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Bildende Kunst

Horst Janssen – Gedanken an einen rebellischen Künstler

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(156 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Donnerstag, den 13. November 2014 um 11:01 Uhr
Horst Janssen – Gedanken an einen rebellischen Künstler 4.6 out of 5 based on 156 votes.
Horst Janssen Museum

Horst Janssen wäre am 14. November 85 Jahre alt geworden.
Das Horst Janssen-Museum Oldenburg lädt an dem Tag zum großen Janssen-Talk mit Weggefährten (Frauen und Freunden), die Janssen-Bibliothek im Goßlerhaus Hamburg-Blankenese erinnert mit einer Matinee am 23. November – doch die beiden großen Hamburger Museen, die Kunsthalle und das Museum für Kunst und Gewerbe machen nichts. Rein gar nichts.
Grund genug für Isabelle Hofmann und KulturPort.De einmal zurückzublicken...

Er wird sich ins Fäustchen lachen, da oben auf Wolke sieben. Verschmitzt über seine Brillengläser hinweg äugeln, einen kräftigen Schluck aus der Pulle nehmen, einen nackten Engelpopo tätscheln und irgendwas daher nuscheln, das nach „ich hab’s euch ja immer gesagt“ klingt. 85 Jahre wäre Horst Janssen (1929-1995) am 14. November geworden.

Noch vor zehn Jahren schrieb ich zum 75. und da hatte Janssen in der Tat noch gut lachen: „Hamburg feiert den Geburtstag schon mal vorab mit zwei großen Ausstellungen: Das Museum für Kunst und Gewerbe zeigt „Licht und Linie – Horst Janssen und die Fotografie“, sowie herausragende Plakat-Entwürfe; die Kunsthalle präsentiert die „Meisterzeichnungen“. Nicht etwa im Janssen-Kabinett der Galerie der Gegenwart. (Dort sind noch 50 wunderbare Selbstporträts zu sehen). Nein, am Glockengießerwall, dort, wo die Berührungsängste zu Hamburgs genialem Bürgerschreck immer besonders groß waren, ist sein Werk erstmals aus der Gruft befreit und in den Olymp der Kunst aufgestiegen: in den altehrwürdigen Kuppelsaal. Welch überraschende Wertschätzung im neunten Todesjahr! Werner Hofmann, der ehemalige Direktor, spricht sogar schon von Janssens „Neueinordnung in die Moderne“.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Beide Ausstellungen sind und ergänzen sich großartig. Man sollte sie sich unbedingt im Doppelpack ansehen, die Fotos zuerst, denn erst so erschließen sich die vielfältigen Bezüge. Janssens fotografisches Werk steht nicht für sich. Er fotografierte, was ihn als Zeichner und Radierer beschäftigte. Sich selbst in erster Linie. Immer und immer wieder. Verklärt, vernebelt, versoffen, mit Hut und Mantel, mit irre-zahnlosem Lachen. Alle Lebensphasen hielt er dieses Urviech von einem Künstler vor dem Spiegel fest, von den frühen 50er-Jahren bis zum schrecklichen Säure-Unfall 1990. Die riesigen Foto-Collagen, in denen er bravourös und schonungslos die drohende Erblindung dokumentiert, ist schon eine Schau für sich. Noch nie hat man in Hamburg so eine geballte Ladung unterschiedlicher fotografischer Janssen-Selbstporträts zu Gesicht bekommen. Noch nie wurde so deutlich herausgearbeitet, wie wichtig ihm die Fotografie zeitlebens war. Wie stark er diese „andere Möglichkeit des Sehens“ auch bei anderen großen Themen, den Stillleben und Landschaften nutzte. Da sind zum Beispiel die schroffen Felsenformationen von der Tessin-Reise mit Gesche, Anfang der 70er-Jahre. In der Kunsthalle tauchen sie wieder auf. Dichte Bleistiftzeichnungen, erstaunlich naturalistisch, in fast romantischer Manier: eine Art Essenz aller Bergpanoramen. Sie gehören zu den frühsten Blättern in diesem Reigen von rund 80 Leihgaben aus 15 Privatsammlungen, die – chronologisch geordnet – einen ausgezeichneten Überblick über zeichnerische Entwicklung und Themenschwerpunkte bieten. Besonders eindrucksvoll der Anfang: Der aufgeschwemmte, fein gestrichelte Janssen-Kopf von 1963: „Wieder Krach mit Hegewisch“, die bizarren, erotisch-poppigen „Svanshall“-Blätter, in denen die Metamorphosen von Körper und Landschaft erstmals anklingen, die magische Baumreihe in „Moreege“ (1970), aus der die intensive Auseinandersetzung mit Richard Oelze spricht. Alle zwei Meter ein neuer Janssen, Beispiele seiner einmaligen Virtuosität und Variationsfähigkeit. Immer wieder hat er seinen Stil geändert, scheinbar mühelos europäische und japanische Meister kopiert. Allein diese Virtuosität im Umgang mit grafischen Mitteln brachte Janssen bei vielen Kunsthistorikern und Kritikern in Misskredit. Ganz zu schweigen von den „unmodernen“ Themen, die sich dieser große Unzeitgemäße vornahm: Landschaft, Selbstporträt und Stillleben in den beiden Jahrzehnten der Konzept- und Kopfkunst. Das war glatte Rebellion und wurde mit konsequenter Ignoranz seitens der Museen bestraft. Nun, da man wieder gegenständlich sein darf, ist eine Neueinordnung Janssens in die Moderne sicher geboten. Aber ist sie jetzt schon möglich? Vielleicht braucht es noch ein paar weitere Generationen, bis man das Werk – und nur das Werk – betrachten kann.“


Horst Janssen-Museum, Oldenburg
Janssen-Talk zum 85. Geburtstag

Filmtipp: Horst-Janssen-Dokumentation anlässlich seines 85. Geburtstags
Anlässlich seines Geburtstags widmet der NDR dem großen Künstler eine umfassende Dokumentation über Leben und Werk. In dem Film „Horst Janssen – ‚Ich bin die Gnade Gottes‘“ kommen Familienmitglieder, Freunde und Wegbegleiter zu Wort. Horst Janssen starb 1995 und hinterließ ein riesiges Werk von rund 14.000 Zeichnungen, 3.000 Radierungen, hunderten von Aquarellen, Holzschnitten, Lithografien, Flugblättern und Plakaten sowie Buchpublikationen. Seit 2000 ist ein Teil seines Werks im Horst-Janssen-Museum Oldenburg zu sehen.

Die Ausstrahlung des Films erfolgt am am 15. November um 12.45 Uhr beim NDR. Regie: Bernd Boehm
Der Film ist außerdem 90 Tage lang in den Mediatheken von ARTE und NDR abrufbar.


Abbildungsnachweis:
Header: Hosrt Janssen-Museum, Oldenburg

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avatar Peter Schmidt
+2
 
 
Ja, stimme voll überein: Hamburg und seine Behandlung bzw. sein Gedächtnis für seine Künstler.
Das "Brahms-Syndrom" setzt sich bis heute fort.

Ein weiteres Beispiel: Die Werke des Blankeneser Malers Wolfgang Klähn finden sich im März 2014 zu einer Ausstellung in New York. Eine späte Genugtuung.

Die Kunsthalle ließ seine Wandmalereien im kleinen Treppenhaus 1956 hinter Rigips-Platten verschwinden. 1953 wurden die abstrakten Wandgemälde noch anlässlich einer Lichtwark gewidmeten Ausstellung (Outdour auch: Skulpturen im Alstervorland) noch gefeiert. Bundespräsident Heuß fand lobende Worte für die Arbeit des jungen Kriegsheimkehrers, der den ehrenvollen Auftrag vom Direktor und Hamburger Kaufleuten um Erik Blumenfeld erhielt. Zwei Bilder wurden zusätzlich von der Kunsthalle erworben, dann aber nicht in der Galerie der Heimatkünstler aufgehängt, zu der das Treppenhaus damals führte. Treppenhaus und Werke der Heimat-Maler schon damals ein Kontrast zwischen künstlerischem Aufbruch nach dem Krieg und eher Biedermeierlichem . Der Kunsthallen-Direktor platzierte Klähn in die Hauptausstellung neben Picasso. Das war dann wohl der Ehre zu viel und der Neid der Altvorderen wuchs entsprechend. In 1953 wäre eine Gegenbewegung dank der öffentlichen Aufmerksamkeit mit Risiken verbunden. Das Establishment folgte dem Motto: Abwarten und Tee trinken. Drei Jahre später war es soweit. Man schritt zur Tat und knallte Rigips-Wände als Sichtblenden vor die Wandmalereien. Die Kunsthallen-Direktion knickte ein, immerhin ließ sie das Treppenhaus nicht überstreichen und wollten das verborgene Kunstwerk dem Urteil künftiger Generationen überlassen. Der Tag der „Auferstehung“ des Kunstwerkes sollte künftigen Generationen von Kunsthallen-Chefs überlassen werden.

An diese Vorgabe hielten sich die nachfolgenden Direktoren bis heute. Jeder gab den Staffelstab weiter. Seitdem existieren vom Kunstwerk nur schwarz-weiß Fotos. Die damals wohl einmalige Farbgestaltung wurde aus Kostengründen nicht per Farbbild eingefangen. Es gab es auch zum 80. Geburtstag des Künstlers in 2009 keine Ausnahme. Der von mir so bezeichnete „Zensurbalken“ aus dem Jahre 1956 blieb bestehen.

Und in diesem Jahr verstrich auch am 13. Oktober der 85. Geburtstag des Meisters ohne dass sich die Stadt erinnerte. Weder an den Maler noch an sein Jugendwerk, das kleine Treppenhaus. Die Argumente wechselten. Mal führte das kleine Treppenhaus nicht mehr zu einer Ausstellung. Mal war ein Abriss der Rigips- Wand, gar eine erneute Verhüllung zu teuer.
2000 wollte das NDR-Fernsehen den Zustand vor Ort dokumentieren und schrammte kurz vor einem Hausverbot vorbei. Damals konnte man noch unbemerkt in das verhüllte Treppenhaus kommen, danach wurde es vorsorglich verriegelt und zum Verwaltungsraum erklärt.

Ich fand vor 5 Jahren Sponsoren für ein einmaliges Projekt. Eine wochenlange Abhängung der Gips-Platten und eine Einladung an das Publikum, die Malerei nach über 50 Jahren zu besichtigen und dann abzustimmen, ob das Werk bleiben oder wieder hinter Sichtblenden verschwinden soll. Als das Kostenmoment fiel, beharrte man trotzig auf die alleinige künstlerische Freiheit über eine solche Maßnahme zu entscheiden. Man solle froh sein, wenn die Entscheidung nicht in Richtung Beseitigung ginge.
Als sich vor 5 Jahren die Presse für dieses Projekt zu interessieren begann, wurde offenkundig der damalige Bürgermeister bemüht, seine Kontakte zu nutzen. Das Thema musste von der Agenda- so blieb es bis heute.

In Sachen Horst Janssen bat mich Carl Vogel, ehemaliger Präsident der Kunsthochschule um Hilfe. Er wollte seine
Janssen-Sammlung der Stadt vermachen. Hier zeigte man sich wenig interessiert. Ein Janssen-Museum im Katherinenhof im Baurs Park, dass Henning Voscherau dort einrichten wollte, scheiterte als diese an sich glänzende
Idee auf einer Pressekonferenz des Senats gleich präsentiert wurde. Da wollte dann Janssen plötzlich nicht mehr.
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