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Bildende Kunst

Feministische Avantgarde der 70er Jahre

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Dienstag, den 07. April 2015 um 10:33 Uhr
Feministische Avantgarde der 70er Jahre 4.6 out of 5 based on 150 votes.
Feministische Avantgarde der 70er Jahre

Es war die Zeit der Studentenunruhen, der Anti-Kriegs-Demos und der Kommunen. Und es war die Zeit der zweiten Frauenbewegung, der Lila-Latzhosen und der Forderung nach sexueller Lust und Selbstbestimmung. Unter dem Slogan "Das Private ist politisch" formierten sich in den 70er-Jahren immer mehr Frauen zu einer kollektiven Kraft - in der Literatur, auf der Bühne und insbesondere auch in der bildenden Kunst.
Einen Überblick über die „Feministische Avantgarde der 70er Jahre“ gibt nun die Wiener Sammlung Verbund in der Hamburger Kunsthalle.

„Die Scham ist vorbei“: Anja Meulenbelts Feminismus-Klassiker von 1976 lieferte das Motto einer ganzen Generation von Künstlerinnen, die mit teils verstörender Radikalität das tradierte Rollenverständnis hintertrieben, gegen Diskriminierung und Männermacht zu Felde zogen und den weiblichen Körper in seiner ganzen Erotik und Verletzlichkeit zur Schau stellten.

Es war ein Skandal, als Valie Export, Konzept-, Aktions- und Medienkünstlerin aus Österreich, 1968 mit einem Pappkarton vor ihren nackten Brüsten auf die Straße ging, um (männliche) Passanten zu ermuntern, mit den Händen in das „Tapp und Tastkino“ zu greifen. Es war ein Skandal, als sich die britische-amerikanische Autorin und Künstlerin Penny Slinger 1973 mit gespreizten Schenkeln und freiem Blick auf die Scham als bräutliche Sahneschnitte im Hochzeitskuchen präsentierte. Und es war erst recht ein Skandal, als Carolee Schneemann 1975 aus ihrer Vagina einen langen weißen Papierstreifen – „Interior Scroll“ – zog und das darauf gedruckte Manifest über Sexismus vorlas. Jede dieser Aktionen, Happenings und Performances war aber vor allem eines: Ein Befreiungsschlag von den gesellschaftlichen Fesseln, der Prüderie und Doppelmoral, mit denen die Frau bis heute zu kämpfen hat.

Viele Künstlerinnen taten es mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch, wie Renate Eisenegger, die ihr Gesicht bemalte, um die vorhandene Identität zu neutralisieren oder sich in acht Schritten Mund, Nase Ohren und Augen verstopft und überklebt, bis schließlich der ganze Kopf mitsamt den Händen unter einer dicken Schicht Klebeband verschwinden. Die Künstlerin, die während ihres Studiums an der Düsseldorfer Akademie darunter litt, wie sehr die Hochschule auf männliche Studenten fokussiert war, inszenierte die Fotoserie der zunehmenden Kommunikationsunfähigkeit als Metapher für weibliche Ausweglosigkeit und Beschränkung.

Ihre Kollegin Birgit Jürgensen dagegen zog vor allem mit subversivem Witz gegen tradierte Rollenbilder zu Felde. So fotografierte sie sich beispielsweise mit einem Vogelnest zwischen den Beinen oder mit einem Herd um den Hals. Die „Hausfrauen-Küchenschürze“ von 1975 degradiert selbstironisch die Frau zum Objekt mit offener (Backofen-)Röhre, in das jeder sein Baguette schieben kann. Auch die Zeichnungen sind ausgesprochen humorvoll: Mal zeigt Jürgensen die Hausfrau als fauchenden Stubentiger hinter Gittern, mal auf den Knien beim Bodenschrubben - mit lauter kleinen grauen Männern als Feudel, die kräftig ausgewrungen werden.

Es wundert nicht, dass die meisten der 34 präsentierten Künstlerinnen so gut wie unbekannt sind, beziehungsweise nur in der Fachwelt einen Namen haben. Die bildende Kunst ist nach wie vor ein männerdominiertes Feld. Die Frauenrolle als Muse und Modell immer noch geläufiger, als die der Macherin. Ein geradezu schizophrener Zustand, wenn man bedenkt, dass gerade die männliche Künstlerkaste die Vorreiterschafft für gesellschaftliche und politische Prozesse für sich beansprucht. Doch weil von Gleichberechtigung in der bildenden Kunst noch immer nicht die Rede sein kann, hat es auch nur eine von den großartigen Performerinnen zum Weltstar geschafft: Cindy Sherman, die begnadete Verwandlerin, die seit nunmehr 40 Jahren in ständig neue Figuren schlüpft. In ihrer Fotoserie „Busfahrgäste“ von 1976 machte sie schon während des Studiums klar, was Männer von Frauen unterscheidet: Das Selbstbewusstsein.

Feministische Avantgarde der 70er Jahre
Noch zu sehen bis zum 31. Mai 2015 in der Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall.
Geöffnet: Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr,
Eintritt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro.
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis: Alle SAMMLUNG VERBUND, Wien
Header: Ulrike Rosenbach (*1943), Art is a criminal action No. 4, 1969, S/W-Photographie auf Barytpapier. © Ulrike Rosenbach / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 /
Galerie:
01. Cindy Sherman (*1954), Untitled #443 (Bus Riders II), 1976/2005, S/W-Photographie (aus einer 20-teiligen Serie). © Cindy Sherman, New York. Courtesy: Metro Pictures, New York
02. VALIE EXPORT (*1940), Tapp und Tastkino, 1968, Video, S/W, Ton. © VALIE EXPORT / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / Courtesy of Galerie Charim, Wien
03. Penny Slinger (*1947), Wedding Invitation – 2 (Art is Just a Piece of Cake), 1973, S/W-Fotografie. © Penny Slinger / Courtesy of the Artist and Broadway 1602, New York
04. Renate Eisenegger (*1949), Hochhaus (Nr.1), 1974, S/W-Fotografie auf Holz kaschiert (aus einer 4-teiligen Serie). © Renate Eisenegger
05. Birgit Jürgenssen (1949-2003), Nest, 1979, S/W-Fotografie. © Estate of Birgit Jürgenssen / Courtesy of Galerie Hubert Winter, Wien / VG Bild-Kunst, Bonn 2014/2015
06. Cindy Sherman (*1954), Untitled (Lucy), 1975/2001, Silbergelantine-Abzug. © Cindy Sherman, New York Courtesy: Metro Pictures, New York
07. Renate Bertlmann (*1943), Zärtliche Pantomime, 1976, S/W-Fotografie (aus einer 6-teiligen Serie) © Renate Bertlmann
08. Francesca Woodman (1958-1981) Untitled Rome, Italy, 1977-1978/2006 S/W-Fotografie auf Barytpapier. © Courtesy George and Betty Woodman, New York
09. Annegret Soltau (*1946), Selbst, 1975, S/W-Fotografie auf Barytpapier (aus einer 14-teiligen Serie). © Annegret Soltau / VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Foto: Heide Kratz
10. Alexis Hunter (1948-2014), Approach to Fear Voyeurism, 1973, Silberbromid-Fotografie, bemalt mit farbiger Tinte (aus einer 12-teiligen Serie). © Alexis Hunter / Courtesy of Richard Saltoun, London / VG Bild-Kunst, Bonn 2015
11. Ana Mendieta (1948-1985), Untitled (Glass on Body Imprints), 1972/1997, C-Print (aus einer 6-teiligen Serie). © The Estate Ana Mendieta / Courtesy of Galerie Lelong, New York
12. Lynn Hershman-Leeson (*1941), Roberta Construction Chart #1, 1975, C-Print. © Lynn Hershman Leeson.

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