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Bildende Kunst

Heimo Zobernig – Statusverschiebungen

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Geschrieben von Christel Busch  -  Mittwoch, den 26. November 2014 um 11:00 Uhr
Heimo Zobernig – Statusverschiebungen 4.6 out of 5 based on 149 votes.
Heimo Zobernig

Die „kestnergesellschaft“ in Hannover präsentiert Skulpturen und Malereien des österreichischen Künstlers Heimo Zobernig.
Seit den Achtzigerjahren gehört Zobernig zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen Kunst in Österreich, so bestreitet er 2015 auf der Biennale von Venedig den Österreichischen Pavillon.
Die Ausstellung in Hannover zeigt handwerklich und industriell gefertigte Gebrauchsmöbel, die aus dem Kontext der Alltagswelt herausgenommen und zu skulpturalen Artefakten, zu Kunstwerken, erhöht werden. Zobernigs Objektkunst kommuniziert mit seinen separat ausgestellten abstrakten Gemälden. Seine Arbeiten tragen keine Namen, sie heißen einfach und stringent „ohne Titel".


Kunst- oder Möbelausstellung, fragt sich manch ein Besucher beim Betreten der oberen Ausstellungshalle irritiert: Rund zwanzig skulpturale Möbelobjekte, Schlüsselwerke aus Zobernigs dreißigjähriger künstlerischer Karriere, sind in drei chronologischen Reihen geordnet. Eine Ordnung, die unwillkürlich an seine Arbeit als Bühnenbildner Ende der 1970er-Jahre erinnert. Wie beim Bühnenbild nutzt der Künstler den zu bespielenden Raum als Inszenierung für seine Skulpturen. Geschickt involviert Zobernig den Besucher: er kann flanieren, sich den Objekten nähern, die verschiedenen Materialien und Farben von allen Seiten betrachten und – je nach Distanz – eigene ästhetische Betrachtungen und Deutungen machen. Zumal die fehlenden Werktitel eine Bedeutung und Interpretation offen lassen. Und ganz wichtig, der Betrachter kann und soll hinterfragen: ob die Gebrauchsmöbel der Ausstellung in einem künstlerischen Kontext stehen. Sind sie autonome Kunstwerke? Im Ausstellungskatalog heißt es: „Die Idee des Künstlers ist eine Status-Verschiebung vom funktionellen Objekt hin zu einem Kunstwerk, und zwar ausschließlich durch eine Veränderung der eigenen Haltung."
 

Die Ausstellung spannt einen Bogen von seiner allerersten Skulptur, einem schwarzen Holztisch aus dem Jahr 1983 bis hin zu Objekten aus Klopapierrollen von 2014. In Anlehnung an die Readymades der Zwanzigerjahre, Environment und Minimal Art der 60er-Jahre nutzt der in Mauthen (Kärnten) geborenen Österreicher industriell und handwerklich gefertigte Produkte. Seine Arbeiten bestehen aus Pressspan, MDF-Platten, Karton und Styropor sowie Klopapierrollen und Dispersionsfarbe. Materialien, die zum Teil durch Recycling gewonnen werden. Die Skulpturen entsprechen Alltagsgegenständen, darunter Tische und Stühle, Regale aus den Achtzigern, Tresen, eine Bank. Die Formensprache ist auf ein Minimum reduziert: funktional, minimalistisch und schnörkellos. Die Objekte sind teils unfertig, teils bemalt oder weisen Gebrauchsspuren und Spuren manueller Bearbeitung auf.

Zu den Skulpturen gehört „ohne Titel" von 1997, ein aus braunen MDF-Platten gefertigter Tresen, der bei der „documenta X“ als Informationsstand am Eingang der „Net Art Section“ diente. Ein dreibeiniger Stahltisch mit Spiegelglasplatte und fünf weißen Stühlen von 1983, entstand ursprünglich für den Eingangsbereich eines Sammlermuseums und ist später der Präsentationstisch für die Architekturmodelle des Künstlers gewesen. Eine weiße, fast vier Meter lange Sitzbank aus Pressspan und Dispersionsfarbe lädt zum Verweilen ein. Rund ein Meter hoch ist die Skulptur aus etwa tausend, ineinander verschlungenen und verleimten Klopapierrollen. Nach fast zwei Jahren Arbeit ist sie 2014 fertig gewesen.

Zwischen den Möbelobjekten steht eine männliche Schaufensterpuppe, deren Glieder mit Metallstreifen zusammen gehalten werden und die auf dem linken Bein ein blaues Gittermuster trägt, das an die biometrische Vermessung des Menschen denken lässt. Drei von der Decke hängende Styroporköpfe, beklebt mit Rastern aus blauen Quadraten und Streifen erinnern an die Farbfeldmalereien von Piet Mondrian.

Parallel zu Zobernigs Skulpturen stellt die „kestnergesellschaft“ in der zweiten Halle acht quadratische, zwei mal zwei Meter große Gemälde der letzten beiden Jahre vor. Bis auf ein monochromes Bild, gliedern mit Tape geklebte Rasterlinien die Bildkompositionen. Amorphe Strukturen, kontrastierende Farbflächen sowie freie Farblinien und durch Tapes vorgegebene Krümmungen dominieren die Bildoberfläche. Bis zu vier Schichten Acrylfarbe spachtelt der Künstler übereinander, sodass tiefere Farbschichten teilweise an die Oberfläche drängen. Was auf den ersten Blick wie eine spontane Handlung erscheint, ist ein durch und durch kontrollierter Malprozess, bei dem Bildaufbau und Farben bereits am Anfang festgelegt werden.

Die interessante Ausstellung „Heimo Zobernig" gibt nur einen kleinen Einblick in das vielseitige Œuvre des in Wien lebenden Künstlers, dessen Werk neben Malerei und Skulptur auch Zeichnung, Bildhauerei, Installation, Design, Video und Performance umfasst. Der Österreicher, der an der Akademie der bildenden Künste und an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studiert hat, lehrt seit 2000 an der Akademie der bildenden Künste.

Ursprünglich aus dem Kreise des Wiener Neo-Geo (Neue Geometrie), eine Kunstrichtung der 80er-Jahre kommend, gehört Zobernig inzwischen zu den renommiertesten und international gehandelten Gegenwartskünstlern. Er blickt auf zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen zurück, darunter die documenta 9 und X in Kassel sowie 1988 und 2001 die Kunst-Biennale in Venedig. Als Anerkennung seiner künstlerischen Arbeit wird Zobernig den Österreich-Pavillon auf der Kunst-Biennale 2015 in Venedig bespielen.


„Heimo Zobernig", zu sehen bis zum 15. Februar 2015
in der kestnergesellschaft, Goseriede 11, in 30159 Hannover.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Donnerstag von 11 bis 20 Uhr.
Ein Katalog ist erschienen.
www.kestnergesellschaft.de


Abbildungsnachweis:
Header: Heimo Zobernig, ohne Titel, 2012, Dispersionsfarbe, Pressspan, 45x45x350cm. Installationsansicht Galerie Grässlin, Frankfurt/Main 2013. Foto: Wolfgang Günzel. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Galerie:
01. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
02. ohne Titel, 2014, Karton, Holzleim, Kunstharzlack, Sperrholz, 215x88x77cm. Foto: Archiv HZ. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
03. ohne Titel, 2012, Styropor, Holz, zementgebundene Spanplatte, 192x124,5x127cm. Courtesy Galerie Bärbel Grässlin, Frankfurt. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
04. ohne Titel, 2012, Pressspan, MDF, OSB, Holz, etc. 250x69,5x59cm. Foto: Archiv HZ. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
05. ohne Titel, 1999, Tape, Dispersion, Acryl, Kryptonite, Polyester, Stahl, 187x89x62cm. Foto: Archiv HZ. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
06. ohne Titel, 1999, Spiegelglas, Stahl, 5 Stühle, 74x122,5x102,3cm. Foto: Archiv HZ. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
07. Blick in die Auisstellung. Foto: Christel Busch
08. ohne Titel, 2013, Acryl auf Leinwand, 200x200cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
09. ohne Titel, 2014, Acryl auf Leinwand, 200x200cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
10. ohne Titel, 2014, Acryl auf Leinwand, 200x200 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

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