzeugt und auch wahrgenommen – nicht nur als Klang, sondern zusätzlich als soziale und emotionale Schwingung.

Viele der einzelnen Animationen, die teilweise an eine sich an der Oberfläche ständig verändernde Kartographie erinnern, versinken scheinbar zur Hälfte in der LED-Wand. Die Wellen, Muster und Mäander tauchen immer wieder aus der pechschwarzen 66 qm (abzüglich der Ausschnitte) großen Wand wie aus einer nachtfarbenen Flüssigkeit auf, um dann erneut wieder darin zu verschwinden. Der Betrachter sieht somit, dass die Schwingungen den Innen- und Außenraum verbinden und regelrecht durchdringen. Dasselbe tun die Besucher der Elbphilharmonie an gleicher Stelle, sie treten von außen in das Innere des Gebäudes ein und wieder heraus.

Kontextualisierung
Die Oberflächenstrukturen seiner Transformationen erhalten in dieser, vom Künstler mit dem Computer gerenderten, chrom-metallisch anmutenden Form, viel von architektonischer Oberfläche. Andeutungen an die Material-Ästhetik, die das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron im Gebäude verwendet hat, ist unübersehbar. So werden die aufgerauten Innenwände des großen Konzertsaals im Videowerk Nowaks als strukturelles System zitiert.
Aber auch in den filmischen, fotografischen und künstlerischen Techniken und Ausdrucksformen findet die Arbeit eine Verortung: etwa in den Experimental- und Trickfilmen des Pioniers des abstrakten Bewegtbilds, Oskar Fischinger (1900-1967) und den dadaistischen Filmen optischer Rhythmen (Film als musikalische Analogie) von Hans Richter (1888-1976). Bei Nowak müsste es heißen: Video als klangliche Analogie.
Sogenannte „Lichtbilder“ von Andreas Feininger (1906-1999) aus den 1940er-Jahren (z.B. pattern made by helicopter wing lights) dienen als augenscheinliche Reminiszenz-Punkte, ebenso Berenice Abbotts (1898-1991) Fotografien mit „Interference Patterns“ betitelt, aus den späten 1950ern, frühen 60er-Jahren.
Werke von Op-Art-Künstlern wie Bridget Riley (*1931) und Victor Vasarely (1906-1997) oder Isia Leviant (1914-2006) und die zeitgenössischen kinetischen Objekte, Installationen und Projektionen des ungarischen „documenta 13“-Teilnehmers Attila Csörgo, stehen ebenfalls Pate. Schließlich sei die visuelle Verwandtschaft zu den amerikanischen „Pattern Paintern“ kurz erwähnt, wie Frank Faulkner, Kendall Shaw und Kim MacConnel.

Die richtungsbezogenen Bewegungen – von links nach rechts, unten nach oben und umgekehrt – der Videoanimationen Nowaks erinnern letztlich auch physikalisch an chaotische Strukturen, die jenseits des Begriffs doch wieder eine Ordnung, vergleichbar der „Fraktal"-Bildwerke des Bremer Wissenschaftlers Heinz-Otto Peitgen oder mit den Visualisierungen von elekro-magnetischen Versuchsanordnungen, Nanowissenschaften und Strömungsphysik einen Zusammenhang generieren.

Interpretation und Reminiszenz
Die konkrete Visualisierung akustischer Signale – eigentlich eine Paradoxie – kennen wir lediglich aus der Physik und Medizin, um Messungen zu übersetzen und Vergleichsgrößen zu erhalten. Die freie und spielerische Interpretation bestimmter physikalischer Phänomene hat bei Nowak seit Anbeginn an immer eine sehr direkte und nachvollziehbare Verbindung zum Mensch, dessen vorgegebenen Möglichkeiten und den dazu kontrastierenden Wünschen und Sehnsüchten. Im Gegensatz zur physikalischen Wissenschaft interessieren Nowak keine Vergleichsgrößen, vielmehr sind es künstlerische, ästhetische und emotionale – die Reihe ließe sich fortsetzen – Interpretationen. Darüber hinaus entkoppelt der Künstler Momentaufnahmen und übergibt sie durch die ständigen Wiederholungen in allgemeingültige Scores. Der Umgang ist auch deswegen spielerisch, um im eingangs erwähnten Bild zu bleiben, weil der Künstler nicht nur vorhandene Gegebenheiten auslotet, sondern diese potenziert oder gar verkehrt, quasi auf den Kopf stellt. Besonders verdeutlicht sich dieses Interesse im Werk „The Experience of Fliehkraft“ (2011). Die Serie besteht aus sieben fiktiven Konstruktionsplänen zu Vergnügungs-Fahrgeschäften und sieben kurzen Video-Clips, deren Zurschaustellungen allesamt außerhalb jedweder Realität liegen. Die Besucher, wie die Betrachter der Arbeit, sollen sich in den Freizeitparks und auf der Kirmes von gigantischen Roboter-artigen Maschinen in die Lüfte drehen lassen und damit ihrer Sehnsucht, der Schwerkraft zu entfliehen nachkommen – jedoch in der Realität scheitern würden.

Der Künstler bleibt sich thematisch auch bei seinen vormals entwickelten Licht- und Videokunstwerken im Außenraum treu, denn bereits bei „Kelvin“ (2010), einer Projektion auf den historischen Wasserturm in Neumünster, bei der Außentemperaturunterschiede – oder bei „Aura“ (2012) in der Hamburger HafenCity, bei der die Bewegung von Passanten jeweils die konkrete Erscheinung des Werks beeinflussen, sind physikalische Bedingungen und Eigenschaften von Bedeutung.

Somit passt das Interesse, was denn das Gebäude Elbphilharmonie selbst hören würde, genau in den Kanon von Till Nowaks Gesamtwerk.


Till Nowak: MYRINX
Zu sehen vom 1. bis 31 März 2017 (danach sporadisch) auf der LED-Medienfassade im Eingangsbereich der Elbphilharmonie
Platz der Deutschen Einheit
20457 Hamburg
Google-Maps

Lesen Sie weitere Artikel bei KulturPort.De zu Till Nowak:
- KELVIN - Ein sich veränderndes Lichtkunstwerk für Neumünster
- AURA - ein Lichtkunstwerk in Hamburgs Übersee-Quartier
- PASSAGE – Eine Farblichtbeförderungsanlage von Till Nowak


Abbildungsnachweis: Alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: © Claus Friede
Header: Video-Still Rolltreppe (Tube). © Till Nowak
Galerie:
01. Martin Gerigk (links) und Till Nowak bei Schwingungs- und Tonabnahmen im Flur des Arbeitsbereichs der Elbphilharmonie
02. Schwingungs- und Tonabnahmen auf dem Holzboden der Bühne im Großen Saal
03. Martin Gerigk (links) und Till Nowak bei Tonabnahmen an einem Fenster
04. Till Nowak bei Schwingungs- und Tonabnahmen im Treppenhaus
05. MYRINX, Video-Still Wind (Detail). © Till Nowak
06. MYRINX, Video-Still Wind. © Till Nowak
07. MYRINX, Video-Still Wasser. © Till Nowak
08. MYRINX, Video-Still Parken. © Till Nowak
09. Erster Probelauf der Videoanimationen am 21. Dezember 2016
10. Till Nowak vor der Medienwand während des Probelaufs.

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avatar Lena
+1
 
 
Ich habe die Installation gesehen! Die visualisierten Schallwellen sind sowohl ästhetisch beeindruckend als auch in ihrer technischen Umsetzung optisch sehr interessant. Außerdem ist es eine tolle Idee, alle Schallwellen der Geräusche sichtbar zu machen, die von innen und außen auf fingierte "Trommelfell" des Gebäudes "Elbphilharmonie" treffen. Man/frau erlebt mittels dieses Kunstwerks die Elbphilharmonie wirklich als "Elphi", einen lebendigen Organismus und das ist spannend!
So spannend, daß ich mir wünschte, das Kunstwerk könnte dauerhaft im Eingangsbereich der "Elphi" bleiben!
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