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Bildende Kunst

Nolde in Hamburg

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(80 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Freitag, den 30. Oktober 2015 um 11:01 Uhr
Nolde in Hamburg 4.6 out of 5 based on 80 votes.
Nolde in Hamburg

Emil Nolde und Hamburg – das war keine ganz einfache Beziehung, zumindest nicht anfangs. „Nolde in Hamburg“ dagegen ist eine berückend schöne und aufklärerische Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, die den expressiven Aquarellisten und farbenstarken Blumenmaler als überragenden Beobachter und Interpreten des Hamburger Hafens vorstellt.

„Unter den Vorsetzen am Hafen in Hamburg wohnte ich während einiger Wochen in einem kleinen dunkeln Hotel. Unten war eine Gassenschänke mit Matrosen und fremdländischen, gebräunten Seeleuten und viel Augenreiz, oben einige Räume zum Wohnen. Mein Zimmer lag über einer Durchfahrt, mit Wagengetöse, und kalt war es. Tag und Nacht lärmten und tuteten die Autos auf der Straße, die Schiffe und Pinassen im Hafen, das alles draußen vor meinem Fenster lag“.

Wie im Rausch sog Emil Nolde (1867-1956) das Großstadtgetöse des jungen 20. Jahrhunderts auf, in das der Künstler aus der schleswig-holsteinischen Provinz im Februar und März 1910 eingetaucht war. Wie im Rausch verarbeitete er seine Eindrücke des zunehmend industrialisierten Hafens in Tuschzeichnungen, Aquarellen, Radierungen, Gemälden. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie er morgens loszog, schwer bepackt mit einer Mappe voller Papiere und Radierplatten, mitten unter den hunderten von Arbeitern, die zu den Werften übersetzen, auf den schaukelnden Barkassen ins Arbeiten hinein kam - „und nichts mehr störte mich“.

Über hundert Werke entstanden auf diesen Elb-Überquerungen im schmuddeligen Hamburger Winterwetter. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Nolde die Gischt ins Gesicht spritzte, wie ihm Papiere davon flogen, während er wie besessen in die Zinkplatten ritzte. Was für Augen die um ihn herum gedrängten Hafenarbeiter gemacht haben, wie sie sich gegenseitig zuzwinkerten und an die Stirn tippten. Ein Verrückter, zweifellos, der sich diesen Strapazen aussetzt. Ja, doch, aber die Arbeiten, die in dieser kurzen Hamburger Zeit herauskamen, gehören zu den schönsten, die Emil Nolde je hervorbrachte. In ihrer kalligraphischen Handschrift fast japanisch anmutend, in ihrer verkürzten Darstellung fast informell, zeigen sie das Zusammenspiel von Natur und Technik, von Arbeit und industriellen Errungenschaften ohne Sentimentalität und Verklärung. Kräne, Duckdalben, Docks. Landungsbrücken, Freihafen, Schauerleute. Barkassen, Frachter, Fischerbote. Dampf, Rauch und Russ. All das fängt Nolde mit wenigen Strichen ein und verleiht dabei Hamburgs Lebensader, dem Strom, ein unerhört kraftvolles und wahrhaftiges Gesicht.

In der Hamburger Schau ist dieser Werkkomplex nun fast vollständig versammelt.
Aber nicht nur das: So viel ist in dieser von Karin Schick fulminant inszenierten Ausstellung zu entdecken, die den kompletten Bestand an Nolde-Werken der Kunsthalle präsentiert und diesen chronologisch nach Direktoren und Epochen ordnet. In enger Zusammenarbeit mit der Nolde Stiftung in Seebüll ist hier das komplette Netzwerk Noldes ausgebreitet: Die enge Beziehung zur Galerie Commeter, in der Nolde 1907 seine erste Ausstellung hatte und bis 1933 noch 13 Mal ausstellte. Der Briefwechsel mit Förderern wie Gustav und Luise Schiefler, Kunsthistorikerin Rosa Schapire und Kunsthallen-Direktor Gustav Pauli, der – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – Noldes Bilder durchaus schätzte und nach Kräften ankaufte.

Alfred Lichtwark (1852-1914) jedoch, dem von Nolde immer wieder vergeblich umworbenen Gründungsdirektor der Hamburger Kunsthalle, blieb der Expressionist Zeit seines Lebens fremd. Drei magere, höchst konventionelle und uninteressante kleine Radierungen kaufte er 1909 dem Künstler ab und machte bei gesellschaftlichen Anlässen einen großen Bogen um ihn. Als sein junger Kollege Max Sauerlandt 1913 in Halle mit dem „Abendmahl“ das erste Nolde-Gemälde für eine Museumssammlung erwarb, schrieb ihm Lichtwark: „Ich bin zu alt: Nolde ist für mich ein dark horse“.

„Nolde in Hamburg“
Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall,
Zu sehen bis zum 10. Februar 2016,
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr
Eintritt 12 Euro, erm. 6 Euro, Unter 18 Jahren Eintritt frei.
Alle Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de


Abbildungsnachweis:

Header: Detail aus: Kleiner Dampfer, Hamburg, 1910, Tuschpinselzeichnung, aquarelliert, 35,6x46,5cm. Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
Galerie:

01. Schiff im Dock, 1910, Öl auf Leinwand, 56x70cm. Hamburger Kunsthalle, Geschenk von Dr. Michael Otto. © Nolde Stiftung Seebüll . Foto: Elke Walford
02. Schlepper auf der Elbe, 1910, Öl auf Leinwand, 71x89cm. Sammlung Rauert in der Hamburger Kunsthalle. © Hamburger Kunsthalle/bpk. Foto: Elke Walford
03. Qualmende Dampfer, 1910, Öl auf Sackleinen, 57,5x71,5cm. Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Elke Walford
04. Kleiner Dampfer, Hamburg, 1910. Tuschpinselzeichnung, aquarelliert, 38x27,2cm. Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
05. Dampfer, Hamburg, 1910, Tuschpinselzeichnung, teilweise grau laviert, 33,1x31,3cm. Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
06. Blumengarten F (Mohn u. blaue Kerzen), 1915, Öl auf Leinwand, 73x88cm. Privatsammlung. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Christoph Irrgang, Hamburg
07. Blaue Iris II, 1915, Öl auf Leinwand, 73x89cm. Hamburger Kunsthalle. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Elke Walford
08. Tropenvögel, ohne Datum, Aquarell, ca. 47x34,5cm. Hamburger Kunsthalle. © Nolde Stiftung Seebüll. © Bildarchiv Hamburger Kunsthalle/bpk
09. Mädchen und Blumen, 1908, Öl auf Leinwand, 39,5x36cm. Privatsammlung Norddeutschland. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Christoph Irrgang, Hamburg
10. Sängerin, 1910/11, Aquarell und Pinsel in Schwarz, 31,4x22,2cm. Hamburger Kunsthalle. © Nolde Stiftung Seebüll. © Bildarchiv Hamburger Kunsthalle/bpk
11. In der Loge, 1911, Öl auf Leinwand, 79,5x69,5cm. Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll. Foto: Elke Walford und Dirk Dunkelberg.

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