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Bildende Kunst

Vom Zehntspeicher im Wendland mit Kunst „Meerwärts“

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Montag, den 13. Juni 2016 um 11:30 Uhr
Vom Zehntspeicher im Wendland mit Kunst „Meerwärts“ 4.3 out of 5 based on 103 votes.
Riimfaxe - Meerwärts

Die dänisch-deutsche Künstlergruppe „Riimfaxe" stellt im Westwendischen Kunstverein in Gartow aus.
Dass er bis St. Pauli weht, der Wind, der von Süd' aufs Meer zieht, das ist nicht erst seit Hans Albers Schlagerklassiker eine Binsenweisheit. Doch manchmal weht er noch viel weiter landeinwärts, und dann zieht es auch Menschen aus dem weit elbauf von Altona gelegenen Gartow im Wendland „Meerwärts“. Die dänisch-deutsche Künstlergruppe „Riimfaxe“ zum Beispiel, die im Programm des Westwendischen Kunstvereins (WWK) unter diesem Titel im dortigen Zehntspeicher ausstellt.

Der WWK setzt sich seit seiner Gründung zu Beginn der 1990er-Jahre immer mal wieder mit der Thematik Kunst und Landschaft auseinander. Der Zehntspeicher, ein Fachwerkbau aus dem 18. Jahrhundert, gilt nicht nur in Fachkreisen als Ort für Land-Art. Dort stellten neben Mark Dion und Bob Brain auch lokale Künstler aus, es gab eine Kooperation mit der Galerie für Landschaftskunst und die von Claus Friede kuratierte Videoausstellung „My Landscape is Your Landscape“ gehören erwähnt.

„Meerwärts“ soll es diesmal also gehen. Und wer sich vom Südwind mitgezogen fühlt, der kann den Weg von Gartow im östlichen niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg über das Flüsschen Seege und auf der Elbe, vorbei an der Staustufe von Geesthacht, bis zur Kugelbaake vor Cuxhaven in dem orangenen Boot zurücklegen, dass Bärbel Hische an der Decke des Ausstellungsraums aufgehängt hat. Ein Blickfang. Auf diese Installation fällt der erste Blick des Besuchers nicht nur im Inneren – auch am Giebel ist zur Straße hin ein Großdruck der Installation aufgehängt. Über dem Boot scheinen mit Wasser gefüllte durchsichtige Plastikbeutel zu schweben. Die könnten zwar als ein über den Köpfen der potenziellen Bootsinsassen hängendes maritimes Damoklesschwert gedeutet werden. Doch in ihnen ist nicht nur Wasser, sondern sind auch wie hingehaucht wirkende Bilder von Wasserlandschaften zu finden. Ein Traumschiff.

So fällt der erste Blick auf den Sehnsuchtsort Meer. Romantisch ist auch der Name der vor über 40 Jahren in Dänemark gegründete Gruppe: „Riimfaxe". Der lehnt sich an den Namen eines Pferdes aus der nordischen Mythologie an, aus dessen Maul in der Nacht der Morgentau tropft. „Meer...“, sagt dann auch Matthias Oppermann, Kurator von „Meerwärts“ und Mitglied der Gruppe, „...verbindet uns alle. Wir haben alle Geschichten mit dem und Fantasien über das Meer". Das romantische Moment bedeute aber nicht „Sehnsucht nach dem, was hinter der Schwelle liegt".

Hinter der Installation von Bärbel Hische mit dem Titel „Überfahrt" hängt das aus zahlreichen Einzelbildern bestehende „Sandriller" (Sandrillen) von Malone Dietrich, Fotos des Strandes der Insel Fanö, die die Spuren festhalten, die das Wasser dort im Sand hinterlässt. „Schön und zerstörend. Das finde ich ergreifend", beschreibt Malone Dietrich „die Dualität des Meeres". Ihre Kunst sehe sie als zwar „ein bisschen träumerisch", aber „wir kommentieren die Welt, wie sie ist." Die permanente Veränderung der Sandstrukturen durch das Wasser, in „Sandriller“ in schlichtem Schwarzweiß festgehalten deutet auf die Gewalt, die Kraft des Meeres: in homöopathischen Dosen. In einem separaten Raum hängt ein Foto von Malone Dietrich, das eine im Sand versunkenen Schwimmweste zeigt, wie sie ein fiktiver Insasse des Bootes der Installation von Bärbel Hische getragen haben könnte. Oder ein Fischer. Oder ein Marinesoldat.

Es gibt mehr solche Hinweise darauf, dass Schönheit und Zerstörung nicht getrennt sind. Tine Hinds Aquarelle etwa könnten als surreale Hafenlandschaften gelesen werden, in denen vereinzelte Menschen aufs Meer schauen. „Meer ist auch Einsperrung" ist eine Erfahrung des von der See umgebenden Dänemarks. Lotte Agger hat getrocknete Strandpflanzen fotografiert, Bilder eines Herbariums. Über die Pflanzen sind Pflasterstreifen geklebt und deuten auf die Fragilität des Materials.

Solche Hinweise stellen die Arbeiten der Ausstellung nicht plakativ in den Vordergrund, sie bleiben eher versteckt. Zu versteckt offenbar für das Deutschland der Gegenwart, und so diskursivieren die Eröffnungsreden pflichtbewusst das Thema „Meer“ auf den Punkt, der da heißt ‚Flüchtlinge’. Natürlich machen die Arbeiten von „Meerwärts“ Assoziationen zu diesem Thema möglich, aber sie sind nicht nur dem Zeitgeist folgend und buchstabieren entsprechend, sondern zeigen insbesondere auch andere Aspekte. Reduziert die Kunst?

Selbst Matthias Oppermann Bildbetitelung „so habe ich mir die Welt nicht vorgestellt", die der aktuellen Problematik am nächsten kommt, und das ist, was der korrekte und anständige Diskurs zu fordern scheint, bleibt letztlich un-eindeutig. Das Bild zeigt einen Horizont, Himmelblau darüber, Sandbeige darunter. Im Zentrum dessen, was ein Strand sein könnte, klafft eine klaffende Öffnung mit Brandspuren. Oppermann: „Mein Interesse gilt der Verbindung von Ästhetik und Zerstörung und der Verbindung von Sehnsucht, Meer, Flüchtlingsdrama und Krieg."
Das Spannungsfeld, das die Arbeit zum Thema macht, ist in der Ausstellung wenn, dann eher untergründig präsent. Vielleicht ist dieses Moment ein Hinweis auf das „Mindset", wie es Malone Dietrich nennt, die Denkart, die die Mitglieder von „Riimfaxe" über den Gründungsimpuls, gemeinsam Ausstellungen zu organisieren, verbindet – wobei es eine große gegenseitige Akzeptanz der einzelnen Positionen gibt.

Der Verzicht auf platte Tagesaktualität und deren Kommentierung ist jedenfalls auf der Habenseite zu verbuchen. Wellenbewegungen hat Hans-Jürgen Simon in seinen Objekten festgehalten, die irgendwo zwischen Skulptur und Tafelbild zu verorten und aus geschichteten Zeitungspapierstreifen gefertigt sind. Ganz direkt spielen die „Summertime"-Bilder von Birgitte Ramskov auf die Träume vom Meer an, luftige Geflechte aus Linien in hellen Farben vor impressionistischen Blauflächen. Fröhliche Kunst. Das Traumschiff hat abgelegt.

Nun ist nichts gegen und alles dafür zu sagen, wenn Kunst Träume in Bilder verwandelt. Doch (auch) schöne Träume könnte Kunst so ins Bild setzen, dass „ein überfallen- und überwältigt-Werden des Subjekts“ stattfindet, sodass darüber „seine konstitutive Illusion, es verfüge über die Welt und seine Erfahrung wie über einen Besitz, im Nu zerbricht.“ (Der Komponist Clemens Nachtmann in der Zeitschrift "Bahamas", Ausgabe 68) Nicht, dass sie Konflikte im Hintergrund aufscheinen lässt, ist das Problem der in Gartow gezeigten Arbeiten von „Riimfaxe“. Aber sie sprechen auch von Träumen grosso modo harmlos. Das ist die andere Seite des „Mindsets“: Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft wie der skandinavischen, die von Vermittlung und Regulierung geprägt ist. Und deren Unbewusstes genau deshalb die brutalen Bilder produziert, die viele ihrer Kriminalromane prägen.

RIIMFAXE | MEERwärts
zu sehen bis 24. Juli 2017 im Westwendischen Kunstvberein, Zehntspeicher, 29471 Gartow-Quarnstedt
Geöffnet: Freitag 16 - 18 Uhr | Samstag 12 - 16 Uhr | Sonntag 12 - 16 Uhr
Weitere Informationen: www.westwendischer-kunstverein.de


Abbildungsnachweis:
Header: Bärbel Hische; Überfahrt, Installation
Galerie:
01. Ausstellungsplakat des WWK
02. Bärbel Hische; Überfahrt, Installation
03. Malone Dietrich; Sandriller, Zeichnungen
04. Matthias Oppermann; so habe ich mir die welt nicht vorgestellt, 2006, Öl auf Leinen
05. Lotte Agger, Fotografie
06. Karin Ohlsen; Boot, Öl auf Leinen
07. Steen Kjær Jacobsen; Drejö, Acryl auf Leinwand
08. Ole Akhøj; Meer, Fotografie
09. Außenwand des WWK Zehntspeichers. Foto: Thomas Janssen


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