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Bildende Kunst

Die 80er. Figurative Malerei in der BRD – eine Ausstellung im Städel Museum Frankfurt

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Geschrieben von Christel Busch  -  Mittwoch, den 02. September 2015 um 10:05 Uhr
Die 80er. Figurative Malerei in der BRD – eine Ausstellung im Städel Museum Frankfurt 4.6 out of 5 based on 95 votes.
Die 80er Figurative Malerei in der BRD

„Wir fühlten uns wie Rock’n’Roller innerhalb der Malerei! Es wurde so mit dem Pinsel gefuchtelt, als stünde man auf der Bühne und spielte Gitarre." (Bernd Zimmer)

„Wir", das sind junge Künstlerinnen und Künstler aus den Metropolen Berlin, Hamburg und Köln. Sie rebellieren gegen das Establishment, gegen Minimal und Concept Art, gegen die akademischen Positionen eines Markus Lüpertz, Georg Baselitz oder Gerhard Richter. Im Fokus ihrer neuartigen, figurativen Malerei steht das individuelle Lebensgefühl. Die wilde Lust am Malen. Die Lust an der Provokation, am Brechen gesellschaftlicher Tabus. Gefeiert als die "Neuen Wilden" oder "Jungen Wilden" sind sie die Stars der damaligen Kunstszene. Allerdings nur vorübergehend. Wie Strohfeuer verpufft ihre Strahlkraft nach wenigen Jahren; die einstigen jungen Wilden verschwinden für Jahrzehnte aus dem Blickfeld der Kunstgeschichte.

Mit der Sonderausstellung "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD" im Städel Museum erlebt die Kunstströmung der Achtzigerjahre eine Renaissance. Das Haus präsentiert rund 100 Bilder von 27 Künstlern, welche - als Gegenpol zur Concept Art und Minimal Art - eine neuartige figurative, emotionale und subjektive Kunst favorisieren. Eine Kunst, die sich dennoch mit der traditionellen Malerei, den expressionistisch-figurativen Strömungen der Moderne sowie der Nachkriegsavantgarde kritisch auseinandersetzt, sie teilweise rezipiert. Bildthemen und Bildmotive wie Nazi-Symbole, politische Motive, die Jugend- und Subkultur in den Bars, Punkrock und New Wave sowie nackte Männerkörper, kopulierende Paare und homoerotische Szenen brechen gesellschaftliche Tabus. In expressiven, farbintensiven Kompositionen schwelgen die Damaligen „Newcomer“ auf riesigen, an historische Tafelbilder erinnernde Bildformate. Farben werden – wie im Rausch – mit breitem Pinselduktus regelrecht auf die Leinwand geklascht und geschmiert. Farbtropfnasen laufen über das Bild. Menschen und Sujets mit dynamischen Pinselstrichen skizziert.

Die Schau im Frankfurter Städel erstreckt sich über zwei Etagen des Hauses und folgt einer thematischen und geografischen Gliederung. Wobei deutlich wird, dass die nahezu zeitgleich entstehenden Zentren in Berlin, Köln und Hamburg sowohl malerisch als auch motivisch miteinander verbunden sind.

In Berlin ist es die „Galerie am Moritzplatz" mit ihren Hauptvertretern Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé (Wolfgang Ludwig Cihlarz), Luciano Castelli und Bernd Zimmer. Ihre Bildthemen fangen das Lebensgefühl der geteilten Stadt ein: Stadtansichten und U-Bahnen, die nächtliche Subkultur in Bars und Kneipen, die Schwulenszene mit ihren homoerotischen Obsessionen. Vor allen Dingen das vierteilige Werk „KaDeWe" von Salomé und Luciano Castelli schockiert. Nackte Männer hängen – wie bei einer Fleischbeschau im Schlachthof – an Haken. Bei Rainer Fetting strahlt die Berliner Mauer in Lilatönen, der Himmel in Schwefelgelb. Sein Bild "Van Gogh und die Mauer-Sonne" spielt ambivalent mit dem Kalten Krieg und dem einst verkannten Malergenie. Helmut Middendorfs „Electric Night" in leuchtendem Ultramarin und knalligem Rot, zitiert in Gestus und Farben Ludwig Kirchner. Die erotischen Paarungsspiele von Elvira Bach und Christa Näher bestätigen den schlechten Ruf der Berliner - die Szene ist berüchtigt für ihre sexuellen Exzesse. „Den Mut zu haben, einfach sein persönliches Erleben mit einzubringen, war damals unglaublich verpönt", so Helmut Middendorf

Parallel zu Berlin formiert sich im Oktober 1980 die „Mülheimer Freiheit", eine Ateliergemeinschaft von Malerfreunden in Köln-Mühlheim an der Mühlheimer Freiheit Nr. 110. Im Gegensatz zu den Berlinern verbindet die rheinländischen Künstler Hans Peter Adamski, Peter Bömmel, Walter Dahn, Gerard Kever, Jiří Georg Dokoupil und Gerhard Naschberger eine intensive Männerfreundschaft. „Wir waren eigentlich wie verheiratet, nur dass wir nicht zusammen ins Bett gegangen sind", erzählt Hans Peter Adamski. Dilettantismus und Bad Painting lautet ihr künstlerisches Credo. Ihre Malerei reagiert auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb, auf Joseph Beuys oder Jörg Immendorf, sowie auf die Banalitäten des Alltags, mal provokant, mal klischeehaft oder kitschig. „Löscht mit Blut das brennende Wissen", steht hochkant am rechten Bildrand des Doppelportraits von Walter Dahn, „Selbst doppelt". Was heißt Portrait? Dahns deformiertes Alter Ego sind zwei mit einem Beil gespaltene rechteckige Klötze auf dünnen Hälsen. Eine Abrechnung mit den verkopften Bewegungen von Minimal Art und Concept Art? Jiří Georg Dokoupil portraitiert sich 1984 als Teufel, dem das Blut aus den Nasenlöchern auf das Lacoste-T-Shirt rinnt. Sex, Drugs, Rock'n Roll lautet seine Parole. Jan Knap parodiert dagegen biblische Geschichten. In „Flucht nach Ägypten" macht die Heilige Familie Picknick auf einer grünen Wiese in der Nähe einer Bergstraße. Etwas idyllischer ist dagegen ihre Rast auf einer Wiese in den Bergen.

Trotz der engen künstlerischen Zusammenarbeit finden sich kaum stilistische Übereinstimmungen. Zu ausgeprägt ist der individuelle Stil jedes einzelnen Künstlers, für den es in erster Linie um das eigene Ego geht. „Sie schlugen sich, wenn das Bier zu Kopf stieg. Sie spannten sich die Freundinnen aus, zeugten Kinder und wunderten sich zwölf Monate später, was das ist, ein Kind. Sie tanzten oder strippten auf den Kneipentischen und diskutierten endlos", beschreibt Michéle Victor-Adamski die wilden Jahre ihres Mannes. Anfang der 80er-Jahre überrollt der Erfolg die Rheinländer. Aber, mit dem Erfolg kommt auch das Ende Ihrer „Mülheimer Freiheit". Bereits 1982 löst sich die Gruppe auf.
Anders als die Mühlheimer sieht sich die Hamburger Szene um Werner Büttner, Martin Kippenberger, Albert und Markus Oehlen als ein lockeres Bündnis von Freunden. Ihr Treffpunkt ist die Künstlerkneipe „Gans", ihr Mentor und Galerist Max Hetzler. Ohne sich thematisch festzulegen, widmen sie sich mit Vorliebe sozialkritischen und politischen Themen – meist mit ironischen Titeln behaftet. Ihr oberstes Prinzip ist die Wahrheit. „... Das bedeutet für uns: Mache die Probe, erkenne die Wahrheit am Duktus, lasse dich von ihr vollscheißen, stelle fest, wie sie sich von innen anfühlt", formulieren sie 1984. Mit diesem Appell an sich selbst und ihre Kunst schockieren sie mit provokanten Themen das konsternierte Bürgertum. Wie in Werner Büttners „Selbstbildnis im Kino onanierend" von 1980, in dem er auf einem Kinostuhl sitzend den Betrachter fixiert. Oder Albert Oehlens Darstellung „Goldener Mann schlägt Schlampe", das die häusliche Gewalt von Männern gegenüber Frauen thematisiert. Radikal sind Albert Oehlens politische Statements. In „Führerhauptquartier", gemeint ist das Konferenzzimmer auf Hitlers Wolfsschanze, dominiert das liegende Hakenkreuz vor einer konturlosen Innenarchitektur. Politisch äußert sich auch Martin Kippenberg in seinem Bild mit dem Titel „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken". Die abstrakt-geometrische Komposition aus rechtwinkligen Elementen spielt auf die von den Nazis verfemte abstrakte Kunst an. Oder in „Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongreß", das im Stil des sozialistischen Realismus gemalt ist, der offiziellen kommunistischen Kunstdoktrin. Martin Kippenberger, 1997 an den Folgen seiner Alkohol- und Drogenexzesse verstorben, gehört zu den wenigen Akteuren, die sich bis heute auf dem Kunstmarkt behaupten.
Der Berliner Mauerfall 1989 läutet nicht nur das Ende der Hamburger sondern auch der gesamten Szene ein. Punk und New Wave sind out, Homosexualität gesellschaftlich akzeptiert. Hinzu kommt, dass sich das Publikum an dieser Art von Malerei - oder Schmiererei - schlicht und einfach sattgesehen hat.

Was ist aus den jungen Revoluzzern geworden, die in den 80er-Jahren die Kunstszene aufmischten? Die mit Ausstellungen in Aachen, Berlin, München, Köln und auf der „documenta 7“ in Kassel nationale und internationale Erfolge feiern konnten? Die jungen Wilden sind in die Jahre gekommen. Einige ihrer Protagonisten sind bereits tot, einige haben Professuren an Kunstakademien angenommen, andere sind noch in der Kunstszene aktiv, allerdings mehr im Verborgen. Es ist ruhig geworden. Das Frankfurter Städel will mit seiner aktuellen Ausstellung die Kunst der Achtzigerjahre neu bewerten und den Künstlerinnen und Künstlern einen angemessenen Platz in der Kunstgeschichte zuweisen. Ob das wirklich gelingt? Schau'n wir mal.

Künstlerliste: Hans Peter Adamski, Peter Angermann, Elvira Bach, Ina Barfuss, Peter Bömmels, Werner Büttner, Luciano Castelli, Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil, Rainer Fetting, G. L. Gabriel, Georg Herold, Gerard Kever, Jan Knap, Milan Kunc, Martin Kippenberger, Helmut Middendorf, Christa Näher, Gerhard Naschberger, Albert Oehlen, Markus Oehlen, Salomé, Andreas Schulze, Bettina Semmer, Volker Tannert, Thomas Wachweger und Bernd Zimmer

Die Ausstellung „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD" ist bis zum 18. Oktober 2015 im Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main zu besichtigen.
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So 10.00–18.00 Uhr Do, Fr 10.00–21.00 Uhr, montags geschlossen
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
Weitere Informationen www.staedelmuseum.de


Abbildungsnachweis:
Header: Ausstellungsansicht "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD". Foto: Städel Museum
Galerie:
01. Helmut Middendorf (*1953), Sänger, 1981, Dispersion auf Nessel, 175x220 cm. Helmut Middendorf. Foto: Jochen Littkemann. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
02. Rainer Fetting (*1949), Van Gogh und Mauer-Sonne, 1979, Dispersion auf Nessel, 212×271 cm. Thomas Ammann Fine Art AG, Zürich. Foto: Thomas Ammann Fine Art AG, Zürich. © Rainer Fetting
03. Rainer Fetting: Erstes Mauerbild, 1977, Tempera auf Leinwand, 160×190 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main. Foto: Städel Museum - ARTOTHEK. © Rainer Fetting
04. Salomé (*1954): Blutsturz, 1979, Acryl auf Leinwand, 260×210 cm. Thomas Ammann Fine Art AG, Zürich
Foto: Thomas Ammann Fine Art AG, Zürich. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
05. Peter Bömmels (*1951): Das Kölnspiel, 1984, Dispersion und Haare auf Nessel, 220×200 cm. Privatsammlung. Foto: Walter Bayer. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
06. Walter Dahn (*1954): Die Geburt der Mülheimer Freiheit, 1981, Dispersion auf Leinwand, 170×160 cm. Paul Maenz, Berlin. Foto: Archiv Paul Maenz, Berlin. © Walther Dahn
07. Ausstellungsansicht "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD". Foto: Städel Museum
08. Jiří Georg Dokoupil (*1954):Kippi (Martin Kippenberger), 1983, Acryl auf Leinwand, 80×60 cm. Sammlung Bischofberger, Schweiz. Foto: Galerie Bruno Bischofsberger, Schweiz. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
09. Martin Kippenberger (1953-1997): Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984
Öl und Silikon auf Leinwand, 160×133 cm. Friedrich Christian Flick Collection. Foto: Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne. © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne
10. Bettina Semmer (*1955): Straßenmöbel / Poller, 1985, Öl auf Leinwand, 190×155 cm. Bettina Semmer. Foto: Johannes Kramer. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
11. Albert Oehlen (*1954): Deutscher in Rio, 1986, Öl auf Leinwand, 260×320 cm (4-teilig). Städel Museum, Frankfurt am Main. Foto: Städel Museum – ARTOTHEK. © Albert Oehlen
12. Werner Büttner (*1954): Die dritte Welt drängt an den Stammtisch, 1981, Öl auf Leinwand, 141×110,5 cm. Private Collection, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris. Foto: def image. © Werner Büttner
13. Ausstellungsansicht "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD". Foto: Städel Museum

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