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Bildende Kunst

Die Kunst als Beruf. In welcher Liga kann ich mitspielen?

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Donnerstag, den 23. Juni 2016 um 09:09 Uhr
Die Kunst als Beruf. In welcher Liga kann ich mitspielen? 4.7 out of 5 based on 90 votes.
Die Kunst als Beruf. In welcher Liga kann ich mitspielen?

Alles schon gemacht, der Bilderberg unermesslich und die Aussicht auf Ruhm und Reichtum äußerst gering. Warum also noch Kunst studieren? Für die Studierenden an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK) ist die Antwort klar wie groß: um sich und die Gesellschaft weiterzubringen.

In der Klasse von Pia Stadtbäumer arbeitet am Mittwoch nach Semesterbeginn nur eine Studentin: Thea Amalie Käszner. Vor zwei Jahren kam die Dänin nach Hamburg, weil sie von der HfbK „schon sehr viel Gutes gehört hatte“. Das dreiteilige Rigips-Relief, an dem sie gerade schnitzt, sei ein „abstraktes Archiv“, erklärt Thea. Text und Texturen sind ihr Thema: „Die Oberfläche, das Material ist mir sehr wichtig, deshalb fühle ich mich auch als Bildhauerin“.

Zukunftssorgen plagen die 24-Jährige nicht: „Es klingt vielleicht naiv, aber ich glaube, mit einer positiven Einstellung kommt man ganz weit“. Wie alle Studierenden der HfbK weiß sie, dass höchstens drei Prozent der Absolventen einmal von ihrer Kunst leben können. Deshalb müsste man später „Kompromisse“ machen, ein „Brot-Job“ anzunehmen sei völlig okay. „Ich habe sogar schon mal überlegt, eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen. Aber momentan ist mir die Kunst einfach wichtiger“.

Warum? „Um die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Für mich ist Kunst ein anarchistischer Raum – die konkrete Übersetzung der Gegenwart“. Deshalb könne man auch nicht sagen, dass alles schon gemacht worden wäre: „Das war in einer anderen Zeit, unter anderen Bedingungen. Kunst jedoch hat für mich immer mit dem zu tun, was gerade jetzt passiert“.

Das können die anderen Befragten nur unterschreiben. Tilo Petersen, ehemals Klasse Werner Büttner, kann dem Gedanken, alles sei schon gemacht, sogar etwas Positives abgewinnen: „Ich finde es befreiend, sich nicht alles selber ausdenken zu müssen. Man kann doch super aus dem Pool schöpfen, der schon besteht. Ich weiß, dass es schon alles gibt, also versuche ich ganz unbefangen dran zu gehen und dem, was schon da ist, etwas hinzuzufügen“. Nach zehn Semestern ist der 24-Jährige nun dabei Bilanz seiner „breitgefächerten“ Experimente in Malerei und Keramik zu ziehen. Roter Faden sei das „Understatement“, so der Unternehmersohn aus dem Raum Aachen: „Viele Leute finden es wichtig, groß und imposant zu arbeiten, um Eindruck zu schinden. Ich will mich dem entziehen“. Überhaupt hätte er die Erfahrung gemacht, dass es im Kunstbetrieb weniger auf Qualität als auf Vermarktung ankommt. „Als Künstler ist man auch Unternehmer. Man muss die richtigen Leute kennen und von sich überzeugen können. Natürlich wäre es toll, irgendwann einmal bei Marlborough zu landen… Ich möchte in diese Liga. Ich bin angetreten, da mitzuspielen“.

Wer unbedingt berühmt werden will, der wird es auch schaffen. Davon jedenfalls sind Charlotte Livine (28) aus Paris, Rados Vujaklija (29) aus Belgrad und Jason Leavitt (27) aus Saarbrücken, überzeugt. Alle drei studieren „Zeitbezogene Medien“ bei Michaela Melián, arbeiten mit Raum- und Klanginstallationen, oder loten mit performativen Stadtrundgängen die Grenzen zwischen realer und fiktiver Welt aus.

Vorstellungen von der Zukunft hat keiner der drei Master-Studenten. Wie ihre Kommilitonen beschäftigt sie das nächste Projekt weit mehr als die Frage, was nach dem Abschluss kommt. Derzeit sind sie privilegiert. Das Studium sei ein Luxus, alles funktioniert hier drinnen, hört man immer wieder. Viele haben einen Job als Tutor oder Assistent, geben Töpferkurse, arbeiten als Soundentwickler oder Briefträger. Rados’, der in Serbien bereits ein Studium als Grafikdesigner absolvierte, studiert in Hamburg Freie Kunst, weil er den ständig wachsenden Druck der Werbeagenturen nicht mehr aushielt. Wie alle Befragten, ist er zuversichtlich, mit einem Master in der Tasche sein Leben später finanzieren zu können. „Man findet immer eine Lösung“. Zuviel Grübelei jedenfalls würde nur lähmen, da sind sich alle drei einig.

Das gleiche gelte für die Ambition, unbedingt Neues zu schaffen. Statt ständig die Gegenwart zu reflektieren, solle man „einfach machen“, sagt Jason. Und Charlotte ergänzt: „Die Gesellschaft braucht Leute, die Fragen stellen können, um die Welt weiterzubringen“.

Elisabeth Moch aus der Klasse Büttner sieht das ähnlich. Doch Innovationsdruck spürt sie durchaus. Ein Gastprofessor hätte gerade erst wieder betont, wie wichtig es sei, Neues zu schaffen, erzählt die 24-jährige Hamburgerin. An ihrem Arbeitsplatz steht ein riesiges monochromes Gemälde in Grün, auf der Fensterbank stapeln sich gebrannte Porzellan-Ziegel. Elisabeth Moch plant eine Wand aus 300 Ziegeln zu bemalen, wie, das ist noch nicht klar. Zum Kunststudium kam sie, weil einfach „nichts anderes möglich war“. Doch Ende des dritten Jahres nahmen die Existenzängste derart zu, dass sie kurzentschlossen ins Lehramt wechselte. Nun will sie wieder zurück in die Freie Kunst: „Es geht nicht nur um Geld, es geht ja vor allem um die Frage, ob man bereit ist, an sich zu glauben, egal was kommt. Ich habe gerade begriffen, dass mich die Ungewissheit viel mehr reizt, als die Aussicht verbeamtet zu werden“. Ruhm sei ein Traum, doch „ein realistisches Ziel ist eher, so erfolgreich zu werden, dass ich halbwegs davon leben kann“.

„Wenn man nicht an sich glaubt, kann man es gleich sein lassen“, sagt auch Emilia Kubacki, Klasse Anselm Reyle. Die Hamburgerin mit polnischen Wurzeln hat bereits ihren Magister in Germanistik und Geschichte gemacht. „Etwas Vernünftiges“, wie die Eltern es wünschten. „Danach stand ich wieder vor der Frage: Was willst Du eigentlich im Leben?“ Selbstreflexion ist jetzt ihr Thema in der Kunst: „Wieso bin ich so wie ich bin? Wie wirke ich auf die Welt, wie wirkt die Welt auf mich? Was kann ich verändern?“ Mit ihren computerunterstützten Bildern, die an Pattern-Art der 80er-Jahre erinnern, aber einen dreidimensionalen Effekt erzeugen, will die 31-Jährige „Achtsamkeit wecken“. Das nur extrem wenige aller Kunststudierenden Ruhm und Reichtum erlangen, macht ihr keine Angst: „Es ist genau wie beim Lotto, man spielt, weil man glaubt, dass man gewinnt!“


Abbildungsnachweis: Alle Portraitfotos Isabelle Hofmann
Header: v.l.n.r. Rados Vujaklija, Charlotte Livine und Jason Leavitt
Galerie:
01. Südflügel der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg-Uhlenhorst. © Ajepbah / Wikimedia Commons / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 DE
02. Thea Amalie Kaszner, HfbK
03. Elisabeth Moch
04. Emilia Kubacki

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