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Architektur

Internationales Sommerfestival Kampnagel – zwei Künstlergruppen

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Montag, den 10. August 2015 um 10:33 Uhr
Internationales Sommerfestival Kampnagel – zwei Künstlergruppen 4.3 out of 5 based on 86 votes.
Internationales Sommerfestival Kampnagel – Baltic Raw

Endlich mal ein Sommerfestival auf Kampnagel, in dem der Sommer mitspielt. Wer einen warmen Abend im Avant-Garten vor, in und zwischen den hölzernen Pavillons der Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw verbringt, erlebt unter Umständen Spannenderes und Unterhaltsameres als in den hochgelobten Indoor-Veranstaltungen.

Kampnagelfans werden sich sicher erinnern: Zum Sommerfestival 2014 hatte die Hamburger Kunst- und Aktivistengruppe Baltic Raw die Rote Flora aus dem Schanzenviertel im Maßstab 1:3 nachgebaut und später als „24-Stunden-Aktionsraum“ EcoFAVELA für Lampedusa-Flüchtlinge genutzt. Nun ist der Bau umgestaltet worden zum Migrations-Welcome-Center und erinnert in seiner architektonischen Form wage an Frank Gehrys Walt Disney Concert Hall. Baltic Raw experimentiert seit Jahren mit Formen des Bauens und alternativen Raumkonzepten. Im Avant-Garten haben sie nun drei weitere modellhafte Holzpavillons aufgestellt, die an berühmte Bauwerke angelehnt sind und die ganz unterschiedlich bespielt werden. In das Burj Khalifa aus Dubai ist eine Fahrradwerkstatt eingezogen, den View Point aus der Hamburger HafenCity können die Besucher selbst erklimmen und das (schwer erkennbare) Sockelgeschoss der Europäischen Zentralbank in Frankfurt steht hier als „Haus der Darstellungskünste“, in dem sich die Hamburger „Underground-Avantgarde-Kunstfamilie JAJAJA“ für drei Wochen eingenistet hat. Ihre irrwitzige Performance um Geldnoten mit Electric Djembes und Eigenbau-Videokameras am zweiten Sommerfestivalabend war jedenfalls ein spannendes Erlebnis und mindestens ebenso unterhaltsam, wie die mit Vorschusslorbeeren überhäufte „dunkle Bühnenarbeit über zwischenmenschliche Gewalt“ von Douglas Gordon und Philip Venables in der K2.

„Bound To Hurt“ hört sich ja in der Tat recht bedrohlich an, doch der Schrecken kam mehr als verhalten über die Bühne. Douglas Gorden, bekannt geworden mit seiner Videoinstallation „24 Hour Psycho“, einer Auseinandersetzung mit Alfred Hitchcocks „Psycho“, gilt als einer der führenden bildenden Künstler unserer Zeit. 1996 erhielt der den renommierten Turner Preis, ein Jahr später nahm er an der Biennale in Venedig teil, weitere Auszeichnungen folgten, heute unterrichtet er Film an der Städelschule in Frankfurt am Main.

Seit seinem Studium an der Stade School of Art in London beschäftigt sich der gebürtige Schotte mit Kino-Ikonen, die er verfremdet. So legte er beispielsweise zwei Klassiker der Filmgeschichte, „Der Exorzist“ und „Das Lied von Bernadette“ auf einer freistehenden, durchscheinenden Leinwand spiegelverkehrt übereinander. Man darf also durchaus starke Bilder erwarten, wenn Gordon sich als Regisseur auf die Bühne wagt. Die blieben jedoch weitgehend aus. Besser gesagt: Blieben banal und fielen im Vergleich zu der Power-Musik des britischen Komponisten Philip Venables nicht weiter ins Gewicht. Gemeinsam mit dem deutsch-isländischen Kammermusik-Ensemble Adapter legte Venables er eine wahrhaft ohrenbetäubende Musik-Performance hin. Im Zentrum: Ruth Rosenfeld, eine großartige Sängerin und vielfältige Schauspielerin, die sich anfangs mit Taschenlampe unter einem weißen Laken rekelt, und in Hasstiraden und Vergewaltigungsphantasien ergeht. Man weiß von Anfang an, dass sich unter dem Laken auch ein Kind befindet (die neunjährige Saraa Sigrist, die am Schluss auch unter dem Tuch hervorkommt). Man sieht sie kaum, man hört sie mitunter schreien und flehen. Doch so recht will das wohl verstandene Grauen des Kindesmissbrauchs nicht die Herzen berühren. Emotional sind vielmehr die Hammer-Rhythmen von Adapter, die - gemeinsam mit Rosenfeld als Sängerin - populäre Songs von Carole King über Madonna bis zu Klaus Nomi in surreal anmutende Ausbrüche zwischen Liebe und Hass, Angst und Aggression übersetzen. Fazit: Ein starkes Konzert mit schwachen visuellen Reizen.

Baltic Raw "Wow!Tecture" und JAJAJA, bis 23. 8. Sommerfestival Kampnagel.
Weitere Informationen

Douglas Gordon / Philip Venables: Bound to Hurt
Weitere Informationen


Internationales Sommerfestival 2015
05. bis 23. August 2015
Tickets: +49 40 270 949-49 (Montag bis Samstag 13:00-19:00)
Kampnagel Hamburg, Jarrestraße 20 in 22303 Hamburg.
Programm


Abbildungsnachweis:

Header: Skizze zum Avant-Garten. Baltic Raw
Galerie:
01. "Wow!Texture"; Walt Disney Opera Aschenbecher, Baltic Raw
02. "Wow!Texture"; Europäische Zentralbank Becher, Baltic Raw
03. "Wow!Texture"; HafenCity View Point Tasse, Baltic Raw
04.
und 05. Douglas Gordon / Philip Venables: Bound to Hurt. Foto: Studio lost but found / Douglas Gordon / VG Bild-Kunst, Bonn.
06. und 07. Douglas Gordon / Philip Venables: Bound to Hurt © Studio lost but found / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / Foto: Ninon Liotet

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