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Architektur

Gustav Oelsner – Licht, Luft und eine grüne Lunge für Altona

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Dienstag, den 01. August 2017 um 09:45 Uhr
Gustav Oelsner – Licht, Luft und eine grüne Lunge für Altona 4.4 out of 5 based on 91 votes.
Gustav Oelsner – Licht, Luft und eine grüne Lunge für Altona

Als Architekt, Stadtplaner und Bausenator prägte Gustav Oelsner in der Weimarer Republik das Stadtbild von Altona. Seine funktionale, moderne Architektursprache im Stil des „Neuen Bauens“ bewirkte eine Modernisierung der Stadt: Wohnquartiere für den kommunalen Wohnungsbau mit Grünanlagen entstanden, Reihen- und Doppelhäuser. Parkanlagen und der Elbwanderweg dienten als Naherholungsgebiete. Seine städtebauliche Devise mit dem Streben nach „Licht, Luft und Sonne“ verbesserte die Lebensqualität der damaligen Menschen.

Gustav Oelsner, 1879 in Posen (Westpreußen) als Sohn deutscher Juden geboren, konvertierte bereits als Jugendlicher zum evangelischen Glauben. Er studierte Architektur an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Sein beruflicher Werdegang führte ihn zunächst nach Breslau und Kattowitz. 1922 kam er nach Altona, einer damals preußischen Stadt an der westlichen Grenze der Freien und Hansestadt Hamburg. Ein Jahr später wurde er mit der Erstellung eines Generalsiedlungsplans für das Unterelbegebiet des Altonaer Raums beauftragt und zum Bausenator ernannt. Seine stadtplanerischen Reformen unterstützte der damalige Oberbürgermeister Max Brauer (SPD). Oelsner forderte „Wohnungsbauten für Kleinwohnungen von Norden nach Süden, so daß Sonne von beiden Seiten, von Osten und Westen, scheint. […] Zwischen ihnen sind Blumen und die Spielplätze für die Kinder und Ruheplätze für die Älteren."

Als weiteres Ziel plante er eine Grünpolitik in Form von Parks und Erholungsgebieten, die er mit öffentlichen Geldern pachtete oder aufkaufte und an den Siedlungsplan der Reformbewegung der Deutschen Gartenstadtgesellschaft anlehnte. Nach dem britischen Vorbild einer Gartenstadt sollten Licht, Luft und eine grüne Lunge nicht nur die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse der Menschen verbessern, sondern auch der Gesundheit dienen. Sein Grüngürtelplan umfasste die innerstädtischen Bereiche Altonas, darunter den Platz der Republik mit dem Stuhlmannbrunnen, die Palmaille einschließlich der Ufergärten und Promenaden sowie die westlichen und nordwestlichen Vororte. Hinzu kamen diverse private Elbeparks, wie der Jenisch-Park, die Oelsen und Brauer für die allgemeine Bevölkerung zugänglich machten und mit einem Wanderweg am Elbufer verbanden. Der Altonaer Volkspark wurde ergänzt mit einem Schwimmstadion mit Sprungturm und Umkleidehaus, Duschräumen, Küche und Liegehallen. Zu den Naherholungsgebieten zählte das Niendorfer Gehege, ein zuvor privates 150 Hektar großes Waldgebiet zwischen den Stadtteilen Niendorf, Stellingen, Eidelstedt und Schnelsen sowie ein Grüngürtel zwischen den Orten Sülldorf, Osdorf, Schenefeld, Halstenbek, Schnelsen und Rissen.

Altona, das fast 200 Jahre unter dänischer, später unter preußischer Verwaltungshoheit gestanden hatte, entwickelte sich durch den Fischfang und die Fischindustrie, die Hafenwirtschaft zu einer prosperierenden Großstadt. Allerdings währte die Selbständigkeit nur bis April 1937. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die zu Preußen gehörenden Städte Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg per „Groß-Hamburg Gesetz“ der Freien und Hansestadt Hamburg eingegliedert und verloren ihre Selbstständigkeit. Reichskanzler Adolf Hitler träumte zudem von einer Führerstadt Hamburg als „Hauptstadt der deutschen Schifffahrt“, um die Größe und Macht des Dritten Reiches zu demonstrieren. Zwischen Landungsbrücken und Altona war eine komplette Neugestaltung des Elbufers mit einem 250 Meter hohen Gauhaus, einer Volkshalle für 50.000 Besucher und einer Hochbrücke über die Elbe geplant. Für Paraden und Aufmärsche des NS-Regimes wurde die Idee einer Ost-West-Straße von Altona nach Hamburg angedacht. Der Hamburger Architekt Konstanty Gutschow zeichnete für die Planung verantwortlich. Allerdings machte der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges diese Pläne zunichte.

Gustav Oelsner erging es im Dritten Reich wie vielen jüdisch-stämmigen Bürgern: Anfang 1933 wurde er von den neuen Machthabern als Bausenator abgesetzt und mit Berufsverbot belegt. Einer drohenden Verfolgung konnte der Junggeselle nur entgehen, indem er sechs Jahre später in die unter Kemal Atatürk neu gegründete türkische Republik emigrierte. Auf Vermittlung von Fritz Schumacher arbeitete er zunächst in Ankara als Stadtplaner für das Türkische Ministerium für öffentliche Arbeiten und später als Professor für Städtebau an der Technischen Universität in Istanbul. Nach Kriegsende kehrte er auf Bitten von Max Brauer, inzwischen Oberbürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, im Februar 1948 nach Hamburg zurück. Mit Genehmigung der britischen Besatzungsbehörden war er als Referent für die Aufbauplanung tätig. Oelsner nahm zum Beispiel Einfluss auf die Planung der innerstädtischen Ost-West-Straße, heute Willy-Brandt-Straße/Ludwig-Erhard-Straße, die vom Deichtorplatz, vorbei am Mahnmal der St. Nicolaikirche bis zum Altonaer Millerntor in St. Pauli verläuft. Die Herabsetzung der Wohndichte auf 500 Einwohner je Hektar sowie die Schaffung eines öffentlichen Parkgeländes an der Binnen- und Außenalster sind ihm zu verdanken. Nach Amtsantritt des neuen Oberbaudirektors Werner Hebebrand ging der Dreiundsiebzigjährige in den Ruhestand. Oelsner starb im April 1956. Sein Grab befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Bereich des Althamburgischen Gedächtnisfriedhofs neben Fritz Schumacher, mit dem er zeitlebens beruflich und freundschaftlich verbunden war.

Eine Erkundung auf Gustav Oelsners Spuren
Die Kriegszerstörungen des Ersten Weltkriegs und der Niedergang der Stadt als wirtschaftlicher Industriestandort hatten das Wohnungsangebot für die Altonaer Bevölkerung verschlechtert und zu Elendsviertel der proletarischen Massen geführt, das heißt die Bevölkerung war schlecht mit adäquatem Wohnraum versorgt. Oelsner wurde im Januar 1923 vom preußischen Minister für Volkswohlfahrt Hirtsiefer mit der „Aufstellung eines Generalsiedlungsplans für das preußische Staatsgebiet im Anschluß an das Hamburger Staatsgebiet unter der technischen Oberleitung des Geheimen Regierungsrats Professor Dr. Josef Brix in Charlottenburg“ beauftragt. Um diese Pläne zu verwirklichen und um eine politische Einheit zu schaffen, empfahl Gustav Oelsner die Eingliederung der Gemeinden Groß- und Klein-Flottbek, Nienstedten, Rissen und Blankenese sowie der Geestgemeinden Osdorf, Iserbrook, Sülldorf, Lurup, Eidelstedt und Stellingen-Langenfelde zu einem „Groß-Altona“.

Oelsner plante, statt eng bebauter Mietghettos eine Herabsetzung der Besiedlungsdichte, ferner neue kommunale Wohnsiedlungen mit zweckmäßigen Wohnungsgrundrissen in den innerstädtischen und äußeren Bezirken Altonas, die von der neu gegründeten Siedlungsaktiengesellschaft Altona (SAGA) verwaltet wurden. Beeinflusst von den Reformideen des Neuen Bauens wählte er kubische Baukörper mit Flachdach, Glasrasterkonstruktionen und Fensterbänder, sichtbare Betonskelette sowie farbige Klinkersteine als Fassadengestaltung – wobei Oelsner eine Vorliebe für ockergelben Klinker hatte. Hinzu kamen Fassadenbänder, bei dem die Steine statt liegend stehend gemauert wurden und so die Fassaden akzentuierten. Nach Oelsners Entwürfen entstanden Wohnanlagen in Altona-Nord in der Düppelstraße und der Augustenburger Straße, am Lunapark und anderen Stellen der Stadt. Ein schönes Beispiel ist das Gebäude am Bahrenfelder Steindamm Ecke Thomasstraße. Oelsner entschied sich für eine Blockrandbebauung über vier Stockwerke, wobei das Gebäude in Richtung Straßengabelung in eine halbkreisförmige Eckbebauung überging. Die Fassadengestaltung betonte er durch eine horizontal wechselnde Anordnung von roten und ockergelben Klinkern. Da der Stil des Neuen Bauens nicht der Bau-Ideologie der Nationalsozialisten entsprach, wurde der Gebäudekomplex in den 1930er-Jahren mit einem fünften Geschoss und einem Satteldach versehen. Ein weiteres kommunales Wohnprojekt ist die Wohnsiedlung in der Helmholtzstraße Ecke Bunsenstraße in Ottensen. Bei diesem Projekt ging Oelsner von der Blockrandbebauung zur Zeilenbauweise über. Er schuf zwischen den vier einzelnen Gebäudeblöcken Flächen mit Grünanlagen und Kinderspielplätze. Auch hier wurden die Bauten 1934/35 aufgestockt und die Flachdächer durch steile Dächer ersetzt. Erwähnt seien auch die Reihenhäuser am Rulantweg in Othmarschen und die als Gartenstadt konzipierte Steenkampsiedlung in Bahrenfeld. An öffentlichen Bauten sind zu nennen das Haus der Jugend in der Museumstraße, heute Staatliche Gewerbeschule Energietechnik, die Pestalozzischule in Hamburg St. Pauli, Kleine Freiheit, oder das Arbeitsamt-Nord an der Kieler Straße, eine Betonskelettkonstruktion mit hochkantigen Rasterfeldern aus Klinker und genormten Fenstern und Türen.

Nicht alle Oelsner-Bauten können hier vorgestellt und besprochen werden. Zudem haben sie seit der Weimarer Republik zahlreiche Veränderungen erfahren. So wurde von den Nationalsozialisten durch die Umwandlung der Flachdächer in Vollgeschosse und aufgesetzten Steil- oder Walmdächern der Charakter etlicher Gebäude verändert. Die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstörten fast 50 Prozent der Altonaer Bausubstanz, darunter einige Oelsner Projekte. Ein Problem sind auch die heutigen energetischen Sanierungsmaßnahmen, welche das äußere Erscheinungsbild verändern. Um die verbliebenen Gebäude original getreu zu erhalten, stehen sie heute unter Denkmalschutz und auf der Liste des Denkmalschutzamtes Hamburg.

Die im Jahr 2005 gegründete Gustav-Oelsner-Gesellschaft für Architektur und Städtebau e. V. unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Peter Michelis hat es sich ebenfalls die Aufgabe gestellt, bei Sanierungen den typischen Gustav-Oelsner-Stil zu bewahren.


Abbildungsnachweis:
Header: Portrait Gustav Oelsner (Quelle: Stadtteilarchiv Ottensen) vor Blockbau Helmholtzstraße (Detail), 1928 (Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg,
http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN670034223 (CC BY-SA 4.0 [https://creativecommons.org/licences/by-sa/4.0/deed.de])
Galerie:
01. Oelsner Entwurf eines Erweiterungsbaus für die Fürstlich-Plessische Bergwerksdirektion in Katovice. Quelle: Bestandsmappe Oelsner
02. Städtische Baublock Düppelstraße in Altona-Nord, 1926. Quelle: Gustav Oelsner: Bericht des Hochbauamtes der Stadt Altona. In: Schleswig-Holsteinisches Jahrbuch für 1927, S. 172. Abb. Hamburgisches Architekturarchiv
03. Hamburg, Altona, Ottensen, Platz der Republik, Haus der Jugend, Museumstraße, um 1932. Architekt Haus der Jugend im Mittelgrund: Gustav Oelsner
04. Baublock Helmholtzstr./Bunsenstr. Nr. 12, Altona, 1928. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
05. Baublock Helmholtzstr., Bunsenstr. Nr. 7, 1928. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
06. Arbeitsamt Altona Nr. 4, Hamburg; 1927. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
07. Arbeitsmat Altona, 1927. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
08. Arbeitsamt Altona Nr. 11, Hamburg; 1927. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
09. Baublock Helmholtzstr., Bunsenstr. Nr. 14, Hamburg; 1928. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
10. Buchumschlag: Gustav Oelsner (1879-1956), Stadtplaner und Architekt der Moderne, Burcu Dogramaci (Hg.), ISBN: 978-3-88506-594-4, 24,90 Euro, Jungius-Verlag.

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