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Bildende Kunst

Andreas Slominski: „Das Ü des Türhüters“ in den Deichtorhallen

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Donnerstag, den 09. Juni 2016 um 09:58 Uhr
Andreas Slominski: „Das Ü des Türhüters“ in den Deichtorhallen 4.5 out of 5 based on 97 votes.
Andreas Slominski: „Das Ü des Türhüters“ in den Deichtorhallen

Normalerweise stehen sie auf Baustellen oder Großveranstaltungen wie Open-Air-Festivals. In jedem Fall sucht man sie nur auf, wenn der Druck übermächtig wird und weit und breit keine Alternative in Sicht. Wer benutzt schon gerne Dixi-Klos?! Nun stehen dutzende mobiler Plastik-Klohäuschen in den Hamburger Deichtorhallen.
Nicht davor, wohlgemerkt, sondern drinnen, im heiligen Tempel der Kunst. Aufgebaut vom Hamburger Bildhauer und Hochschulprofessor Andreas Slominski zu einer raumfüllenden Installation, die unter dem Titel „Das Ü des Türhüters“ mit den unterschiedlichsten Assoziationen spielt.

Andreas Slominski ist Fallensteller. Das weiß man, seit der 1959 in Meppen geborene Konzeptkünstler und abgebrochene Philosoph mit seinen trivialen, anfangs oft handelsüblichen Tierfallen in den 1980er Jahren den Zusammenhang zwischen Kunst und Fallenstellerei verdeutliche. Seit Plinius der Ältere von dem antiken Malerwettstreit berichtete, bei dem Zeuxis Trauben so realistisch malte, dass die Vögel herbeikamen, um sie aufzupicken, basiert bildende Kunst auf Täuschung und Vorspiegelung falscher Tatsachen. In der Vorspiegelung steckt schon der Spiegel, den der Künstler dem Betrachter, mitunter auch der Gesellschaft vor Augen führt.

Genau so arbeitet auch Andreas Slominski: Er ist ein Meister der Täuschungen, ein „Meister der Aufwandsabsurditäten, des Irrewerdens am Alltagsobjekt“, wie die Berliner Kunstkritikerin Astrid Mania 2012 schrieb. Slominski spielt virtuos mit Erwartungshaltungen und schafft es immer wieder, die Betrachter an der Nase herumzuführen. Sei es, in dem er Miniatur-Windmühlen, Wassereimer und ein mit allen Habseligkeiten vollgepacktes „Obdachlosen-Fahrrad“ in Museen und Galerieräume stellt. Sei es, indem er durch völlig abgedrehte Kunstaktionen die Öffentlichkeit irritiert. So zum Beispiel 1994 in Hamburg, wo er sehr, sehr umständlich ein Alsterhaus-Schaufenster bespielte (Scheibe raus, Objekt rein, Scheibe wieder einsetzten) und dort einen abgelutschten hölzernen Eis-Stiel platzierte. Oder in Berlin, wo er einen Baumstumpf auf dem Prachtboulevard „Unter den Linden“ mitten auf dem Gehweg einpflanzen ließ.

Nun also Plastikklos. Eine ganze Phalanx blauer Gehäuse, klinisch rein und entkernt, aufgereiht zu einem raumfüllenden Spalier durch die nördliche Deichtorhalle, deren Stirnseite eine zweistöckigen rote Wand aus 19 Dixi-Klos begrenzt. Die Umkleidekabinen in Rimini der 60er-Jahre kommen einem in den Sinn. Militäraufmärsche, insbesondere jedoch Kirchenbauten. Eine Assoziation, die Deichtorhallen-Chef Dirk Lukow ganz besonders poetisch ausschmückt. Die Nähe der WCs zum Beichtstuhl, dem „Seelenklo“, sei ja nun offenkundig: Beides „Orte der Stille, der Kontemplation, der Reflektion“. Ob man das nun für eine Überinterpretation halten mag oder nicht – die formale Anordnung der Klohäuschen erinnert (insbesondere aus der Vogelperspektive) frappierend an Kreuzgang und Altar. Ein „Kronleuchter“ in acht Metern Höhe aus zwölf rot-blauen Dixi-Klos verstärkt doch diesen Eindruck. In den Seitenschiffen gibt es übrigens noch eine kleine Retrospektive zu sehen, von Fallen, über Abflussrohre, Toilettensitze, Kunststoff-Rohlingen und zu Sockeln umfunktionierte Fäkalientanks, bis zu einer blasphemischen schwarzen „Kaaba“ aus Fäkalientanks.

Aber was will uns Slominski mit seiner „Klo-Kathedrale“ nun sagen? Dass die Kunst für den Arsch ist? Vielleicht auch, aber sicher nicht ausschließlich, das wäre viel zu banal. Auf die Spur kommt man dem „Meister der Doppelstrategien“ (Luckow), in dem man sich den Titel näher anschaut: „Das Ü des Türhüters“ bezieht sich auf Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“. Und diese Geschichte ist wiederum Teil des Romans „Der Prozess“. Der Gefängniskaplan erzählt dem inhaftierten Prokuristen Josef K. die Parabel von dem einfachen Mann vom Lande, der Eintritt in das Gesetz bitten, was ihm ein Torhüter verwehrt. Jahrelang, bis der Mann schließlich im Sterben liegt und auf seine letzte Frage, warum denn niemals ein anderer Einlass begehrte zu hören kriegt: Dieser Eingang war nur für Dich bestimmt.

So kann man auch das metaphorische Gebilde in den Deichtorhallen verstehen: Jeder hat seinen eigenen Zugang, jeder eine andere Interpretation.

Eine Art Vorläufer gab übrigens in der Galerie Neu in Berlin. Vor vier Jahren stellte Slominski dort ein einziges rotes Plastikklo in den Raum und hängte das Innenleben daneben an die Wand. „Ecce Homo“ nannte er die Installation: „Siehe, ein Mensch“ – die Worte, mit denen Pontius Pilatus den gefolterten Jesus dem Volk präsentierte. Ecce Homo ist jedoch auch als Wortspiel in homosexuellem Kontext lesbar. Wenn man also bedenkt, wie viele Priester schwul sind; wenn man bedenkt, wie viele Schwule sich früher und zum Teil immer noch auf Klos treffen müssen; wenn man dann noch die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bedenkt, die jahrelang an stillen Örtchen verübt wurden – ja, dann wird die Verbindung zwischen Kirche und Klos mit einem Mal doch ausgesprochen sinnfällig. Oder ist die Autorin nur in eine von Slominskis Gedankenfallen getappt?

Die Ausstellung von Andreas Slominski, „Das Ü des Türhüters“, ist bis 21. 8. in den Deichtorhallen zu sehen. Deichtorplatz 1, Hamburg
Öffnungszeiten: Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 10, erm. 6 Euro.
Alle Infos unter www.deichtorhallen.de


Abbildungsnachweis:
Header: Blick in die Ausstellung Andreas Slominski – DAS Ü DES TÜRHÜTERS, 2016. Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.
Galerie:
01.-06. Blick in die Ausstellung Andreas Slominski – DAS Ü DES TÜRHÜTERS, 2016. Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.
07.-08. Andreas Slominski, The O of the Door, 2015 Courtesy the artist

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