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Bildende Kunst

Christo am Lago d’Iseo: „The Floating Piers“

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Geschrieben von Dagmar Reichardt  -  Dienstag, den 05. Juli 2016 um 11:50 Uhr
Christo am Lago d’Iseo: „The Floating Piers“ 4.7 out of 5 based on 114 votes.
Christo am Lago d Iseo The Floating Piers

Christo, schwimmende Seebrücken, Materialien aus Deutschland und Italien, die Familie Beretta und eine Insel im See: Ausgerechnet der Familie vom traditionsreichen, in der Provinz von Brescia ansässigen Hersteller einer der bekanntesten Schusswaffen der Welt – der „Beretta M9“, eine der offiziellen Dienstpistolen der US-Armee – gehört die Insel San Paolo inmitten des norditalienischen Iseo-Sees.
Auf sie hatte der amerikanische Ver- und Enthüllungskünstler bulgarischer Herkunft Christo (*1935) zusammen mit seiner französisch-maghrebinischen Ehefrau und Dauerprojektpartnerin Jeanne-Claude (1935-2009) schon länger ein Auge geworfen. Und genau hier in der pittoresken, sanften lombardischen Seen- und Gebirgslandschaft war bis Sonntag 3. Juli 2016 Christos neueste Kunstinstallation „The Floating Piers“ zu besehen, zu begehen und zu bewundern. Seit dem 30. Juni ist sie auch für die Nachwelt auf Google Street View festgehalten. Und bis zum 18. September läuft in der analogen Welt noch die Begleitausstellung „Christo and Jeanne-Claude: Water Projects“ im Museo di Santa Giulia in Brescia, eine gute Autostunde von Mailand entfernt.

Hunderte Helfer haben Mitte Juni innerhalb von fünf Tagen drei schnurgerade, auf dem See schwimmende und mit einem je nach Tageszeit, Lichteinfall und Luftfeuchtigkeit sonnig changierenden, mal golden leuchtenden, mal rötlich-orange strahlenden dahliengelben Stoff bespannte, insgesamt 3 Kilometer lange, 16 Meter breite und nur 30 cm hohe Stege auf dem Wasser sowie 1,5 Kilometer lange Landwege installiert. Die mit dem Wellengang des Sees sanft schaukelnden, stabil gebauten künstlichen Wegführungen über das flüssige Element bestehen aus mit Ankern am Seegrund befestigten Schwimmkörpern, die Christo kunstvoll unter den Stoffbahnen verschwinden ließ. Die 220.000 miteinander verbundenen Kanister sind nichts weiter als aneinandergereihte Polyäthylen-Würfel und vom Ufer aus erreichbar. Sie führen auf die zwei Inseln Monte Isola und San Paolo, die durch das Land-Art-Projekt vorübergehend aus ihrer Isolation gehoben und miteinander verbunden wurden, reichten bis in die Fußgängerzonen von Sulzano am Festlandufer und Peschiera Maraglio, gelegen am Fuße von dem  600 Meter in die Höhe ragenden Monte Isola hinein. Wie bei allen Großprojekten in Landschaftsräumen, an Industrieobjekten oder bekannten Bauwerken, die Christo und Jeanne-Claude seit ihrem ersten Gemeinschaftsprojekt mit gestapelten Ölfässern 1961 im Kölner Hafen und 1962 in der Rue Visconti nahe dem Seine-Ufer in Paris realisiert haben – wo das Paar im gleichen Jahr heiratete und 1985 eine der berühmtesten Seine-Brücken, den Pont Neuf, verhüllten – ist auch Christos neuestes Kunstwerk in Norditalien frei und kostenlos zugänglich. Ohne öffentliche Förderung und ohne Eintrittsgelder, so autonom, unabhängig und selbstregulierend wie möglich, allein finanziert durch den Erlös von Original-Projektskizzen, Zeichnungen, Büchern, Katalogen, Originallithographien, Modellcollagen, Foto- und Filmrechten sowie Merchandising wie Postkarten, Poster oder T-Shirts, trägt der Brückenbauer und Verführer zum Lustwandeln in Norditalien sämtliche Kosten von der Planung bis zur anschließenden Entsorgung der Materialien durch industrielles Recycling selbst.

Erwartet hatte man 500.000 Kunstinteressierte. Tatsächlich kamen drei Mal so viele: geschätzte 1,3 Millionen Besucher. Am ersten Tag schritten bereits 55.000 Menschen über die schwimmenden Stege, wobei eigentlich vorgesehen war, dass nur 10.000 Menschen sich darauf befinden sollten, während man mit 5.000 weiteren in der Warteschleife am Ufer kalkuliert hatte. Innerhalb dieses halben Monats herrschte in den Dörfern Sulzano und Iseo, sowie auf dem Monte Isola und rund um den ansonsten eher verschlafenen Iseo-See, der komplette Ausnahmezustand. Wo sonst nur ein paar wenige Hähne krähen und die Bienen ungestört auf den Weinbergen summen, traf sich plötzlich die Welt: etwa Jude Law, Gianni Morandi, Willem Defoe, Paul Smith oder Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der von Hillary Clinton angerufen wurde, während er übers Wasser ging – er ist ihr Berater. Von Mitte Juni bis vergangenes Wochenende waren alle Hotels rund um Christos schwimmende Seebrücken ausgebucht und die Zugstation Sulzano-Monte Isola „the place to be“ für den internationalen Kunst-Jet-Set ebenso wie für viele hunderttausend Menschen aus aller Herren Länder.

Warten auf Christo, hieß es da während der nur 16 Tage währenden Kunstschau – auch wenn man bereits um 4 Uhr nachts aufgebrochen, aus Island angereist oder mit der südamerikanischen Sippe im Schlepptau gekommen war. Bereits auf der Autobahn blinkten dem Besucher Panels mit gut gemeinten Verkehrshinweisen entgegen: Samstag etwa „Floating Piers closed for weather turbulence“. Warnzustand „orange“, bald danach ist „rot“, weil ein Gewitter mit heftigen Winden und starkem Regen droht. Die Pontons könnten zu sehr wanken, fluten oder driften. Gefährlich für alle auf und rund um den Kunststegen, doch der Evakuierungsplan der örtlichen Polizei und Präfektur stand. Notfalls natürlich nur. Normalerweise beruhigt sich das Wetter hier schnell um diese Jahreszeit, obwohl es ausgerechnet in den beiden zentralen Ausstellungswochen im Interesse der vielen freiwilligen Helfer aus der Region, Touristen und aller Beteiligten auch gern stabiler hätte sein können. Der letzte Tag dann fiel sonnig und weniger überfüllt als gefürchtet aus: Am Nachmittag gab es sogar keine Warteschlangen mehr, bevor abends der Andrang noch ein letztes Mal zunahm.

Doch ob sengende Sonne, Fallwinde oder Nieselregen: Geduldig standen die Menschen für die „Floating Piers“ meist stundenlang an der Busshuttle-Haltestelle an. Sulzano und Iseo waren von Polizisten, Mitarbeitern der Kommune, des Zivilschutzes und diversem Sicherheitspersonal hermetisch abgeriegelt. Kaum ein Auto, das nicht einem Anwohner gehört, gelangte hier in den letzten zwei Wochen hinein oder heraus. Helikopter kreisten täglich über dem Gebiet. Busladung über Busladung, voll besetzte Züge und Polizeisirenen, wohin das Auge und Ohr reichten. Endlose Menschenschlangen reihten sich täglich vor dem großräumig abgesperrten, komplett mit gelber Plane ausgelegten Eingangsbereich direkt am See. Um Zutritt auf die „Piers“ zu bekommen, musste man wie vor dem Amsterdamer Van-Gogh-Museum in den vorgesehenen Warteschleifen auf Rampen, Gässchen und abgetrennten Parcours auf den Plätzen, unter dem wachsamen Blick bereit stehender Aufpasser, Ordnungshüter und Sanitäter, Schlange stehen.

Kaum hat man die Endhaltestelle des Shuttles erreicht, liegt eine Mischung aus Vergnügungspark, Festivalatmosphäre, unkoordinierter Völkerwanderung, Verspätungen erprobtem Flughafentransitraum und multikulturellem Familienausflug in der Luft. Die Stimmung „floatet“ irgendwo zwischen Neugier, Entdeckergeist und Ungewissheit hin und her. Wann ist man endlich an der Reihe? Wie lange dauert es noch? Auf welchem Weg kommt man hier notfalls schnell wieder heraus? Wo gibt es Toiletten und warum hat der Polizist eine Riesengruppe auf den Panorama-Wanderweg geschickt? Die zusammengewürfelte Mannschaft stapft munter durch den diesigen, zwischendurch sonnigen, dann wieder schwül drückenden Juli-Vormittag. Die Busfahrpläne haben sich längst erübrigt, und die Polizei hat den Hauptsteg von Sulzano-Monte Isola gerade erst wieder als Vorsichtsmaßnahme gesperrt: Nichts geht mehr. Dann setzt sich der Besucherstrom ruckartig wieder in Bewegung. Irgendwie geht auch wieder alles. Momentaufnahmen eines von Christos und Jeanne-Claudes im Laufe ihrer gemeinsamen Karriere immer gewagter, immer größer gewordenen Kunstprojekten.

15 Millionen Euro soll die Iseo-Aktion Christo gekostet haben, doch die einzigen Kunstwerke, die von ihm bleiben, nämlich die Begleitpublikationen, -filme, -bilder, -zeichnungen, -collagen und -artikel zu seinen Installationen, geraten tatsächlich – kaum zu glauben – zur absoluten Nebensache in Anbetracht der durch die nun gelb leuchtenden Planen wie wiedergeboren wirkenden, urplötzlich aus ihrem Schatten getretenen und auch bei schlechterem Wetter immer noch atemberaubenden Landschaft. Christos Kunst zieht alle Aufmerksamkeit auf sich und steht unangefochten im Mittelpunkt. Aus marktstrategischer Sicht erscheint der künstlerische Event, ist man erst einmal „mitten drinnen“, herrlich unprofessionell und wahrhaft großartig, kommt er doch ganz ohne aggressive Werbung und das lästige Aufdrängen von Ware aus.

Dafür versuchen vor Ort regionale Anbieter, Christos Großkonzept und künstlerische Ader allerdings auf eher italienisch-sympathische, zuweilen skurril-einfallsreiche Art für ihre Zwecke zu nutzen. Büroeinrichter (Werbemotto: „Möbel fürs Büro oder Mobiles Büro?“), Parkettverleger (Slogan: „Unsere Grenzen sind erst erreicht, wenn wir ins Schwimmen kommen sollen“), private Hausverkäufer (mit der indirekt-schlichten Kaufaufforderung auf einer Stoffbanderole „Vendo“ an der frisch gestrichenen Hausfassade) oder die „Trattoria Cacciatore“, deutsch „Zum Jäger“ (mit der etwas ungeschickt formulierten Einladung zu einem Wohlfühl-Essen: „Unwiederholbares Panorama – einzigartige Vision zwischen Kunst, Geschmack und Gastfreundlichkeit“): Sie alle machen bei Christos Projekt mit, profitieren und „schwimmen mit“!

„The Floating Piers“ ist für Christo, der zähe bürokratische Langzeitkriege mit Behörden, Politikern und öffentlichen Autoritäten zur Genüge kennt, ungewöhnlich schnell realisiert worden. Zum Vergleich: Für sein letztes großes und bislang langwierigstes Projekt „The Gates“, das 2005 im Herzen seiner damals bereits über dreißigjährigen Heimatstadt New York im Central Park realisiert wurde und viel Aufsehen erregte, benötigte er ganze 26 Jahre. Darum betitelte er es in Bezug auf den Verhandlungsbeginn mit den Behörden und das Realisierungsdatum offiziell auch explizit als „The Gates, Central Park, New York, 1979–2005". Damals stellte das Paar 7.503 im Wind schwingende safrangelbe, an fünf Meter hohen Metalltoren hängende Nylonstoffe auf einer Gesamtstrecke von 37 Kilometern aus. Eine Kunstschau, die Millionen Besucher zählte, soweit dies in einem so öffentlich frequentierten Raum wie dem Central Park überhaupt registriert werden kann. Der Stoff für die Installation wurde in Deutschland genäht: Der nordrheinwestfälische Textilunternehmer Stefan Schilgen hatte nach einem Documenta-Besuch einen begeisterten Brief an Christo geschrieben und ihm darin seine Dienste angeboten, und – Christo nahm an. Daraufhin produzierte Schilgen Christos Stoffe bereits für die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes 1995, die der Hauptstadt nicht nur 5 Millionen Touristen bescherte, sondern Christos Popularität in ganz Deutschland begründete, und saß fortan bei Christo mit im Boot.

Anders nun in Italien, wo Christo bereits zu Beginn seines Werdegangs in den Sechziger Jahren, als die moderne Kunst in Italien ihren letzten großen Höhepunkt erreichte, gleich drei Projekte verwirklicht hat. 1968 verpackten Christo und Jeanne-Claude anlässlich des „Festival dei due mondi“ den Brunnen und den Turm von Spoleto, 1970 die Statuen von Viktor Emanuel und Leonardo da Vinci in Mailand, und 1974 die Aurelianische Mauer inklusive der Porta Pinciana in Rom. Jetzt, vierzig Jahre später, hat Christo für „The Floating Piers“ die markante gelbe Farbe von „The Gates“ 2005 aufgegriffen, nachdem er seit dem Tod seiner Frau im Jahr 2009 in New York kein Großprojekt mehr realisiert hatte. Wie eine persönliche Huldigung oder mit Blick auf die fernöstliche Facette der gelb-orangenen Farbigkeit, auf die Christos Wahl für Italien fiel, wie eine westlich-ephimere Antwort auf das indische Taj Mahal wirkt die Fortsetzung des nunmehr allein schaffenden Künstlers. Die „Piers“ fluteten getreu aller mit Jeanne-Claude in Gemeinschaftsarbeit festgelegten Projektprinzipien nur für etwa zwei Wochen wie ein posthumes Monument der Liebe den See, den, so erzählt man sich in der Gegend, Jeanne-Claude, die u.a. in der Schweizer Berglandschaft aufgewachsen ist, als ihre Familie 1948-51 vorübergehend nach Bern zog, sehr gefallen haben soll. In Erinnerung an die über fünfzigjährige gemeinsame Zeit, in der das Ehepaar zusammen lebte, arbeitete und auf schwankenden Planken durch das Leben geschifft sein mag, erklärt Christo in einem Interview mit lebensbejahender Fröhlichkeit: „In unserem Projekt geht es nur um Freude und Schönheit“. Dieses sei, zitiert Christo seine Frau, absolut ohne Nutzen, eigentlich „überflüssig“ und vermittle keine Botschaft, außer der, dass ein Kunstwerk erst dann existiere, wenn es gesehen werde. Für junge Künstler bedeute dies, dass sie eben kein „Inseldasein“ führen dürften, um in einer „splendid isolation“ oder dem Elfenbeinturm vor sich hin zu arbeiten, sondern dass sie sich mit der Welt auseinandersetzen müssten – und sei es eben in Jahrzehnte langen Kriegen mit Bürokraten. Ein Krieg freilich, den insbesondere Jeanne-Claude führte. Ein Kunstwerk, endet Christo denn auch vor der Kamera, solle vor allem eines: „Diese irrationale und absolut unerklärliche Freiheit, die wir haben“ feiern. Ihm gehe es allein ums Gefühl: „Man muss es sehen, fühlen, bewegen – mit allen Sinnen!“. Jeanne-Claude sei immer um ihn herum gewesen, beteuert er, als das Finale der „Floating Piers“ am 13. Juni begann, dem gemeinsamen Geburtstag von Christo und Jeanne-Claude. Die rund 600 Arbeiter montierten genau an diesem symbolträchtigen Datum das Kunstwerk innerhalb weniger Tage und pünktlich zum Veranstaltungsbeginn.
In Italien läge die Kunst in der DNA, hat Christo unter Verweis auf Artikel 9 der italienischen Verfassung, der den Schutz von Kulturgütern und Landschaft vorsieht, in einem anderen Interview zu Protokoll gegeben. Der zügige Projektablauf kann jedoch nicht nur am Improvisationstalent der Italiener und der fachmännischen Besetzung seines Teams gelegen haben. Christo selbst hat unverdrossen daran gearbeitet. Fünf Jahre nach Jeanne-Claudes Ableben 2009, fuhr er im April 2014 von Basel nach Stuttgart und besprach mit seinen zwei Mitarbeitern im Auto die möglichst rasche alternative Umsetzung eines seiner 37 nicht verwirklichten Projekte: Ursprünglich waren „The Floating Piers“ schon einmal für den Rio de la Plata in Buenos Aires, später für die Bucht von Tokio vorgesehen – ein Projekt, das nur auf dem Papier existierte. Bis Christo anschließend an den Lago d’Iseo zurückkehrte und die Gelegenheit nutzte, um über den Inselbesitzer Franco Beretta in Kontakt mit den Präfekten und Bürgermeistern der anliegenden Gemeinden zu treten.

Noch im August und September 2014 fanden erste geheime Gütetests mit 1.800 Schwimmkörpern in Schleswig-Holstein statt. Hier wurde auch erstmals die Stoffqualität in einer sehr ähnlichen Farbe wie der, für die sich Christo letztlich entschied, erprobt. Außerdem traf Christo zu diesem Anlass den späteren Projektleiter Rosen Jeliazkov. Ein realitätsnäherer Härtetest für das Material fand Monate später, im Februar 2015 auf dem Schwarzen Meer nahe des bulgarischen Sozopol, erfolgreich statt, und im Frühjahr 2015 rief Fotograf und leitendes Teammitglied Wolfgang Volz die Textilfirma Setex an, um die Stoffbestellung zu klären. Im April 2015 präsentierte Christo dann per Pressekonferenz seine Pläne in Italien, und im Juni 2016 waren „The Floating Piers“ schon Wirklichkeit. Es scheint, als sei es dem 81-jährigen bulgarisch-amerikanischen Künstler auch darum gegangen, sein Privat- und vergangenes Arbeitsleben mit Hilfe dieser italienischen Installation aufzuräumen. Um weitermachen zu können, wie es sich das Künstlerehepaar vorgenommen hatte, um zu neuen Ufern aufzubrechen und um ihrer beider Lebensprojekt im Sinne eines Gesamtkunstwerks, in dem Privates und Öffentliches wörtlich zusammenfließen, mit vielen freiwilligen Helfern, die „Christo and Jeanne-Claude“ unterstützen, zu vollenden.

Dass Christo dabei sich selbst überwunden hat, dass er in Italien über sich selbst und die starke Zweisamkeit, die ihn mit seiner Frau verbunden haben muss, hinausgewachsen ist, reflektieren nicht nur die gelegentlichen Unwetter. Insbesondere führte der unerwartet hohe Besucherandrang in den kleinen, engen mittelalterlichen Gassen der betroffenen Uferdörfer, am Fuße vornehm abgeschlossener Herrenhäuser aus der Renaissance und gepflegt umzäunter Rasenflächen und Zypressenhaine, vor allem an den Wochenenden, die im bis zu 30 Grad warmen, sonnig-heiteren Abschlusssonntag am 3. Juli kulminierten, zu teilweise chaotischen Zuständen. Recht schnell hatte man daher gleich zu Projektbeginn aus Sicherheitsgründen die Installation zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens zwecks Reinigung und Reparaturen geschlossen.

Für die Herstellerqualität der 100.000 Quadratmeter Hightech-Stoff, der Touristen zum Wandeln übers Wasser und zu Erkundungen aus ungewöhnlicher Perspektive einlud, hat Christo erneut auf das bewährte Know-How aus Deutschland zurückgegriffen. Allerdings kein silberfarbenes, mit Alu bedampftes Polypropylen-Gewebe wie für den Reichstag mehr, sondern das in Dahliengelb gefärbte Polyamid-Gewebe. Denn so geht die Geschichte mit Deutschland für Christo seit seinen Anfängen in Köln weiter: Nachdem das Künstlerduo – das auch nach Jeanne-Claudes Tod auf seiner Webseite unter dem gemeinsamen Namen „Christo and Jeanne-Claude“ auftritt – für „The Gates“ im Central Park jene markant safrangelb-orangene Farbe gewählt hatte, stellte Christo zunächst die Installation „Big Air Package“ im Gasometer Oberhausen 2013 zum ersten Mal ohne Jeanne-Claude aus. Es war nach „The Wall“ (1999) für die Internationale Bauausstellung Emscher Park sein zweites Projekt für Oberhausen und nutzte die höchste Ausstellungshalle Europas für 20.350 Quadratmeter Gewebe und 4.500 Meter Seil, die in Lübeck gefertigt waren. Für seine Entwürfe von „The Floating Piers“ hat Christo dann nicht nur die Farbrichtung der Stoffe von „The Gates“ aufgenommen, sondern auch seine Kontakte zum deutschen Stofffabrikanten – und ließ die 20 Tonnen schweren Stoffbahnen für Italien von der Firma Setex aus Greven im Münsterland, wohin Schilgen übergeben hatte, herstellen.

 

Liebevoll haben die Italiener die „Piers“-Seestege im Lago d’Iseo „Passerella“ getauft – Catwalk, zu Deutsch Laufsteg. Im Land der „Bella Figura“ schlenderten nicht nur Kunstliebhaber über das gelbe Band. Hier sonnten und mischten sich Familien mit Liebespaaren, Promis mit Pauschaltouristen, und gesellten sich Menschen aus Israel oder Italien zu Südamerikanern, Asiaten, Arabern, Osteuropäern und sehr vielen Deutschen. Gemeinsam erlebten sie Christos Kunst und teilten zumindest für die drei, vier Stunden am Iseo-See nicht nur das ungewöhnliche Erlebnis, sondern auch einen gemeinsamen sozialen Lifestyle: aus den „Floating Piers“ wurden im Zuge des Großprojekts „floating peers“ – eine Flut Gleichgesinnter, die die gemeinsame Erfahrung auch in Zukunft verbindet.

Christo als ehemaliger Anhänger der in den Sechziger Jahren in Paris gegründeten Künstlergruppe des „Neuen Realismus“ („Nouveau Réalisme“) und deren soziologisch inspirierte Kunstauffassung dürfte es ehren. In seinen Installationen und Praktiken der Kunstperformance mögen Einflüsse von Joseph Beuys’ Vorstellung der Kunst als sozialer Skulptur, textile Aspekte von Franz Erhard Walthers Werkbegriff, Mieke Bals bewegliches Konzept der Theatralität des Kostüms im Zusammenspiel mit Kunstausstellungen und Art-House-Filmen, oder Ideen von gefrorenem Stoff wie bei der deutschen Nachwuchskünstlerin Viviane Gernaert aufblitzen. Ganz sicher aber hinterlassen Christos und Jeanne-Claudes Kunst mehr als nur die materiellen Begleitprodukte wie Filme, Fotografien, Skizzen und Collagen in der geteilten Erinnerung der Besucher und im kollektiven Gedächtnis der Kulturen. Wenn der Kunsthistoriker Werner Spies von der Erinnerung als Speicherplatz für Christos „ökologische Ästhetik“ spricht, dann meint er, dass das Künstlerduo einer materialistischen Gesellschaft, statt ihr noch mehr Materie im Sinne von Kunstobjekten hinzuzufügen, eine Alternative durch das Erzeugen künstlerisch nachhaltiger, ökologisch vertretbarer und sozial geteilter ästhetischer Momente entgegensetze.

Den Iseo-See hat Christo jedenfalls auf Zeit schon einmal sanft wachgeküsst, ihn aus seinem Schattendasein befreit und seine ganze Poesie zum Strahlen gebracht. Bisher hatte die Gegend auf der Image-Ebene mit harter Konkurrenz zu kämpfen. Während sich am Comer See außer George Clooney vorwiegend russische Oligarchen ansiedelten, blieb der Gardasee zumindest in den Ferienzeiten fest in deutscher Hand. Der Iseo-See hingegen galt höchstens als ein Geheimtipp unter holländischen Segelfreunden und norditalienischen Familien. Nun dürften sich alle Seen-Liebhaber erstmals um den Lago d’Iseo herum versammelt und dort getroffen haben – dank Christo. Er und sein Team öffneten dem Besucher die Augen und schärften seine Sinne, indem er das Element Wasser in Kunst verwandelte. Ähnlich wie er uns mittels des New Yorker Projekts „The Gates“ den Wind spüren lehrte, sollten die Kunstfreunde in Italien den Wellengang unter den Füßen fühlen, während sie über das Wasser gingen. „Anders sehen“ steht bei Christo auf dem Programm: Den angestrebten Wandel der Sehgewohnheiten bekam der Kapitän einer Fähre gleich zu Beginn des norditalienischen Projekts schmerzlich zu spüren, als er aus Versehen einen Ponton bei einer regulären Passagierfahrt rammte. Zu eingefahren waren wohl seine Route und seine Routine...

Eine letzte Besonderheit fällt auf: Der Exil-Bulgare auf Lebenszeit pflegt bei der Wahl „seiner“ Landschaften und Austragungsorte nicht nur zu Italien und Deutschland, sondern zu vielen verschiedenen Kulturen eine besondere Beziehung. Durch den Verfremdungseffekt, den seine Werke auf die Umgebungen und Besucher seiner Land-Art ausüben, erleben wir unser Habitat und uns gegenseitig neu. Christos subtile Provokationen brechen am monumentalen Objekt Denk- und Sichtweisen auf. Das Gefühl, ein Flüchtling zu sein, hat Christo – der siebzehn staatenlose Jahre in den USA verbrachte, wo er mit Jeanne-Claude 1964 zunächst nur mit einem Touristenvisum einreiste und mit ihr als Illegaler in New York lebte, bevor sie beide 1967 eine Greencard und Christo 1973, Jeanne-Claude erst 1984 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielten – vielleicht nie ganz verlassen und ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in „andere“ Mentalitäten, Kulturen und Landschaftsräume geschenkt. Auf jeden Fall muss ihn die Wahl von „Christo and Jeanne-Claude“ zusammen als ein Mitglied der National Academy von New York 2011 mit Stolz erfüllt haben, wie möglicherweise auch der 49. Theodor Heuss Preis, der dem Künstler 2014 in Deutschland verliehen wurde.

Während seine in Casablanca gebürtige Frau aus dem ehemaligen Französisch-Marokko stammte, so kommt der einzige Fotograf, der seit 1972 Christos Werke abbildet, der Düsseldorfer Künstler Wolfgang Volz, ursprünglich aus Tuttlingen. Seit er 1971 das Künstlerehepaar kennen gelernt hat, werden Christos und Jeanne-Claudes Werke exklusiv von Volz fotografiert. Volz’ Fotos ihrer Projekte bleiben, wenn die Land-Art-Aktionen abgeschlossen sind. Sie wurden schon in Hunderten von Ausstellungen gezeigt. Zudem arbeitete Volz als technischer Leiter u.a. beim verhüllten Reichstagsgebäude (1995), den verhüllten Bäumen in Riehen bei Basel (1998), der Installation „Die Mauer. 13.000 Ölfässer“ im Gasometer Oberhausen (1999) oder dem ebenfalls dort ausgestellten „Big Air Package“ (2013) in Christos und Jeanne-Claudes Team. Einige seiner Bilder sind bis September nun noch in der lombardischen Provinzstadt Brescia, zwischen Mailand und Venedig, im Museo Santa Giulia zu sehen.

Das Einzige, was von „The Floating Piers“ bleibt, nachdem Christo weiter gezogen ist, um sich seinen noch offenen Projekten – wie den schwebenden Gewebebahnen „Over the River“, die den Fluss Arkansas in den Rocky Mountains mit Stoff bedecken sollen, oder „Mastaba“, einer geplanten Ölfässer-Pyramide, die mitten in der Wüste des Emirats Abu Dhabi in Form eines ägyptischen Grabbaus gestapelt werden – zu widmen. Für diese Zukunftspläne bleibt nur zu wünschen, dass wenn „Christus“ schon nur „bis Eboli“ kam, wie es der italienische Spielfilm „Christus kam nur bis Eboli“ von Francesco Rosi (1979) nach dem gleichnamigen Roman von Carlo Levi (1945), der von Widerstand, Exil und der Begegnung unterschiedlicher Kulturen handelt, suggeriert, Christo „überall hin“ kommen möge!


Weitere Informationen:
- Webseite „The Floating Piers“
- Webseite Christo und Jeanne-Claude
- Virtuelle „Floating Piers“-Touren auf Google Street View
- Stoffqualität der „Floating Piers“ des deutschen Herstellers Sitex, Farbe: dahliengelb (Foto)
- Hintergrundinfos zum deutschen Textilunternehmen Setex im Deutschlandfunk


Abbildungsnachweis: The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16. © 2016 Christo
Header: Christo is watching a diver hooking a fabric panel to the side of a floating pier, June 15, 2016. Foto: Wolfgang Volz
Video: The Floating Piers: Christo walking towards San Paolo island. Christo enjoys his project walking on the pier that leads towards the island of San Paolo.
Galerie:
01.-08. The Floating Piers, Lake Iseo, Italy, 2014-16. Fotos: Wolfgang Volz. © 2016 Christo
09. Christo in his studio working on a preparatory drawing forThe Floating Piers, New York, November 2015. Foto: Wolfgang Volz
10. Drawing 2016 in two parts, 15x96" and 42x96" (38x244cm and 106,6x244cm), Pencil, charcoal, pastel, wax crayon, enamel paint, cut-out photographs by Wolfgang Volz, hand-drawn map and fabric sample. Foto: André Grossmann. © 2016 Christo
11. At the textile manufacturer Setex, 90,000 square meters of shimmering yellow fabric are produced, Greven, Germany, August 2014. Foto: Wolfgang Volz
12.
At geo – die Luftwerker, 75,000 square meters of yellow fabric are sewn into panels, Lübeck, Germany, February 2016
13. Warteschlangen vor den "The Floating Piers". Foto: Dagmar Reichardt
14. Plakat zur Ausstellung in Brescia

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