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Architektur

Studio Andreas Heller: Albert-Schweitzer-Schule in Klein Borstel

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Montag, den 09. Januar 2012 um 12:51 Uhr
Studio Andreas Heller: Albert-Schweitzer-Schule in Klein Borstel 4.4 out of 5 based on 141 votes.
Studio Andreas Heller: Albert-Schweitzer-Schule in Klein Borstel

Sie war schon immer eine Ausnahmeerscheinung unter den Lehranstalten der Stadt - und das nicht nur wegen ihres dörflichen Charakters.
Die Albert-Schweitzer-Schule in Klein Borstel ist Hamburgs einzige staatliche Schule mit einer ganzheitlichen Ausrichtung. Im Sinne der Waldorfpädagogik wird hier seit 1950 mit „Kopf, Herz und Hand“ gelernt. Sitzenbleiben gibt es an dieser Gesamtschule bis Klasse 10 nicht, dafür umso mehr Musik, Theater und soziales Engagement. Mit dem Neubau von Andreas Heller kommt das besondere pädagogische Profil der Schule nun endlich auch in der Architektur zum Ausdruck.

Zugegeben, ein kleines Zeichen gab es bereits: 2004 hatte Andreas Heller in der Schule am Schluchtweg die Mensa gebaut, einen komplizierten Holzständerbau mit schwimmender Sohle, viel Glas und aufgefächertem Holzdach, der zwischen den zwei Flügeln des langgestreckten, flachen Altbaus einen ebenso feinen wie unaufdringlichen Akzent setzt. Der Architekt hatte bei Kollegium und Elternschaft also schon einen Stein im Brett, als die Schulbehörde 2007 den hausinternen Wettbewerb für einen Ersatzbau dreier abrissreifer „Pavillons“ (Baracken wäre der treffendere Begriff) ausschrieb.
Nach dem Zuschlag ging der Entwurfsprozess allerdings erst richtig los, denn Lehrer und Eltern der ASS sind „bis in die Haarspitzen engagiert“ (Heller).

Was Wunder, dass sie bei allen schulischen Belangen Mitspracherecht fordern. Ein dreiviertel Jahr flossen immer wieder neue Wünsche ein - von der Höhe der Waschbecken bis zur Position der Wandtafel.
Ein anstrengendes Prozedere für das Architekturstudio, doch der Aufwand hat sich gelohnt: Der kompakte, zweigeschossige Neubau, der nun gleichsam den Schlussakkord auf dem weitläufigen Geländes setzt, zeichnet sich durch ungewöhnliches Augenmaß und Formempfinden aus. Einerseits fügt sich der 1239 qm große Monolith, der neben sechs Klassenräumen (mit Nebenräumen und pfiffigen Garderoben-Nischen) auch Bibliothek, Lager, Elternsprechzimmer, Musik- und Schülerratsraum umfasst, hervorragend in das heterogene Ensemble aus verstreuten roten Backstein-Bauten ein. Andererseits bekennt er sich unmissverständlich zum pädagogischen Konzept: Asymmetrischer Grundriss, abgerundete Ecken, weich geschwungene Flurwände, gebrochene Winkel im flachen Satteldach und rhythmisch gegliederte Fensterfronten (wie schon in der Mensa akzentuieren auch hier horizontal verlaufende Holzlamellen innerhalb der Fensteröffnungen die Fassade) sind Gestaltungselemente, die sich allesamt an die Architektursprache der Anthroposophen anlehnen. Heller gelingt dabei das Kunststück, wie selbstverständlich Bauhaus-Tugenden und Waldorf-Lehre zu vereinen: Keine Spur von Demonstration, keine Spur von Verspieltheit, stattdessen eine äußerst zurückhaltende Expressivität, die dem Bau skulpturale Qualitäten verleiht. So erscheint der außenliegende Treppenaufgang im rückwärtigen Teil wie mit dem Meißel aus dem Körper gehauen. Die Verschalung aus unbehandelter Lerche unterstreicht den Einschnitt optisch noch. Während dieser hintere Bereich sich geometrisch klar von der anliegenden Siedlung abgrenzt, zeigt sich die Vorderfront ausgesprochen einladend. Einer der größten Diskussionspunkte war anfangs das auskragende Obergeschoss über dem gläsernen Eingangsbereich. Die Eltern befürchteten, es könnte die Kinder „erdrücken“. Völlig unbegründet, wie sich nun zeigt. Der Überhang bietet nicht nur Regenschutz, sondern auch die notwendige Verschattung für die Bibliothek mit ihrer großzügigen Glasfassade, die sich hier ganz bewusst zum Schulplatz hin öffnet. Der lichtdurchflutete Raum kann mit wenigen Handgriffen in einen Kammerkonzert- oder Tagungsraum umgewandelt werden. Ein ähnlich vielseitiges Nutzungskonzept charakterisiert auch die beiden zentralen Flure im Erd- und Obergeschoss. Wobei „Flure“ eigentlich der falsche Begriff ist, denn sie haben rein gar nichts mit den nüchternen Korridoren konventioneller Schulbauten gemein. Hier sind zwischen den Klassen vielmehr sympathisch warme „Wohlfühl“-Räume für alle möglichen Aktivitäten entstanden, die mit ihren eleganten, farblich abgesetzten Sitznischen auch Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Überhaupt haben SAH ungewöhnlich hochwertige Materialen eingesetzt, angefangen bei der Außenhaut aus Wittmunder Klinker, dessen Lebendigkeit und Archaik unübertroffen ist, über die schweren geräuscharmen Türen und Fenster aus Eiche und eloxiertem Aluminium, bis hin zu Handläufen und dem Industrie-Parkett in den Klassenräumen, bei denen ebenfalls ausschließlich Eiche verwendet wurde.
Den Kindern präsentiert sich somit ein durchaus Respekt fordernder, aber keineswegs harter Baukörper, der durch seine Form- und Materialsprache gleichermaßen besticht. Auch das steht ganz im Einklang mit den Leitlinien dieser Schule: Nicht nur die Software, auch die Hardware soll den Kindern das Gespür für Qualität, Wertigkeit und Nachhaltigkeit vermittelt.

Technische Daten:
1. Bauaufgabe: Ersatzbau Albert-Schweitzer-Schule (Klassenhaus)
2. Architekten: Andreas Heller, Studio Andreas Heller Architects & Designers
3. Mitarbeiter: Julia Fehlig, Christoph Lüttmann, Gerd Streng, Cigdem Arsu
4. Garten- und Landschaftsarchitekten: Evelyn Brenn Landschaftsarchitektin
5. Bauleitung: Julia Fehlig, Christoph Lüttmann, Studio Andreas Heller Architects & Designers
6. Fachingenieure: Dipl.-Ing. Fritz Riechers – Tragwerksplanung. Ingenieurgesellschaft Ridder, Meyn, Nuckel – Gebäudetechnik
7. Bauherr: Behörde für Schule und Weiterbildung, Freie und Hansestadt Hamburg
8. Konstruktion und Material:
- Dach als flach geneigtes Satteldach in Holzbauweise
- Tragende Innen- u. Außenwände in KS-Mauerwerk, Außenwände 2-Schalig mit vorgehängter Klinkerfassade (Torfbrandklinker Wittmunder), sowie teilweise Lerchenholzverschalung
- Nichttragende Innenwände in Leichtbauweise
- Geschwungene Flurwände: im EG; KS-Mauerwerk, im OG; Leichtbauwände
- Geschossdecken in Stahlbeton
- Alle Fenster- und Außentürelemente als Holz-Aluminium Konstruktion, innen in Eichenholz natur
- Sonnenschutz als feststehende Lamellen in Lerchenholz
- Eichenholz natur als prägendes Material bei allen Innentüren, Sichtfenstern, Fensterbrettern, Sockelleisten
- Boden Klassenräume Parkett Hochkantlamelle, Boden Flure Betonwerkstein
- Wände kalkzement verputzt und gestrichen
- Decken als abgehängte Akkustikdecken mit umlf. Fries und Schattenfuge
9. Größe: BRI = 4.902,3 cbm. Nutzfläche (NF) = 852 qm
10. Kosten: 2,5 Mio. EUR; 1.374 EUR/qm BGF
11. Standort: Schluchtweg 1, 22339 Hamburg
12. Fotograf des Objekts, gleichzeitig Fotonachweis (Name, Tel., Adresse)
Oliver Heissner Fotograf
Wrangelstrasse 53, 20253 Hamburg, Tel.: (040) 4293 5440


Dieser Beitrag erscheint in Hinblick auf die Medienpartnerschaft zwischen Kultur-Port.De und dem Hamburg Architektur Sommer 2012 (Mai bis August). Lesen Sie hierzu auch SEHW Architekten: Bürohaus an der Großen Elbstraße

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