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Architektur

„Stadt Bild Wandel“ – Hamburg im Objektiv der Zeit

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Mittwoch, den 30. September 2015 um 10:04 Uhr
„Stadt Bild Wandel“ – Hamburg im Objektiv der Zeit 4.7 out of 5 based on 105 votes.
„Stadt Bild Wandel“ – Hamburg im Objektiv der Zeit

Wie sieht es aus, wenn Vergangenheit auf Zukunft trifft? Die großangelegte Schau „Stadt Bild Wandel“ im Hamburg Museum gibt eine Vorstellung davon. Rund 160 Fotografien zur Stadtentwicklung, von der Gründerzeit bis zum Ersten Weltkrieg, werden hier mit den keineswegs optimistischen Perspektiven der beiden polnischen Fotografen Michal Luczak und Rafal Milach konfrontiert. Eine spannende Gegenüberstellung mit zum Teil visionären Aussichten.

Es war das größte Bauprojekt der Hansestadt im 19. Jahrhundert: Hamburgs Wirtschaft wollte wachsen und die Stadtväter hatten dazu die Erweiterung des Freihafens vorgesehen. 1883 ging es los: Auf den ehemaligen Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm entstanden 26 Hektar große Lagerhauskomplexe. Heute ist die Speicherstadt zwar Touristenmagnet und UNESCO-Welterbe, doch seinen Schimpfnamen hat Hamburg seit dem Abbruch der ehemals dichtbesiedelten südlichen Altstadt weg: „Freie und Abrissstadt Hamburg“, spottete Alfred Lichtwark (1852-1914), Hamburgs erster Kunsthallendirektor, über die Fortschrittseuphorie der Politiker und Stadtplaner jener Zeit.

Was damals unwiederbringlich verloren ging, all die historisch bemerkenswerten Häuser, Straßen und Plätze, teils noch aus dem 16. Jahrhundert, fotografierte ein Mann, dessen Aufnahmen längst zu den Inkunabeln früher Fotografie in Hamburg zählen: Georg Koppmann (1842-1909). Die Hamburger Baudeputation hatte 1874 beschlossen, „in Zukunft bei allen größeren oder besonders interessanten Umgestaltungen von Bauwerken, Straßenanlagen, Wasserbauten u.s.w. photographische Aufnahmen sowohl des alten wie des neuen Zustands beschaffen zu lassen“ – und Koppmann, der angesehene Hamburger Architekturfotograf, bekam den Job. Tausende Fotografien nahm er in den folgenden Jahren auf. Bilder, die zwar bauliche und strukturellen Veränderungen der Stadt festhielten, jedoch keine denkmalpflegerisch wichtigen Details, denn das war nicht gefragt.

Genau darum aber ging es einem anderen bedeutenden Museumsmann: Justus Brinckmann (1843-1909), Begründer des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Brinckmann begann 1898 mit Hilfe des Fotografen Wilhelm Weimar (1857-1917) ein Denkmal-Bildarchiv anzulegen, um der Nachwelt – zumindest fotografisch – gefährdete Bauten und ihrer Ausstattung zu erhalten. Weimar startete vor den Toren der Stadt, in den Vier- und Marschlanden. Ihm ist es zu verdanken, dass wir heute genau wissen, wie die Jahrhunderte alten Bauernhäuser und Landkirchen mit ihren reichen Ausstattungen aussahen.

Die historischen Aufnahmen von Koppmann und Weimar vor Augen begaben sich die polnischen Fotografen Michal Luczak und Rafal Milach auf Spurensuche nach Orten, die zwischen Vergangenheit und Zukunft oszillieren. Milach fotografierte Details der im Bau befindlichen Elbphilharmonie. Ein Zukunftsort, wie auch das Rastertunnelmikroskop im Fachbreich Physik der Uni-Hamburg. Oder die neue Forschungsanlage European XFEL (steht für X-Ray Free-Electron Laser), eine Röntgenlaser-Einrichtung, die unterirdisch zwischen Hamburg und Schenefeld gebaut wird und im Bereich der Nanotechnologie völlig neue Dimensionen eröffnet.

Lucazk wandte sich mehr der Vergangenheit zu. Er sah sich in den verlassenen Häusern von Neuenfelde um. In Altenwerder, dem ehemalige Dorf, das ebenfalls der Hafenerweiterung weichen musste. 1998 verließ der letzte Bewohner den Stadtteil, die Natur hat längst das Terrain zurückerobert. Und doch - es gibt noch vereinzelt Menschenspuren im Dickicht: Eine Schaukel an einem mächtigen, stolzen Baum. Dieses von Melancholie durchwebte Foto wirkt fast wie ein Mahnmal. Wenn wir nicht sorgsam mit dieser Welt umgehen, werden einst Spuren wie diese das einzige sein, was von der Spezies Mensch übrigbleibt.

Die Ausstellung „Stadt Bild Wandel“ ist zu sehen bis 18.10.2015,
im Hamburg Museum, Holstenwall 24.
Die Ausstellung ist Teil des Hamburger Architektursommers 2015.
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Wilhelm Weimar; Blick über die Wallanlagen mit Millerntor und Sternwarte vom Gerüst des Bismarckdenkmals aus, 1905. Foto: SHMH, Hamburg Museum
Galerie:
01. Ausstellungsplakatmotiv
02. Georg Koppmann; Auf dem Sande, 1872. Foto: SHMH Hamburg Museum
03. Georg Koppmann; Große Reichenstraße, 1876. Foto: SHMH Hamburg Museum
04. Georg Koppmann; Durchbruch Mönckebergstraße, 1906. Foto: SHMH Hamburg Museum
05. Georg Koppmann: Haus Pferdemarkt Ecke Jacobitwiete, erbaut 1522, im Hintergrund die Hauptkirche St. Jacobi, 1881. Foto: SHMH Hamburg Museum
06. Wilhelm Weimar: Kopf des Bismarck mit den Ingenieuren Strieder und Klemann; 1906. Foto: SHMH Hamburg Museum
07. Georg Koppmann; Enthüllungsfeier des Bismarck-Denkmals am 2.6.1906. Foto: SHMH Hamburg Museum
08. Georg Koppmann: Zentralviehmarkt Heiligengeistfeld. Erster Teil des Hallenbaus, 1888. Foto: SHMH Hamburg Museum
09. Wilhelm Weimar; Hufnerhaus in Neuengamme, Deichgiebelseite, 1901. Foto: SHMH Hamburg Museum
10. Michal Luczak; Altenwerder, 2014
11. Rafal Milach; Kohlebunker des Kraftwerkes Moorburg, 2015

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