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Architektur

„Zukunft der Vergangenheit“. Die Erneuerung von Gebäuden der Baujahre 1945 bis 1979

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Geschrieben von Christel Busch  -  Donnerstag, den 27. Februar 2014 um 11:08 Uhr
„Zukunft der Vergangenheit“. Die Erneuerung von Gebäuden der Baujahre 1945 bis 1979 4.5 out of 5 based on 185 votes.
„Zukunft der Vergangenheit“. Die Erneuerung von Gebäuden der Baujahre 1945 bis 1979

Abreißen oder Sanieren? Mehr als 19 Millionen Gebäude aus den Nachkriegsjahren sind in Deutschland ein Sanierungsfall, so das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur.
Sie weisen eklatante Baumängel auf, entsprechen nicht den energetischen Anforderungen unserer Zeit: angesichts immer knapper werdender Energie-Ressourcen ein ökologisches Problem. Für Eigentümer und Mieter dagegen ein finanzielles Problem, denn häufig ist ein Abriss und Neubau kostengünstiger als ein Umbau und eine Modernisierung. Sind die Nachkriegsbauten unser kulturelles Erbe und damit erhaltenswert?
Die Ausstellung der Wüstenrot Stiftung „Zukunft der Vergangenheit – Die Erneuerung von Gebäuden der Baujahre 1945 bis 1979" in der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck präsentiert neun prämierte und dreizehn besonders bemerkenswerte Sanierungsprojekte.

Alle zwei Jahre lobt die Wüstenrot Stiftung den „Gestaltungspreis zu herausragenden Aufgaben im Bereich des Wohnens, Planens und Bauens" aus. Der zehnte Wettbewerb von 2012 thematisiert die vorbildliche Sanierung von Bauobjekten der Jahre 1945 bis 1979, die nach dem 1. Januar 2008 fertig gestellt wurden, darunter Wohnhäuser, öffentliche Bildungs- und Kulturgebäude, Büro- und Gewerbebauten sowie Freizeit- und Sporteinrichtungen.

Der schlechte Zustand der Nachkriegsarchitektur zieht sich quer durch die Republik, egal ob in Bayern oder im hohen Norden, und schreckt Stadtplaner, Bauingenieure, Architekten auf. Heizung, Elektrik und Sanitäranlagen entsprechen nicht dem heutigen Standard, hinzu kommen marode Bausubstanz, fehlende Wärmedämmung und Isolierverglasungen. Was tun?

Das „Wohnquartier Altenhagener Weg" im Nord-Osten Hamburgs, erbaut in den 1950er und 1960er-Jahren, ist so ein Präzedenzfall gewesen. Stadtplaner und der Eigentümer, die Helvetia – Schweizerische Versicherungsgesellschaft AG in Frankfurt am Main entschließen sich 2002 für eine Sanierung, den Umbau und eine Erweiterung der Wohnanlage. Ein Wettbewerb wird ausgeschrieben, den das Büro Springer Architekten aus Berlin gewinnt.

Das Architektenteam ergänzt die sechs, nach Südwesten ausgerichteten Häuserblocks um ein weiteres Geschoss. Zur Verbesserung der Wärmedämmung der Außenwände wird eine Dämmschicht aus kaschierter Mineralwolle und eine Klinkerfassade aufgebracht, nach Süden die Fensterflächen erweitert und die einst vorgehängten Balkone in Loggien gefasst. Die Bestandsgebäude ergänzen die Architekten mit vier parallel zur Straße angeordneten Neubauten mit fünf Geschossen und Tiefgaragen. Das Mauerwerk der Alt- und Neubauten schmückt eine einheitliche Fassade aus weiß-gelben Klinkern, unterbrochen durch sichtbare horizontale Streifen der Betondecken. Klinkerfassaden, Loggien, genormte Eingänge und Holz-Aluminiumfenster bilden so eine optische, architektonische Einheit.

Durch die Sanierung entstehen insgesamt 108 Altwohnungen mit zwei bis zweieinhalb Zimmern, in den Neubauten 48 große barrierefreie Wohnungen für kinderreiche Familien. Die Grünflächen mit dem alten Baumbestand zwischen den einzelnen Wohngebäuden schaffen Freiräume für die Anwohner.

Etwa 70 Prozent der alten Mieter kehren nach den Umbaumaßnahmen in ihre Wohnungen zurück oder entscheiden sich für eine größere in den Neubauten. Trotz der vorgenommenen Sanierung und der neuen Häuser bleiben der soziale und bauliche Charakter des Wohnquartiers erhalten. Nach der Fertigstellung 2009 ist auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden, was alt war und neu ist.
Die Kosten für das Bauprojekt belaufen sich auf über 18 Millionen Euro.

Ein gelungenes Projekt urteilt die Jury der Wüstenrot-Stiftung und belohnt das innovative Bauvorhaben mit dem 1. Preis und den damit verbundenen 15.000 Euro. Ausschlaggebend für die Preisvergabe sind nicht nur die energetischen Baumaßnahmen sondern auch die nutzerorientierte, soziale Zielsetzung gewesen. „Mit der Aufwertung der öffentlichen Grünräume und der gewünschten Mischung aus Sozialwohnungen und hochwertigem Wohnungsbau übernimmt die Bauherrschaft eine gesellschaftliche Verantwortung, die Vorbildcharakter hat", heißt es unter anderem in der Begründung der Jury.

Vier Auszeichnungen für gelungene Sanierungskonzepte lobt die Stiftung in der zweiten Preiskategorie aus. Neben der Erweiterung und Modernisierung der Städtischen Tageseinrichtung für Kinder in Stuttgart-Vaihingen, der Konzeption und Realisierung des Temporären Amtssitzes des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe, der Modernisierung und den Umbau des Pfarrzentrums Christkönig in Schweinfurt erhält die Helmut Riemann Architekten GmbH, Lübeck, einen Preis für den Umbau der ehemaligen Verwaltungsgebäude im Reemtsma Park in Hamburg.

Auf dem Parkgelände in Hamburg-Othmarschen errichtet der Architekt Martin Elsaesser 1932 eine Villa für den Fabrikanten Philipp F. Reemtsma. Nach dem Krieg wird die Villa als Büro und zur Verwaltung der Firma genutzt. In den 50er-Jahren ergänzt der Architekt Godber Nissen die Villa mit drei Verwaltungsgebäuden. 2004 schreibt die GbR Reemtsma Park – Gator Beteiligungsgesellschaft einen Wettbewerb aus: Die Verwaltungsbauten sollen zu Wohnungen umgebaut werden. Der Lübecker Architekt Helmut Riemann und sein Team gewinnen die Ausschreibung.

In den denkmalgeschützten Bestandsbauten entstehen 38 luxuriöse Wohnungen zwischen 120 und 350 Quadratmeter Wohnfläche sowie Maisonettes, kleine Reihenhäuser mit eigenem Eingang. Fünf neue, zweigeschossige Stadtvillen – teilweise mit Penthouse – bilden mit den sanierten Altbauten ein beeindruckendes Ensemble und fügen sich harmonisch in die Parklandschaft ein.
Luxus hat seinen Preis, die Baumaßnahmen haben rund 36 Millionen Euro gekostet.

In der dritten Preisklasse fallen vier Anerkennungen auf die Sanierung und Modernisierung eines Mehrfamilienhauses in Ingolstadt, den Umbau und die Neugestaltung des Gebäudes 0505 der TU München, den Anbau am Pacelli Palais in München und die Modernisierung sowie der Umbau eines städtischen Wohnhauses in Bonn.

Nicht prämiert, aber dennoch lobenswert sind die Münchner Stachus Passagen, die Sanierung von öffentlichen und privaten Gebäuden in Dresden, Heilbronn, Stuttgart, Heppenheim, Bonn oder Berlin und München.

Die Ausstellung zeigt überaus gelungene Sanierungsprojekte, allerdings vorwiegend Sanierungen der öffentlichen Hand oder finanzstarker Investoren. Für private Bauherren dürfte das anders aussehen. „Eine aktuelle Studie der Kieler ‚Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen' im Auftrag mehrerer Verbände der Bau- und Immobilienwirtschaft kommt zu dem Ergebnis: Mehr als jedes zehnte Wohnhaus in Deutschland ist nicht mehr wirtschaftlich zu sanieren. Ein Abriss und ein anschließender Neubau sind demnach günstiger als ein Umbau und eine Vollmodernisierung."
Ein Bauherr sollte vorher genau überlegen: Abreißen oder Sanieren?

Auf Initiative der Lübecker Architekten Rainer Steffens und Ingo Siegmund wird die Wanderausstellung "Zukunft der Vergangenheit - Die Erneuerung von Gebäuden der Baujahre 1945 bis 1979" in der Hansestadt gezeigt.


Zu sehen bis zum 23. März 2014 in der Overbeck-Gesellschaft, Königstraße 11, in 23552 Lübeck.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11-17 Uhr.


Fotonachweis:
Header: Wohnquartier Altenhagener Weg in Hamburg; Springer Architekten, Berlin, Foto: Bernd Hiepe, Berlin
Galerie:
01. Katalog-Cover. Gestaltungspreis der Wüstenrot-Stiftung
02. Blick in die Ausstellung, Overbeck-Gesellschaft, Lübeck. Foto: Christel Busch
03. Reemtsma-Hauptverwaltung, Hamburg, 1952-54, Arch. Godber Nissen, 2009, Arch. H. Riemann, Apartments © Klaus Frahm/arturimages
04. Blick in die Ausstellung, Overbeck-Gesellschaft, Lübeck. Foto: Christel Busch.

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