Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 915 Gäste online

Neue Kommentare

Angela zu „The Square”. Oder das Zeitalter des Misstrauens: Oh, dann Danke für den Lang-Spoiler - da muss ja...
Eva-Maria Reinders zu Opernstars auf der Leinwand – die Met-Saison im Kino: 14.10.17
ich habe schon mehrere Aufführun...

Constanze Rüttger zu Film Festival Cologne 2017: Einiges Bekanntes, einiges Brandneues: Ich habe bereits alle 6 Folgen von 'Broken' mit S...
Tim of Fonland zu „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik: Ich habe geweint, dann gelacht und zum Ende wiede...
C.Müller zu Roots – Katja und Marielle Labèque zum Schleswig-Holstein Musik Festival in der Laeiszhalle: Erhalt des Kultursommers auf der Trabrennbahn Bah...

Lange Nacht der Museen Hamburg 2017

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Harald Duwe. Heile Welt

Drucken
(142 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 01. August 2016 um 10:05 Uhr
Harald Duwe. Heile Welt 4.4 out of 5 based on 142 votes.
Harald Duwe. Heile Welt

Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf in Schleswig-Holstein würdigt mit einer Retrospektive einen der bekanntesten norddeutschen realistischen Maler und Grafiker: Harald Duwe.
Die Ausstellung präsentiert rund einhundert Gemälde – thematisch geordnet nach Portraits, Landschaften, Körperstücke, Gewalt und Gesellschaft sowie Strand als soziale Bühne. Hinzu kommen Zeichnungen, Lithografien und Holzdrucke. „Heile Welt", wie es der Untertitel suggeriert, sucht der Betrachter in Duwes gesellschaftskritischen, provokanten und oftmals brutalen Bilderwelten allerdings vergeblich.
„Meine Bilder sind Produkte einer sowohl emotionalen wie rationalen Auseinandersetzung mit den Konflikten und Widersprüchen unserer Zeit. Sie bieten keine Lösungen, keine Botschaften an. Ich weiß nur, dass sie meine Einsichten, Abneigungen und Reaktionen, meine Zweifel, Ängste und Hoffnungen enthalten." (Duwe 1983)

Harald Duwe, 1926 im Arbeiterviertel Hamburg-Rothenburgsort geboren, ist seit 1975 Dozent an der Fachhochschule für Gestaltung in Kiel, heute Muthesius Kunsthochschule. Als SPD-Mitglied vertritt er die Ansicht, dass ein Künstler sich politisch und gesellschaftlich engagieren und Stellung beziehen müsse. Bereits in den Sechzigerjahren gehört Duwe zu den westdeutschen Realisten, welche sich kritisch mit der bundesdeutschen Nachkriegszeit auseinandersetzen. Als aufmerksamer Chronist verfolgt er die Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1963 und 1965, malt die unvorstellbare Gewalt, wie sie in den Berichten von Zeitungen und dem Fernsehen veröffentlicht werden: ausgemergelte Insassen eines Konzentrationslagers, „Lager" von 1967, gefolterte Menschen an Eisenstangen hängend, mit Seilen verknotet, nackte Körper mit blutenden Wunden und austretenden Gedärmen "Graue Wand", 1968. Auffallend sind die großen Füße der Opfer, die Folterspuren und abgeschlagenen Glieder, das leichenblasse Inkarnat der Haut.

Schockierend „Das große Fleisch" von 1967. Drei menschliche Körper sind hier zum Schlachtvieh degradiert: Haut, Knochen, hervordringende Innereien erinnern an die Fleischbeschau im Schlachthof. Und an die Gemälde des irischen Malers Francis Bacon.

Duwes radikaler Realismus erregt Aufsehen, aber auch Ablehnung und offene Kritik. Gleichwohl malt er bis etwa 1969 gegen das Verschweigen an, gegen das Verdrängen der NS-Diktatur hin zu einer Heile-Welt-Ideologie der Nachkriegsgeneration. Nach der Auschwitz-Thematik widmet er sich gesellschaftspolitischen Themen: der Konsum- und Arbeitswelt, Gewalt, Militarismus und Kriegsgräueln, Demonstrationen gegen den Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf und die atomare Aufrüstung der Nato, Industriewachstum und Umweltzerstörung sowie dem bürgerlichen Freizeitvergnügen. Duwes realistische Bildsprache wird differenzierter, farb- und detailfreudiger. In geradezu fotorealistischer Manie skizziert er menschliche Gesichter und Körper, Strandmüll, Autos, Häuser und Gegenstände.

Provokant sind die Strandbilder, welche die Wirtschaftswunderjahre der Ludwig Erhard-Ära festhalten: Fettleibige Wohlstandbürger stellen ihre nackten Körper zur Schau, präsentieren als Statussymbole Wohnwagen und Luxusautos, feiern ihre Freizeit mit Bier und Sekt, suhlen sich im verdreckten Wasser der Kieler Förde. Zwischen nackten Leibern und mit Müll bedeckten Stränden spielen Kinder, welche die Tristesse der sogenannten Strandidylle der Erwachsenen entlarven.

Beispielhaft hierfür stehen die Bilder „Selbstauslöser", „Camping", „Ein Denkmal am Strand" oder „Förde-Szenen" und „Ein Platz an der Sonne". Mit diesem Bildtitel greift Harald Duwe übrigens das Motto einer bundesweiten Lotterie für benachteiligte Kinder auf. Provokant auch seine Gesellschaftsbilder: Mit dem Slogan "Kaufen ist Leben" lockt ein Supermarkt zum ungehemmten Konsum, ein grell-buntes Bild wirbt für den Eintritt in die Bundeswehr „Soldatenleben – immer bereit".

„Die künstlerische Herausstellung der brutalen Seite des menschlichen Lebens ist niemals als Selbstzweck aufzufassen, sondern ist ein Mittel der Provokation für eine bessere Welt. Dafür ist die Bekämpfung der Heile-Welt-Ideologie notwendig", heißt es im Ausstellungskatalog. „Meine Bilder erregen Anstoß und möglicherweise Erschrecken. Die Provokation des Betrachters ist beabsichtigt", so Duwe 1981.

Harmonisch sind dagegen seine frühen Hafenbilder, bunte Zimmer, Bilder vom Elbe- und Meeresstrand sowie meisterhafte Portraits und Selbstbildnisse des Künstlers, mit denen der Rundgang durch die Ausstellung beginnt. Die Harmonie wird beim Studium seiner Gemälde von Dr. Hans Ploog, dem Schwiegervater des Malers, unterbrochen: Das Bild von 1976 zeigt den alten Herrn im Mantel in einem Sessel sitzend. Zwei Jahre später hält der Maler ihn als senilen Greis im Unterhemd fest.

Sehenswert sind im Obergeschoss die Farb- und Bleichstiftzeichnungen, Lithografien und Farbholzschnitte, welche die künstlerische Vielfalt Harald Duwes belegen, der 1984 im Alter von 58 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam.

Leichte Kost ist die Kunst Harald Duwes für den Betrachter nicht. Ein Besuch der Ausstellung ist dennoch sehr empfehlenswert, zeigt sie doch den Künstler als schonungslosen Chronisten der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.

„Harald Duwe. Heile Welt" ist bis zum 30. Oktober 2016 im Landesmuseen Schloss Gottorf - Reithalle, 24837 Schleswig, zu sehen.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 17 Uhr. Sonnabend + Sonntag 10 bis 18 Uhr Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Das Buch kostet 24 € im Museumsshop.
www.schloss-gottorf.de


Abbildungsnachweis:
Header: Blick in die Ausstellung (Thema Gesellschaft). Foto: Christel Busch
Galerie:

01. Harald Duwe: An der Elbe mit Dampfer, 1953, Öl auf Hartfaserplatte, 27,5x37cm. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen (Thema Landschaft)
02. Bombenopfer, 1982, Kohle und schwarze Kreide, 60,1x80cm. Privatsammlung (Thema Gewalt)
03. Blick in die Ausstellung (Thema Strand und soziale Räume). Foto: Christel Busch
04. Camping, 1971, Öl auf Leinwand, 150x100cm. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen. Schenkung Heilwig Duwe-Ploog (Thema Strand und soziale Räume)
05. Strandbilder. Foto: Christel Busch
06. Frau im Plastikstuhl, 1968, Öl auf Leinwand, 180x130cm. Privatsammlung (Thema Körperbild)
07. Gesellschaft, Große USA-Allegorie, 1983/84, Öl auf Leinwand, 200x180cm. Privatsammlung (Thema Gesellschaft)
08. Selbstporträt mit Mütze, 1984, Öl auf Hartfaserplatte, 48x37cm. Privatsammlung (Thema Porträt).

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Bildende Kunst > Harald Duwe. Heile Welt

Mehr auf KulturPort.De

Das ist Hamburg! 10. Spielzeit im Hansa-Theater: Magie, Charme, Eleganz
 Das ist Hamburg! 10. Spielzeit im Hansa-Theater: Magie, Charme, Eleganz



Man musste wirklich zwei Mal hinsehen, um sie zu erkennen: Als Bob-Marley-Verschnitte, mit langen, schwarzen Dreadlocks, grün-gelb-rot gestreiften Mützen und r [ ... ]



Hudson (Jack DeJohnette, Larry Grenadier, John Medeski, John Scofield): Hudson
 Hudson (Jack DeJohnette, Larry Grenadier, John Medeski, John Scofield): Hudson



Unter dem Bandnamen „Hudson” haben sich mit Jack DeJohnette, Larry Grenadier, John Medeski und John Scofield vier großmächtige Jazzmusiker zusammengetan, d [ ... ]



„The Square”. Oder das Zeitalter des Misstrauens
 „The Square”. Oder das Zeitalter des Misstrauens



Ein Museum ist der perfekte Tatort, doch in Ruben Östlunds Film „The Square” steht weniger der Kulturbetrieb als Jahrmarkt der Eitelkeiten am Pranger sonder [ ... ]



Clegg & Guttmann „Die Offene Bibliothek“
 Clegg & Guttmann „Die Offene Bibliothek“



Ein Musterbeispiel partizipativer Kunst mit Langzeitwirkung und gesellschaftlicher Verselbstständigung. Ein Entwicklungsbestimmung.

1989 begannen die Künstl [ ... ]



Jeff Cascaro: Love & Blues In The City
 Jeff Cascaro: Love & Blues In The City



Also – ich mag Sänger, die zwischen Blues, Soul und Jazz oszillieren. Und Jeff Cascaro ist so einer. Der Mann aus Bochum, der mittlerweile Professor in Weimar [ ... ]



Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung
 Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung



Gezüchtete Unschärfen
Den Blick in die Welt könne man mit einer Zeitung versperren, so ein Aphorismus. Von wegen. In die große Welt schon, aber nicht in die [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.