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Bildende Kunst

Ein Klassiker der Modernen Kunst: Max Beckmann in der Hamburger Kunsthalle

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Donnerstag, den 25. September 2014 um 09:54 Uhr
Ein Klassiker der Modernen Kunst: Max Beckmann in der Hamburger Kunsthalle 4.5 out of 5 based on 117 votes.
Max Beckmann (1884-1950)  Stillleben mit Cello und Bassgeige

Er war der Maler mit dem Quadratschädel und dem finsteren Blick. Der Grübler. Der Zweifler.
Max Beckmann (1884-1950) gehört zu den Künstlern der klassischen Moderne, deren Werke bis in alle Fasern ausgeleuchtet und erforscht wurden. Sollte man jedenfalls meinen. Doch ein Werkkomplex erfuhr bislang kaum Beachtung – zumindest wurde er noch nie in einer umfassenden Ausstellung vorgestellt. Die Rede ist von Beckmanns Stillleben. Die Hamburger Kunsthalle schließt nun diese Lücke mit einer fulminanten Schau in der Galerie der Gegenwart – und zeigt dabei auf, dass die Stillleben den großen Einzelgänger über alle Schaffensphasen hinweg begleitet haben.

So einer wie Beckmann sei ein „18-ender“, sagt Kuratorin Karin Schick. Ein kapitaler Hirsch unter den Klassikern der Moderne, „einer, mit dem man ringt“. Nun, aus diesem „Ringkampf“ ist die Leiterin der Klassischen Moderne an der Hamburger Kunsthalle gestärkt hervorgegangen. Selbst für Beckmann-Kenner ist diese chronologisch gegliederte Schau, die sich über ein ganzes Stockwerk in der Galerie der Gegenwart zieht, ein ausgesprochener Genuss. Zum einen, weil sich hier die Entwicklung dieses Ausnahmekünstlers sehr schön ablesen lässt: Das Interesse in jungen Jahren für die Impressionisten, dann für Matisse und Picasso, der Künstler, der ihn am meisten herausforderte, und schließlich – nach dem Zweiten Weltkrieg und bereits in den USA – die Beschäftigung mit den Kubisten und einem flächigen Bildaufbau, den er zuvor stets abgelehnt hatte.

Zum anderen macht die Ausstellung – großzügig gehängt auf wechselnd pastellfarbigen Wänden - geradezu exemplarisch deutlich, wie intensiv Beckmann, in jedem Bild seine Lebensumstände verarbeitete: Weimarer Republik, Nazi-Diktatur, Emigration und die schwierigen Jahre im Amsterdamer Exil (1937-1947).
Max Beckmann hat den Begriff „Stillleben“ erstaunlich weit gefasst. Er überwand das traditionelle „Tischstilleben“, in denen die typischen Vanitas-Motive der bildenden Kunst, Blumen, Früchte, flackernde Kerzen, tote Tiere und die unerbittlich tickende Uhr, Vergehen und Verwelken symbolisieren.

Diese Art finden sich selbstredend auch in seinem facettenreichen Werk, phantastisch komponierte Gemälde, wie das „Große Fisch-Stillleben“ (1927), ein Hauptwerk aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Oder das „Stillleben mit umgestürzten Kerzen“ (1929), das wie ein Abgesang auf die Weimarer Republik erscheint.
Aber viel interessanter noch sind die Beispiele, die über den Tisch hinausweisen. Wie kein zweiter hat Beckmann die Grenzen der Gattung durchbrochen und den Raum einbezogen. Das Interieur, aber auch Landschaften und Figuren.

Fast immer tauchen Sammelobjekte in den Bildern auf. Dinge, die ihm lieb und wert waren, wie das Gehäuse der Großen Fechterschnecke, die im „Stillleben mit Fisch und Muschel“ (1942) zu einem erotisch aufgeladenen, unheilvoll verschlingendem Monster gerät. Oder das Räuchergefäß in Form einer Kröte aus der Qing-Dynastie, das in dem „Stillleben mit Fingerhut“ (1943) abgebildet ist. In einem kleinen Kabinett sind die Originale versammelt, Max Beckmann wird dadurch als Mensch fassbar, als Privatmann, der auf seinem Nachttisch auch einen kleinen Kitsch-Elefanten als Lampenfuß stehen hatte. Rührend auch die Bleistiftzeichnungen seiner Frau, die die beengten Wohnverhältnisse im Amsterdamer Exil lebendig illustrieren. Wann kam man dem Menschen Beckmann je so nah? Zweifellos der Verdienst der Kuratorin.
Der Rundgang beginnt mit „Hyazinthen“, einem der ersten Stillleben von 1906. Ein Beckmann vor Beckmann, brav, bieder, der Liebsten gewidmet, seiner späteren Frau Minna Tube. Auch im „Stillleben mit gelben Stiefeln“ (1912) sucht Beckmann noch seinen Stil, fünf Jahre später, im „Stillleben mit Katzen“ (1917) hat er ihn gefunden. Dazwischen lag ein totaler Zusammenbruch, gefolgt von einem radikalen Neuanfang. Jubelnd war der junge Künstler als Sanitäter freiwillig in den ersten Weltkrieg gezogen, wollte das „große Sterben“ hautnah erleben und seiner Kunst „was zu fressen“ geben. Was er erlebte, hat ihn zutiefst erschüttert und seine Gemälde nachhaltig geprägt. Die Bilder bekommen ab 1917 jene typisch weiß ausgemischte kreidige Farbigkeit, die starken Kontraste und tiefen Schatten. Jedes Bild scheint von unterschwelliger Aggressivität durchtränkt, aufgeladen mit unheimlicher Symbolik. Jedes Bild wird zum Menetekel.

Obwohl der Maler 1923 mit Mathilde von Kaulbach seine neue Liebe findet, die „Goldenen 20er Jahre“ mit der Berufung an die Städelschule und der ersten Soloschau in den USA krönt, geraten die Bilder durch die Bank unheilversprechend. im „Stillleben mit Grammophon und Schwertlilien“ (1924) scheinen die Dinge völlig aus den Fugen zu geraten. Der Raum stürzt geradezu auf den Betrachter ein. Ein wichtiges Element, das Beckmann hier einsetzt und das bis zum „Großen Stillleben mit Tauben“ in seinem Todesjahr immer wieder auftaucht, ist der Spiegel – durch ihn werden Personen oder Dinge außerhalb des Bildraumes mit einbezogen. In „Selbstbildnis im großen Spiegel mit Kerze“ (1933), malt Beckmann sein Spiegelbild im Profil als furchteinflößenden schwarzen Schatten – aus heutiger Sicht auch ein Sinnbild für die Dunkelheit, die sich mit Hitlers „Machtergreifung“ über Deutschland legte.

Es ist sicher kein Zufall, dass in der schlimmsten Zeit im Exil, abgeschnitten von Familie und Heimat, das Meer immer wichtiger wurde. Im „Stillleben mit Toilettentisch“ (1940), ist es nur ein winziger Ausschnitt, wieder als Spiegelbild, das die Außenwelt mit einbezieht, doch es reicht, um magische Anziehungskraft zu entfalten. Das Meer war im Exil für Beckmann die Sehnsuchtsformel schlechthin. Freiheit, Befreiung, Unendlichkeit. Wohl auch der Wunsch nach einer Zukunft jenseits des großen Wassers. In den drei letzten Jahren seines Lebens ging er in Erfüllung.


Max Beckmann – Die Stillleben, zu sehen bis 18. Januar 2015
Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, 20095 Hamburg.
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildertes Buch mit wissenschaftlichen Texten (Prestel Verlag, 200 Seiten, deutsche und englische Ausgabe), das im Museumsshop für € 29 und unter www.freunde-der-kunsthalle.de als Buchhandelsausgabe für € 49,95 erhältlich ist.
Weitere Informationen
 

Abbildungsnachweis: Alle Max Beckmann (1884-1950) © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Header: Stillleben mit Cello und Bassgeige, 1950, Öl auf Leinwand, 91,8x139,6 cm. Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington, DC, Gift of the Joseph H. Hirshhorn Foundation, 1966.
Galerie:
01. Stillleben mit großer Muschel, 1939, Öl auf Leinwand, 50x81 cm. The Baltimore Museum of Art, Gift of William Dickey, Jr., BMA 1955.77.
02. Hyazinthen, 1906, Öl auf Leinwand, 51,5x35 cm. Privatbesitz Deutschland.
03. Stillleben mit Margeriten, 1921, Öl auf Leinwand, 49,5x35,5 cm. Norddeutsche Privatsammlung
04. Großes Fisch-Stillleben, 1927, Öl auf Leinwand, 96x140,5 cm. Hamburger Kunsthalle. Foto: Elke Walford
05. Frau mit Orchidee, 1940, Öl auf Leinwand, 60,5x40 cm. Courtesy Galerie Pels-Leusden AG, Zürich. Foto: Peter Schälchli, Zürich
06. Stillleben mit Fisch und Muschel, 1942, Öl auf Leinwand, 95x70 cm. Privatsammlung
07. Stillleben mit Fingerhut, 1943, Öl auf Leinwand, 91x43 cm. Beck & Eggeling International Fine Art, Düsseldorf
08. Stillleben mit Toilettentisch, 1940, Öl auf Leinwand, 90x70 cm. Staatsgalerie Stuttgart, Dauerleihgabe
09. Totenkopfstillleben, 1945, Öl auf Leinwand, 55,2x89,5 cm. Museum of Fine Arts, Boston. Gift of Mrs. Culver Orswell, 67.984
10. Scheveningen, fünf Uhr früh, 1928, 56,8x63,3 cm. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, Pinakothek der Moderne. Foto: bpk/Bayerische Staatsgemäldesammlungen
11. Blick auf Menton mit Lilientopf, 1940, Öl auf Leinwand, 95x55 cm. Museum der bildenden Künste Leipzig, Nachlass Mathilde Q. Beckmann.

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