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Bildende Kunst

ZERO – Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre

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Geschrieben von Christel Busch  -  Dienstag, den 31. März 2015 um 11:00 Uhr
ZERO – Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre 4.7 out of 5 based on 164 votes.
ZERO – Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre

ZERO ist zurück! Wie Phönix aus der Asche taucht die internationale Kunstbewegung der Nachkriegsjahre wieder auf.
1957 gegründet, neun Jahre später aufgelöst, verschwindet sie für Jahrzehnte im Niemandsland der Kunstgeschichte. Dann die Wiederentdeckung: Nach erfolgreichen Ausstellungen im Ausland folgt jetzt eine spektakuläre Schau im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Präsentiert werden rund 200 Werke von 43 Künstlern aus elf Ländern. Neben ZERO-Künstlern und den Gründungsvätern Heinz Mack, Otto Piene, Günther Uecker widmet sich die Schau den ZERO nahestehenden Akteuren Yves Klein, Jean Tinguely, Piero Manzoni, Lucio Fontana und anderen. Objektkunst, Licht-Installationen, kinetische Kunst, monochrome Malereien, Performances, Filme und Publikationen: der Rundgang durch die Ausstellung wird zu einem vibrierenden, akustischen und visuellen Erlebnis.

Nach dem Krieg liegt Deutschland in Schutt und Asche, alles ist Grau in Grau. Die Kunstpolitik des „Dritten Reiches" und die Vernichtung der sogenannten „Entarteten Kunst" haben tiefe Spuren hinterlassen. In der jungen Republik sind jetzt Informel und abstrakter Expressionismus die angesagten Kunstrichtungen. Vor diesem Hintergrund formiert sich in Düsseldorf ZERO, eine künstlerische Avantgarde, die mit der Stunde Null einen ästhetischen und ideologischen Neuanfang in der Kunst sucht. Weg von tradierten und etablierten Kunstdoktrinen, hin zu einer innovativen Formen- und Bildsprache, die sich an Licht und reinen Farben, an Raum und Bewegung orientiert. „Wir dachten an den Countdown vor dem Raketenstart – Zero ist die unmessbare Zone, in der ein Zustand in einen unbekannten neuen übergeht", erläutert Piene. „Zero ist eine Gemeinschaft von Individuen, keine Partei und kein Kolchos." In den Aphorismen von 1963 „ZERO ist Stille. ZERO ist der Anfang. ZERO dreht sich. ZERO ist rund. ZERO ist ZERO" spiegeln sich die Ideale und die Weltanschauung der Gruppe wieder, die kein künstlerisches Konzept, kein Gründungsmanifest und keine festen Mitgliederlisten hat.

Die jungen Kreativen experimentieren – neben Farben, Papier und Alufolien – mit technischen und industriellen Materialien wie Aluminiumplatten, perforierten Schablonen, Glas und Spiegel, Nägeln, Leuchtkörpern und Elektromotoren. Gemeinsam mit anderen Künstlern aus Italien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden sowie parallelen Künstler-Gruppierungen bildet ZERO ein internationales Netzwerk, in dem Konzepte und Ideen ausgetauscht werden. Für die Nachkriegszeit ist diese Kunst eine Revolution, für nachfolgende Kunstrichtungen dagegen Inspiration und Impulsgeber: Fluxus, Aktionskunst, Konzeptkunst, Happening oder Land Art. „ZERO war für die Geschichte der zeitgenössischen Kunst eine der wichtigsten Bewegungen", sagt Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus.

Bleibt die Frage, warum ZERO so spät aus dem Dornröschenschlaf erwacht? Das mag mit der Bildung der „ZERO-Foundation“ im Dezember 2008 zusammenhängen, welche die Zero-Veteranen Heinz Mack, Otto Piene, Günther Uecker und die Stiftung Museum Kunstpalast mit Mitteln der Landeshauptstadt Düsseldorf gründen. Ziel ist, das Werk der internationalen Kunstbewegung zu erhalten, zu fördern, zu erforschen und zu präsentieren. Dank eines erfolgreichen Marketings mit Ausstellungen in Düsseldorf, auf der Biennale in Venedig, in Paris und im Guggenheim Museum New York, erlebt die ZERO-Bewegung in den letzten Jahren eine Renaissance. ZERO feiert triumphale Erfolge, mit geradezu astronomischen Preisen auf dem Kunstmarkt. ZERO ist in! ZERO ist hipp! Stand die erfolgreiche New Yorker Ausstellung im Kontext eines transkontinentalen Austausches, präsentiert die Berliner Schau Werke von ZERO-Künstlern aus den Jahren 1957 bis 1967 – auch die in Vergessenheit geratenen deutschen Künstler Hermann Goepfert und Oskar Holweck. Hinzu kommen internationale, ZERO nahestehende Akteure, darunter Yves Klein, Piero Manzoni und Jean Tinguely und viele andere.

Im Lichthof des Martin-Gropius-Baus überrascht die Installation „Mond" von Heinz Mack. Eine riesige, von der Decke hängende, sich drehende Scheibe, deren eine Seite silbrig glänzt, die andere tiefschwarz ist. Je nach Beleuchtung wird das Licht von der silbernen Oberfläche reflektiert oder von der schwarzen Fläche absorbiert. Der Rundgang um den Lichthof wird chronologisch mit historischen Editionen, Archivalien, Videos und Fotos ergänzt.

Der Ausstellungsrundgang, geordnet nach den Themen Raum, Farbe, Struktur, Vibration, Bewegung, Licht und Feuer, aktiviert alle Sinne: Staunend steht der Besucher vor den monumentalen Lichtstelen Heinz Macks, welche durch ihre Materialität - Aluminium, Glas, Plexiglas, Spiegelglas, Motoren – Bewegung suggerieren und das Licht in unendlichen Facetten wiederspiegelt. Oder: „Siehst Du den Wind? Gruß an Tinguely", ein zwei Meter hoher silberner Standventilator mit flatternden Aluminiumbändern.

Neben Heinz Mack bilden Otto Piene und Günther Uecker das berühmte Trio der Zero-Avantgarde.
Uecker – längst Superstar der Kunstszene – prägt mit seinen Nagelbildern die deutsche Gegenwartskunst. Seit mehr als fünf Jahrzehnten nutzt er als künstlerisches Material Eisennägel, mit denen er mal spiralförmig, mal gewellt oder in kreisrunden Scheiben den Bildgrund modelliert. Je nach Standort des Betrachters entsteht durch die Ausrichtung der Nägel ein Wechselspiel von Licht und Schatten, reliefartige Strukturen werden sichtbar. Anders als bei den Nagelobjekten arbeitet Uecker bei „Kosmische Vision / Lichtscheiben" mit dem Einsatz von Licht und Dynamik. Benagelte kreisrunde Scheiben in weißen Holzkästen sind hinter oder unter den Kästen mit künstlichen Lichtquellen versehen. Mittels elektrischer Motoren beginnen die Scheiben zu rotieren, Licht- und Schattenspiele entstehen, die Konturen verwischen oder scheinen sich aufzulösen.
Otto Piene, der im Juli 2014 mit 86 Jahren gestorben ist, zählt zu den innovativsten Köpfen der Bewegung. Licht, Farbe, Feuer und Rauch sind die Elemente seiner künstlerischen Gestaltung. Sein Lichtballet, die Lichtinstallationen sowie Feuer- und Rasterbilder, aufblasbare Skulpturen und nicht zuletzt seine Sky-Art machen ihn weltberühmt. So inszeniert er zum Beispiel 1972 zusammen mit seinem Team für die Schlussfeier der XX. Olympischen Spiele in München einen monumentalen mit Helium gefüllten Regenbogen, der über dem See des Olympiageländes schwebt.

In „Lichtraum (Hommage à Fontana)", ein Projekt mit Uecker und Mack, werfen Lichtquellen und rotierende Objekte tanzende Muster und Lichtreflexe auf die Ausstellungswände. Der Besucher wird Teil eines leuchtenden Universums. Ganz ohne Pinsel kommen Pienes Rauch- und Feuerbildern aus. Seit Ende der 50er-Jahre experimentiert er mit Feuer. Mit Kerzen oder Öllampen fährt er an den Oberflächen der Bildträger entlang, Ruß schlägt sich nieder und bildet schwarze, wolkenartige Strukturen, die er anschließend mit Ölfirnis fixiert. Bei seinen Rasterbildern arbeitet er dagegen mit vorgelochten Schablonen, durch die er monochrome Ölfarben mit hohem Licht- und Energiewert auf die Leinwand quetscht. Gleichförmige und rhythmisierte Erhebungen entstehen, die bei Lichteinfall changierende Schattenspiele bilden „The Proliferation of the Moon", das rote „Rasterbild" oder „Gelber Auszug". „Und das Licht ist da und dringt überall hin, und nicht ich male, sondern das Licht", schreibt Piene 1959.

Interessant sind die ausgestellten Werke des Italieners Piero Manzoni, der als Wegbereiter von Aktionskunst und Konzeptkunst gilt. In der Auseinandersetzung mit Yves Kleins „monochromes", umfasst sein malerisches Œuvre über 600 „Achromes", das heißt weiße, unfarbige Bilder. Er nutzt nicht Farben als Formensprache, sondern Gips oder Kaolin – weiße Tonerde – mit denen er seine Kompositionen strukturiert: Er tränkt Leinwände, legt sie in Falten oder setzt sie aus einzelnen Stücken zusammen. Oftmals verwendet er achrome Materialien, darunter Fell oder Watte.

Manzonis Kompositionen stehen in Kontrast zu den einfarbigen Bildern von Yves Klein in Grün, Rot, Pink, Orange oder Gold. Bekannt wird der Franzose, dessen künstlerisches Schaffen bis zu seinem frühen Tod 1962 knapp acht Jahre umfasst, vor allen Dingen mit seinen Monochromen in Ultramarinblau, das er sich unter dem Namen „International Klein Blue" patentieren lässt. Es sind Bilder aus reinen Pigmenten, in die er häufig Schwämme als organisches Material integriert. „Ich glaube, in Zukunft wird man nur noch Bilder mit einer einzigen Farbe malen, Bilder, die zugleich nichts anderes als Farbe zeigen. Ich will damit sagen, es wird keine Zeichnung, keine Linie, keine Form mehr geben, nur mehr Einfarbigkeit, die schön gleichmäßig auf der Leinwand verteilt ist...", so Klein.

Die Berliner Schau ist so umfangreich, dass in diesem Textbeitrag nicht alle Künstler, nicht alle Exponate vorgestellt werden können. Der Leser hat die Möglichkeit, dies bei einem Besuch der Ausstellung nachzuholen.

Die hervorragend kuratierte Ausstellung ist besonders für jüngere Generationen sehr interessant, weil die Werke in den letzten Jahren so umfassend nie gezeigt wurden.

„ZERO – Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre"
ist bis zum 8. Juni 2015 im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Montag von 10 - 19 Uhr, Dienstag geschlossen.
Ein Katalog ist erschienen.
Informationen zu „dynamo", dem Begleitprogramm zur Ausstellung stehen online unter
www.berlinerfestspiele.de


Abbildungsnachweis:
Header: Ausstellungsansicht Martin-Gropius-Bau Berlin. Foto: David von Becker
Galerie:
01. Katalogumschlag
02. Stedelijk Museum Amsterdam, 1962. V.l.n.r.: Heinz Mack, Otto Piene, Günther Uecker anlässlich der Ausstellung NUL. Foto: Raoul Van den Boom. © ZERO foundation, Düsseldorf
03. Düsseldorf, in der Wohnung von Alfred Schmela um 1965. V.l.n.r.: Henk Peeters, Günther Uecker, Heinz Mack, Ad Peetersen, Monika und Alfred Schmela im Hintergrund ein Gemälde von Robert Indiana. Foto: Jon Naar. © Jon Naar / ZERO foundation, Düsseldorf
04. Münder, aus: ZERO 3 1961. Foto und © ZERO foundation. © Werk: Heinz Mack und Otto Piene, VG Bild-Kunst, Bonn 2015
05. Günther Uecker: Weiße Mühle, 1964, Nägel auf Holz, Elektromotor, besprüht, 140x58 Ø 58cm. Sammlung Winfried Reckermann, Köln. Courtesy: The Mayor Gallery, London. © Foto: ZERO foundation, Düsseldorf. © Werk: VG Bild-Kunst, Bonn 2015
06. Heinz Mack: Siehst Du den Wind? Gruß an Tinguely, 1962, Ventilator, Reflektor, Aluminiumbänder, 200x40x40cm. © ZERO foundation, Düsseldorf. © Werk: VG Bild-Kunst, Bonn 2015
07. Francois Morellet: Sphärischer Raster, 1962, Edelstahl, Ø 130cm. Courtesy und © Museum Morsbroich, Leverkusen. © Werk: ADAGP, Paris
08. Ausstellungsansicht Martin-Gropius-Bau Berlin. Foto: David von Becker
09. Otto Piene: Venus von Willendorf, 1965, Öl und Ruß auf Leinwand, 150x200cm. Courtesy und © Stedelijk Museum Amsterdam. © Werk: VG Bild-Kunst, Bonn 2015
10. Lucio Fontana: Concetto Spaziale, Attese, 1967, Wasserfarbe auf geschlitzter Leinwand, 90x73cm Courtesy und Foto: Axel & May Vervoordt Foundation,
Antwerpen. © Foto: ZERO foundation, Düsseldorf. © Werk: SIAE, Rome
11. Yves Klein: Peinture feu couleur sans titre (FC 3), ca. 1962, Trockenpigment und angesengtes Kunstharz auf Pappe auf Holzplatte, 137x74cm. Courtesy: Private collection. Foto: © Yves Klein / ADAGP, Paris, VG Bild-Kunst, Bonn 2015
12. Herman de Vries: Ruimtelijke toevals- structuur, 1965 (Rekonstruktion 2011-14)
Styroporplatten, Nylonseile, 495x350x350cm. Courtesy und Foto: Stedelijk Mueseum, Schiedam. © Foto: Pictoright, Amsterdam. © Werk: VG Bild-Kunst, Bonn 2015
13. Almir Mavignier: Konkav- konvex, 1964, Öl auf Leinwand, 142x200cm. Courtesy: Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf. Foto: Langen Foundation, Neuss. © Foto: ZERO foundation, Düsseldorf. © Werk: VG Bild-Kunst, Bonn 2015
14. und 15. Ausstellungsansicht Martin-Gropius-Bau Berlin. Foto: David von Becker.

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