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Bildende Kunst

Von Hockney bis Holbein. Die Sammlung Würth in Berlin

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Geschrieben von Christel Busch  -  Freitag, den 18. September 2015 um 10:13 Uhr
Von Hockney bis Holbein. Die Sammlung Würth in Berlin 4.8 out of 5 based on 79 votes.
Von Hockney bis Holbein. Die Sammlung Würth in Berlin

Orangefarbene Wolken glühen am dunkelblauen Himmel. Eine grüne Marschlandschaft erstreckt sich am Horizont. Landschaft und Wolken spiegeln sich im Dunkelblau des Wassers: Reinhold Würth kauft Emil Noldes Aquarell „Wolkenspiegelung in der Marsch" Anfang der Siebzigerjahre in einer Galerie am Luganer See. Nicht ahnend, dass das Bild der Beginn einer Sammlerleidenschaft werden soll, die den schwäbischen Unternehmer bis heute nicht mehr losgelassen hat. Er sammelt Malereien, Grafiken, Skulpturen von der zeitgenössischen Moderne über Preziosen des 17. und 18. Jahrhunderts bis hin zu den Alten Meistern. Aus seiner Sammlung präsentiert jetzt die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau rund vierhundert hochkarätige Meisterwerke aller Stilepochen.

Die Sammlung Würth zählt heute mit rund 17.000 Exponaten zu den größten Privatsammlungen Europas. Nur einen Bruchteil, nur die Glanzlichter der Sammlung, zeigt das Berliner Museum auf 5.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Die Liste der Künstler liest sich wie das Who is Who der bildenden Kunst. Spektakuläre Namen wie Max Beckmann, Andy Warhol, Pablo Picasso oder Lucas Cranach d.Ä. und Hans Holbein d.J. sind ebenso vertreten wie weniger bekannte Künstler. Fünfhundert Jahre Kunstgeschichte begegnen dem Besucher auf seiner Entdeckungsreise - und zwar analog zur Geschichte der Würth-Sammlung rückwärts.

Im Foyer des Martin-Gropius-Baus begrüßt die überlebensgroße, abstrakte Bronze „Large Interior Form" von Henri Moore den Besucher. Im Kontrast dazu steht im abgedunkelten Lichthof Anthony Caros beklemmende Installation „Das Jüngste Gericht". Die begehbare 25teilige Bodeninstallation aus Holz, Stahl, Beton, Steingut und Messing setzt sich mit den Gräueltaten des Krieges auseinander: Ein Panoptikum des Grauens aus stilisierten Mörsern und Raketen, aus Schädeln, Knochen, Händen und Füßen. „Die Geschichte Europas strotzt vor Gräueln. Mein jüngstes Gericht ist eine Reaktion auf die Gräueltaten der Gegenwart, auch wenn am Ende die Hoffnung auf eine hellere Zukunft nicht aufgegeben wird", erklärt der vor zwei Jahren verstorbene englische Bildhauer 1999 sein Werk. Nicht weniger düster sind die monumentalen Ölgemälde und schwarzen Linolschnitte von Georg Baselitz, welche den Lichthof umrahmen.

Nach links oder rechts? Zu Hockney oder Holbein? Der Besucher sollte den vom Museum empfohlenen Parcour beschreiten. Und, im Sinne des Ausstellungstitels, mit dem Jahreszeitenzyklus des Briten David Hockney beginnen. Hockney, in den Sechzigern berühmt geworden mit seinen Swimmingpool-Bildern, wendet sich nach seiner Rückkehr aus Kalifornien dem Sujet der englischen Landschaftsmalerei zu. Vier Gemälde, fast fünf Meter breit und zwei Meter hoch, thematisieren den Zyklus der Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Am Beispiel von drei Bäumen in der hügelliegen Landschaft um Thixendale, einem kleinen Ort in seiner Heimatgrafschaft Yorkshire, hält Hockney das Werden und Vergehen in der Natur fest. Bäume als Sinnbild der menschlichen Existenz? Er zieht mit Leinwand und Staffelei in die Natur – malt wie die Impressionisten en plein air, vor Ort. Er malt zu jeder Tages- und Nachtzeit, fängt das wechselnde Licht ein, die Schönheit der mächtigen Baumkronen. Großartig ist das Zusammenspiel seines im Pop-Art-Stil gemalten Bildes „Felled Trees on Woldgate" mit Gerhard Richters grauem Landschaftsbild mit Vögeln.

Der in Kunststile und Künstlergruppen geordnete Rundgang führt zu den Impressionisten und Expressionisten, zu Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Max Liebermann, Emil Nolde, Edvard Munch, den Skulpturen von Antony Gormley. Zu Pablo Picasso und dem weltberühmten Gemälde seiner damaligen Lebensgefährtin Dora Maar „Le corsage orange – Dora Maar". Weitere Raumfolgen präsentieren die Surrealisten mit Max Ernst, René Magritte und Giorgio de Chirico sowie Vertreter der Abstraktion, darunter Oskar Schlemmer oder Hans Arp. Herausragend sind die Werke von Anselm Kiefer: „Aus dunklen Fichten flog ins Blau der Aar", eine großformatige, dreiteilige Collage aus Blei, Fotografie, Dornenzweigen, Acryl auf Leinwand. Seine wuchtigen Skulpturen „Tannhäuser" und „Bibliothek (mit Meteoriten)" mit ihren riesigen Bleibüchern scheinen das Wissen der Menschheit zu verwahren. „Das Blei wirkt mehr als alle anderen Metalle auf mich", gesteht der Künstler seine Vorliebe für das Material.

Dank der Würth'schen Sammlerleidenschaft ist die moderne Kunst Mexikos von Rufino Tamayo bis Francisco Toledo in der Schau präsent. Den Mexikanern folgen die Kunstkammern des 17. und 18. Jahrhunderts: kostbare Pretiosen aus Elfenbein, der Gold- und Silberschmiedekunst. Dazu gehört das „Trinkschiff auf Rädern" von Esaias zur Linden oder der Erbschenkenpokal des Grafen von Limpurg, 1561/62.

Der Rundgang endet mit spätmittelalterlichen Portraits von Lukas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren, sowie Tilman Riemenschneider und süddeutschen Meistern. Sie korrespondieren mit Portraits der Moderne, vertreten durch Fernando Botero, Alex Katz und Christian Schad. Überstrahlt werden alle Exponate jedoch von dem Highlight der Würth-Sammlung, der „Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen " von Hans Holbein d.J., einem Tafelbild des frühen 16. Jahrhunderts. Das Gemälde zeigt den Basler Bürgermeister Jacob Meyer zum Hasen und seine Familie, welche um die, in einer Muschelnische stehende Gottesmutter mit dem nackten Jesuskind im Arm gruppiert sind. Das von Reinhold Würth 2011 gekaufte Madonnenbild, normalerweise im Chor der Johanniterkirche in Schwäbisch Hall ausgestellt, ist jetzt zu Gast in Berlin.
Nach dieser unglaublichen Fülle hochkarätiger Kunstwerke ist eine kleine Verschnaufpause im Café des Hauses zu empfehlen. Bevor es dann weiter geht in die oberen Ausstellungsräume, zur Glyptothek Würth.

Bedeutende Positionen der Malerei und Skulptur des 20. und 21. Jahrhunderts sind hier ausgestellt. Die österreichische Kunst spannt einen Bogen von der Wiener Sezession mit Franz von Matsch über Rudolf Hausner und Friedenreich Hundertwasser bis zu zeitgenössischen Künstlern wie Herbert Brandl, Erwin Wurm, Gunter Damisch, Oliver Dorfer und anderen. Kleinere Kabinette sind der jugoslawischen Künstlerin Marina Abramovic, dem baskischen Bildhauer Eduardo Chillida, dem Schweizer Max Bill sowie dem Verpackungskünstler Christo und seiner französischen Frau Jeanne-Claude gewidmet. Hinzu kommt der Franzose Jean Tinguely mit seinen Malereien und den von Kurbeln angetriebene Skulpturen aus Industrieabfall und gelötetem Draht. Ein anderer Raum zeigt bedeutende bildhauerische Arbeiten der letzten vierzig Jahre, darunter "Piano" von Günter Uecker oder die Bronze "Cauldron" des Briten Anthony Cragg.

Fast fünfzig Jahren sammelt der schwäbische Unternehmer Reinhold Würth Kunst. Angefangen hat alles mit dem Aquarell „Wolkenspiegelung in der Marsch" von Emil Nolde. „Dieses Werk war beeindruckend farbenfroh und expressiv in der Abstraktion. Es hat mir sehr gut gefallen. Da habe ich es eben gekauft", so Würth. Mittlerweile ist die umfangreiche Sammlung in den Museen der „Würth-Gruppe – Museum Würth“, „Kunsthalle Würth“, Johanniterkirche und Hirschwirtscheuer sowie Kunstdependancen in Deutschland und anderen europäischen Ländern – sowohl den Mitarbeitern des Unternehmens als auch der Öffentlichkeit zugänglich. "Natürlich habe ich viel aus dem Bauch heraus gekauft", erzählt Würth. „Die Sammlung trägt meine Handschrift. Sie ist bunt, umfassend, sie hat Lücken, aber sie hat auch unglaublich geschlossene Blöcke."

Die überaus empfehlenswerte Ausstellung „Von Hockney bis Holbein – Die Sammlung Würth in Berlin" ist bis zum 10. Januar 2016 zu sehen. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin
Die Öffnungszeiten sind Mi bis Mo 10:00 - 19:00 Uhr, Di geschlossen
24. und 31.12.2015 geschlossen, 25./26.12.2015 und 01.01.2016 10:00 - 19:00 Uhr
Ein Katalog ist erschienen.
www.gropiusbau.de
Videotrailer zur Ausstellung


Abbildungsnachweis:
Header: 

David Hockney: Three Trees near Thixendale, Summer, 2008 , Öl auf acht Leinwänden, 183x488x3,5cm. Sammlung Würth, Inv. 12500. © David Hockney 2015, Foto: Richard Schmidt Galerie:
01. Ausstellungsposter. Foto: Christel Busch
02. Hans Holbein d. J.: Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen, („Schutzmantel-madonna“)
1525/26 und 1528, Öl auf Nadelholz, 146,5x102cm. © Sammlung Würth, Inv. 14910. Foto: Philipp Schönborn
03. - 04. David Hockney: Three Trees near Thixendale, Spring-Summer-Autum-Winter, 2008 , Öl auf acht Leinwänden, 183x488x3,5cm. Sammlung Würth, Inv. 12500. © David Hockney 2015, Foto: Richard Schmidt
05. Anthony Caro: The Last Judgement Sculpture, 1995-1999. Installation mit 25 Skulpturen, Steingut, Beton, Holz, Messing und Stahl, variable Maße. Inv. 5417–5441. Einblick in die Installation im Lichthof des Martin-Gropius-Bau. © Sammlung Würth, Foto: Mathias Völzke, 2015
06. Henry Moore: Large Interior Form, 1982 , Bronze, Ex. 5/6. Sammlung Würth, Inv. 7350. Im Nordvestibül des Martin-Gropius-Bau. © Sammlung Würth, Foto: Jirka Jansch, 2015
07. Christo: Wrapped Magazines (for Reinhold Würth), 2000, Fortune-Zeitschriften, Plastikfolie, Kordel, 34,3x23,5x6cm. Sammlung Würth, Inv.7510. © Christo 2015, Foto: André Grossman
08. Carl Spitzweg: Die Nachhilfestunde, 1845, Öl auf Leinwand, 26,2 x 34,4 cm
Sammlung Würth, Inv. 3829. © Sammlung Würth
09. Pablo Picasso: Venus und Amor, 1968, Öl auf Leinwand, 195x97cm. Sammlung Würth, Inv. 300. © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2015
10. Lukas Cranach d.Ä.: Die Heilige Barbara, um 153, Öl auf Rotbuche, 73x56,5cm. Sammlung Würth, Inv. 9325. © Sammlung Würth, Fotograf Archiv Museum Würth
11.Tilman Riemenschneider: Lüsterweibchen (Chandelier Figure), um 1505-10, Lindenholz, vollrund gearbeitet, ungefasst, 55x25,8x20,2cm. Sammlung Würth, Inv. 5926. © Sammlung Würth, Foto: Philipp Schönborn
12. Max Beckmann: Landschaft bei Saint-Cyr-Sur-Mer, 1931, Öl auf Leinwand, 71x104cm. Sammlung Würth, Inv. 6787. © Sammlung Würth, Foto: Philipp Schönborn
12. Max Ernst: Ohne Titel (Papillon), 1923, Bemalte Türen aus dem Haus von Paul Eluard in Eaubonne, Öl auf Holz, 222x145x7,5cm. Sammlung Würth, Inv. 10895. © Sammlung Würth
14. Leonhard Kern: Gefesselter Sklave, 1645, Birnbaumholz, vollrund geschnitzt, 26,5x19x12cm. Sammlung Würth, Inv. 14905. © Sammlung Würth, Foto: Volker Naumann.

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