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Bildende Kunst

„Der Horst Janssen Archipel“

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Mittwoch, den 18. Mai 2016 um 10:05 Uhr
„Der Horst Janssen Archipel“ 4.4 out of 5 based on 64 votes.
„Der Horst Janssen Archipel“

Kein bildender Künstler, das ist wohl sicher, hat die Tatsache, dass er „nicht mehr kann“, so genüsslich in aller Öffentlichkeit verkündet, wie er. Zu seinem 50. Geburtstag, so Horst Janssen (1921-1995), habe er sich eine „impotentia totalis“ geschenkt. Dass dieses zweifelhafte Glück seine künstlerische Omnipotenz keineswegs schmälerte, zeigt das Altonaer Museum nun in der großangelegten Ausstellung „Der Horst Janssen Archipel“.

Freund und Biograph Stefan Blessin hat ihn einmal als den „anstrengendsten Narr, den es je gab“ bezeichnet. Er selbst sah sich gern als Faun und Lüstling, als triebgesteuertes Urviech, das Damen auf Empfängen gern ins Dekolleté grabscht und mit dreckigen Fingern in der Sauce Hollandaise nach Spargel angelt. Ach, was gibt es doch für schöne Anekdoten über Horst Janssen!

Mit „pornographischen Blättern" schockierte er zu Beginn der 60er-Jahre die feine Hanseatische Gesellschaft, Werkgeschichte und Skandalchronik gingen über Jahrzehnte Hand in Hand. Janssen brauchte die Frauen, um zu arbeiten. Er brauchte den Rausch, die Höhenflüge, die wilde, qualvolle Wollust, der in unausweichlicher Konsequenz stets Abstürze folgten und mit ihnen neue, bis zur Besinnungslosigkeit wütende Schaffensperioden, in denen sich der Unausstehliche seine Pein von der Seele pinselte.

Kein anderer norddeutscher Künstler jener Zeit war so exzentrisch, selbstverliebt und ausschweifend. Keiner war so versoffen, eklig, charmant und brachial. Keiner hatte einen ähnlich hohen Unterhaltungswert. Und die Hamburger Society liebte ihn dafür. Na, sagen wir mal lieber so: Einerseits wollte sich jeder mit seiner Gesellschaft schmücken, andererseits war Vorsicht geboten. Janssen war ein großes Kind, das seine Launen mit Vorliebe an Freunden ausließ. Sie wurden mitten in der Nacht einbestellt, wüst beschimpft und beleidigt, oder umgarnt und beschenkt. Wenn Janssen gut drauf war, war er ungeheuer großzügig, dann verteilte er freigiebig Zeichnungen und Drucke oder setzte sich hin und zeichnete sein Konterfei auf einen Hundert-D-Mark-Schein.

Kurz, er war ein „großer Spieler“, wie der Historiker und Freund Joachim Fest einmal feststellte. Nicht nur dem Charakter nach, sondern auch in Bezug auf die künstlerischen Medien, die er ausprobierte: Radierungen, Zeichnungen, Aquarellen, Holz- und Linolschnitte, Fotografien – seine Experimentierfreude war schier grenzenlos, das Werk, das er hinterließ (rund 20 000 Zeichnungen und 3000 Radierungen) von einem Umfang, den man schon als inflationär bezeichnen kann.

Ab Mitte der 60er-Jahre bis zu seinem Tod 1995 war Horst Janssen in Hamburg praktisch omnipräsent - das ist wohl auch der Grund, warum man in den vergangenen Jahren so wenig von ihm hörte: Man konnte ihn einfach nicht mehr sehen.

Umso größer ist das Vergnügen, jetzt, nach zwanzig Jahren, einmal wieder durch eine so opulente Janssen-Schau zu spazieren und den guten alten Bekannten noch einmal aus der Distanz zu begutachten. Die Kooperation mit dem Horst-Janssen-Museum Oldenburg und dem Hamburger Filmemacher Hinrich Lührs macht es möglich, in der Tat ein ganzes Archipel zu bestaunen. Ein Archipel ist eine Inselgruppe und genau so präsentiert sich das (wort)gewaltige Werk des genialischen Alleskönners auch nicht chronologisch, sondern thematisch gruppiert.
Von frühen Farbholzschnitten und Feinstrichzeichnungen über die zentralen Selbstporträts bis hin zu eher beiläufig entstandenen Polaroids und einer Auswahl seiner illustrierten Korrespondenz breitet diese mit sichtbar viel Liebe und Mühe kuratierte Ausstellung das gesamte Schaffen des „Phänomen Janssen“ aus. Nur die Landschaften sind ausgeklammert, doch die braucht man auch nicht, um Genialität und Stilvielfalt des Jahrhundertzeichners vor Augen zu führen. Der Fokus liegt auf den Selbstporträts und den Erotica, beides Themen, die von Anbeginn – und das macht diese Ausstellung sehr schön deutlich - viel mehr als den Eros „die Unterströmung seines Werks“ (Biograf Hennig Albrecht) offenbaren – Todesangst und Todessehnsucht.
„Der Horst Janssen Archipel“
Zu sehen im Altonaer Museum, Museumsstraße 23, 22765 Hamburg, bis 3. Juli 2016,
Öffnungszeiten: Di-So 10 -17 Uhr, Eintritt 7.50 Euro, bis 18 Jahren frei.
Alles Infos unter www.altonaermuseum.de

YouTubeVideo: Der Horst Janssen Archipel


Abbildungsnachweis: © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Header: Detail aus Horst Janssen, Selbst, 1970, Radierung, Galerie und Verlag St. Gertrude
Galerie:
01. Horst Janssen, How to hang Janssen – eine Anleitung, 1990, Bleistift und Aquarell, Galerie und Verlag St. Gertrude
02. Horst Janssen, Gruss an Birgit Jacobsen, 1974, Radierung, Galerie und Verlag St. Gertrude
03. Horst Janssen, Sie war die Schönste im Lande, 1969, Strichätzung in zwei Farben, Claus Hüppe Stiftung
04. Horst Janssen, Zu Paranoia, Selbst, 1982, Pastell, Sammlung Brockstedt
05. Horst Janssen, Dies möchte ich nicht sein, 1981, Bleistift und Pastell, Galerie Brockstedt
06. Horst Janssen, Zu Paranoia, Es werden ... Idiotenfragen gestellt, 1981, Collage und Gouache, Galerie Brockstedt
07. Horst Janssen, Wir wollen Janssen seh’n!, o. J. , Kugelschreiber über Postkarte, Galerie und Verlag St. Gertrud.

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